Trentiner Bergtraum: Fünf Traumtouren in der Lagorai

Geheimtipp Lagorai: Ciao Bella!

Nirgendwo sind die italienischen Alpen so schön und so einsam zugleich wie in der Lagorai. Lesen Sie, welche Wandertouren am meisten lohnen.

Knapp vier Autostunden südlich von München liegt eines der schönsten Wandergebiete der Dolomiten: die Lagorai. In der 30 Kilometer langen Bergkette östlich der italienischen Stadt Trient scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Unberührte, wilde Landschaften und verwunschene Täler erinnern an eine Welt vor unseren Tagen. Stille Pfade führen den Wanderer durch duftende Nadelwälder, vorbei an glitzernden, tiefblauen Bergseen und hoch auf Zweitausendergipfel, von denen man bis zu den Felszitadellen der Kalkdolomiten im Südwesten blickt. Bloß: Wer kennt schon die Lagorai?

»Hier kommen nur wenige Urlauber hin«, berichtet Elio Gonzo, der Wirt der Caldenave-Hütte. Hohe Granitfelsen schirmen das Steingebäude ab, das mit der Holzterrasse und den hellbraunen Fensterläden eher wie ein rustikales Wohnhaus aussieht als eine Berghütte auf knapp 1800 Höhenmetern. Gleich nebenan plätschert ein Bach und spiegelt die untergehende Sonne. Im Nordosten ragt die Cima d‘Asta in den Himmel, mit 2847 Metern der höchste Berg der Region. Doch selbst dieser Koloss aus Granit verliert im weichen Licht an Strenge – an lauen Sommerabenden strahlt der Gipfel Frieden aus.

Gegenüber, getrennt durch ein sanft auf- und abschwingendes Tal, liegen die Berge der Lagorai-Kette. Geologen unterscheiden sie von der Cima d‘Asta, weil sie nicht aus Granit, sondern aus schimmerndem Porphyr bestehen. Für den Wanderer gehören die beiden Massive aber zusammen. Sie bilden ein Revier, das zu den wenigen verbliebenen Geheimtipps der Südalpen zählt, mit einer weitgehend sich selbst überlassenen Natur und einer bewegten Vergangenheit.

Dass nur wenige Gäste an den Tischen der Hütten sitzen, liegt weder an den freundlichen Wirten oder an den italienischen Köstlichkeiten, sondern einzig an der mangelnden Bekanntheit der Region. »Die meisten Wanderer fahren lieber an den Gardasee oder in die prominenteren Gebiete der Dolomiten«, erklärt Elio Gonzo. Sie wissen nicht, was ihnen entgeht: Gerade das Rifugio Caldenave liegt an einem traumhaften Trekkingweg, der Alta Via del Granito. Über drei Tage schlängelt er sich auf einsamen Pfaden, durch verträumte Täler und unter scharf geschnittenen Granitzacken entlang. Am ersten Tag führt er zur Brentari-Hütte, die unmittelbar unter dem Gipfel der Cima d‘Asta wartet. Der Aufstieg hat es in sich: Über 1000 Meter Höhenunterschied sind zu überwinden. Doch es lohnt jeder Schritt.

Foto: Ben Wiesenfarth Lagorai Wandern Trekking

Das letzte Stück Weg zur Brentari-Hütte fordert den Waden einiges ab.

Durch lichten Lärchenwald und leuchtend grünen Farn zieht der Wanderer, und während er bergan steigt, sieht er schon die vielfach zerklüfteten Granitspitzen des Asta-Massivs aufragen. Immer höher windet sich der Weg, bis die Bäume lichter stehen. Jenseits der Waldgrenze blühen in Juni und Juli rot die Alpenrosen auf den Hängen, durchsetzt von groben, flechtenbewachsenen Felsblöcken. In der Luft liegt der erdige Duft der Berge, und die ganze Zeit über begleitet einen das aufregende Gefühl, allein in dieser wilden Landschaft unterwegs zu sein.

Zum Finale geht es steil und weglos über vom Wasser geformte Platten aufwärts, während das Wasser in großen Kaskaden dem Tal entgegenrauscht. Nach gut vier Stunden ist endlich die Brentari-Hütte in Sicht, umgeben von rosa-grau schimmerndem Granit. Hinter dem Rifugio funkelt der je nach Licht mal dunkelblaue, mal stahlgraue Lago di Cima d‘Asta – ein Bild von beinahe kühler Schönheit. Wer von der Brentari-Hütte noch auf den Gipfel der Cima d‘Asta will, muss Wadenkraft für 400 Höhenmeter mehr mitbringen: der Weg zum Gipfelkreuz beginnt oberhalb des Sees. Von oben überblickt man die ganzen Dolomiten, bei extrem klarem Himmel sieht man sogar das Mittelmeer.

Doch auch die Cima d‘Asta selbst ist einen Anblick wert. Es lohnt sich, am nächsten Morgen früh aufzustehen, um sie im ersten Licht gold schimmern zu sehen – ein Schauspiel, das umso stärker wirkt, weil sich die umliegenden, kaum weniger wuchtigen Berge bläulich hinter der Cima d‘Asta abzeichnen.

16.09.2010
Autor: Kathrin Wüst
© outdoor
Ausgabe 09/2010