Kroatien - Weitwanderweg Via Dinarica

Trekking in Kroatien: Der Via Dinarica Trail

Foto: Jens Klatt Kroatien - Via Dinarica

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Wandern, wo die Berge das Meer küssen: In Kroatien zeigt die "Via Dinarica" ihre schönsten Seiten. Die wichtigsten Infos zum Fernwanderweg durch den Balkan hier ...

Kenan Muftic ist ein harter Hund. Seit sechs Stunden wandern wir nun ohne längere Pause, über schattige Waldwege und Wiesengrate voller Blumen. »Sind wir bald an der Hütte?«, frage ich, als wir endlich am Rand einer weiten Schlucht rasten, mit grandioser Aussicht auf waldgrüne Bergflanken und Hunderte Meter hohe Felswände. »Fast«, sagt Kenan. »Wir müssen nur noch dort hinunter.« Er deutet auf den Talgrund, wo tief unten das Blau eines Stausees schimmert. 2000 Höhenmeter, nonstop bergab. Und das auf einem überwucherten Pfad. Keiner kennt diesen Weg so gut wie Kenan. Der 42-Jährige, drahtig, kurzgeschorene Haare und Henriquatre-Bart, ist als einer der ganz wenigen die gesamte Via Dinarica gelaufen. 54 Tage am Stück, 1260 Kilometer weit.

Die Via Dinarica ist ein megalomanisches Projekt: ein Fernwanderweg durch den Balkan, von der Postojna-Höhle in Slowenien bis zum Valbonatal in Albanien. Oder, gemäß einer anderen Version, sogar bis Mazedonien. Der Weg soll Länder verbinden, die sich nicht immer in Liebe zugetan sind.

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Foto: Shutterstock Kroatien - Via Dinarica

Als wäre diese Aufgabe nicht schwierig genug, entwarfen die Macher nicht einen Weg, sondern gleich drei Weitwanderwege. Die blaue Route folgt der Küste, die grüne Route verläuft durchs Landesinnere und soll vor allem Mountainbiker locken. Der Königsweg aber ist die weiße Route: Über die höchsten Gipfel der Dinarischen Alpen führt sie, durch tiefe Schluchten und zwei der letzten Urwälder Europas. Einer ihrer schönsten und einfachsten Abschnitte liegt dort, wo die Berge das Meer küssen: In Kroatien verlaufen gut 440 Kilometer der Via Dinarica. Und das Filetstück dieser Strecke bildet der Premužic-Weg. Drei Tage lang führt er durch das Velebit-Gebirge, das wie ein gigantischer Deich aus bleichem Fels hinter der Küste Dalmatiens aufragt. Schon am Start an der Berghütte Zavižan sehen wir, welches Panorama uns erwartet: bewaldete Hügel, Blumenwiesen und dahinter das tiefblaue Meer und die Inseln der Kvarner Bucht. »Wenn die Bora die Luft gesäubert hat, sieht man bis zum Apennin«, sagt Ante Vukušic (64), der Wirt der Zavižan-Hütte.

Kroatien: Blaues Meer & balkantypische Gastfreundschaft

Wir sind die einzigen Gäste, und so setzt sich Ante zu uns und erzählt. Vom Bau des Wegs und von seinem Vater, der hier als erster die meteorologische Station leitete. Fotos an der Wand zeigen die Hütte begraben unter Schnee. »Wir sind hier nur fünf Kilometer vom Meer entfernt, aber das ist der kälteste Ort Kroatiens«, sagt Vukušic Dafür vielleicht auch der mit dem besten Ausblick. Wir stürzen den Schnaps hinunter, den uns Ante in balkantypischer Gastfreundschaft aufdrängt,und gehen los, vorbei an seltenen Velebit-Pflanzen und hinein in lichten Buchenwald. Bald läuft der Schotterweg am zerklüfteten Felshang entlang, Kiefern krallen sich in bleichen Karst, Blaubeeren wachsen am Wegesrand. Fast wie im Stadtpark spazieren wir dahin. Nur zehn Prozent Steigung hat der 57 Kilometer lange Premužic-Weg im Schnitt, zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkt liegen 200 Höhenmeter.

Geplant hat ihn Anfang der 1930er Jahre der Forstingenieur Ante Premužic. Er wollte das schroffe Gebirge für Wanderer erschließen. Vorher gab es nur Handelswege von der Küste über die Berge ins Hinterland. Hunderte Arbeiter hämmerten Natursteine zurecht, bauten Dämme über Bachbetten und ebneten Steigungen ein. Es entstand ein Meisterwerk des Wegebaus, seit 2009 als kroatisches Kulturgut geschützt. Ein Abstecher führt uns auf den Gipfel des Gromovaca (1676m). Im felsigen Geröll muss man auf jeden Tritt achten, um nicht umzuknicken. Und wenn es kurz mit Handeinsatz zu kraxeln gilt, ist besondere Vorsicht angesagt: Im Velebit lebt die Hornviper, die giftigste Schlange Europas, und wärmt sich gern auf den sonnigen Felsen. Ihr Biss kann einen Menschen töten, wenn er nicht schnell genug behandelt wird.

Foto: Jens Klatt Kroatien - Via Dinarica

Wanderung auf den Gipfel des Gromovaca

Aber trotz wachsamer Augen sehen wir keine Schlange, stehen bald unbeschadet auf dem Gipfel und werden mit einer herrlichen 360-Grad-Aussicht belohnt – ringsum nur wilde Winnetou-Berge und in der Ferne wieder das Meer. Es dauert zweieinhalb Stunden, bis wir die ersten Menschen sehen. Ein Paar rastet an der Rossis-Hütte, einem Steinhäuschen unter einer Felswand. Die beiden machen den gleichen Fehler wie die meisten Wanderer: Sie drehen hier um. Und verpassen den spektakulärsten Teil des Wegs: die Felspfeiler der Hajducki und Rožanski kukovi, das Herz des Nationalparks. Wie ein Grat führt der Weg zwischen tiefen Dolinen hindurch, die Felswände sind mal aufgesprungen wie trockene Haut, mal geriffelt wie eine Saftpresse.

Der Regen hat Hunderte Höhlen in den Karst gegraben, die tiefste misst 1392 Meter.Abends versorgt uns das Wirtspaar auf der Alan-Hütte mit Eintopf und Radler. Dazu gibt es das beste Abendprogramm: Sternenhimmel und Stille. Auch wenn sie in Kroatien und Bosnien-Herzegowina relativ gut ausgeschildert ist: In weiten Teilen hat die Via Dinarica noch Projektcharakter. Aber die völkerverbindende Idee brachte ihr Fördergelder und Vorschusslorbeeren. 2014 wählte das amerikanische Outside Magazine sie zum besten neuen Wanderweg, National Geographic adelte sie als einen der Best Trips im Jahr 2017.

Von einem überlaufenen Modeweg trennen die Via Dinarica dabei Welten. Selbst in Kroatien, wo jedes Jahr neue Besucherrekorde aufgestellt werden. Die meisten Touristen zieht es auf die Inseln, zu Badestränden und renovierten Altstädten. Und auch die Bewohner des Balkans sind nicht gerade wanderbegeistert. »Wir haben keine Outdoor-Kultur wie ihr in Westeuropa«, erklärt Kenan. »Die Berge werden mit dem harten, mühseligen Leben assoziiert, mit strengen Wintern, wilden Tieren, dem Überlebenskampf.« Und dem Krieg. »Viele Soldaten von damals sagen: Ich war drei Jahre in diesen verdammten Bergen, das reicht.« Entsprechend einsam wandern wir weiter – sogar im rund 100 Kilometer weiter südlich gelegenen Paklenica-Nationalpark, wo in der Eiszeit Wassermassen zwei Schluchten in den Riegel aus Kalkstein frästen, als hätte sie ein Riese mit seiner Axt geschlagen.

Dramatischer ist der Velebit nirgends

Das erkannten auch die Verfilmer der Karl-May-Schinken, die hier mehrmals drehten. Noch heute reisen Winnetou-Fans an. Die meisten Besucher aber sind Kletterer. In der Velika Paklenica stehen sie in langen Reihen, barfuß oder in Flip-Flops, und sichern ihre Partner. Dazu kommen Tagesausflügler. Doch oberhalb der Schluchten, wo die Via Dinarica verläuft, geht man meist allein. Dabei führt ein Kammweg hier zu zwei der höchsten Gipfel des Velebits, Vaganski vrh und Babin vrh. Sie ragen zwar nur gut 1700 Meter auf, aber ihre Gipfel protzen – wieder mal – mit grandiosem Meerblick. Die Wildheit des Velebits wird einem spätestens bewusst, wenn man über einen Haufen frischer Bärenlosung steigt. Wer noch mehr Abenteuer will, der überquert die Grenze nach Bosnien-Herzegowina – wo es tatsächlich ratsam ist, jemand wie Kenan an seiner Seite zu haben.

Wir wandern über einen Grat voller Blumen, es riecht nach Waldbeeren und Pinien, Schmetterlinge und Hummeln schwirren durchs hohe Gras. Eine friedliche Idylle, bis plötzlich ein hässliches Relikt des Kriegs den Weg versperrt, ein rotes Schild mit weißem Totenkopf. »Hier sollen Landminen liegen«, sagt Kenan, »deshalb wurde der Weg außen herum geführt.« Die Minen seien längst weg, fügt er hinzu. Ich gehe trotzdem lieber den empfohlenen Bogen. Wer über die Via Dinarica wandert, hört immer wieder Geschichten vom Kulturkampf früherer Jahrhunderte. Oft handeln sie von Rebellen, die Karawanen und reiche Osmanen überfielen. Zu Ehren der Rebellen, der Heiducken, benannte man auch das fantastische Felstor, das Kenan gerade angesteuert hat. Das Hajducka vrata ist ein Felsbogen von vier Metern Durchmesser, der aussieht wie das Stargate. Nur mit schönerer Kulisse: grüne Flanken, hohe Felswände und tief unten ein Stausee. »Die bosnische Variante des Grand Canyons«, sagt Kenan. Ich nicke und beginne, hinabzusteigen.

Video zum Trek Via Dinarica:




Alle Infos für eine Wanderung auf der Via Dinarica:

Hinkommen
Man kann an vielen Stellen in die Via Dinarica einsteigen. Als Flughäfen bieten sich zum Beispiel Rijeka, Zadar, Sarajevo oder Podgorica an. Flüge von München nach Rijeka und zurück gibt es im Mai ab 90 Euro.

Herumkommen
Der kroatische Teil der Via Dinarica ist gut auf eigene Faust begehbar, mit 440 Kilometern aber sehr lang. Besonders einsteigertauglich: der 50 Kilometer lange Premužic-Bergwanderweg im Velebit. Auch Reiseveranstalter bieten Abschnitte des Treks an (z.B. via-dinarica.org/ tours, schulz-aktiv-reisen.de). In Kroatien sind manche Orte wie Knin per Bus erreichbar. Der Tourismusverband Senj organisiert den Transfer zur Berghütte Zavižan (Tel. 00385/53881068, E-Mail: info@ tz-senj.hr). Am Ende des Premužic-Wegs kann man beim Tourismusverband Karlobag anfragen, um im Dorf Baške Oštarije abgeholt zu werden (Tel. 00385/53694251, E-Mail: tzokarlobag@gmail.com). In Bosnien empfiehlt es sich, einen Guide zu nehmen (zum Beispiel über extremesummitteam.com/en).

Was mitnehmen?
Wer ohne Guide wandert, sollte auf jeden Fall Zelt, Schlafsack und Isomatte einpacken sowie Vorräte und Campingkocher mitnehmen.

Orientieren
Markierungen: In Kroatien ist die weiße Route der Via Dinarica zu großen Teilen, in Bosnien-Herzegowina komplett markiert (roter Kreis mit weißer Füllung). Karten und Etappeninfo für Kroatien gibt es bisher nur online unter outdooractive.com

Wann reisen?
Von Mai bis September ist es meist warm und trocken. Im Juli und August kann es sehr heiß werden.

Surfen
Die Internetseiten via-dinarica.org und viadinarica.com bieten jede Menge Informationen. Impressionen und Erfahrungsberichte vom ganzen Weg finden sich auf der privaten Seite geraldtrekkt.blogspot.de

Foto: outdoor Kroatien - Via Dinarica

Die Etappen des Treks im Überblick:

Unterkünfte, Hütten & Restaurants

Hütten und Co.
Bisher gibt es nur in unregelmäßigen Abständen Schutzhütten, übernachtet wird vor allem in Pensionen in Dörfern. Langfristiges Ziel der Initiatoren ist, dass man jeden Abend eine Schutzhütte findet – und jeden dritten Tag eine heiße Dusche.

Berghütte Zavižan
In der Berghütte Zavižan im kroatischen Velebit-Nationalpark können Wanderer im Schlafsaal mit 14 Betten, im Achter-, Vierer- sowie im Doppelzimmer übernachten. Es gibt Duschen. Während der Saison sollte man reservieren (E-Mail: npsv@ np-sjeverni-velebit.hr,?Tel. 00385/53614209).

Berghütte Alan
In der sehr einfachen, ebenfalls im Velebit-Nationalpark gelegenen Berghütte Alan gibt es 40 Betten in fünf Zimmern, aber keine Dusche (Tel. 00385/995154999).

Hotel Rajna
Ein wunderbares Basislager für den Paklenica-Nationalpark ist das Hotel Rajna in Starigrad. Der Besitzer Marin Marasovic spricht sehr gut Deutsch, kennt sich bestens aus und bietet auch Wanderungen an. DZ ab 170 Kroatische Kuna (ca. 23 Euro) pro Person. hotel-rajna.com

Unterwegs
Die meisten Hütten sind unbewartet. Aber man kommt unterwegs immer wieder durch Dörfer, wo man essen und einkaufen kann.

Nach der Tour
Wer sich nach den spartanischen Tagen in der Wildnis etwas gönnen will, geht ins Restaurant Dvor in Split. Von der Terrasse hat man eine wunderbare Aussicht aufs Meer, und die Fischgerichte schmecken auch ohne Wanderheißhunger (Put Firula 14, Tel.: 00385/21571513).

Insider-Tipps von Autor Florian Sanktjohanser

Schlucht Abstecher
Im Paklenica-Nationalpark sollte man unbedingt einen Zusatztag einplanen und die Rundtour durch die beiden Schluchten gehen. Am besten startet man früh morgens am unteren Ende der Mala Paklenica.

Bären anschauen
In Kuterevo nahe des Nationalparks Nördlicher Velebit nimmt ein Refugium verwaiste Braunbären auf. Derzeit leben acht Bären in den Gehegen. Das Projekt ist auf Spenden angewiesen (baerenfreunde-kuterevo.de).

Nationalburg
Die riesige Festung oberhalb von Knin gilt als kroatisches Nationalheiligtum. Im Mittelalter residierten hier die Könige, und 1995 hisste Franjo Tudjman erstmals die Fahne des unabhängigen Kroatien. Auch die Aussicht ist super.

Plitvicer Seen
16 größere und einige kleinere Seen, terrassenförmig, sodass das Wasser sich in vielen Wasserfällen von einem in den nächsten stürzt: Die Plitvicer Seen sind ein ein Natur-Highlight. Ein schöner Aussichtsgipfel direkt vor Ort ist der Oštri Medvjedak (889 m). Details: outdooractive.com

Kayaken im Canyon
Müde Füße? Dann einfach ins Kajak setzen und die smaragdgrüne Zrmanja hinabpaddeln. Die Tour startet in Obrovac und führt durch eine tiefe Karstschlucht bis zur Mündung bei Novigrad. Oft kann man sich auch einfach treiben lassen (hotel-rajna.com/english/kayak).

Ausrüstungstipps:

Schuhe:

16.01.2018
Autor: Florian Sanktjohanser
© outdoor
Ausgabe 12/2017