Jotunheimen- Nationalpark

Im Jotunheimen- Nationalpark drängen sich die Zweitausender. Und da im Herbst hin? – Auf jeden Fall, sagt outdoor-Autorin Katleen Richter.

Norwegen Norwegen

Karte

Alles klar: Das Wasser kann man trinken, und die Sicht schränken nur die Berge ein. Foto: Boris Gnielka

Vierzig Zweitausender und die 27 höchsten Gipfel Norwegens haben mit Hilfe reißender Flüsse und großer, stiller Seen ein Paradies für
Naturliebhaber geschaffen. Ein gut markiertes Wegenetz sowie viele Hütten ermöglichen Touren für jeden Anspruch, die jedoch fast immer über weite Geröllstrecken verlaufen.

Lage: Rund 280 Autokilometer nordwestlich von Oslo, im Herzen Südnorwegens.

Anreise

http://Am besten mit dem Auto über Oslo nach Eidsbugarden oder mit der Bahn aus Oslo nach Fagerness und von dort mit dem Bus weiter (www.ottadalen.no).

Route: Von Eidsbugarden über die Hütten Gjendebu und Memurubu vorbei am Russvatnet-See zur Hütte Glitterheim (Besteigung des 2464 m hohen Glittertind möglich). Vorbei am Veobreen-Gletscher zur Spiterstulenhütte und von hier erst das Visdalen, dann Uradalen weiter entlang des Langvatnet-Sees zur Leirvassbu-Hütte. Hier folgt die Route dem Gravdalen zur Skogadalsboen und weiter dem Skogadalen zurück zum Ausgangspunkt. Diese Route ist bequem in zehn Tagesetappen zu bewältigen, kann aber auch abgekürzt werden, so dass man bereits nach sechs Tagen wieder vorm Auto steht.

Verpflegung

Muss man im Rucksack mitführen – nur in den Hütten Memurubu und Glitterheim gibt es eine Einkaufsmöglichkeit. Dieses Jahr haben aber beide ab dem 12.9. geschlossen.

Übernachtung

Die vorgestellte Runde ist nur mit Übernachtung im Zelt möglich. Allerdings lassen sich Hüttenaufenthalte oder -übernachtungen
ergänzend einplanen. Kürzere Touren durch Jotunheimen sind auch ohne Zelt, nur mit Hüttenübernachtung möglich. Allerdings sind die Hütten spätestens ab dem 15. Oktober geschlossen.
Verantwortlich für die Hütten ist der norwegische Wanderverein DNT, in Deutschland vertreten durch: Nach Norden, Helga Rahe, Drostelstr. 3, 48157 Münster, Tel. 0251/324608, e-mail helga.rahe@huettenwandern.de; www.huettenwandern.de.

Bücher

Trekkingführer Norwegen, Jotunheimen-Rondane, Bernhard Pollmann, Bergverlag Rother, 2002, 22,90 Euro.
- Outdoor-Kompass Südnorwegen, Lars Schneider, Thomas Kettler Verlag, Mai 2003, 19,90 Euro.
- Outdoor-Handbuch Norwegen, Tonia Körner, Conrad Stein Verlag 2004, 12,90 Euro.

Karten

Jotunheimen Turkart, Cappelen/Statens Kartverk, 1:100000, 15 Euro. Deckt den gesamten Park ab und enthält sämtliche Wege und Hütten.

weitere Infos

Norwegisches Fremdenverkehrsamt, Pf 113317, 20433 Hamburg, Tel. 0180/5001548. e-mail germany@ntr.no; www.visitnorway.com.
6Hunde: Gesundheitsbescheinigung notwendig. Formular unter www.norwegen.org (Rubrik: Reise). Im Park bis 20.8. nur angeleint erlaubt.

Artikel:

Eine Pfote im Gesicht weckt mich.
»Was gibt´s, Hund?« – Erst als ich die Schlafsackkapuze herunterklappe und dieses charakteristische Rieseln höre, ahne ich, warum Finja aufgeregt ist. Ein Blick vors Zelt ... »Schnee!« Das ganze Ura-Tal erstrahlt in frischem Weiß, und immer noch tanzen die Flocken von der steilen Wand
hinter uns herab. Ganz friedlich sieht es aus; an den heftigen Sturm der gestrigen Nacht
erinnert nur noch eine verbogene Zeltstange. Die Jacken überwerfen und rausrennen ist eins: Schneeballschlacht!
Wir schreiben Ende September. Seit acht
Tagen leben wir dieses ungebundene Leben, und längst hat Boris’ Norwegen-Enthusiasmus auch mich erfasst. Und das nicht nur, weil der Proviant bald zur Neige geht und der Rucksack dadurch schön leicht wird, sondern weil ich mich wider Erwarten rundum wohl fühle. Denn eigentlich hatte ich beim Thema Herbsturlaub eher an Südfrankreich gedacht und nicht gerade an Norwegen, und sei es auch »ziemlich weit im Süden von Norwegen«, wie Boris es ausdrückte. Aber jetzt, jetzt sauge ich die klare Herbstluft ein, bis mir schwindelig wird.
Wer es nicht selber ausprobiert, der wird nur schwer begreifen, wie spannend eine Herbsttour im Jotunheimen-Nationalpark ist. Der Schnee ist nur eine der vielen Überraschungen auf der Wetterkarte. Am Himmel herrscht immer Bewegung, und ständig wechselt das Licht. Gelb und rot flirren die Blätter der Birken, von den Gipfeln blinkt der Firn, und steht man oben auf den mitunter messerscharfen Berggraten, leuchten einem von
unten blaue Seen entgegen. 40 Zweitausender drängen sich im Jotunheimen-Nationalpark dicht an dicht, darunter Galdhöppigen und Glittertind, beide knapp 2500 Meter hoch – die höchsten Gipfel Skandinaviens. Nicht umsonst bedeutet Jotunheimen »Das Reich der Riesen« – wie der Dichter Aasmund Olavsson Vinje das Gebirge vor gut 140 Jahren taufte.
»Autsch!« Anstatt sich über meine Norwegen- Begeisterung zu freuen, bewirft mein Liebster mich zielsicher mit Schnee. Sein Volltreffer holt mich abrupt zurück in die Realität: Uns bleiben nur noch wenige Tage hier. Wir packen und ziehen los, aber während Boris gewohnt kräftig ausschreitet, trotte ich heute hinterher. Wehmütig lasse ich unsere Tour
Revue passieren. Spüre noch einmal, wie am Start der Wind durch Eidsbugarden fegt, eine kleine Siedlung am Bygdin-See. Erlebe noch einmal, wie meine Freude auf die Tour jäh in den Keller sackt, als ich kurz hinter der Siedlung bis zu den Waden im Matsch versinke und mich dergestalt imprägniert den steilen Pfad mit dem schweren Rucksack hinaufschinde. Und noch einmal tauche ich ein in das erste Bad auf dieser Tour, abends in einem kleinen See – bitterkalt, die Seife lässt sich kaum abwaschen, aber ich fühle mich wunderbar erfrischt. Auch die Druckstellen an den Schultern sind danach vergessen.
Über Moose und Flechten zogen wir durch das Fjell, wie die baumlosen Hochflächen Skandinaviens heißen. Über Stunden begleitete uns der türkisblaue Gjendesee. Der Russvatnet-See dagegen schimmerte eher grünlich in der Abendsonne. Ganz für uns hatten wir ihn; am Kiesstrand schlugen wir unser Zelt auf und genossen den Sonnenuntergang.
Kräftiger Wind ließ uns auf der kargen Hochebene durch Schneefelder taumeln; dann ragte plötzlich der riesig erscheinende, weiß bemützte Glittertind (2464 m) vor uns in den blauen Himmel auf. Viele kleine Punkte entpuppten sich beim Blick durch das Fernglas als Wanderer, die das sonnige Wetter für eine Besteigung des zweithöchsten Berges Norwegens nutzten. Auf uns aber warteten lange Etappen über Geröll, das beim Gehen alle
Aufmerksamkeit verlangte. Wir sahen das Glitzern des mächtigen Veobreen-Gletschers, durchwanderten das steinige Ura-Tal bei peitschendem Regen und erwachten im Schnee ...
Die letzten Tage zieht es uns vorbei am Fanarakken-Massiv ins herbstlich strahlende Skoga-Tal. An der Leirvassbu-Hütte macht man uns auf Jäger aufmerksam, die auf Elchjagd das Tal durchstreifen. Angesichts zahlreicher leerer Schnapsflaschen beschließen wir, unsere buntesten Sachen anzuziehen und laut zu singen. Vermutlich hat das die Elche gewarnt: Wir sahen keinen einzigen – genauso wenig wie auch nur ein einzige der von Norwegen-Neulingen so gefürchteten Mücken.
Rückblickend lächle ich ein wenig über
meine vielen Vorbehalte. Norwegen im Herbst? Mir fällt kein traumhafteres Reiseziel für den Indian Summer ein.

Manche Brücken werden Ende September abgebaut. Dann sind wasserdichte Schuhe gefragt. Foto: Boris Gnielka

16.10.2004
© outdoor
Ausgabe 10/2004