Hüttentour rund um den Wilden Kaiser

Kaiserkrone: Trekking am Wilden Kaiser

Foto: Moritz Attenberger

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Fünf Tage lang führt eine wunderbare Hüttentour Bergwanderer um die Felswände des Wilden Kaisers in Tirol: Die Kaiserkrone ab Going.

Eine Alm auf grüner Wiese, bewaldete Hügel, ein enges Tal. Darüber: Flanken aus Stein, gezackte Grate, kompakte Wände, Türme, Spitzen, unterbrochen von geröllbeladenen Rinnen. Vererbt von meinen Großeltern, hängt in meinem Wohnzimmer ein Bild von Maler Hans Schindler, das diese mir bis dato unbekannte Landschaft zeigt. Heute, auf der Gaudeamushütte, stehe ich fasziniert vor einem ähnlichen Kunstwerk. Anderer Pinselstrich, anderer Künstler, gleiches Motiv. "Das ist die Nordseite des Wilden Kaisers, da wurde Klettergeschichte geschrieben. Und wird noch", sagt mein Begleiter, der Fotograf und passionierte Kaiser-Kletterer Moritz Attenberger. Bekannter ist allerdings die Südseite des Gebirges, auf der auch wir uns befinden. Dort liegen die Tiroler Orte Ellmau, Going, Scheffau und Söll – und bieten perfekte Blicke auf das 20 Kilometer lange Massiv, in dem sich die Steingipfel in Ost-West-Richtung aneinanderreihen. Der höchste unter ihnen heißt Ellmauer Halt (2344 m). Alpinisten haben es am "Koasa", wie ihn die Tiroler nennen, nicht leicht: meist schwierig und ausgesetzt sind die Routen im Dolomit. Keine Gondel und keine Bahn dringen in diese Welt vor. Doch es gibt noch eine zweite Seite: Unterhalb der Felsmauern umgibt das Massiv ein Gürtel aus Bäumen und Sträuchern, plätschern Bäche und Wasserfälle, durchziehen zertifizierte Wanderwege für Familien die Landschaft und erlauben spektakuläre Blicke nach oben.

Die Kaiserkrone bietet sechs Alternativstrecken

Mitten durch diese Übergangszone von Grün zu Grau verläuft die "Kaiserkrone" rund um das Gebirge. Der erst kürzlich erschaffene Weg verbindet die alten Pfade des "Koasa" zu einer Rundtour und führt in fünf Tagen auf 65 Kilometern und 5000 Höhenmetern unterhalb der imposanten Kletterwände vorbei. Der Start liegt bei Going. Zunächst führt der Weg durch Wald und Wiesen hinauf zur Gruttenhütte. Am zweiten Tag geht es zum Hintersteiner See und nach einer weiteren Nacht entlang der Nordseite zum Stripsenjochhaus. Am vierten Tag leitet ein Bergrücken bis hinab nach Griesenau, die letzte Etappe schließt den Kreis von der Ostseite zurück nach Going. Wege, Wolken, Wassertropfen – zum Auftakt versperren graue Schleier und dichte Wattebäusche den Blick nach oben. Obwohl die Etappe offiziell erst an der Gruttenhütte endet, kehren viele schon vorher ein – auf der Gaudeamushütte. "Megts a Schnapsal?" begrüßt uns dort die lustige Wirtin Anni Leichtfried in feinstem Tirolerisch.

Am nächsten Morgen folgt die technische Crux: das Klamml – eine felsdurchsetzte Steilstufe, über die ein schmaler Steig führt. Schweiß, Steine, Serpentinen – schweigend wandern wir entlang des nassen Pfads, begleitet von Wolken, die langsam die Geröllhänge hinaufziehen und sich an den Türmen brechen. Die Karte verrät: Das Klamml liegt in Falllinie des Ellmauer Tors, eines großen und breiten Sattels auf dem Hauptkamm. Seine Rinne trennt den Zentralkaiser vom Ostkaiser. Von den Talorten Ellmau oder Going aus betrachtet, bildet es eine deutliche Einkerbung. Plötzlich verziehen sich die Wolken, und die Sonne knallt mit aller Wucht auf uns herab.

Foto: Moritz Attenberger

Autor Güntner und Fotograf Attenberger geben auf der Kaiserkrone alles.

Die perfekte Zeit für eine Rast auf der Steiner Hochalm und ein Radler, zu dem Wirt Peter Tiroler Lieder und Harfenlaute serviert. Ab hier begleitet uns heute Marcus Sappl, seines Zeichens ehemaliger Hüttenwirt, Routenerschließer, Tourismus-Manager, Wanderführer und was nicht noch alles. Beschwingt stolpern wir weiter, schauen sehnsüchtig nach unten zum grün schimmernden Hintersteiner See. Marcus führt uns über den Jägersteig, eine Alternativroute, zu unserem Etappenziel. Die Kaiserkrone besteht nicht nur aus einem Weg: sechs Alternativen gibt es entlang der Strecke. Zudem verfügt sie neben dem offiziellen über noch sechs weitere Zu- und Abstiege, sodass sie beliebig begonnen und beendet werden kann. "Weißt du, dass eine der Alternativen direkt am Schleierwasserfall vorbeiführt?" fragt Marcus. Meine Augen leuchten: In dem Klettergarten unterhalb des Wasserfalls trifft sich die Sportkletterelite von Alex Huber bis Adam Ondra. Hubers "Open Air" (XI+) gehört zu den forderndsten Routen weltweit. Aber auch die Locals langen zu: Markus Bendler durchstieg 2004 als Erster "Mongo" (XI). Am Ende des Tages erreichen wir endlich den Hintersteiner See und das "Wandererhäusl". Schwimmen, Sonne tanken, schlemmen.

Foto: Moritz Attenberger

Im Sommer bietet der Schleierwasserfall Wanderern Erfrischung.


Bevor wir über eine Leiter und eine kleine Klippe in den Wald absteigen, posieren **Maukspitze (2231 m)** und **Ackerlspitze (2329 m)** ein letztes Mal majestätisch im Schein des Sonnenuntergangs. Kaiserlich eben. Wenig später stehen wir vor einer 60 Meter hohen, weit überhängenden Wand, über die der Schleierwasserfall schießt. Der "Schleier" ist jener berühmte Klettergarten, den mir Marcus Sappl empfohlen hat. Von der Szenerie gepusht, versuche ich mich in meinen Wanderschuhen am Einstieg von "Überraschung" – als 8+/9- mir allerdings deutlich zu schwer. So bleibt nur ein Bad in der Gumpe unterhalb des Wasserfalls. Trinken, trödeln, heißer Tag. Auf dem Abstieg nach Going bewundern wir den "Koasa" noch einmal aus der Ferne. **Seine neue Krone steht ihm wirklich hervorragend**.

Reisetipps für den Wilden Kaiser

Hinkommen
Von München geht es per Auto über
die A 8 und A 93 Richtung Innsbruck. Bei Kufstein verlässt man die Autobahn und fährt bis Going. Bahnreisende steigen in Wörgl aus und nehmen anschließend den Postbus 4060 nach Going.

Herumkommen
Die vier Talorte Ellmau, Going, Scheffau und Söll reihen sich von West nach Ost aneinander. Am besten kommt man mit dem PKW herum. Neben Postbussen verkehrt von Mai bis Oktober auch der Kaiserjet, ein Wanderbus.

Beste Zeit
Zwischen Juni und Anfang Oktober hat man die besten Chancen auf gutes Tourenwetter. Funktionsbekleidung und bergfeste Stiefel braucht man natürlich trotzdem. »Anforderung Die Kaiserkrone erfordert Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und vor allem am dritten Tag einige Kondition. Der technisch schwierigste Teil kommt gleich auf der ersten Etappe: das sogenannte Klamml zwischen der Gaudeamus- und der Gruttenhütte. Diese Felsstufe ist gut mit Seilen gesichert, zur Not lässt sie sich aber auch umgehen.

Orientieren
Wanderführer: Wilder Kaiser, Rother Bergverlag, 14,90 Euro; Karte: Alpenvereinskarte 8, Kaisergebirge, 9,80 Euro

Schlafen

In Going
Das familiengeführte Hotel Adelsberger‘s Bergland liegt etwas außerhalb von Going inmitten weiter Wiesen. Gemütliche Zimmer und leckeres Essen helfen bei der Erholung. Auch ein Badesee ist nah. DZ mit Halbpension ab 47 Euro, EZ ab 45 Euro. adelsbergers.at

In Scheffau
Unweit des Hintersteiner Sees liegt der Biobauernhof Hagenhof mit seinen ruhigen Zimmern und einer heimeligen Gaststube. Die Küche hat sich auf Bioprodukte und vegetarischer Kost spezialisiert. Preis pro DZ 45 Euro/Person mit Halbpension. Auch zwei Juniorsuiten gehören zum Angebot, ab 55 Euro. Im Netz zu finden auf hagenhof.com

In Ellmau
Das Aktivhotel Hochfilzer bietet Gästen eine Bade- und Saunalandschaft zum Entspannen. DZ mit Halbpension ab 75 Euro, Apartments ab 82 Euro, Hunde kosten 5 Euro pro Tag extra. hotel-hochfilzer.com

In Söll
Wer Ruhe und Natur schätzt, ist im Landhaus Strasser richtig. Alle Räume sind liebevoll und individuell eingerichtet. Müden Sportlern helfen die Massageangebote wieder auf die Beine. DZ mit Frühstück ab 44 Euro. landhaus-strasser.at

Essen

Tiroler Spezialitäten
Regionale Produkte, Tiroler Schmankerl und ein uriges Ambiente machen den Charme des Gasthofs im Biohotel Stanglwirt in Going aus. Preise etwas gehoben. stanglwirt.com

Burritos in den Alpen
Freunde der amerikanischen Küche besuchen die Cantina Bar Mexikan in Ellmau. Freundliche Bedienung, große Portionen und eine reichhaltige Karte gehören dort zum Standard. Besonders empfehlenswert sind die zwar nicht mexikanischen, aber feinen Burger. mexican.at

Aus der Region
Im Gasthaus Jägerwirt in Scheffau treffen sich Tradition und Moderne: Fast alle Zutaten stammen aus der Region, auf Geschmacksverstärker verzichtet man. Das Konzept hat den Wirten den zweiten Platz beim Tiroler Jungunternehmerpreis eingebracht. jaegerwirt-scheffau.at

Autorentipps von Franz Güntner

Würzige Kürze
Die Kaiserkrone macht auch an einem verlängerten Wochenende Spaß. Mein Tipp: Von Going über den Hintersteiner See bis nach Scheffau, von dort mit dem kostenlosen Wanderbus wieder zurück zum Ausgangspunkt.

Das ist der Gipfel
Wer nach der Kaiserkrone Lust hat, einen Gipfel auf eigene Faust zu erklimmen, versucht sich am besten an der Hinteren Goinger Halt (2192 m): Sie gilt als einfachster Kaisergipfel, Auf- und Abstieg dauern etwa 5,5 Stunden. maps. wilderkaiser.info

Filmreif
Fans der ZDF-Serie »Bergdoktor« können die Drehorte am Wilden Kaiser besichtigen – die Episoden werden dort produziert. Verschiedene Touren führen zu den Schauplätzen. Veranstaltungen finden
sich auf wilderkaiser.info

Zum Wasserfall
Bergfexe wählen auf der letzten Etappe der Kaiserkrone die »Alternativroute Schleierwasserfall«. Die Tour führt am berühmten Klettergarten mit seinem 60-Meter-Wasserfall vorbei. Zurück nach Going-Hüttling auf Weg 818.

08.04.2016
Autor: Franz Güntner
© outdoor
Ausgabe 04/2016