Norwegen: Hurrungane-Berge

Nordischer Dreiklang im Jotunheimen-Gebirge

Foto: Ben Wiesenfarth Norwegen Jotunheimen Gebirge

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Berge, saftiggrüne Täler und glasklare Bergseen - eine Entdeckungstour durch das norwegische Jotunheimen-Gebirge.

Geformt wie eine Bischofsmütze steigt ein über 500 Meter hoher Granitblock über dem See Årdalsvatnet in den Himmel. Am gegenüberliegenden Ufer und keine drei Kilometer entfernt baden die Häuser von Øvre Årdal in der Sonne. Die Kirche in ihrer Mitte wurde erst 1970 errichtet. Damals befürchteten die Einwohner, dass beim ersten Läuten der Kirchenglocke die Bischofsmütze herabkrachen und eine große Welle den Ort auslöschen könnte. Steinlawinen poltern in der Gegend recht häufig herab. Kein Wunder, denn hier in Jotunheimen, rund 220 Kilometer nordöstlich von Bergen, ragen die höchsten Gipfel Norwegens auf. Die meisten Wanderer besuchen den Nationalpark im Ostteil, die wenigsten kennen die Hurrungane-Berge im Westen der Region.

Vielleicht, weil dazwischen wie ein Wallgraben das 40 Kilometer lange Utladalen liegt, mit Øvre Årdal und dem See Årdalsvatnet am Südwestausgang. 2000 Meter hohe Berge, Fjell und grüne Täler, Bergseen und Wasserfälle, hier und da alte Gehöfte – eine vielseitigere Landschaft wird man in ganz Skandinavien kaum finden, vor allem, wenn man noch den Sognefjord hinzurechnet. Über 204 Kilometer zieht Norwegens längster Meeresarm von der Küste heran. Er endet knapp unterhalb des Sees Årdalsvatnet, der sein Süßwasser in die salzigen Fluten entlässt. Mit anderen Worten: Es ist höchste Zeit, das Paradies rund um Øvre Årdal zu erkunden. Und so habe ich in meinem diesjährigen Norwegenurlaub eine Woche für die Highlights der Region eingeplant.

Wandern in Jotunheimen: Im Tal der Wasserfälle

Als Erstes unternehme ich mit Kristoffer eine Schnupperrunde im Utladalen, das auch »Tal der Wasserfälle« genannt wird. Der Vierzigjährige ist begeisterter Wanderer und Mountainbiker und betreibt seit 2014 den hiesigen Campingplatz. »Die Geschichte des Tals fasziniert mich. Von hier aus wurde Jotunheimen nämlich erschlossen. In den 1870er Jahren kam William Slingsby, ein Engländer, hierher und ...« So wandern wir plaudernd auf dem »Folkewegen« ins Tal hinein. Der Forstweg folgt dem Fluss Utla und quert ihn auf vier teils schwankenden Holzbrücken. Links und rechts wuchern Ebereschen, Birken und Farne, Frauenmantel breitet seine Blätterfächer aus und Nelken heben ihre bunten Köpfe.

William Slingsby nutzte die nordwestlichen Seitentäler des Utladalen als Zustieg für die schroffen Hurrungane-Gipfel. 1876 kletterte er auf den Store Skagastolstind, die größte hiesige Herausforderung für Alpinisten. »Steigeisen kannten die Norweger damals nicht. Als sie versuchten, wie Slingsby über die Gletscher zu gehen, fielen sie reihenweise auf die Nase«, erzählt Kristoffer und lacht. Wir verlassen den Forstweg und folgen einem schmalen Stichweg zum Fuß des Vettifossen, des höchsten naturbelassenen Wasserfalls Nordeuropas. 273 Meter donnert der Fall herab, seine Gischt sprüht weit. Auf dem Rückweg balancieren wir vorsichtig über die Hinterlassenschaften eines Felssturzes und erreichen wieder den »Folkewegen«. Hier liegen wie hingestreut die braunroten Häuschen des alten Gehöfts Vetti Gard, vor den Türen blühen Blumen in Töpfen. In den Gebäuden können Wanderer schon seit 1868 übernachten und essen. Genauso urig empfängt der Hof Avdalen Gäste. Er liegt auf halber Strecke zwischen Vetti Gard und Øvre Årdal hoch in der Westflanke des Utladalen.

Auf einem Pfad steigen wir gut 300 Höhenmeter auf, öffnen und schließen ein Viehgatter, tauchen in den Schatten von Bäumen ein und auf Wiesen wieder auf. Gerade wird der Hof für die Saison vorbereitet, und wir legen bei einem Getränk eine Pause ein. Ein Stück oberhalb führt eine Brücke über den mächtigen Wasserfall Avdalsfossen. Dahinter zieht ein extrem schmaler Steig bergab. Meine Füße rutschen über Steine und glitschige Wurzeln, ich greife nach Birkenstämmchen, und nur hin und wieder riskiere ich einen Blick zum Wasserfall, der einen baumbestandenen Felsen umspült. Ein Stück weiter schmiegen Kristoffer und ich uns an die Felswand; 100 Meter tiefer eilt der Utla dahin.

Wir setzen vorsichtig Fuß um Fuß auf den steinernen Sims, halten uns an Vorsprüngen fest, und nach kurzer Zeit führt ein Pfad auf den »Folkewegen« zurück. Abends schäumt auf Kristoffers Campingplatz das lokale »Huldra«- Bier in den Bechern. Wir schauen in die Karte, und ich entdecke Slingsbys 2405 Meter hohen Store Skagastolstind. »Wenn du den sehen willst, geh mit Torunn wandern«, sagt Kristoffer. »Sie ist Kajak- und Bergguide und stammt aus Øvre. Ich ruf sie gleich mal an.«

Bei den "Polternden Kindern" in Jotunheimen

Am nächsten Morgen kurve ich mit der 36-Jährigen über die Serpentinen des »Tindevegen« zum Fjell hoch. Die private Mautstraße verbindet Øvre Årdal mit dem Turtagrø-Hotel im Rydalen und führt an allen Gipfeln Hurrunganes vorbei. 25 von ihnen ragen über 2000 Meter hoch auf – eine zerklüftete Landschaft aus schroffen Graten und kargem Fjell. »Hurrungane heißt polternde Kinder«, erklärt Torunn. »Früher dachten die Menschen, dass Trollkinder Steine hinabwerfen und so die vielen Felsstürze hier auslösen.« Wir wollen heute auf den Lauvnostind steigen, denn die Aussicht von seinem Grat soll fantastisch sein. An einer Parkbucht stiefeln wir los, bald geht es querfeldein über Flechten und Moose. Der feuchte Boden schmatzt unter den Füßen, wir hüpfen von Stein zu Stein über eilige Wasserläufe auf einen flechtenbewachsenen Höhenzug zu, der sich nach rechts aufschwingt, in Fels übergeht und zum Grat wird.

Am Anfang ist es ein Kinderspiel,wenn auch ein schweißtreibendes. Altschnee fleckt die Hänge. Torunns geflochtener Zopf pendelt vor mir her. Dann setzen wir die Füße auf die teils wackligen Steine, an steilen Stellen nehme ich die Hände zu Hilfe. Auf dem 1950 Meter hohen Grat des Lauvnostind umgibt uns eine fast schwarz-weiße Gipfelwelt: Gletscher tragen wenige leuchtend türkisfarbene Flecken, der Schnee gibt schwarze Bergseen auf grauen Felsflächen frei. Ich drehe den Kopf. Genau gegenüber teilt der Gipfelaufbau des Store Skagastolstind wie der Turm eines U-Boots steil und stolz und schwarz die hoch ziehenden Wolken.

Wilde Rentiere und verlassene Höfe auf der Wanderung durch Jotunheimen

Dass ich Slingsbys Berg gesehen habe, würde mir für heute als Erfolg völlig reichen. Doch die polternden Trollkinder halten eine Überraschung parat: Als wir mit weiten Schritten bergab über die Schneefelder knirschen, spitzen 50 Meter entfernt drei Paar Geweihe über die Felsen. »Wilde Rentiere«, flüstert Torunn. »Die sieht man ganz selten.« Leider bemerken uns die Böcke und traben davon. So beeindruckend die Hurrungane auch sind, ihre Liebe zur Natur hat Torunn im verwunschenen Tal Nundalen entdeckt. Es liegt am See Årdalsvatnet genau zwischen Øvre Årdal und der bedrohlichen Bischofsmütze. »Mein Onkel hat mich immer dorthin mitgenommen«, sagt Torunn. »Man kommt nur zu Fuß über die Berge hin oder mit dem Kajak.« Und sie erzählt von den vier aufgelassenen Höfen, die bis 1950 noch bewirtschaftet wurden. »Gerade richtet ein Verein im obersten Hof ein Museum ein.

In einem Gebäude soll es spuken – da würden selbst die harten Jungs nicht übernachten.« Zu dritt schieben wir am nächsten Tag in Øvre Årdal unsere Kajaks in den flaschengrünen See: Torunn, ihr Mann Lars und ich. Wir tauchen die Paddel ins Wasser und gleiten Zug um Zug dahin. Im Tal mit den vier Höfen legen wir an und betreten das, was von einer Straße übriggeblieben ist. Gras und Brennnesseln wuchern, wir gehen an mannshohem Eisenhut vorbei und treten auf junge Haselbüsche. Am zweiten Hof spähen wir in die alte Schule des Tals. Zwischen den Pulten ruht ein Felsen, der eines Tages vom Berg durchs Dach gefallen ist; die Bewohner haben ihn einfach liegen gelassen und die Schule geschlossen.

Ich trinke einen Schluck klares Wasser aus einem Bach, dann steigen wir zum Hof Haugstad auf, 530 Meter über dem See. In der Scheune ruhen Schätze für das Museum: gerahmte Bilder, Kleidung, Zaumzeug ... Torunn und ich riskieren außerdem noch einen Blick in das Geisterhaus. Alte Tapeten, in der Ecke steht ein selbst gezimmerter Schrank von 1885. Gruselig ist anders. Vom Kajak aus werfe ich einen Blick auf die Bischofsmütze ein Stück seeabwärts und finde es sehr beruhigend, dass die Kirchenglocke von Øvre Årdal schweigt. Man weiß ja nie ...

Reisetipps zum Jotunheimen Gebirge

Hinkommen
Per Flieger nach Bergen (Lufthansa, KLM, ab 200 Euro), dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiter oder am Flughafen ein Auto mieten (ab 550 Euro/2 Wochen). Per Auto: Fähre Kiel–Oslo (ca. 450 Euro hin und zurück für zwei Personen/ein Pkw), dann 320 km über E 16 und Straße 53 nach Nordwesten bis Øvre Årdal.

Rumkommen
Am flexibelsten ist man im eigenen Auto oder Mietwagen unterwegs. Wer viel Zeit mitbringt, kann auch mit Fähre (norled.no) und Bus (nett buss.no) von Bergen nach Øvre Årdal reisen oder den Direktbus nehmen (nettbuss.no, ca. 52 Euro). Vor Ort bieten manche Unterkünfte einen Transferservice an.

Orientieren
Die Turkart Årdal deckt alle Touren ab (1:50 000, 26,90 Euro über mapfox.de). Vor Ort, zum Beispiel im »Sport 1«-Sportshuset in Øvre Årdal, gibt es sie für ca. 20 Euro.

Informieren
Gute Wandertipps in Jotunheimen inklusive Hurrungane bietet der Rother-Wanderführer Norwegen – Jotunheimen und Rondane, 14,90 Euro. Allgemeine Info: sognefjord.no

Unterkunft

Camping Utladalen
Vier Kilometer von Øvre Årdal heißen Kristoffer und Ingvild ihre Gäste willkommen. Ihr Campingplatz bietet Hütten und Zeltplätze, aber man kann auch in dem Bauernhaus von 1893 oder im Lagerhaus ein Zimmer nehmen. Zelten kostet ab 12 Euro, eine Hütte ab 50 Euro und ein Zimmer ab 99 Euro (mit Frühstück). Kristoffer gibt gerne Wander- und Radtipps und geht mit Gästen auf Tour. Mindestens einmal sollte man sich ein hervorragendes Menü im Haus gönnen! utla.no

Traditionelle Höfe
Vetti Gard und Avdalen sind typische Höfe im grünen Utladalen. In beiden kann man gut einkehren und fernab der Alltagshektik übernachten, in Vetti Gard schon seit 1868! Vetti Gard ist gut über den breiten »Folkevegen« erreichbar; nach Avdalen führt ein steiler Pfad. Schon seit gut 20 Jahren eröffnet der Hof Avdalen die Saison Ende Juni mit dem Konzert »Fjøsblues«. avdalen.no, vettisriket.no

Indre Ofredal
Direkt am Sognefjord liegen eine Säge- und eine Getreidemühle und das frühere Postamt der Region. Seit diesem Sommer kann man hier in sieben Zimmern übernachten oder im Café einkehren. Eine enge, kurvige Schotterstraße führt in das ursprüngliche Tal. 53 Euro/Nacht und Person, ofredalen.no

Jagdhütten pachten
18 Hütten in der Region Årdal vermietet der hiesige Jagdverein. Die Ausstattung ist einfach, man wohnt in der eigenen Hütte weitab vom Schuss – und kommt auch nur zu Fuß hin. inatur.no (Suche: Årdal)

Essen

Öko-Café & Galerie
Die meisten reisen über Bergen ins Utladalen. Dort kann man unweit des Hafens im Öko-Café Pygmalion zum Beispiel den Veggieburger mit viel Knoblauchdip probieren. Und dabei die Bilder an den Backsteinwänden anschauen. pygmalion.no »

Im Literaturhaus
Ebenfalls in Bergen genießt man im Litteraturhuset feine Kaffeespezialitäten. Frisch aus der hauseigenen Brasserie kommen Fischgerichte auf die rustikalen Tische. colonialen.no

Guides

In Øvre Årdal
Individuelle Kajakabenteuer, Kurse für Einsteiger und Fortgeschrittene und Bergtouren – all das bietet Bulder & Brak. bulderogbrak.no

Beim Hotel Turtagrø
Kletter- und Skitouren oder Wanderungen kann man auch über das Hotel Turtagrø buchen. turtagro.no

Jotunheimen-Tipps von Reiseredakteurin Kerstin Rotard

Fjordkreuzfahrt
Aussichtsreich reist man mit der Expressfähre von Bergen nach Sogndal. Auf der Reise ziehen langsam Inseln mit schmucken Häu­sern und die immer steiler werdenden Ufer des Sogne­ fjords vorbei. norled.no

Sogndal
Bei einem Stopp in Sogndal verbreitet die Sogndal Lodge (sogndallodge.com) WG­Feeling; anschauen kann man die Stabkirche im Ortsteil Kaupanger und das Gletschermuseum in Fjaerland: bre.museum.no

Blick auf Hurrungane
Einen spektakulären Blick auf die schroffen Gipfel von Hurrungane bietet eine Wanderung vom Hotel Tur­ tagrø auf den Fannaråken (11,5 h, 1200 Hm, Über­ nachtungsmöglichkeit).

Tindevegen
Von Årdal nach Turtagrø führt eine private Mautstra­ße über das Fjell und an al­len Hurrungane­Spitzen (»Tinde«) entlang. 8 Euro einfach, tindevegen.no

William Slingsby
Slingsbys Buch über die Erkundung Jotunheimens kann man bei archive.org (Suchfunktion: Norway, Playground) kostenlos herunterladen.

26.08.2016
Autor: Kerstin Rotard
© outdoor
Ausgabe 09/2016