Trekkingtour mit Leichtgewichtsgepäck

Leichtgewichtstrekking auf den Kanaren: Sträucher, Kiefern und Kakteen

Durch Gran Canaria mit so wenig Gepäck wie nötig: Ein Selbst­versuch der outdoor-Redakteure Gunnar Homann und Boris Gnielka in vier Etappen.
Foto: Boris Gnielka Gran Canaria

Am Abend beginnt die Zeltplatzsuche.
Eine schöne Stelle findet sich leicht.

Mit gemischten Gefühlen steigen wir auf Bergpfaden dem Roque Nublo entgegen, dem Wahrzeichen von Gran Canaria: Ein sechzig Meter hoher Felsklotz, der weithin sichtbar auf einem Felsplateau über der Insel thront. Aber so schnell, wie wir uns das gedacht haben, geht es nicht. 1150 Höhenmeter sind auch auf Gran Canaria 1150 Höhenmeter, und ab halb elf sticht die Sonne. Die Trinksysteme leeren sich schnell, und wir fragen uns, wie wir die dritte und vierte Etappe unserer Tour überstehen werden. Denn auf der Strecke liegt kein Ort, an dem wir unsere Wasservorräte auffüllen können, die einzige Hoffnung ist eine Quelle, die auf keiner Wanderkarte verzeichnet ist, an der Gnielka aber mal vorbeikam – vor elf Jahren. »Die ist bestimmt schon längst versiegt, so trocken, wie das ist.« Manchmal wäre es mir lieber, wenn er leise nachdenken würde. Recht hat er dennoch: Trocken ist Gran Canaria und verlassen. Stundenlang begegnet uns kein anderer Wanderer. »Im Oktober kommen nicht mehr viele«, hat Carlos Ruiz von der Casa Molina in San Bartolomé gesagt. Trotzdem hat sich etwas getan auf der Insel: War man früher ganz auf Karten und Wanderführer angewiesen, weisen nun vereinzelt Schilder den Weg.

Foto: Boris Gnielka Gran Canaria

Bis zu vier Liter Wasser benötigen Wanderer an heißen Tagen.

Nach sechs Stunden gehen wir endlich über das Gipfelplateau dem hoch aufragenden Roque Nublo entgegen. Wind pfeift um den gewaltigen Brocken, nach und nach vertreibt er auch die letzten Tagesausflügler, die von der Straße heraufgekommen sind. Als die Sonne ihren rötlichen Schimmer über die Felsen legt, rollen wir die Matten aus, kriechen in die Schlafsäcke, lassen uns vom Wind zersausen und genießen den Blick hinab. Scharf zeichnen sich die Silhouetten von Tafelbergen und mehreren hintereinanderliegenden Graten gegen die Wolken über dem Meer ab. Der Wind bläst die ganze Nacht; der Mond, fast voll, leuchtet so hell, dass wir auch die Stirnlampen hätten zu Hause lassen können. Wir vermissen nichts, nur den Komfort einer aufblasbaren Matte. Im Westen leuchtet das Ziel: Der Ort San Nicolas, nur ein paar Kilometer vom Meer entfernt.

Der Tag steht wieder im Zeichen des Wassers: Bis zwölf Uhr müssen wir 800 Höhenmeter tiefer in der Ortschaft Tejeda sein, um noch rechtzeitig vor der Siesta unsere Vorräte aufzufüllen. Das treibt das Tempo nach oben, schade, denn der Weg führt auf Pfaden hinab durch Felsen, es duftet nach Kiefernwald und Süden, einmal begegnen wir Schafen. Und die ganze Hetze wäre gar nicht nötig gewesen – der Markt im schmucken Tejeda schließt erst um ein Uhr. Auf dem Platz vor der weiß getünchten Kirche genießen wir unter einem Drachenbaum Weißbrot, Avocado und Oliven.

01.12.2009
Autor: Gunnar Homann
© outdoor
Ausgabe 12/2009