Gendarmenweg

74 Kilometer lang zieht sich der Gendarmenweg vom dänischen Padborg bis nach Høruphav.

Dänemark

Ursprünglich sollte der Gendarmenweg jeglichen illegalen Grenzverkehr zwischen Dänemark und Deutschland verhindern. Denn bei Kontrollen flog immer wieder ein reger Schnapshandel auf. 74 Kilometer lang zieht sich der alte dänische Zollgrenzweg: Von Padborg aus fast immer an der Ostsee entlang Richtung Osten, zuerst parallel zur Flensburger Förde, dann folgt er der Sønderborger Bucht bis nach Høruphav. Heute eignet er sich bestens für ausgedehnte Rad- und Wandertouren.

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Traumwochenende in Dänemark

Grenzübergang Schusterkate: Innerhalb von zwei Stunden nach dem Start kommen wir zum vierten Mal an einen deutsch-dänischen Grenzübergang, als sich der heiß ersehnte Anblick auftut: In der Sonne glitzern die Wellen der Flensburger Förde. Zum vierten Mal haben wir anzugeben, wie viel Sprit, Fusel und Tabak wir im Gepäck haben. Allerdings nicht einem Zollbeamten, sondern einem »Told-Skat« – einem weißen Briefkasten für die Zollerklärung. Wer sie ausfüllt, bekommt die Rechnung nach Hause geschickt. Und zum vierten Mal ärgere ich mich, dass ich nicht irgendwas zum Verzollen mitgenommen habe, damit wir uns wie Schmuggler fühlen könnten.
Genau deshalb ist der Gendarmstien entstanden, den wir unter die Sohlen nehmen: um die Schmuggelei zu unterbinden. Ursprünglich sollte er jeglichen illegalen Grenzverkehr zwischen Dänemark und Deutschland verhindern. Denn bei Kontrollen flog immer wieder ein reger Schnapshandel auf. 74 Kilometer lang zieht sich der alte dänische Zollgrenzweg: Von Padborg aus fast immer an der Ostsee entlang Richtung Osten, zuerst parallel zur Flensburger Förde, dann folgt er der Sønderborger Bucht bis nach Høruphav.
Durch Zufall haben wir das frühere Haupt-Zollamt entdeckt. Wir sind für den Toureinstieg nicht der offiziellen Beschilderung gefolgt, sondern an der bunten Bahnhofsbrücke in Padborg rechts abgebogen. Von außen sieht das 1922 errichtete Gebäude vernachlässigt aus, aber im restaurierten Zollhof, dem Toldgaarden, tollen Kinder um eine Eiche.
Nachdem wir dem Fluss Kruså durchs Tunneltal ins Landesinnere gefolgt sind, vorbei an Quellen, Löwenzahnfeldern und der »Kobbermølle«, der alten Kupfermühle, stehen wir an der Schusterkate zum ersten Mal am Meer. Von jetzt an erwarten uns grandiose Küstenabschnitte, einsame Pfade durch dichte Wälder, urige Städtchen und imposante Ausblicke über weite Felder, aus denen einige rot-weiße Leuchttürme wie zufällig herauszuwachsen scheinen. Weil zu viel Idylle krank machen könnte, führt uns der Pfad etappenweise immer wieder zurück in die andere, die geschäftige Wirklichkeit von Jütlands Südküste: auf Hauptstraßen und durch Städte.
Ein Wanderweg der Gegensätze – und durch die Geschichte. Von 1920 bis in die späten 50er-Jahre hinein sind Zollbeamte in ihren leuchtend blauen Uniformen auf dem Gendarmstien patrouilliert. Danach verfiel er und erlebte erst Ende der 1980er seinen zweiten Frühling, als Teil des europäischen Fernwanderwegs E6 – markiert mit kleinen weißen Tafeln mit einem stilisierten blauen Gendarmen.
Steilküste beim Wald Kobbelskov: Wir lassen den Blick über das Wasser der Sønderborger Bucht schweifen, direkt hinter uns recken sich die Buchen dicht an dicht in den Himmel – ein idealer Zeltplatz für unsere letzte Nacht auf dem Gendarmstien. Über einen umgelegten Baumstamm können wir sogar die Steilküste bis zum Wasser hinabklettern. Im Wald verstecken sich 19 gut erhaltene Dolmen – über viertausend Jahre alte Gräber. Tief im Unterholz strahlen im Zwielicht des Sonnenuntergangs magisch die von schweren Steinen eingekreisten Grashügel und Stelen.
Geschichtsträchtig geht es am nächsten Morgen weiter: Auf dem Weg nach Sønderborg umrunden wir die Vemmingbund-Bucht und halten auf die Festungsanlagen in Dybbøl zu. Hier hatten die Preußen 1864 mit einem wahnwitzigen Granatenhagel die dänische Verteidigung überrollt und den Deutsch-Dänischen Krieg für sich entschieden.
Der Wind jagt uns um die Ohren, als wir die letzten Meter des Dybbøl Bjerg erklimmen. »Bjerg« heißt zwar Berg, aber kaum 67 Meter über dem Meeresspiegel sind wohl nur für Flachländer diese Übertreibung wert. Im Schatten einer Windmühle blicken wir über die Bucht auf Schiffe, die schräg im Wind liegen, und durch die Luft wirbelnde Kite-Surfer.
Beim Streifzug durch die Dybbøler Schanzen begegnet uns ein baumlanger, weißhaariger Mann mit Vollbart. Nur die Pfeife fehlt ihm für das Image des waschechten Dänen. Aber Ocke ist aus Flensburg, Zahnarzt a. D. Trotzdem kann er uns die Bedeutung des Orts erklären: »Weil Südjütland die einzige Verbindung Dänemarks mit dem europäischen Festland ist, war die Grenze lange Brennpunkt erbitterter Konflikte.« Hier schließt sich also der Kreis: Direkt nach dem ersten Weltkrieg wurde der Gendarmstien eingerichtet, um den Schmuggel zwischen den Küsten zu stoppen.
Die Sonne brennt über uns, Windböen zerren knarrend an den Jacken. Kurz darauf erreichen wir Sønderborg. Vorbei geht es an der Trutzburg am Hafeneingang, dem 850 Jahre alten Schloss Sønderborg. Kurz darauf verschluckt der Sønderskoven-Wald den Weg. In der Stille und mit intensivem Moosgeruch in der Nase fühlen wir uns so gar nicht mehr am Meer. Metergroße Brutkästen mit kindskopfgroßen Löchern hängen an den Bäumen, Nistplätze der seltenen Gänsesänger.
Am Ortseingang von Høruphav biegen wir rechts ab zum Wasser. Wir werden nicht enttäuscht, als wir im idyllischen Yachthafen mit dem kleinen Zeltplatz ankommen. Jetzt, am Ende des Gendarmstien, überlegen wir, wie es wohl wäre, von hier nach Flensburg zurückzulaufen, und sei es nur, um einen leckeren Schnaps zu schmuggeln.

31.08.2005
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Ausgabe 08/2005