Wandern im Grödnertal - Dolomiten - Langkofel

Rund um den Langkofel - Wandertipps

Foto: Ralf Gantzhorn Dolomiten - Langkofel

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Von welcher Seite man sich dem Langkofel auch nähert: Das kleinste Massiv der Dolomiten fasziniert stets von Neuem.

Berge sind wie Gesichter: Je nach Blickwinkel überraschen sie mit anderen Details. Der Langkofel, mit 3181 Metern der höchste Berg oberhalb des Grödnertals, bildet da keine Ausnahme. Weltbe­ rühmt ist seine Ansicht von der Seiser Alm. Über den weiten Wiesen der größten Hochweide Europas mit ihren Blumenmatten und uralten Zirbelkiefern ragt wie eine gigantische mittel­ alterliche Trutzburg das Massiv des Berges. Links der vieltürmige Hauptgipfel, rechts die markant schräg gestellte Flanke des Plattkofels – dazwi­schen unendlich viele Zinnen und Zacken, bes­tens herausmodelliert im flach einfallenden Licht bei Sonnenuntergang.

Vom gegenüberliegenden Grödnerjoch be­trachtet,versperrt die ungeheure, fast zwei Kilo­meter breite und über 1000 Meter hohe Berg­mauer die Sicht nach Süden. Und noch eine dritte Ansicht des Gebirgsstocks überwältigt: die vom Sellapass, von Osten aus. Drei Gipfel präsen­tieren sich dem Wanderer von dort. Rechts der Langkofel von seiner Schmalseite, links die Grohmannspitze und in der Mitte die Fünffin­gerspitze.

»Der Sage nach stellt sie die Hand ei­nes Riesen dar. Eines Riesen namens Langkofel, der die Gegend rund um den Sellapass bewohnt haben soll«, erklärt Wirtin Edith von der Toni­ Demetz-Hütte, einer zwischen Langkofel und Fünffingerspitze gelegenen und seit 1954 fami­ liengeführten Schutzunterkunft. Allerdings war dieser Riese wohl ein echter Schelm und Dieb, der nur Streiche im Sinn hatte. Anfangs nahmen ihm die Nachbarn seine Beu­tezüge nicht allzu übel. Doch als er sich zum drit­ten Mal an einem fremden Hühnerstall vergriff, verurteilte ihn der Hohe Rat der Riesen zu einem Dasein im Erdinneren – und das bis heute. Nur seine in den Himmel ragende Hand erinnert noch an ihn: die Fünffingerspitze.

So prägnant der Langkofel auch ist – die Aus­dehnung des Massivs hält sich in Grenzen. Als kleinstes aller Dolomitenmassive lässt es sich lo­ cker innerhalb eines Tages umwandern. Sechs bis sieben Stunden benötigt ein gut trainierter Wan­ derer dazu. Die Natur wirklich wahrnehmen fällt bei solch einem Spurt aber wohl eher schwer.Wer also nicht hetzen, sondern lieber genießen möch­ te, für den empfiehlt sich ein Zwischenstopp mit Übernachtung auf der Langkofelhütte.

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Foto: Ralf Gantzhorn Dolomiten - Langkofel

Start am Sellapass im Osten des Langkofels

Gestartet wird in der Regel am Sellapass im Osten des Langkofels. Man erreicht den Pass mit dem Auto, und damit wären dann auch schon sämtliche Höhenmeter von Relevanz geschafft. Die Runde verläuft gegen den Uhrzei­gersinn und führt zunächst durch die sogenann­te »Steinerne Stadt«, ein ehemaliges Bergsturz­ gebiet. In grauer Vorzeit scheint der Riese Langkofel sich hier geschüttelt zu haben. Die Steine sind ihm dabei wohl wie Schuppen aus den Haaren gefallen. Dutzende von Felsblöcken aller Größenordnungen liegen hier herum, da­ zwischen genießen zahlreiche Familien ihr Pick­nick, und Kletterer ziehen sich an gut eingebohr­ten Routen die Finger lang.

Eine halbe Stunde später rückt die erste Hütte in Sicht, das Rifugio Comici. Die Hütte trägt den Namen von Emilio Comici, einem in Triest geborenen Kletterer, den sie früher mal den »König des sechsten Grades« genannt haben. Der sechste Grad stellte in den 30er Jahren gemäß offizieller Definition die »Grenze des menschlich Möglichen« dar. Emilio Comici muss also ein guter Kletterer gewesen sein – und er hat der kletternden Nachwelt auch am Massiv des Langkofels einige Linien hinterlassen. Die Bewohner im Grödnertal mochten ihn trotzdem nicht besonders. Ihrer Ansicht nach war er wohl auch ein sehr guter Selbstdarsteller. Hinter der Comici-Hütte wird der Weg schmaler, zumindest wenn man die Variante a der Nummer 526 auf der Karte wählt. »a« wie abwechslungsreich.

Ohne große Höhenunterschiede schlängelt sich der Pfad direkt am Fuße der Riesenmauer des Langkofels entlang. Fast ohne Schutt, was wiederum sehr für die gute Felsqualität im oberen Teil des Gemäuers spricht. Weiter geht es durch eine große Höhle. Dahinter finden sich am Fuße einer Rinne auch noch im frühen September beeindruckende Mengen Altschnee. Mutige krabbeln in die vom Schmelzwasser geschaffenen Eisgrotten hinein und bekommen braunblaugrauweiß leuchtende Gebilde mit Gittermustern an der Decke zu sehen.

Foto: Ralf Gantzhorn Dolomiten - Langkofel

Die Langkofelhütte - Rifugio Vicenza

Nach etwa zwei Stunden knickt der Pfad am Piz Ciaulong nach Süden ab und führt hinein in einen schütteren Lärchenwald mit Zirbelkiefern. Einige uralte Exemplare, eigenwillig verformt von Wind und Wetter, stehen am Wegesrand. Wer davon nicht genug bekommen kann, sollte an dieser Stelle in den Confinboden im Langkofelkar absteigen, sich auf die Wiese legen, einen Moment entspannen und dem Rauschen des Windes in den Wipfeln zuhören: als würden die Bäume Geschichten erzählen. Auf der Hälfte des Rundweges gelegen, unterhalb einiger steiler Felswände, steht seit über 100 Jahren ein gedrungener Bau mit grün-weißen Fensterläden – die Langkofelhütte, auf Italienisch Rifugio Vicenza. Hüttenchef Walter Piazza erzählt:

»Die erste Hütte wurde schon vor 1900 gebaut. Weil sie ungünstig lag, hat sie eine Lawine ins Tal gefegt. Darauf hat die Wiener Sektion des Alpenvereins eine größere Hütte in sicherer Lage hingestellt.« Bis heute hat sich kaum etwas an der Hütte verändert. Weder die beiden Weltkriege noch die Unbilden der Natur haben dem Bau etwas anhaben können. Auch der Wirt Walter Piazza scheint so etwas wie der Fels in der Brandung zu sein. Seit über 30 Jahren lässt er sich von der Hektik einer am Wochenende häufig ausgebuchten Hütte nicht anstecken und verwöhnt seine Gäste in der Stube mit Speck, Carne Salada und Zirbenschnaps. Viele finden ihren Weg zur Hütte durch die schluchtartige, schuttreiche Langkofelscharte, ebenfalls eine sehr empfehlenswerte Tour. Sie beginnt an der Toni-Demetz- Hütte – über die Seilbahn vom Sellapass zu erreichen. Über den Weg 526 geht es von dort wieder zurück zum Ausgangspunkt am Sellapass.

Foto: Ralf Gantzhorn Dolomiten - Langkofel

Tourentipp: Oskar-Schuster-Steig

Die schönste Tour, ausgehend von der Langkofelhütte, ist der Oskar-Schuster-Steig durch die Ostwand des Plattkofels. Der Mediziner Oskar Schuster stammte aus Sachsen und hat dort zum Ende des 19. Jahrhunderts die Entwicklung des Freikletterns maßgeblich gestaltet. Wer vom Freiklettern im Elbsandsteingebirge gehört hat, weiß, worauf die Sachsen Wert legen: Die Natur soll unberührt bleiben. Ein hohes Maß an Eigenverantwortung für Leib und Leben wird erwartet. Dieser Maxime entsprechend finden sich auch im Oskar-Schuster-Steig nur wenige Drahtseile und Eisenleitern. Doch auch wenn die Tour offiziell unter dem Sammelbegriff Klettersteig einsortiert wird, handelt es sich um eine für jeden berggängigen Menschen lösbare Aufgabe.

Die 1896 eingerichtete Linie gilt als eine der ersten künstlichen Steiganlagen im Gebirge. Wenn zu viel Schnee liegt, was auch im Dolomitensommer vorkommen kann, sollten Wande- rer den Steig aber meiden und stattdessen den Rundweg fortsetzen. Der fordert jetzt etwas Beinarbeit: Der längste Aufstieg der Runde steht an. Fast 400 Höhenmeter hinauf zum Piz da Uridl gilt es zu überwinden, angesichts der deutlich höheren Berge in der Umgebung eine relativ angenehme Herausforderung. Danach geht es über Wiesen hangparallel zur Plattkofelhütte – und in eine andere Welt: Gleicht die Langkofelhütte eher einer Museumseisenbahn, erinnert die Unterkunft am Plattkofel an einen modernen ICE.

Im letzten Abschnitt folgt die Runde dem?Friedrich-August-Weg, benannt nach dem Sach-?senkönig, der zwischen 1904 und 1914 im nah gelegenen Seis seine Sommerferien verbrachte – und das wohl eher entspannt: Fast ohne Höhenunterschied leitet der Weg mit besten Blicken auf die Marmolada,die Pala-Gruppe und die Sella-Gruppe zurück zum Start am Sellapass. Wer jetzt noch ein bis zwei Tage Zeit mitbringt, für den empfehlen sich Wege nördlich des Grödnertals am Col Raiser, wie der wunderschöne Almenweg zur Brogleshütte oder für Fortgeschrittene ein Marsch auf den Sass Rigais – ein Dreitausender. Von dort offenbart sich ein Ausblick, der sich am besten mit den Worten von Wolfgang Ambros zitieren lässt: »Groß und mächtig, schicksalsträchtig, um seine Gipfel jagen Nebelschwaden.« Auf zum Langkofel!

Die wichtigsten Reiseinfos zum Langkofel

Hinkommen
Mit dem Zug geht es bis nach Brixen oder Bozen. Von dort pendelt mehrmals täglich ein Bus ins Grödnertal (Busgesellschaft SAD, Tel. 0039/0471450111, sad.it). Wer das Auto bevorzugt, nimmt die Route über den Brenner bis zur Abfahrt »Klausen/Gröden«. Von dort erreicht man über die Höhenstraße nach etwa 20 Minuten den Ort St. lrich und wenig später St. Christina und Wolkenstein.

Herumkommen
Das öffentliche Verkehrsnetz ist im Grödnertal erstaunlich gut ausgebaut. Innerhalb des Tals und zum Sellajoch fährt die Busgesellschaft SAD (sad.it). Für Ziele außerhalb des normalen Services gibt es lokale Taxi- und Busunternehmen wie Taxi & Bus Gardena. Tel. 0039 047?1796544, taxi-busgardena.com

Beste Jahreszeit
Der Langkofel und die Wanderungen drum herum sind ein klassisches Sommerziel. Ende Juni bis – je nach Schneeverhältnissen – Anfang Oktober eignen sich am besten.

Orientieren
Tabacco-Karten Blatt 05, Gröden/ Val Gardena, Seiser Alm/Alpe di Siusi, 1:25000, 10,90 Euro

Informieren
Dolomiten 1, Hauleitner – 52 Touren, Rother 2017 (11. Auflage), 14,90 Euro und Klettern in Gröden, Bernadi, Athesia Verlag 2012, 24 Euro

Touristeninformation
Dolomites Val Gardena, valgardena. it, Tel. 0039/(0)471777777. Vor Ort mit B ros in St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein.

Foto: Ralf Gantzhorn Dolomiten - Langkofel

Restaurants & Unterkünfte am Langkofel

Almhotel Col Raiser
Ein Ort zum Verlieben – und Verweilen! Neben Wellness mit Blick auf den Langkofel bietet Hans Schenk, Chef des Almhotels Col Raiser, auch noch ein kleines Museum. Das Hotel ist außerdem Ausgangspunkt für Touren auf den Sass Rigais und zur Brogleshütte. Almhotel Col Raiser, Tel. 0039/(0)471796302, colraiser.com, Halbpension pro Person ab 90,00 Euro.

Gasthof Stua Catores
Oberhalb von St. Ulrich mit herrlichem Blick auf den Langkofel führt die Familie Nocker-Gschnitzer eine gemütliche Pension, Tel. 0039/ (0)471796682, stuacatores.com. Preise ab 76 Euro pro Person im schönen Doppelzimmer mit Frühstück.

Hütte Rifugio Vicenza
Perfekt gelegen im Herzen des Langkofelmassivs und schön urig ist die Langkofelhütte, auf Italienisch Rifugio Vicenza – die willkommene Zwischenstation auf dem Weg rund um den Langkofel. rifugiovicenza.com, Tel. 0039/(0)471792323, Handy 0039/335 6279567 oder info@langkofelhuette.com

Nord-Süd-Delikatessen
Südtiroler Küche vereint kunstvoll deftige Schmankerl mit italienischer Leichtigkeit. Klarer Favorit in Sachen Kulinarik: das Almhotel Col Raiser inklusive der großartigen Aussicht auf das Massiv des Langkofels. Ein Gläschen Wein auf der Terrasse, ein Apfelstrudel zum Nachtisch – ein echter Traum! Almhotel Col Raiser, Ciaulonch 22, 39047 Santa Christina, Tel. 0039/ (0)471796302, colraiser.com

Pizza Speciale
Wenn man zurück ins Tal kehrt, entpuppt sich eine feine Pizza immer als eine gute Idee. Vor allem, wenn sie wie in der Pizzeria Cascade frisch aus dem traditionellen Holzofen kommt. Str. Promenada 1, 39046 St. Ulrich, Tel. 0039/(0)471786465, gardenahotels.com

Vier-Gänge-Menü
Schon Generationen von Kletterern übernachteten hier und genossen das Vier-Gänge Menü nach der Tour. Ein Hefeweizen macht den Abend perfekt. Rifugio Carlo Valentini, Passo di Sella 2218 m, 38032 Canazei, Tel. 0039/3398482308

Tipps von Reisejournalist Ralf Gantzhorn

Auf der Alm

Die Seiser Alm ist die größte Hochalm Europas und bietet einen überwältigenden Ausblick auf den Langkofel. Ein Traumort zum Übernachten und genießen ist das mitten auf der Seiser Alm gelegene Sporthotel Sonne, Piz 6, 39040 Alpe di Siusi, Tel. 0039/(0)471-727000, sporthotelsonne.com. Die Preise für Halbpension beginnen bei 105 Euro pro Person.

Warmer Ofen

Spektakulärer kann eine Hütte kaum liegen als die Toni-Demetz-Hütte in der Felskulisse der Langkofelscharte. Ihre Existenz verdankt sie einem tragischen Unfall: Mit 20 Jahren verunglückte Toni Demetz 1952 am Langkofel. Sein Vater errichtete daraufhin eine Schutzhütte, um Bergsteigern eine Notunterkunft zu bieten. tonidemetz.it

Kletter-Paradies

Die Steinerne Stadt ist das Ergebnis eines gewaltigen Felssturzes in der Südostflanke des Langkofels. Ihre Felsblöcke von winzig klein bis hausgroß bieten unzählige Sportkletter- und Boulderrouten in allen Schwierigkeitsgraden. Dank der Nähe zum Sellapass hervorragend zu erreichen.

Auf den Gipfel

Der Normalweg auf den Langkofel ist schon ein echter alpiner IIIer. So richtig zum Erlebnis wird er mit einer Nacht in der Biwakschachtel knapp unter dem Gipfel – so kann man zum Sonnenunter- und -aufgang ganz oben sein. Topo in »Klettern in Gröden«, Athesia Verlag.

Weitere Tourentipps:

Ausrüstung:

18.05.2018
Autor: Ralf Gantzhorn
© outdoor
Ausgabe 02/2018