Wandern im Nationalpark Jotunheimen

Wetterfest - die Querung des Norweger Nationalparks Jotunheimen

Foto: Ben Wiesenfarth Naturpark Norwegen Jotunheimen
Mit vollem Gepäck quer durch Norwegens Wildnis wandern? outdoor-Redakteurin Kerstin Rotard hat‘s im Jotunheimen-Nationalpark in Norwegen ausprobiert. Hier stellen wir ihre West-Ost-Querung vor.

"It´s extreme", sagt das blonde Mädchen von der Fannaråk-Hütte. Wir stehen im Schnee vor der Hütte, auf dem Gipfel des Bergs Fannaråken im südnorwe­gi­schen Nationalpark Jotun­heimen. Rechts von mir liegt die heimelige Gasthütte mit dem bollernden Ölofen, in der ich in einem Doppelstockbett die letzte Nacht verbracht habe. "Aber es ist doch Sommer", rufe ich ihr durch den Schneeregen zu. Schulterzucken, verzagtes Lächeln.

Es hilft nichts. Tag zwei des Treks quer durch Jotunheimen zwingt mich den einzigen Gipfel der Tour, den 2068 Meter hohen Fannaråken, wieder hinunter, in hoffentlich schneeärmere Gefilde. Insgesamt sechs Tage lang soll es vom Hotel Turtagrø im Westen zu den großen Seen Bygdin und Gjende im Osten gehen. Lange Unterhose, Regenhose, Softshell – die dicke! – und Funktionsjacke, ich habe alles an. Trotzdem ist der Rucksack gut gefüllt. Schließlich schleppe ich auch Zelt, Kocher und Lebensmittel mit. Zwar habe ich eine Einsteigermischung aus Hüttenübernachtung und freiem Zelten gewählt, aber gerade wegen der Zelterei alles dabei. Die Trekkingstöcke, zu Hause als unnötig eingestuft, kommen zum Einsatz: Der Weg ist steil, führt durch Alt- und seit letzter Nacht zehn Zentimeter Neuschnee. Die Stöcke stochern nach festem Untergrund und fangen Ausrutscher ab. Kaum zu glauben, dass ich gestern beim Aufstieg noch geschwitzt habe – über 1200 Höhenmeter, erst durch ein Tal, dann auf engem Serpentinenpfad durch Fels, und eine gnädige Sonne sorgten für ein fast mediterranes Wandergefühl.

Foto: Ben Wiesenfarth Naturpark Norwegen Jotunheimen

Im Moment würde mir schon ein bisschen Aussicht reichen. Oder wenigstens kein Nebel, der mit den tief hängenden Wolken eine diesige Liaison eingeht. Der Deckel der Cafetiera, meiner Espressokanne, klappert im Takt meiner Schritte, während ich mich durch Schnee, Nebel und Felsbrocken kämpfe. Die Steinmännchen, mit einem leuchtend roten T versehen, die eigentlich den Weg weisen sollen, tragen Häubchen aus frischem Weiß und verbergen sich schamhaft in den Wolken. Mist, Weg verloren. Ein Blick auf die Karte verrät, dass der ganze Abstieg vom Fannaråken recht direkt nach Süden führt. Ich hatsche über ein weiteres Schneefeld und stoße unten zum Glück wieder auf rote T.

Nach einer halben Stunde zwitschert ein Vogel zaghaft gegen den Niesel an, und endlich tragen die Felsen wieder einen Flaum aus Grün. Plötzlich grollt es dumpf und unheimlich. Irgendwo drei Täler weiter ist wohl ein Stück der hier allgegenwärtigen Gletscher abgebrochen und hinabgedonnert.

Auf 1395 Meter, mit Blick auf den eisge­rahmten See Jervatnet, wertet die Cafetiera den Stopp zu einer echten Pause auf. Kaffee, warm! Zwei Wanderer halten für einen Plausch. Sie kommen von der Hütte Skogadalsbøen, meinem nächsten Ziel, und haben gestern einem Auftritt des Fannaråken Kvintett beigewohnt. Diese Combo wandert mit Instrumenten wie Oboe, Horn und Querflöte durch Jotunheimen und gibt jeden Abend in einer anderen Hütte ein Konzert. Dann schnauft ein stattlicher Mann mit dickem Rucksack den Berg hoch, einer der Musiker. Ich vermute in ihm zumindest den Hornisten, so schwer wie er trägt. Begonnen haben die fünf dieses Projekt als Diplomarbeit vor drei Jahren. Aber dann gefiel es ihnen und den Wanderern so gut, dass sie ihre Tourneen die nächsten Sommer über einfach fortgesetzt haben.

Durch das weite Tal Jervassdalen

Der Weg schlängelt sich angenehm das weite Tal Jervassdalen hinunter, der Skogadalsbøen entgegen. Gletscher, zerfurcht wie die Rücken silbergrauer, uralter Wale kleben dunstverschleiert in den Einschnitten der steilen Wände, die das Tal bis zu 300 Meter hoch überragen. Dazwischen ergießen sich die Silberfäden von Wasserfällen über schwarzen Fels, den Moose und Flechten allmählich sattgrün einfärben. Weiter unten blühen dicke Heidekraut-Teppiche, dazwischen Hahnenfußgewächse und leuchtend-violetter Wiesen-Storchschnabel. Wie eine Verheißung liegt gegenüber auf halber Höhe des Hangs die Skogadalsbøen.

»40 Tonnen!«, sagt Hüttenwirt Kjell, während ich eine Brücke und eine Schlammpassage später ein wohlverdientes Bier schlürfe, »40 Tonnen Lebensmittel lassen wir jedes Jahr per Heli einfliegen.« Keine Straße führt hierher, und die Belegung der Hütte schwankt unvorhersehbar zwischen 10 und 150 Gästen pro Nacht. Gestern lauschten rund 80 Wanderer dem Konzert des Fannaråken Kvintett.

18 Kilo ermittelt die Waage vor der Skogadals­bøen bei meinem Rucksack. Hätte ich die Cafetiera doch zu Hause lassen sollen? Heute scheint die Sonne auf den schmalen Pfad. Gesäumt von Hängebirken und Ebereschen, windet er sich immer am munter plätschernden Skogadøla entlang. Gut gelaunt hüpfe ich von Stein zu Stein; Wasser teilt sich mit dem Pfad das Revier. Noch ahne ich nicht, dass die strengste Etappe vor mir liegt. 25 Kilometer und 700 Meter Aufstieg – ach, das wird schon gehen, nach dem Fannaråken. Den alten Wald löst weiter oben Moor ab, aus dem sich Mücken auf Wanderer stürzen. Dann tauche ich ein ins Reich von flechtenbewachsenen Felsbrocken, Altschneefeldern und Gletscherseen. Furt Nr. 2 kostet mich die trockenen Socken. Zwar liegen Steine im Wasser, aber leider reichen die Stiefel nicht bis zum Knie. Es suppt von oben hinein.

In der rauen Eiswelt Jotunheimens

Der Wind wird schneidender, und Wolken ziehen auf. Hier oben hängt sich Geländewelle an Geländewelle – sanfte Formen, gletschergeschliffen, in einer rauen Eiswelt. Bei jedem Aufstieg glaube ich den höchsten Punkt erreicht, nur um noch eine Welle zu sehen, und noch eine und noch eine. Es wird zäh. Doch am See Store Mjølkedalsvatnet mischt sich beim Abstieg verhalten das Summen einer ersten Hummel in das Lied aus Wind und Plätschern. Der restliche Weg zur Hütte Fondsbu am Bygdin-See gleicht nach dem monochromen Schnee- und Eisreich der Rückkehr in ein mildes grünes Paradies. Jetzt, am Ende des dritten Tags, meldet sich mein linker Knöchel. Irgendwas drückt empfindlich und reizt und quält die Sehne. Zähne zusammenbeißen und weiter.

Aua! Am Morgen fühlen sich meine Waden an wie Wassermelonen, in Größe, Schwere und Härte. In der Hütte falle ich fast die Treppe zur Toilette hinab, so nachgiebig sind die Knie. Und mein Knöchel sticht immer noch. Ungünstig, denn die nächsten beiden Etappen stehen im Zeichen von langen Märschen durch zwei Hängetäler. In beiden weisen die Steinmännchen unnachgiebig den Weg aufwärts, hinein in Niesel und Kälte, denn Wolken drängen sich dicht im Scheitelpunkt der Täler.

Doch auch, wenn mein Knöchel schmerzt, genieße ich die Schönheit, die mich umgibt. Beide Täler enden an einem See: das erste am unwirklich türkisgrün leuchtenden Gjende, der sich wie ein Fjord zwischen steile Flanken schmiegt. Das zweite am Bygdin-See, der bleigrau und geheimnisvoll heraufschimmert. Bergab zu den Seen wird es wärmer. Jeder Schritt hinunter macht gefühlte 1 °C aus. Über den grauen Uferwänden heben sich immer wieder Wolken und Nebel – ein berückender Mix aus weißem Altschnee, sattgrünen Moosen und dunklem Gestein. Darüber blitzen Stücke hellblauen Himmels. Langeweile kommt bei so viel Naturschauspiel nie auf, und der Weg stellt mich immer wieder vor neue Aufgaben. Einmal fehlt eine komplette Brücke. Nur zwei Bretter klemmen noch im rasch fließenden Fluss. Bleibt nur eins: Schuhe aus, Hose hochkrempeln und barfuß hinein. Auge in Auge mit einem Altschneefeld taste ich mich voran und bin wieder einmal froh über die Trekkingstöcke. Denn der Fels ist glitschig, das Wasser zerrt, und in der Mitte des Flusses melden meine Zehen Verkühlungen.

Zum Schlafen legt man sich in Jotunheimen früh, denn Mücken verleiden das Entspannen vor dem Zelt. Es wird im Sommer nur kurz dunkel, zwischen zwei und drei Uhr nachts. Um acht Uhr, also gegen Mittag, wenn man von Sonnenaufgang an rechnet, bin ich auf den Beinen, brodelt der Espresso in der Cafetiera, während ich inzwischen routiniert meinen Rucksack packe. Stöcke, Zelt und Matte fest­schnal­len, dann schwinge ich die Last auf den ­Rücken, die mich längst nicht mehr so sehr drückt wie die ersten Tage über.

Auf dem Rückweg zum Bygdin-See flüchtet ein hellbrauner Schemen vor mir, eine Gämse. Oberhalb der Hütte Torfinnsbu baue ich das Zelt auf. Hübsch sieht sie aus, aus dunk­lem Holz mit hell­blauen Fensterrahmen. Ich wackle auf ein Bier hinunter, aber der Abstieg gibt meinem angeschlagenen Knöchel den Rest. Unter dem Ren­tier­geweih am First beschließe ich, dass morgen geschummelt wird. Die letzte Etappe führt am Ufer des Bygdin entlang und verspricht, mückenverseucht zu sein. Nein, ich gönne mir eine Fahrt mit dem Fährboot über den blau schimmernden See. Skål.

Naturpark Norwegen Jotunheimen

Jotunheimen-Trek: 1. Turtagrø Hotell - Fannaråkhytta

Distanz: 8 Kilometer | Höhenmeter: 1.200 bergauf | Dauer: 5 Stunden

Vom Turtagrø Hotell über die Straße und dann auf den beschilderten Weg zum Fannaråken. Zuerst folgt der Weg der Straße aufwärts durchs sanft-grüne Tal Helgedalen; rechter Hand beeindruckender Wasserfall. Ab dem Talschluss wird‘s richtig steil: In engen Serpentinen führt der schmale, steinige Pfad auf den Gipfel und zur Fannaråkhytta.

Jotunheimen-Trek: 2. Fannaråkhytta - Skogadalsbøen

Distanz: 11 Kilometer | Höhenmeter: 1.230 bergab, 60 bergauf | Dauer: 4 Stunden

Von der Fannaråkhytta nach Osten zur Fannaråknosi (1990 m), dann recht steil nach Südsüdosten hinab. Achtung: Schneefelder, nicht auf den Gletscher abdriften! Ab dem Keisarpasset (Abzweig Alternativroute Turtagrø) nochmals steiler Abstieg zum See Jervvatnet (1395 m). Ab hier wird es sanfter und grüner. Am Ende des Tals Jervvassdalen liegt das Utladalen quer dazu. Vom Hang gegenüber grüßt schon die Hütte Skogadalsbøen. Auf einer Brücke über die Utla, dann durch Hängebirkenwald auf matschigem Pfad (Mücken!) zur Hütte.

Jotunheimen-Trek: 3. Skogadalsbøen - Fondsbu

Distanz: 25 Kilometer | Höhenmeter: 470 bergab, 690 bergauf | Dauer: 9 Stunden

Eindeutig die anstrengendste Etappe der Querung. Zuerst wandert man auf einer Brücke über den Bach Skogadøla und durch das bewaldete Tal aufwärts, das in Moor und später eine karge Eis- und Felslandschaft übergeht. Durch zwei Hängetäler geht es höher und höher (zwei Furten). Nach der Wasserscheide auf knapp 1500 Meter Höhe führt das Mjølkedalen hinab zum gletscherbewachten See Store Mjølkedalsvatnet. Nach einer letzten Anhöhe läuft das Mjølkedalen zur Hütte Fondsbu am Ufer des Bygdin-Sees sanft aus.

Jotunheimen-Trek: 4. Fondsbu - Gjendebu

Distanz: 16 Kilometer | Höhenmeter: 400 bergab, 350 bergauf | Dauer: 5 Stunden

Der Pfad führt über Steine am See entlang, dann steil aufwärts Richtung Nordosten. An einem sprühenden Wasserfall vorbei und über eine Brücke in das Hängetal Veslådalen. Durch das Tal immer aufwärts, über einen Fluss (Achtung! Wenn die Brücke nicht erneuert wurde: Watstelle, die den Einsatz von Trekkingstöcken fordert) und in recht gemütlichem Abstieg (schöne Zeltplätze mit Seeblick) dem Gjendesee entgegen. Wer zur Hütte Gjendebu möchte, folgt den Markierungen zum Westufer. Ins nächste Hängetal folgt man der aktuell geänderten Wegführung: Statt auf halber Höhe (so noch in Karten eingezeichnet) wandert man am Ufer entlang – extrem schlammig; Stege und Steine reichen nicht aus – und steigt dann auf. Über dem Wald (Mücken!) ebenfalls gute Zeltmöglichkeiten.

Jotunheimen-Trek: 5. Gjendebu - Torfinnsbu

Distanz: 14 Kilometer | Höhenmeter: 450 bergab, 500 bergauf | Dauer: 6 Stunden

Von der Hütte auf gleichem Weg zurück, über eine Hängebrücke, dann nach der Schlamm-Wald-Passage sehr steil (Handeinsatz) hinauf ins Hängetal Svartdalen. Oben führt das Tal wieder durch eine alpine Landschaft, der Pfad quert Rinnsale und Schneefelder, berührt klare Seen und leitet zum Bygdin-See hinunter. Das letzte Stück zur Hütte Torfinnsbu wieder recht steil.

Jotunheimen-Trek: 6. Torfinnsbu - Bygdin

Distanz: 13 Kilometer | Höhenmeter: 110 bergab | Dauer: 3 Stunden

Leichte Etappe am Ufer des Sees entlang. Der Pfad kann schlammig sein (Mücken!) und verläuft leider teils parallel zur Straße 51. Von der Torfinnsbu auch Boot nach Bygdin (40 Min.).

Video: Wandern im Jotunheimen-Nationalpark

16.05.2009
Autor: Kerstin Rotard
© outdoor
Ausgabe 12, 10, 10/2009, 2009, 2009