Allgäu - Oberstdorf - Steinbocktour

Auf Steinbocktour in der Allgäuer Bergwelt

Foto: Christoph Jorda Steinbocktour Allgäu
Bei Oberstdorf im Allgäu führt eine Hüttentour ins Reich des Steinbocks. Bekommen Wanderer die scheuen Tiere auch zu Gesicht? Wir sind von Hütte zu Hütte gewandert ...

Er ist Wappentier, Sternbild, ein begnadeter Kletterer und hat ein mächtiges Gehörn. Sein Ruf als König der Alpen eilt ihm voraus. Capra ibex ibex, wie der Steinbock biologisch korrekt heißt, fühlt sich allerdings nicht in jeder Gebirgsregion zu Hause. Wer ihn in der Natur sehen will, ist mit den Allgäuer Alpen bei Oberstdorf gut beraten. Hier leben so viele dieser Tiere aus der Gattung der Ziegen, dass eine sechstägige Hüttenrunde durch ihr Revier mittlerweile den Namen »Steinbocktour« trägt. Aber nicht nur Steinböcke sprechen für diese Wanderung.

Die Tour führt südlich von Oberstdorf in einem Bogen durch die Allgäuer Alpen und trumpft jeden Tag mit neuen Highlights auf. Bei moderaten Gehzeiten bis fünf Stunden bleibt am Nachmittag noch Zeit für den einen oder anderen Gipfelabstecher, es locken das Kemptner Köpfle (2191 m) mit seinen grünen Grasflanken oder der Muttler (2366 m), der eher aussieht wie eine Kuppe als ein Gipfel. Wer nachmittags lieber entspannt, streift trotzdem en passant die schönsten Passagen des Allgäuer Hauptkamms: etwa den Schrofenpass am Ende des Rappenalptals und das Mädelejoch oberhalb der Kemptner Hütte.

Loading  

TAG 1: 
Steinböcke 0, Kässpätzle 500 Gramm

Bei der Ankunft auf der Fiderepasshütte, als erstem Etappenziel nach einem recht einfachen Aufstieg durch blühende Almwiesen, stellt sich sofort typisches Hütten-Feeling ein: kaum Handy-Empfang, einfaches Lager, leichter Kopf. Die Gedanken kreisen um das Wetter, die nächste Etappe und wann man wohl den ersten Steinbock sieht – Büro und Alltag verblassen. Deftige Kässpätzle und ein Plausch mit den Tischnachbarn beschließen den Tag.

Foto: Christoph Jorda Steinbocktour Allgäu

Um Steinwild & Co. zu beobachten, empfiehlt sich ein Fernglas.

TAG 2
: Steinböcke 0, Steinbockgeschichten 4

Auf der Hütte wird frühes Aufstehen ein Klacks, um halb sieben sammeln sich die ersten Wanderer auf der Terrasse. Die Müdigkeit verfliegt beim Anblick der Berge im Licht der aufgehenden Sonne, selbst die Geröllhalde unter dem östlichen Schafalpenkopf wirkt malerisch. Vom Steinbock, der bei der Mindelheimer Hütte leben soll, hört man viel. »Der ist schon zehn, wohnt da in den Felsen und besucht immer wieder die Hütte«, hat ein Mann beim Frühstück erzählt. »Und er kommt fast auf die Terrasse!« Bis zu 125 Kilogramm könnten solche alten Böcke auf die Waage bringen, rund 15 Kilogramm die imposanten, leicht nach hinten gebogenen Hörner. Die Vorfreude steigt – aber umsonst. Offensichtlich zieht es den Mindelheimer Bock ausgerechnet heute nicht in Hüttennähe.

TAG 3: 
Steinböcke 0, Steinadler 1

Genauso steinbockarm bleibt der nächste Tag. Durch grün bewachsene Berghänge geht es zur Granitsäule am Haldenwanger Eck (1931 m). Sie markiert das Dreiländereck Bayern-Tirol-Vorarlberg. Den Pfad teilen sich Wanderer mit Kühen, die zwischen ihren Weideplätzen wandeln. Der Weg durch den Mutzentobel hinaus Richtung Hütte schlängelt sich steil an der Flanke entlang und verlangt Wanderern Trittsicherheit ab. Für Wanderführerin Susanne Hartmann ist diese Passage das schönste Wegstück auf der ganzen Tour. »Im Mutzentobel beeindruckt mich die steile Kante immer wieder. Und dank der Seilversicherung kann sie jeder ohne Probleme durchwandern«, sagt sie. Über dem Tal kreist ein Steinadler, rundherum ragen die Grate der Schafalpenköpfe auf. Auf der Rappenseehütte angelangt heißt es Füße ausstrecken.

Mit Blick auf den See in grünen Matten und schroffem Fels da- hinter lässt es sich gut aushalten. Nur Capra ibex ibex fehlt zum absoluten Glück. Dass die Enttäuschung steigt, lindern die Erzählungen des Hüttenwirts nur bedingt: Angeblich treibt sich eine Schar junger Steinböcke in der Gegend herum. Die halbwüchsigen Böcke leben in losen Verbänden, erst die älteren Männchen werden zum Einzelgänger. Dass es überhaupt Steinböcke in den Allgäuer Alpen gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Im 19. Jahrhundert war das Steinwild in den Alpen fast ausgerottet. Der Aberglaube, dass Milz, Herz, Blut und die Hörner des Steinbocks unverwundbar machen würden, lockte Wilderer. Nur, weil der italienische König Viktor Emanuel das Steinwild am Gran Paradiso unter Schutz stellte, konnte eine Population überleben. In den 1950er Jahren wurden dann einige ihrer Nachkommen ausgesetzt – und bevölkern nun wieder die Alpen.

Foto: DAV Waltenberger Haus Berghütte Allgäu

Das Waltenbergerhaus (2084m) - DAV Sektion Allgäu-Immenstadt

TAG 4: 
Steinböcke 0, Hütten-Highlight 1

Eine besondere Hütte ist Ziel der vierten Etappe: Das Waltenberger Haus hat in diesem Sommer neu eröffnet, weil das alte Steingebäude die Bestimmungen von Brandschutz und Co. nicht mehr erfüllte. Jetzt erwartet Wanderer in der schroffen Gebirgswelt ein Holzgebäude mit bauchiger Fassade und Flachdach.Trotz Begeisterung über die Bergarchitektur wächst der Frust. Wer glaubt nach vier ereignislosen Tagen noch an eine Begegnung mit Steinwild?

TAG 5: 
Steingeißen 18, Jungtiere 15

Rauer als die bisherigen Etappen zeigt sich der Weg zur Bockkarscharte: graue Schutthalden, steile Felsen darüber. »Da, ich habe was gesehen, ist das ein Steinbock?« Der Ausruf lenkt die Aufmerksamkeit ins grobe Geröll. Köpfe heben sich auf dem letzten Anstieg des Tages, kurz vor dem Mädelejoch. Ein paar Schritte neben dem Weg knabbern, nicht aus der Ruhe zu bringen, zwei größere Tiere und zwei kleinere am Gras. Aber eigentlich erwartet man doch den großen majestätischen Bock mit langen Hörnern! Nach dem kurzen Abstieg in den Wiesenkessel zur Kemptner Hütte bringt Hüttenwirt Martin Licht ins Dunkel: Es müssten Steingeißen gewesen sein, also die Weibchen.

Und dann gibt er Tipps, wo sich die Böcke gerne aufhalten. »Oft kann man nur die Hörner hinter einem Fels herausragen sehen, darauf müsst ihr achten«, sagt er. Spontan streichen einige Wanderer den Muttler-Gipfel – mit 2366 Metern ein potenzielles Schluss-Highlight – von ihrer Liste und begeben sich stattdessen noch einmal auf Steinbock-Pirsch. Über grüne Matten vorbei an wiederkäuendem Allgäuer Braunvieh, der suchende Blick schweift hinauf zu steilen Felswänden und spitz aufragenden Steinnasen.

Und dann, nach einer kleinen Klettereinlage, wird die Hartnäckigkeit endlich belohnt: In einer Senke tummelt sich eine große Herde, Steingeißen und Jungtiere, insgesamt über 30. Immerhin! Den Großteil des Jahres leben die Geißen und der Nachwuchs ohne einen erwachsenen Bock. Beeindrucken lassen sich die Tiere nicht von den Wanderern, sie lugen zwar herüber, scheinen sich ihrer Überlegenheit im Felsgelände aber bewusst zu sein. Voller Übermut »boxen« sich die jungen Böcke, immer wieder fliegt einer, fast ohne den Boden zu berühren,über die Steinhalde. Was für eine Leichtigkeit! Kein Wunder, dass die Tiere als Könige der Alpen gelten. Zurück auf der Kemptner Hütte: Zwischen Alpenrosen und sattgrünen Matten wuseln und pfeifen Murmeltiere. Morgen heißt es Abschied nehmen von den steilen Flanken und schroffen Felsen, den letzten Abend in den Bergen genießt man bewusst.

Foto: Christoph Jorda Steinbocktour Allgäu

Endlich Steinwild! Die Herde besteht aus Geißen und Jungtieren.

TAG 6
: Steinböcke 0, Schneeflocken 1000

»Das gibt es ja nicht!« ruft ein Lagerkollege am nächsten Morgen beim ersten Blick nach draußen. Nein, dies ist kein Hollywood-Film für Kinder, also steht kein märchenhafter Steinbock unter dem Fenster. Aber die Wiesen tragen plötzlich Weiß, und wie mit Puderzucker bestäubt liegt das Mädelejoch unter schweren Wolken. Die Hüttenwirte wundert der Schnee wenig, ein kleiner Wintereinbruch kommt auf über 2000 Metern im August halt manchmal vor. Etwas später erinnern beim Abstieg auch lauter Schneereste der letzten Lawine an die Macht der Natur. Und obwohl der König mit den großen Hörnern sich nicht hat blicken lassen: Eine schöne Safari mit Steinwild, Murmeltieren und Adlern war es allemal.

Reiseinformation zur Steinbocktour

PLANEN
Fakten zur Tour
Die Steinbocktour führt mit Start und Ziel in Oberstdorf als Hüttenrunde durch die Allgäuer Alpen. Sie ist technisch leicht, konditionell mittelschwer und bewegt sich überwiegend auf etwa 2000 Metern Höhe. Die Route berührt den Heilbronner Höhenweg sowie den Europäischen Fernwanderweg E5.

Hinkommen
Autofahrer folgen der A 7 bis Kempten und gelangen dann über die B19 via Immenstadt nach Oberstdorf. Das Sonderangebot »Oberstdorfer Bahnticket« kann jeder nutzen, der mindestens eine Nacht in einem Beherbergungsbetrieb bleibt (ab 71 Euro für Hin- und Rückfahrt, Info unter oberstdorf.de). Wer lieber Bus fährt: Der Reiseanbieter »Komm mit« bietet aus vielen deutschen Städten (Bonn, Düsseldorf, Karlsruhe u.v.m.) einen Abholservice an. Hin- und Rückfahrt kosten 154 Euro. Infos: komm-mit-reisen.net, Menüpunkt »Bequem ins Allgäu

Orientieren
Da die Wege zu den Hütten beschildert sind, findet man sich gut zurecht. Wer ohne Wanderführer geht, packt noch die Kompass-Wanderkarte »Oberstdorf, Kleinwalsertal« (zehn Euro) oder »Allgäu, Allgäuer Alpen« (15 Euro) ein.

Beste Jahreszeit
Von Mitte Juli bis Mitte September. Im August herrscht allerdings der größte Wandereransturm.

Anbieter
Verschiedene Oberstdorfer Bergschulen bieten die Steinbocktour mit Bergführer an. Oase Alpin zum Beispiel hat sie wöchentlich im Programm. Sechs Tage mit Halbpension kosten 575 Euro. Auf der Seite des Anbieters stehen auch Tipps und Info rund um Bergsport: oase-alpin.de

UNTERKUNFT
Fiderepass-Hütte
Schon in der ersten Nacht schlafen Steinbock-Wanderer auf über 2000 Metern. Alpenvereinsmitglieder zahlen elf Euro für die Übernachtung im Lager, Nichtmitglieder 22 Euro. Reservierung online auf fiderepasshuette.de oder per Fax an 0043/(0)5517/3157. »

Mindelheimer Hütte
Nah der Mindelheimer Hütte lebt ein großer Steinbock. Wer den nicht zu Gesicht bekommt, kann sich mit der Hüttenaussicht im Abendlicht trösten. Für DAV-Mitglieder kostet die Lagerübernachtung 10 Euro, für Nichtmitglieder 20. Reservierung: mindelheimer-huette.de

Rappenseehütte
Mit 304 Schlafplätzen ist die Rappenseehütte die größte Hütte des DAV. Umgeben von felsigen Gipfeln des Allgäuer Hauptkamms liegt sie oberhalb der Rappenseen. Neben Lagerplätzen bietet sie auch Betten: 16 Euro pro Nacht für DAV-Mitglieder, 28 Euro für Nichtmitglieder. Reservierung über huetten-holiday.de

Waltenberger Haus
Als Hütten-Highlight präsentiert sich Wanderern das Waltenberger Haus. Die markante Holzfassade des 2016 neu erbauten Hauses harmoniert mit der umgebenden Bergwelt. Info: waltenbergerhaus.de, reservieren über huetten-holidays.de

Kemptner Hütte
Unterhalb der Mädelegabel liegt die Kemptner Hütte umringt von Wiesen in einem Kessel. Sie ist Treff- bzw. Ausgangspunkt für den E5, den Heilbronner Weg und viele andere Touren. kemptner-huette.de, reservieren bei huetten-holidays.de

ESSEN
Hüttenkost
Die Hütten servieren am Nachmittag meist Kaffee und Kuchen, abends gibt es Deftiges à la carte. Achtung: In der Regel nehmen die Betreiber nur Bargeld und keine EC-Karte. »

Einkehr beim Senner
Unbedingt auf Etappe sechs einen Stopp in der Alpe Oberau machen: Dort gibt es frische Buttermilch, leckeren Kuchen und Käse vom Senner.

Foto: Christoph Jorda Steinbocktour Allgäu

outdoor-Redakteurin Christiane Rauscher

Insidertipps von Reiseredakteurin Christiane Rauscher

Tiere beobachten
Egal ob Steinbock, Gämse, Adler oder Murmeltier – wenn man Tiere sichtet, dann meistens aus einiger Entfernung. Ein gutes Fernglas hilft beim Beobachten.

Warme Kleidung
Wandern im August, da reichen Shorts und eine leichte Softshell? Nein – Mütze, Handschuhe und eine warme Jacke »retten«, wenn ein Kälteeinbruch kommt.

Hüttenleben
Alpenhütten sind zwar immer besser ausgestattet, aber WLAN, Einzelbetten und Ruhe darf man nicht erwarten. Für Komfort sorgen Hüttenschuhe und Wechselkleidung, für guten Schlaf Ohrstöpsel. Hüttenschlafsack nicht vergessen!

Heimatmuseum
In einem einstigen Bergbauernhof aus dem 17. Jahrhundert wird mit Gespür fürs Detail veranschaulicht, wie sich das Leben der Menschen hier in den vergangenen Jahrhunderten gewandelt hat. heimatmuseum-oberstdorf.de

Hochprozentiges
»Blutwurz«, ein kräftiger Kräuterlikör, ist das beliebteste Produkt der Traditionsbrennerei Penninger aus Oberstdorf. penninger.de

Viehscheide
Viehscheide locken mit Feststimmung, Bier und Musik. Nach 100 Tagen auf der Alp bringen die Alphirten das mit Blüten, Zweigen und Bändern geschmückte Vieh zurück ins Tal. Termin für den Oberstdorfer Viehscheid 2017 ist am 12. und 13. September. oberstdorf.de

Ausrüstung:

16.10.2017
Autor: Christiane Rauscher
© outdoor
Ausgabe 10/2017