Norwegen - Romsdal - Åndalsnes

Norwegen: Wandern im Romsdal

Foto: Christoph Jorda Norwegen – Romsdal

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Der kleine Ort Åndalsnes war schon in den Anfangszeiten des Alpinsports in Norwegen ein beliebtes Ziel. Auch Wanderer begeistert die wilde Gipfelwelt hoch über dem Romsdalsfjord.

In Norwegens Bergsteigerhauptstadt herrscht Ruhe. Ein paar Yachten liegen auf dem spiegelglatten Isfjord und scheinen sich ebenso zu entspannen wie die Terrassengäste des Restaurant-Cafés vom Tindesenteret, dem »Gipfelzentrum«. Direkt am Wasser genießt man hier windgeschützt die Abendsonne, die Anfang Juli besonders intensiv scheint, und rechnet sich den Preis seines Bieres lieber nicht in Euro um. Denn erstens ist man im Urlaub, und zweitens schmeckt es nach einer Wanderung auf dem Romsdalseggen maximal verdient.

Norwegens Bergsteigerhauptstadt heißt Åndalsnes und ist mit rund 2200 Einwohnern in Wirklichkeit eher ein Dorf, zugleich aber der Hauptort der Gemeinde Rauma in der Provinz Møre og Romsdal in Norwegen. Luftlinie liegt es rund 400 Kilometer nördlich von Bergen, zur Küstenstadt Ålesund im Westen fährt man 100 Kilometer. Bekannt – um nicht zu sagen berühmt – sind all die »Trollformationen« südlich von Åndalsnes,von denen fast jeder Norwegenfan zumindest schon einmal gehört hat und die aufgrund der namentlichen Ähnlichkeiten gern für Verwirrung sorgen.

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Der Trollstigen

Also: Der Trollstigen ist Teil einer Landschaftsroute, sprich einer Straße, und führt nördlich eines Hochtals in elf Haarnadelkurven hinab Richtung Åndalsnes. Gigantische Berge umgeben ihn, tosend stürzt der mächtige Wasserfall Stigfossen zu Tal, und hunderttausende Besucher fahren hier alljährlich entlang. Trollveggen heißt dagegen eine 1000 Meter hohe Felswand – die höchste senkrechte, teils sogar überhängende in Europa. Der Trollryggen (1700 m) gehört zu den Gipfeln des Trollveggen, und Trolltindene (auf Deutsch Trollgipfel) lautet der Name des Gebirgsmassivs, das als Teil der Romsdalsalpen direkt hinter Åndalsnes aufragt. Und in der Tat spielen diese bis zu 1800 Meter hohen Berge unter den Regionen, in denen das alpine Bergsteigen und Klettern in Norwegen begannen, eine wichtige Rolle: Ab dem späten 19. Jahrhundert kamen zunächst reiche Briten, dann entdeckten zunehmend Einheimische die Gipfelwelten als Abenteuerspielplätze.

Auch heutige Schriftsteller wie der erfolgsgekrönte Krimiautor Jo Nesbø lassen diese Landschaft in einem malerischen Licht erstrahlen: »Dann erzählte er ihm von Åndalsnes, einer winzigen Siedlung im Romsdal, umgeben von hohen Bergen, die so schön waren, dass seine Mutter immer sagte, hier habe Gott mit der Erschaffung der Welt begonnen; so lange hatte Er sich dem Romsdal gewidmet, dass Er den Rest der Welt noch schnell erledigen musste, um bis Sonntag fertig zu werden«, heißt es in seinem Debütwerk »Der Fledermausmann«.

Für Outdoor-Freunde sind es allerdings längst nicht nur die Kletter- und Bergsteigerrouten, die den kleinen Ort so anziehend machen. Auch Wanderer finden zahlreiche Touren, mal mehr, mal weniger hoch über dem Isfjord, der wiederum zum größeren Romsdalsfjord gehört. Im Wald auf der gegenüberliegenden Fjordseite, bei Fonna, stehen versteckte Boulderfelsen. Der berühmten Trollwand kann man sich auch in Wanderschuhen gut nähern. Über die Superlativ-Wanderung vor Ort aber gibt es keine Zweifel – wer fit, schwindelfrei und bei passablem Wetter vor Ort ist, muss unbedingt den Romsdalseggen gehen.

Foto: Christoph Jorda Norwegen – Romsdal

Die Romsdalseggen-Tour beginnt zwischen leuchtend grünen Birken.

Oft unterschätzt: der Romsdalseggen

Die zehn Kilometer lange Tour beginnt mit einem steilen Aufstieg und bietet dann als Gratwanderung landschaftliche Abwechslung, ganz großes Aussichtskino und dank ausgesetzter, teilweise drahtseilgesicherter Passagen auch etwas Nervenkitzel. Insgesamt kommen knapp 1000 Höhenmeter zusammen. Logistisch ist das Ganze ein Kinderspiel: Um halb zehn steigen Wanderer in Åndalsnes in den Bus, der sie in einer knappen Viertelstunde zur Hüttenansammlung Vengedalen bringt, und von hier aus führt der Weg bestens markiert zurück ins Bergsteigerdorf. Zwischen leuchtend grünen, niedrigen Birken schlängelt sich der Pfad zunächst bergauf, folgt einem rauschenden Bach. Die Luft schmeckt so frisch, dass man schon vor lauter Begeisterung tiefer atmet, als nötig ist. Was extrem fitte Begleiter möglicherweise fehlinterpretieren und entsprechend kommentieren … Nein, alles gut, das Gehtempo passt!

Auch wenn die meisten Romsdalseggen-Wanderer angemessen ausgerüstet wirken, zeigen sich – wie so oft bei gut beworbenen Highlight-Touren – auch ein paar Ausnahmen. Zum Beispiel vier junge Asiatinnen, die alle 200 Meter anhalten, kichernd mit Selfiesticks Fotos machen und an den Füßen einfache Sneaker tragen. »Die schaffen die Tour niemals«, mag der sportliche Europäer denken und schweigend weitergehen. Tatsächlich gab es auf dem 2010 eröffneten Romsdalseggen vor allem in den Anfangsjahren immer wieder Probleme, weil Besucher die Tour unterschätzten. Vielleicht auch, weil die Norweger (grundsätzlich hart im Nehmen) ihren Schwierigkeitsgrad nicht so darstellten wie ihn Wanderer aus anderen Ländern wahrnehmen …

Foto: Christoph Jorda Norwegen – Romsdal

Die Zacken des Store Venjetinden (1852 m) sind eine beeindruckende Kulisse.

Auf dem Romsdalseggen muss man mit Schneefeldern rechnen

Nach einer Weile ist die Baumgrenze passiert, und für kurze Zeit geht es fast ohne Steigung durch typisch nordisch-karge Fjelllandschaft. Zur Linken ragt ein Bergrücken auf, kommt einem von hier unten fast so gerade wie eine Wand vor. Kleine bunte Punkte darin beweisen, dass die Norweger auch beim Wandern die Direttissima bevorzugen. Bevor man auf dieses letzte Steilstück zum Grat abbiegt, wird am besten noch einmal die Trinkflasche aufgefüllt: Die letzte Quelle der ganzen Route ist sogar markiert.

Auf dem stellenweise verblockten Weg verstummt das Kichern der Asiatinnen. Auch der vertiefte eigene Atem hat jetzt nichts mehr mit Begeisterung zu tun. Nach 300 Höhenmetern endlich oben auf dem Romsdalseggen-Kamm angekommen, in Shorts durch ein Schneefeld stapfend, rauschen dann aber die Glückshormone durch den Körper. Wild gezackt und dunkel ragt zur Linken der Gipfel des Store Venjetinden (1852 m) auf, ein paar Wolkenfetzen umspielen ihn. Geradeaus fällt der Grat jäh zum Rauma-Tal mit seinem geschlängelten Fluss ab, lieblich grün steht es im Kontrast zu den mächtigen Bergen. Besonders markant sticht auch das pyramidenförmige Romsdalshorn (1550 m) ins Auge, das zu den berühmtesten Gipfeln des Landes gehört. Die eigene Route führt rechter Hand weiter, immer auf dem Bergkamm, bis zum Abstieg nach Åndalsnes. Zunächst aber sucht man sich in dieser Szenerie am besten einen Picknickplatz.

Foto: Christoph Jorda Norwegen – Romsdal

Einfach hinsetzen und dem Wasser zuhören - wie schön, dass man Zeit hat!

Manche rennen den Romsdalseggen sogar

In Gehrichtung rückt bald auch der Fjord in Sicht. Rechts, links, geradeaus, der Blick in jedwede Richtung ist fantastisch, aber oft gehört die Aufmerksamkeit nur dem schmalen Pfad. Bevor der höchste Punkt der Tour erreicht wird, das Mjølvafjellet (1222 m), kommen die Kraxelpassagen. Fest das Drahtseil packen, ohne Hast stetig weiter – und dann wäre es wieder soweit, dass man ein 360-Grad-Panorama genießen könnte. Allerdings nicht, wenn dichter Nebel aufzieht. Positiv betrachtet: Dieses mystische Flair besitzt ebenfalls seinen Reiz. Eben noch sichtbare Gipfel verschwinden, nur ein paar Meter des Pfads sind sichtbar, das rote »T« des norwegischen Wanderverbands DNT weist den Weg.

Immerhin, es regnet nicht – sonst würde spätestens der Abstieg vom Nesaksla (715 m), dem Hausberg von Åndalsnes, unangenehm. Nicht gleich am Anfang, da machen von nepalesischen Sherpas meisterhaft gebaute Steintreppen den Weg noch gut gehbar. Zum Schluss jedoch wandert man durch Wald bergab und ist schon bei trockenen Verhältnissen froh über jeden Baumstamm, von unzähligen Händen abgegriffen schimmernd. Ab und zu bieten künstliche Geländer Halt. Aber – allen Unkenrufen zum Trotz – auch vier junge Asiatinnen in normalen Turnschuhen kämpfen sich tapfer bergab. Wer den Romsdalseggen in sieben Stunden schafft, war schon relativ flott unterwegs, als normale Gehzeit gelten acht Stunden. Dass beim Trailrunning-Wettbewerb »Romsdalseggenløpet« die schnellsten Läufer nur wenig mehr als eine Stunde brauchen, klingt da schlichtweg übermenschlich.

Zurück am Fjord, nach einer heißen Dusche, mit dem verdienten Bier die Abendsonne genießend, kommt einem die Bezeichnung »Bergsteigerhauptstadt« auf einmal sehr viel passender vor als bei der Ankunft. Gut also, wenn im Reisegepäck noch Zeit für weitere Touren steckt.

Foto: Christoph Jorda Norwegen – Romsdal

Einst Hirtenunterkunft, heute Privatquartier: Hütte auf der Hegerholmsetra.

Alle Infos zum Wanderurlaub im Romsdal

Anreise: Am bequemsten reist man per Flugzeug an – entweder nach Ålesund (um 300 Euro retour, klm.com) oder Molde (um 400 Euro retour, sas.com). Weiter dann per Mietwagen (ab ca. 300 Euro pro Woche, billiger-mietwagen.de).

Beste Reisezeit: Die Wandersaison dauert je nach Schneeverhältnissen von Ende Juni bis Mitte September. Auch im Sommer muss man in höheren Lagen mit Altschneefeldern rechnen.

Infos zur Region: visitnorway.com und visitandalsnes.com. Details zum Romsdalseggen, der »Paradewanderung« von Åndalsnes, stehen auf romsdalseggen.no. Tourvorschläge mit GPS-Daten für die Region: romsdal.com

Orientieren
Der Rother Wanderführer »Norwegen – Mitte« beschreibt 50 Touren zwischen Geiranger, Trondheim und Børgefjell. Für die zugehörigen GPS-Daten enthält er einen Downloadlink. Preis: 14,90 Euro. Wanderkarte: Turkart Romsdalen, 1 : 100 000, 24 Euro.

Unterkünfte, Restaurants & Aktivitäten

Campingplatz: Der örtliche Campingplatz liegt ruhig und idyllisch etwa anderthalb Kilometer außerhalb von Åndalsnes – direkt am Ufer des Flusses Rauma. Zu der Anlage gehört auch ein kleines Café. Hütten ab 425 NOK (ca. 45 Euro) pro Nacht, Zelt 150 NOK (ca.16 Euro), Kleinbus 225 NOK (ca. 24 Euro). Mehr Info: andalsnes-camping.net

Traditionshotel: Zentral in Åndalsnes steht das »Grand Hotel Bellevue« – in den Zimmern der oberen Etagen hat man eine schöne Aussicht auf den Fjord. Ein für norwegische Verhältnisse günstiges Pauschalangebot umfasst zweimal Ü/F im DZ, Lunchpaket, ein Elchburger-Abendessen im Restaurant sowie Transport zum Ausgangspunkt der Wanderung auf dem Romsdalseggen für 2095 NOK (etwa 218 Euro). Ansonsten: Ü/F kostet 1695 NOK (176 Euro) pro DZ. grandhotel.no

Sonnenterasse: »Spiret Spiseri« heißt das Café-Restaurant, das zum Norsk Tindesenter gehört. Es gibt unter anderem Salate, Burger und Fischgerichte. Auf der großen Terrasse sitzt man direkt am Fjord – sehr zu empfehlen für ein Bier in der Abendsonne! Achtung, geöffnet ist maximal bis 20 Uhr (am Wochenende). tindesenteret.no/side/Restaurant

Retro-Café: Ein Ort zum Wohlfühlen: Das Café »Sødahlhuset« ist mit Sofas, bunt zusammengewürfeltem Mobiliar und Blümchentapeten im Retro-Stil eingerichtet. Bei den kreativen Salaten, Kuchen und belegten Broten spielen Regionalität und Biozutaten eine Rolle. Sonntags ist Ruhetag. Romsdalsvegen 8, Åndalsnes.

Zur Feier des Tages: Wer sich etwas gönnen will, kehrt im Restaurant des »Grand Hotel Bellevue« ein. Rentier und Fisch aus dem Fjord gehören zu den Spezialitäten.Leider findet sich auf der Hotel-Homepage (grandhotel.no) quasi keine Info zum Restaurant. Åndalgata 5, Åndalsnes.

Foto: Christoph Jorda Norwegen Tafjordfjell

Tipps von Reiseredakteurin Katharina Hübner

Karamellkäse
Molkekäse von »Gudbrandsdalen« muss ich bei jeder Norwegenreise essen: Dünne Käsescheiben, darunter Brot und Butter, obendrauf Erdbeermarmelade – norwegischer Frühstücksklassiker!

Klettern
Die Berge um Åndalsnes bieten schöne Felskletterrouten. Anfänger ziehen mit einem Guide los – zum Beispiel mit Urpu Hapuoja, die sich bestens auskennt. skiandmountainguide.wordpress.com

Outlet-Shops
Wer über Ålesund anreist, sollte einen Besuch bei »Devoldfabrikken« erwägen. Norwegen ist teuer, aber hier gibt es 30 bis 70 Prozent Rabatt auf Produkte von Devold, Bergans u.a. Zudem besitzen die historischen Fabrikgebäude ein nettes Flair. devoldfabrikken.no

Video: 10 Fakten über Norwegen

Unsere Ausrüstungs- und Bekleidungstipps

31.07.2018
Autor: Katharina Hübner
© outdoor
Ausgabe 04/2018