Lykische Küste: Türkei mit dem Segelboot erkunden

Segeltörn an der türkischen Küste

Die lykische Halbinsel in der Türkei ist ein Paradies für Wanderer und Mountainbiker. Wer sein Basislager auf einem stilechten Holzboot bezieht, der nähert sich dem Landstrich von seiner schönsten Seite aus: vom Wasser.

Wie ein goldgelbes Fladenbrot steht der volle Mond über dem duftenden Ried im Delta des Dalyan. Zikaden zirpen ihre ohrenbetäubende Serenade, und vor den nachtschwarzen Felsen der Küste strahlen die mit Flutlichtern beleuchteten Gräber der Karer so hell, als wären sie erst gestern und nicht schon vor 2400 Jahren aus dem gelbroten Fels geschlagen worden. Behäbig tuckert das Motorboot, dessen Steuermann sich mit schlafwandlerischer Sicherheit seinen Weg durch das Schilflabyrinth sucht. Normalerweise bringt er Badegäste vom Kai des Touristenfleckens Dalyan an den Strand, der dem Rieddelta vorgelagert ist. Doch heute Nacht lässt er den Sandstreifen achtern liegen und hält mit seinen elf Passagieren, die erst vor ein paar Stunden am nahe gelegenen Flughafen gelandet sind, auf die Positionslichter eines Schiffes zu.

Im Schutz einer vorgelagerten Insel schaukelt die Ugur Kaan in der Dünung. Der etwa 30 Meter lange Zweimaster ist einer von unzähligen Schiffen ähnlicher Bauart, die schon seit hunderten von Jahren vor der heutigen türkischen Mittelmeerküste kreuzen – und hier landläufig »Gulet« genannt werden. Transportierten die hölzernen Handelssegler früher Oliven, Amphoren mit Wein und andere Güter, fassen ihre geräumigen Rümpfe heute vornehmlich Urlauber. Das Innere der Ugur Kaan ist mit acht Doppelkabinen mit jeweils eigenem Badezimmer ausgebaut.

Foto: Ben Wiesenfarth Türkei Lykische Küste Wandern

Wer nicht ganz sicher im Sattel sitzt, sollte auf Schotter langsam fahren.

Die nächsten Tage über wohnt hier eine Gruppe, die mit ihrem Guide Marcin die lykische Halbinsel per Bike und zu Fuß erkunden will. Diese Aufgabe erledigt die Ugur Kaan mit einer Besatzung von nur drei Mann: Kapitän Horaz, seinem Sohn Mehmet und Naim, dem Koch, der in den Wintermonaten als Schiffbauer bei Maramis arbeitet. Der Kapitän, ein Mann vom Körperbau und der Behäbigkeit eines Efraim Langstrumpfs, ist ein Gentleman alter Schule und rückt den Damen beim Abendessen schon einmal den Stuhl zurecht. Danach zieht er sich zurück, während die Gäste auf dem Achterdeck die Reis-Gerichte genießen, die Naim in der Kombüse gezaubert hat, und schaut zusammen mit der übrigen Besatzung in der Messe ein wenig Fußball.

Es hat etwas von einer kleinen Invasion, als Kapitän Horaz am nächsten Morgen nach etwa einer Stunde Fahrt das Dingi der Ugur Kaan zu Wasser lässt und Mehmet nach und nach ein knappes Dutzend behelmte Radfahrer in Mountainbike-Montur am Strand aussetzt, ungläubig von brezelbraunen Badegästen bestaunt. Im Gegensatz zu vielen anderen Orten am Mittelmeer ist die lykische Küste von hässlichen Hotelburgen größtenteils verschont geblieben. Selbst Orte wie Sarigerme mit ihren großen Club-Anlagen fügen sich einigermaßen harmonisch in das Relief der felsigen Küste ein. Gleich hinter dem Strand schlägt Bikern der würzige Pinienduft entgegen, der wie ein schweres Parfüm auf dem Hinterland liegt. Breite Schotterpisten führen durch bewaldete Hügel, später leitet ein bröseliges Teersträßchen entlang von Melonenfeldern in die Kleinstadt Dalaman. Radfahrer sind hier fast immer Touristen, doch erstaunte Blicke bleiben aus, die Freizeitgewohnheiten der Teutonen sind hinlänglich bekannt. Allerorten spricht man deutsch. »Wo kommen Sie her? Ah, Stuttgart, mein Bruder wohnt in Mannheim, ich selbst habe 20 Jahre in Frankfurt gelebt.« Und es beschämt einigermaßen und sagt viel über die Situation von Einwanderern, wenn man selbst nach 20-jähriger Kundschaft in Dönerbuden nicht mal ein türkisches »Hallo«, »Danke« oder »Auf Wiedersehen« über die Lippen bringen kann. Weltoffenheit beginnt eben nicht erst am Flughafen.

11.05.2011
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 04/2011