Wandern auf dem Milford Track in Neuseeland

In 4 Tagen durchs Paradies: Der Milford Track in Neuseeland

Foto: Ben Wiesenfarth Neuseeland: Milford Track

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Der Milford Track ist für viele das Sehnsuchtsziel schlechthin. Schon seit mehr als 100 Jahren lockt er Wanderer ins neuseeländische Fiordland. outdoor-Redakteur Alex Krapp ist nach Neuseeland gereist um vier Tage auf dem legendären Milford Track zu verbringen.

Es gibt Orte auf der Welt, die man nur schweren Herzens wieder verlässt. Der Mackinnon Pass ist so einer. Immer wieder bleibt der Blick des Wanderers an den Felsflanken der Trogtäler hängen, streift hinab bis auf ihren flachen Grund,wo das dichte Blätterdach des fremdartigen Waldes hier und da vom grauen Kies und jadegrünen Wasser des Clinton Rivers unterbrochen wird. Durch die klare Luft gleiten Keas, die Schwingen der Bergpapageien schimmern seidenmatt in Grün, Blau und Rot. Wie verschieden Menschen doch auf so einen Anblick reagieren. Fotograf Wiesenfarth zum Beispiel lässt den Spiegel seiner Kamera klackern und belegt ein halbes Terabyte Speicherplatz.

Ein paar Amerikanerinnen geben ihrer Verzückung mit einem wiederholten »Amazing!« Ausdruck, ein gesetzter Engländer raunt ein verwaschenes »Extr’ordinary«. Wieder andere halten einfach die Klappe. Worte und Bilder sind nur Hülsen für etwas, das nicht in Hülsen passt – schon gar nicht die Schönheit des Fiordland Nationalparks am Südende Neuseelands. Es ist eine lange Reise hierhin. Zweimal zwölf Stunden fliegen Europäer allein bis Auckland ganz im Norden der Doppelinsel, von dort dauert es weitere zwei Flugstunden bis in die Outdoor-Metropole Queenstown. Weitere drei verbringt man auf der Fahrt in den Ort Te Anau am gleichnamigen See. Von hier aus braucht man noch gut einen halben Tag, bis die Wanderstiefel am Nordende des Gewässers in eine Desinfektionswanne treten und endlich den ersten Schritt auf dem 53 Kilometer langen Milford Track machen. Das innere Navi sagt: »Sie haben Ihr Ziel erreicht.« Die innere Uhr hängt zwölf Stunden zurück.

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Unterkünfte für jeden Geschmack

Der Milford Track brachte es schon früh zu Weltruhm. Schon 1908 wurde er vom London Spectator als »The finest track in the world« bezeichnet. Seitdem ist die Konkurrenz um diesen Titel stetig gewachsen, aber der Weg spielt immer noch ganz vorne mit. Und wie das mit Superlativen so ist: Man hat sie selten für sich alleine. Anwärter müssen bis zu einem halben Jahr im Voraus reservieren, um einen von insgesamt 40 Plätzen zu ergattern, die pro Tag vom Department of Conservation (DOC) vergeben werden. Die neuseeländische Umweltbehörde unterhält drei Unterkünfte auf der Strecke. Parallel dazu kann man den Trip auch in privaten Lodges bestreiten, die aus der Anfangszeit des Tracks stammen. 1888 fand ein Team um den Entdecker Quintin McKinnon einen Landweg zum Milford Sound und erschloss ihn für Touristen.

Schon bald führte McKinnon Wanderer über den nach ihm benannten Pass zu den Southerland Falls, die mit 580 Metern damals als die höchsten Wasserfälle der Welt gehandelt wurden. Unterkünfte aus Holz verschafften dem solventen Publikum ein wenig Luxus in der Wildnis. Noch heute sind Glade House, Pamplona und Quinton Hut privat geführt und bieten Gästen Zweibettzimmer, Dreigängemenü und kalte Getränke, gewandert wird in Begleitung eines Guides. Puristen werden die Nase rümpfen, Wanderer, die ein gepflegtes Essen zu schätzen wissen oder keinen schweren Rucksack mehr tragen können, werden Aufhorchen. Kurzentschlossene schöpfen Hoffnung: Manchmal gibt es hier während der Saison noch freie Plätze, wohingegen die rustikalen und preiswerteren DOC-Hütten in der Regel lange schon belegt sind.

Geregelte Einsamkeit

Gerade europäische Wanderer sind solche Reglements nicht gewohnt, doch mit Blick auf den derzeitigen Boom berühmter Fernwanderwege in den Dolomiten, auf Island oder Korsika ist ein Permit-System, wie es Amerikaner und Neuseeländer in ihren Nationalparks schon lange pflegen, vielleicht das geringere Übel. An der Kränkung, die Abenteuer-Reisende dadurch erfahren, ändert es nichts: Man reist in die fernsten Weltengegenden, nur um feststellen zu müssen, dass die große Einsamkeit schon ausgebucht ist.

Wahrscheinlich hat sich schon Abel Tasman so gefühlt, als er 1642 als erster Europäer Neuseeland entdeckte und auf die Maoris traf (die ihrerseits auch erst 300 Jahre vorher angekommen waren ...). Eine Option für Entdecker hält der Milford Track dann aber doch noch bereit: Anstatt mit dem Boot von Te Anau Downs zum Anfang des Tracks an der Mündung des Clinton Rivers zu fahren, gelangen wildniserprobte und trittsichere Wanderer in acht Stunden über die Dore-Pass-Route von Kilometer 66 der Milfordstraße dorthin und erweitern den sonst einfachen Track um eine fordernde Etappe. Doch auch mit dieser Variante muss man die Hütten reservieren und ist für die nächsten vier Tage den Launen des Wetters ausgeliefert. Und dafür ist Fiordland berüchtigt. Bis zu acht Meter Regen fallen hier im Jahr.

Jahrtausendealte Pflanzenwelt

Abgelegen, reglementiert, verregnet und trotzdem eine der beliebtesten Wanderungen der Welt – die Natur macht es möglich. Alpine Superlative finden sich eher an den Gletschern des Mt. Cook, die Berge um den Milford Track sind keine 2000 Meter hoch. Doch macht gerade diese Überschaubarkeit den Reiz der Landschaft aus. Weniger als 800 Meter bleiben zwischen den steilen Flanken des Clinton Valleys. Und wo an der Minataro Hut (DOC) noch riesenhafte Scheinbuchen wachsen, sind es 100 Höhenmeter oberhalb bloß Farne und Sträucher, auf der Passhöhe, weitere 200 Meter höher gelegen, nur noch Gräser und Flechten. Die Vegetationszonen trennen hier 30 Gehminuten. An keinem anderen Ort der Erde reichen Gletscher so nahe an den Regenwald heran wie im Süden Neuseelands. Der Regenwald. Wer ihn betritt, den beschleicht das Gefühl, es mit etwas unglaublich Altem zu tun zu haben – schwer zu sagen, ob man es als Mensch irgendwie im Blut oder vorher im Reiseführer gelesen hat.

Vor 200 bis 85 Millionen Jahren, also im späten Jura beziehungsweise der Kreidezeit, trennte sich Neuseeland vom Urkontinent Gondwana. Flora und Fauna entfalteten sich seitdem ohne äußere Einflüsse. 85 Prozent der Pflanzen sind nur hier heimisch. Versteinerte Pollen deuten darauf hin, dass die damaligen Bäume Gondwanalands große Ähnlichkeit mit den Steineibengewächsen hatten, wie man sie heute auf Neuseeland findet. Der Regen lässt die Pflanzen hier so üppig sprießen, wie man es sonst nur aus den Tropen kennt. Baumfarne mit einer Wedelspanne von mehreren Metern wachsen hier, Moose verwandeln die Bäume in bizarre Fantasy-Monster.

Selbst die Sandmücke kann die Ausblicke nicht verderben

Das feuchtwarme Klima der Sommermonate bringt eine weitere Eigenart Neuseelands mit sich: die Sandmücke. »Pack the strongest insect repellant, you can legally purchase,« rät Jim DuFresne dem Leser in seinem Reiseführer »Tramping in New Zealand« für den Milford Track. Eins mit der Chemiekeule DEET als Inhaltsstoff, möchte man hinzufügen. Auch wenn die Verkäufer in den Outdoor-Shops gerne zu sanfteren Mitteln raten, sie sind es nicht, die im Zweifelsfall von einer schwarzen Wolke stechender Plagegeister umhüllt sind. Das Gute: Ihre Geschwindigkeit beträgt nur einen Meter pro Sekunde, und so hat man als Wanderer außer in den Pausen seine Ruhe. Was es mit den Mücken auf sich hat, erzählt eine Maori-Legende.

Als der Halbgott Tu Te Rakiwhanoa mit seiner Axt die Fjorde der Südinsel schuf, begann er im Süden und arbeitete sich immer weiter nach Norden vor. Beim letzten hatte er es in seiner Arbeit zu einer solchen Kunstfertigkeit gebracht, dass er mit einem Hieb einen nahezu symmetrischen Graben schlug, den perfekten Fjord: Milford Sound. Seine Schwester Te-Hine-nui-te-po, die Göttin des Todes, betrachtete sein Werk und sagte wahrscheinlich so etwas wie: »Amazing!« Doch dann kam sie ins Grübeln und fürchtete, der Ort wäre so schön, dass die Menschen sich bald einrichten und dauerhaft dort Leben wollen würden. Also schuf sie »Namu« – die Sandfliege – und setzte sie an einem Ort aus, den die Maoris Te Namu-a-Te-Hine-nui-te-po nennen. Die Engländer nannten ihn Sandfly Point, er markiert das Ende des Milford Tracks. Die Plage ist hier so groß, dass man Schutzhütten für die Wanderer gebaut hat, die hier auf das Boot warten, das sie zum Hafen von Milford Sound bringt.

Langsam tuckert das rotweiße Schiffchen aus dem Seitenarm, ebenso langsam schiebt sich der Mitre Peak mit seiner elegant geschwungenen Spitze ins Bild. Es entfaltet sich das Panorama, das Neuseeland weltberühmt gemacht hat. Rings um einen rum klackern die Verschlüsse der Kameras. Amazings und Extraordinarys. Den Fjord kümmert es nicht. Je länger man hinschaut, umso weniger kann man ihn fassen.

Reiseinfos:

Planen

Nach Neuseeland
Ein Flug nach Neuseeland ist in der Nachsaison (März/April) preiswerter (ab 1300 Euro, z.B. British Airways). Wer nur in den Süden der Südinsel möchte, spart sich einmal Umsteigen (und eventuell eine Übernachtung in Auckland), wenn er über Sydney oder Melbourne direkt nach Queenstown fliegt. Früh buchen und Preise vergleichen lohnt sich. Transferflüge in Neuseeland führt airnewzealand.com durch.

Transport vor Ort
Von Queenstown nach Te Anau entweder per Mietwagen oder per Bus. Mit öffentlichen Bussen dauert eine Fahrt 2 Std. 40 Min. und kostet 40 NZ$ (26 Euro); intercity.co.nz Schneller, weil direkter, geht es mit einem der vielen privaten Unternehmen (z.B. Tracknet). Außerdem bieten einige Anbieter »Hiking Packages« an. Diese reichen vom bloßen Transport (ca. 140 Euro p.P.) bis zum All-inklusive-Paket mit Transport, Hüttenpässen und Unterbringung am Sound (1000 Euro). Zum Beispiel bei easyhike.co.nz.

Beste Reisezeit
Die Saison dauert von Ende Oktober bis Ende April. Statistisch ist der Februar der niederschlagsärmste Monat in Fiordland. Im Milford Sound werden aber auch dann noch 13 Regentage gezählt. »Ausrüstung Equipment wie für eine normale Hüttentour. Gute Regenkleidung und ein noch besseres Mückenmittel zahlen sich aus! »Anforderungen?Die Tour stellt keine großen Anforderungen an Orientierung, Kondition und Trittsicherheit.

Reservierung
Wer den Milford Track ohne Führung gehen möchte, muss so früh wie möglich beim Department of Conservation (DOC) reservieren. Die drei Hüttenübernachtungen kosten 100 Euro. Übernachtungs-Reservierung und -Verfügbarkeit im Netz unter doc.govt.nz/Milford Track - Fees and Booking

Informationen
Hüttenpässe sowie die neusten Informationen zu Wetter und Zustand des Weges bekommt man im DOC- Büro in Te Anau. Department of Conservation, Lakefront Drive, Te Anau, Tel. 0064/3249 7924.

Orientieren
?Bis auf den bestens angelegten Track gibt es keine Wege, Verlaufen ist also nahezu unmöglich. Eine grobe Skizze reicht zur Orientierung also völlig aus. Die beste topografische Karte im Maßstab 1:50000 bzw. 1:25000 findet sich auf topomap.co.nz. Sie bildet auch die Grundlage der Papierkarte C808.

Unterkunft

DOC-Hütten
In den drei DOC-Hütten auf dem Weg gibt es während der Saison Gas für die Herde, übernachtet wird im Matratzenlager.

Lodges
Wer auf die Annehmlichkeiten einer Lodge nicht verzichten will (3-Gänge-Menü, Trockenraum, Lounge, kalte Getränke), schließt sich einer geführten Tour an. Die Preise verstehen sich inklusive Transport, Hotelübernachtung am Milford Sound und einer Schiffstour durch den Sound: 6-Personenzimmer: 1460 Euro p.P., im Doppelzimmer 1750 Euro p.P., ultimatehikes.co.nz

Camping in Te Anau
Ab 20 NZ$ kann man hier zelten und auch als Backpacker übernachten. Außerdem gibt es Cabins ab? 90 NZ$ für zwei Personen. teanaukiwiholidaypark.co.nz

Distinction
Te Anau Wer sich nach acht Tagen Wildnis etwas Luxus gönnen will, ist im Distinction Te Anau gut aufgehoben. Ab etwa 300 NZ$ pro Nacht. distinctionteanau.co.nz

Motels
In Te Anau gibt es über ein Dutzend Motels. Zum Beispiel: alpineview motel.co.nz, ab 120 NZ$ p.P.

Die Reisetipps des Autors Alex Krapp:

Wandern am Sound
Mein Tipp für alle, denen es am Milford Sound zu touristisch ist: Vom Parkplatz vor dem Homertunnel (km 98 der Milford Road) gelangt man steil und drahtseilgesichert zum aussichtsreichen Gertrude Saddle. 4–6 Stunden, 600 Hm.

Gunn's Camp
Ein kurioses Museum, das die Geschichte der Region beleuchtet, findet sich bei Gunn‘s Camp an der Hollyford Road. Übernachtungsgäste finden in einer der aus den 30er-Jahren stammenden Cabins Platz. gunnscamp.org.nz

Kajaktripps
Nichts liegt näher, als auf dem Milford Sound eine Runde mit dem Kajak zu drehen. Wer es weniger belebt mag, paddelt für ein oder mehrere Tage durch den benachbarten Doubtfull Sound. Zum Beispiel mit goorangekayaks.co.nz

Wings und water
Der Himmel über dem Milford Sound brummt vor Sightseeing-Flügen. Schöner und weniger belastend für Wanderer am Boden ist ein Flug über die unbekannte Seite Fiordlands mit dem Wasserflugzeug von wingsandwater.co.nz. Start am Pier von Te Anau.

Der Milford Track gehört sicher zu den schönsten Wanderwegen der Welt:

03.01.2017
Autor: Alexander Krapp
© outdoor
Ausgabe 11/2016