Trekking in Norwegen

Die Fjordruta - Hüttenwandern in Norwegen

Foto: Fredrik Lewander Norwegen Fjordruta

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Die Fjordruta bezaubert Wanderer nicht nur mit ihrer Landschaft. Urige Hütten verdoppeln den Erlebniswert des norwegischen Treks ...

"Die Fjordruta, die wäre bestimmt was für euch." Dieser Tipp kam von Henrik. Henrik ist ein wanderfreudiger Norweger, und ich hatte ihn gefragt, ob er einen Trek in seiner Heimat empfehlen könne, den bei uns zu Lande kaum jemand kennt.

Drei Besonderheiten der Fjordruta, von denen er dann erzählte, weckten sofort Neugier in der outdoor-Redaktion: Erstens, dieser insgesamt rund 250 Kilometer lange Weg führt durch Fjell- und Fjordlandschaften, bietet also genau das, was viele Wanderer in Norwegen suchen. Zweitens, die Route verbindet ein Netz von Selbstversorgerunterkünften, die nicht nur wesentlich günstiger sind als bewirtschaftete norwegische Hütten, sondern in diesem Fall auch erst vor relativ kurzer Zeit renoviert und besonders liebevoll eingerichtet wurden. Drittens, man kann direkt von einem Flughafen aus loswandern.

Foto: Fredrik Lewander Norwegen Fjordruta

Letzteres haben Fotograf Fredrik und ich vor ein paar Stunden getan, nach einem Blick auf die Wanderkarte, noch am Kofferband des kleinen Flughafens von Kristiansund. Wie es dann möglich war, gleich nach 300 Metern den Abzweig von der Straße auf den Wanderweg zu verpassen, bleibt schleierhaft – gleich drei rote »T«, die Markierung des norwegischen Wanderverbands DNT, kennzeichnen ihn. Durch sanft gewelltes Terrain führt der Trek-Auftakt uns nach der Kurskorrektur in Richtung Osten, zwischen Kiefern und Birken und Gras. Wer sich sofort in reiner Natur fühlen will, hält den Blick nach links, denn rechter Hand sieht man noch eine Weile den Flughafen. Sogar über einen Golfplatz führt die erste Etappe, kurz bevor der Fähranleger Seivika erreicht ist und es per Schiff über den Vinjefjord geht.

Die Fjordruta ist ein relativ junger Weitwanderweg

Die offizielle Eröffnung der Fjordruta fand 2009 statt. Etwa zehn Jahre zuvor hatte der Wanderverein von Kristiansund begonnen, existierende und neue Pfade in dieser Region, die etwa 100 Kilometer westlich von Trondheim liegt, zu verbinden. Den ganzen Weg am Stück begehen die wenigsten Wanderer, denn er gabelt sich nach etwa einer Woche kurz hinter dem Fjorddorf Vinjeøra. Entweder wandert man noch eine Woche weiter bis zu einem Ort namens Halsa und fährt von dort per Fähre und Bus zurück, oder man nimmt auf den drei südlichsten Etappen der Fjordruta Kurs auf das Trollheimen-Gebirge. Darüber hinaus bieten sich viele andere Möglichkeiten für Teiletappen, mit zahlreichen Einstiegsorten.

Fredrik und ich haben nur eine knappe Woche Zeit und werden von Vinjeøra mit dem Bus zurückfahren. Jetzt marschieren wir in strammem Tempo auf federnden Waldpfaden, wollen schließlich die erste Hütte namens Trollstua übergehen und in der Gullsteinvollen übernachten. Das Gute beim Wandern hierzulande: Anfang August bleibt es sehr lange hell. Und das Gute, wenn man ziemlich spät eine Hütte erreicht: Häufig sind schon andere Leute da, haben das Feuer im Ofen in Gang gesetzt und die großen blitzblanken Wassereimer gefüllt. In der Gullsteinvollen, einem urigen Blockhaus, begrüßen uns zwei deutsche Paare und eins aus den Niederlanden in der gemütlichen Wohnküche. Holzboden, Holzwände, Holzmöbel. Wunderbar nostalgische Öllampen spenden Licht, und die vier Deutschen gießen – vernünftig und schwäbisch sparsam – ihre Teebeutel aus der Speisekammer der Hütte zum zweiten Mal auf.

Foto: Fredrik Lewander Norwegen Fjordruta

Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Trek unterwegs, der norwegische Selvbetjent-Hütten verbindet, und schon an Tag eins restlos begeistert von einem System, das für unsereiner klingt, als wäre es einem Märchen entsprungen. Nicht nur, dass hier unbeschreiblich viel Freiwilligenarbeit in die Sanierung und den Aufbau von Wanderunterkünften floss. Hier funktioniert es, auf die Ehrlichkeit der Besucher zu setzen. Dass sie wahrheitsgemäß angeben, was sie der Speisekammer an Lebensmitteln entnommen haben, wie viele Nächte sie in der Hütte verbracht haben, und dass sie überhaupt den bereitliegenden Umschlag mit Bargeld oder Kreditkartendetails in die Briefkastenkasse werfen. Das alles hatte Henrik bloß in einem Nebensatz erwähnt, aber er gehört ja selbst diesem Volk an, dem es selbstverständlich zu sein scheint, Politikern zu vertrauen und bei Steuererklärungen nicht zu schummeln.

Unter freiem Himmel putze ich mir am nächsten Morgen die Zähne. Mit Blick auf das grasbewachsene Dach der Hütte, umgeben von Wiesen und Hügeln, weit im Hintergrund grüßt das Meer. Das Wasser für die Morgentoilette kommt aus einem Wasserhahn draußen, keine der Fjordruta-Hütten besitzt fließend Wasser in der Küche. Die Welt ist wunderbar still, und meine Vorfreude steigt. Tagelang durch nordische Natur wandern, und jeden Abend das Bonbontütenerlebnis: Worin wohl der Charme der nächsten Hütte besteht?

Der Charme der Nersetra zum Beispiel soll auch in ihrer Puppenstubengröße liegen, aber wir lernen sie nicht kennen, denn wegen Brandschutzproblemen musste sie Anfang der Saison schließen. Unsere nächste Station heißt Rovangen. Diese Hütte präsentiert sich in strahlendem Sonnenschein, und sie liegt direkt an einem See. »Packt Badezeug ein, die Wettervorhersage ist gut«, hatte Henrik noch kurz vor dem Tourstart empfohlen. Ein top Tipp! Die Schwimmzüge sind eine Wohltat für den Rücken, und die Wassertemperatur von 16 Grad kommt mir nicht einmal kalt vor.

Foto: Fredrik Lewander Norwegen Fjordruta

Fast zu warm wird uns anschließend beim Aufstieg ins Fjell

Der schmale, mitunter kaum sichtbare Pfad verläuft unterhalb des Pikfjells, einem Bergrücken, und linker Hand eröffnen sich traumhafte Fjordblicke. Weiter in südöstlicher Richtung ändert sich das Gelände, nun fallen Bergwände ins Auge, deren Linienmuster im dunklen Gestein an abstrakte Kunst erinnern. Etwas später erreichen wir kleine Bergseen, umgeben von Felsblöcken, die das Herz jedes Boulderers höherschlagen lassen würden. Der Sommertag ist so perfekt, dass – Hüttenzauber hin oder her – kurz der Gedanke ans Biwakieren aufblitzt. Am Seeufer wachsen Moltebeeren, orangegold leuchtend, wieder eine Neuheit für mich. Nicht so für Fredrik, der sich als Schwede mit wildwachsenden skandinavischen Beeren bestens auskennt. »Genau so müssen sie sein«, kommentiert er unsere kleine Ernte, weder hart noch matschig, süßlich und säuerlich zugleich.

Beim Beeren-Snack zeigt die Karte, dass die gefühlte Gehleistung trügt: Wir haben erst die Hälfte der Etappe hinter uns. »Die Fjordruta ist ein echt leichter Trek«, hatte Henrik behauptet. Etwas naiv, ihm zu glauben! Norweger haben für Schwierigkeitsgrade im Outdoor-Bereich eigene Maßstäbe. Und so zieht sich der Weg zur Storfiskhytta, immer wieder kommt ein Anstieg, wann immer möglich, stütze ich mich an Birkenstämmen ab. Der Blutzuckerspiegel sinkt, wir erreichen die Hütte mit schwindligen Köpfen. Macht aber nichts: Welch friedlichen Anblick dieses grau gestrichene Häuschen bietet, in baumloser Landschaft, auf einem Hügelrücken zwischen einem See zum Baden und einem zum Angeln. Helen, eine freundliche Trondheimerin, hat sich mit ihren beiden Kindern gleich für ein paar Tage in der Hütte eingerichtet, sonst ist niemand hier. Welch Luxus, ein Mehrbettzimmer wieder nur mit verstreutem Rucksackinhalt teilen zu müssen ...

Am Folgetag ändern sich Landschaft und Wetter. Es ist anfangs mild, dann schwül, und schließlich gewittert es. Die Hochebene des Snøfjell überqueren wir in Wolkenfeldern, die irrsinnig schnell ihre Formen wechseln. Dass im Sumpfgelände beim Abstieg zur Sollia-Hütte die Schuhe durchweichen, stört kaum. Schließlich kann man sie über Nacht garantiert wieder trocknen. »Die Hütten haben alles, was man braucht«, hatte Henrik versprochen. Und vor einem heißen Kakao auf der Küchenbank der Sollia sitzend, mit Blick aufs offene Kaminfeuer, sehe ich das ganz genauso.

Foto: Fredrik Lewander Norwegen Fjordruta

Fjordruta in Norwegen: Trekking von Hütte zu Hütte

Nordetappen

1 Zur Trollstua: Vom Flughafen Kristiansund durch viel Wald und per Fähre über einen Fjord. 7,5 km, 4 h, leicht.

2 Gullsteinvollen: Langsam verlässt man den Wald: Meerblick und etwas Fjell erwarten den Wanderer. 7 km, 3,5 h, mittel.

3 Imarbu: Nach relativ viel befestigten Wegen kommt angesichts der entzückenden Hütte direkt am Meer garantiert Freude auf. 13,3 km, 5 h, mittel.

4 Nersetra: Die monotonste Etappe des Treks überspringt man, bis die Hütte wieder öffnet (bei Redaktionsschluss noch ungewiss). 12 km, 4 h, mittel.

5 Rovangen: Auf einer ausgedehnten und aussichtsreichen Etappe geht es nun ins Gebirge. 16 km, 6,5 h, schwer.

6 Storfiskhytta: Diese Traumetappe verläuft durch Fjell und passiert wunderschöne Bergseen. 9,5 km, 5 h, mittel.

7 Sollia: Durch Tundra, über eine Hochebene und durch Sumpfgebiet geht es zur Kaminhütte. 10 km, 4,5 h, mittel.

8 Storlisetra: Hoch über dem Vinjefjord, steil im Wald bergab und durch ein idyllisches Dorf. 11,5 km, 4,5 h, mittel.

Foto: outdoor Norwegen Fjordruta Etappen

Südetappen

9 Kårøyan: Auf dem Weg zur einzigen bewirtschafteten Hütte sind besonders viele Bäche und Flüsse zu queren.

10 Grytbakksetra: Fjell mit viel Sumpfstellen und Wald charakterisieren diese Etappe. 11 km, 5 h, mittel.

11 Hardbakkhytta: Karge Vegetation, viel Panorama: über den Gipfel des Treks (Dyrstolan, 929 m). 12,3 km, 5,5 h, schwer.

12 Tverrlihytta: Aussicht auf Seen, Fjell, Fjorde und offenes Meer – eine Highlight-Etappe. 9,6 km, 4,5 h, mittel bis schwer.

13 Jutulbu: Ähnlich schöne Landschaft wie bei der vorigen Etappe, jedoch deutlich länger. 14,5 km, 7 h, schwer.

Nach Trollheim

14 Herrmannhytta: Entlang der Vegetationsgrenze verlaufend bietet diese Etappe viel Abwechslung. 15,5 km, 6,5 h, mittel.

15 Sætersetra: Die kurze, waldreiche Etappe führt mit wenig Pfadanteil zur kleinsten Hütte des Treks. 6 km, 2,5 h, leicht.

16 Vindølbu: Wald, Fjell, Feuchtgebiete: Das Südende des Treks ist ein Übergang nach Trollheimen. 11 km, 5 h, mittel

Foto: Fredrik Lewander Norwegen Fjordruta

Katharina Hübner, Reiseredakteurin

Norwegen Reisetipps

Fjordruta-Fakten: Die Fjordruta ist ein rund 250 Kilometer langer Wanderweg in Westnorwegen. Luftlinie trennen ihn etwa 100 Kilometer von Trondheim. Er führt durch Fjord- und Fjelllandschaften und verbindet 16 Hütten, die mit einer Ausnahme für Selbstversorger eingerichtet sind. Komplett am Stück gehen ihn kaum Wanderer, da er drei Enden besitzt. Logistisch gut durchführbar ist zum Beispiel eine etwa einwöchige Tour von Kristiansund nach Vinjeøra oder eine zweiwöchige von Kristiansund nach Halsa.

Hinkommen: Am einfachsten erfolgt die Anreise per Flugzeug mit SAS (flysas.com) über Oslo nach Kristiansund. Wer frühzeitig bucht, kann etwa 400 Euro für das Ticket einplanen. Der Trek beginnt direkt am Flughafen – Rucksack vom Gepäckband, los geht‘s.

Herumkommen: Mit öffentlichen Bussen können Wanderer stellenweise abkürzen sowie nach Tourende zurück nach Kristiansund fahren. Allerdings gibt es nicht viele Verbindungen pro Tag. Gute Fahrplanauskunft, auch deutschsprachig, liefert rutebok.no, und auf der Webseite edition-elch.de stellt Fjordruta-Spezialist Alexander Geh (siehe Buchtipp) aktuelle Busfahrpläne ein.

DNT-Schlüssel: Für die ersten vier Hütten des Treks (Trollstua, Gullsteinvollen, Imarbu und Nersetra) braucht man den Standardschlüssel des Norwegischen Wanderverbands DNT, was wiederum die Mitgliedschaft in diesem voraussetzt. Am leichtesten geht beides über die deutsche DNT-Vertretung »Nach Norden« (huettenwandern.de). Die Mitgliedschaft lohnt sich ab zwei Hüttenübernachtungen.

Reisezeit: Die Wandersaison fängt im Juni an, abhängig von den Schneemengen des Winters, und geht bis Anfang Oktober. Eine gute Zeit ist Mitte August, wenn die norwegischen Schulferien vorbei sind.

Surfen: Eine gute erste Infoquelle für den Trek bildet die Seite edition-elch.de. Unter visitkristiansund.com findet sich englischsprachige Info über den Weg, sie ist jedoch nicht besonders aktuell. Jede Menge Grundsätzliches zum Reiseziel Norwegen gibt es auf visitnorway.de

Markierung: Der Weg ist gut mit dem roten »T« des Norwegischen Wanderverbands markiert. Hin und wieder muss man genau gucken, um es zu entdecken.

Buch und Karten: Quasi ein Muss: der gründlich recherchierte, liebevoll gestaltete Wanderführer »Fordruta – Wandern in Norwegen« von Alexander Geh (Edition Elch, 18,95 Euro). Karten: Norge-Serie von Nordeca, Blatt Nr. 10083, Nr. 10089, Nr. 10089 und Nr. 10084 – je nachdem, welchen Abschnitt man wandert. Jeweils 26 Euro.

Foto: Fredrik Lewander Norwegen Fjordruta

Unterkünfte & Versorgung

Hütten: Über die urgemütlichen, gut ausgestatteten »Selvbetjent«-Hütten könnte man Seiten füllen. Die meisten bieten um 20 Schlafplätze, für die man einen Hüttenschlafsack braucht. Einzig die Kårøyan-Hütte als Teil eines Bergbauernhofs ist bewirtschaftet.

Hütten-Speisekammern: In jeder Hütte gibt es einen Vorratsraum mit Nudeln, Reis, Konserven, Knäckebrot, Tee und Instantkaffee usw. Man zahlt in eine Briefkastenkasse, Umschläge liegen bereit.

Einkaufsmöglichkeiten: Direkt am Weg hat man nur wenige Einkaufsmöglichkeiten – ein Grund, sie in Aure auf Etappe fünf zu nutzen.

Beeren: Im August wachsen entlang des Weges Unmengen von Blaubeeren. Auch goldgelbe Moltebeeren sowie wilde Himbeeren findet man häufig.

Buchtipp: Fjordruta - Wandern in Norwegen

Die bei uns wenig bekannte Fjordruta erschließt auf 19 Etappen Küste und Berge bei Kristiansund in Norwegen. Neben dem gesamten Wanderweg und Hütten stellt das Buch Einstiegsorte sowie Teiltouren der Fjordruta vor.
(Edition Elch, 18,95 Euro.)

Ausrüstungstipps:

18.09.2017
Autor: Katharina Hübner
© outdoor
Ausgabe 12/2014