Fotostrecke
10 Bilder
Foto: David Schultheiss

Schwarzwald Trekking Camps In der Wildnis zu Hause

Wer Treks mit Zelt liebt, muss nicht nach Skandinavien: Seit 2017 verstecken sich im Schwarzwald sechs offizielle Camps. Sie lassen sich zu einer Tour verbinden, Abende am Lagerfeuer inklusive.

Die beiden Wanderer bewegen sich nur einen Kilometer abseits der berühmten Schwarzwaldhochstraße B500, der schwäbisch-badischen »Route 66«. Doch hier, auf ihrem Waldweg, kommt die Zivilisation ihnen weit entfernt vor. Sie wollen mitten im Wald übernachten, an einem Platz, von dem sie nur die GPS-Daten haben, genauer gesagt am Camp Seibelseckle. Es zählt zu den sechs Trekking-Camps im Schwarzwald zwischen Freudenstadt, Baiersbronn und Baden-Baden, auf denen man das Abenteuer des Zeltens in freier Natur erleben darf.

Wo exakt die Plätze liegen, erfährt nur, wer sich zu Hause online angemeldet und pro Camp eine Gebühr von zehn Euro entrichtet hat. Die mitgelieferte Karte zeigt dann die sogenannte letzte Meile. Die beiden Wanderer verlassen den Hauptweg und folgen der Linie auf dem Display des GPS-Gerätes ins grüne Nirwana. Klingt wie der Anfang eines Psychothrillers, ist aber der Auftakt zu einem großartigen Erlebnis. Wer mag, kann es gleich mehrfach haben, denn die Trekking-Camps lassen sich auch zu mehrtägigen Touren von bis zu 65 Kilometern Länge verbinden.

Foto: David Schultheiss

Die Wege zu den TrekkingCamps führen in stille und verborgene Waldstücke.

Der Weg lohnt: Sanfte Hügel, dunkelgrüne Fichten-, Tannen- und Buchenwälder erwarten den Wanderer, stille Moore, tiefe Karseen und traumhafte Ausblicke. Kein Wunder, dass hier auch ein echter Fernwanderklassiker entlangführt: der Westweg Pforzheim–Basel. Ungefähr zwischen den Camps Erdbeerloch und Camp Grimbach ähnelt sein Verlauf dem der Camp-Trekkingroute. Doch gleich, ob nur eine Wildnis-Nacht oder mehrtägiger Zelt-Trek, das Mikroabenteuer entfaltet Robinson-Crusoe-Charme.

Trekking Schwarzwald ist ein Projekt unter der Federführung des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord; drei der Plätze liegen inmitten der weiträumigen Landschaft des Naturparks. Drei weitere Camps verstecken sich auf dem Gebiet des im Jahr 2014 gegründeten Nationalparks Schwarzwald, der Kooperationspartner des Trekking-Angebotes ist. Im 10.000 Hektar großen Schutzgebiet des Nationalparks gilt das Motto »Natur Natur sein lassen«. Bäume, die in Wirtschaftswäldern meist nur ein Drittel ihres natürlichen Alters erreichen, dürfen in Ruhe wachsen. Auch scheinbar totes Holz wird nicht aufgeräumt – ein wildes Paradies für Moose, Flechten, Pilze und seltene Insekten.

Vom Luxus, im Wald schlafen zu dürfen

Eines der Trekking-Camps im Nationalpark ist das Seibelseckle. »Typisch Nationalpark«, stellen die Wanderer fest. Das Unterholz ist dichter als anderswo. Gar nicht so leicht, den Trampelpfad zum Camp aufzuspüren. Mit GPS-Gerät klappt es, und schon stehen sie vor drei Holzplattformen, jede groß genug für ein Zweimann-Zelt. Willkommen im »Hotel Wildnis«, einer Herberge, die außer einem Plumpsklo null Komfort bietet. Ausrüstung, Wasser und Proviant bringt jeder selbst mit.

Auch sonst sind Gäste auf sich gestellt und stehen buchstäblich allein im Wald. Den Müll nimmt man wieder mit, vermeidet Lärm und macht nur Feuer, wenn keine akute Waldbrandgefahr besteht – und dann in den dafür vorgesehenen Stellen. Die Wildnis-Nacht im Seibelseckle beginnt mit einer kleinen Bastelei: Ein Zelt auf einer Holzplattform zu vertäuen erfordert Kreativität und viel Schnur. Leichter tut sich, wer ein frei stehendes Zeltmodell hat. Nicht nur im Seibelseckle, auch in den Nationalpark-Camps Erdbeerloch und Bösellbach stehen solche Plattformen. Sie dienen dem Schutz des Waldbodens, eignen sich aber auch dazu, die Beine baumeln zu lassen.

Foto: David Schultheiss

Der Zeltaufbau klappt schon am zweiten Tag routiniert im Handumdrehen.

Wer abends auf der Outdoor-Veranda sitzt, kommt schnell zu der Erkenntnis, dass Komfort im »Hotel Wildnis« zwar Mangelware darstellt, Luxus abseits der Zivilisation aber im Überfluss vorhanden ist. Zum Beispiel die friedliche Abendruhe. Das holzig-erdige Parfüm des Waldes. Der weiche Teppich aus Laub, Farn und Erde. Und vor allem der opulente Blättervorhang, der Camp Seibelseckle von allen Seiten umhüllt. Luxus ist auch, einfach nur dazusitzen, gemeinsam zu beobachten, wie die Nacht den grünen Vorhang schwarz färbt, und dabei die in der Feuerschale gerösteten Marshmallows zu naschen. Sich in den Schlafsack zu kuscheln und dem Rauschen der Blätter zu lauschen.

Luxus ist auch, am Morgen mitten im Märchenwald aufzuwachen, wo Frühnebel zwischen den Bäumen wabert und die ersten Sonnenstrahlen die Natur zum Funkeln bringen. Maximal eine Nacht dürfen Gäste im Trekking-Camp verbringen. Wer mehr will, wandert einfach zum nächsten gebuchten Camp und so weiter. Trotz Wildnis liegt die Zivilisation meist nah: Einen Regenschauer sitzt man so mit etwas Glück auch mal in einem Gasthaus aus. Noch dazu sind die Distanzen von höchstens 20 Kilometern gut machbar.

Wer die Camps zu einer Königstour verbinden will, braucht fünf Tage und hat 65 Kilometer vor sich: Von Baiersbronn geht es über die Camps Gutellbach, Bösellbach, Erdbeerloch, Seibelseckle und Grimbach bis zu den Geroldsauer Wasserfällen. Den Auftakt macht das liebliche Murgtal, das Highlight an Tag zwei bildet der einen Kilometer lange Lotharpfad. Er führt durch ein 1999 vom Orkan verwüstetes Waldstück, das schon wieder erstaunlich dicht und hoch bewachsen ist. Mit Aussicht ins Rheintal geht es weiter zum rauen Schliffkopf (1054 m). Tag drei wartet auf mit Postkartenblicken, Bannwald und Hochmoor.

Foto: David Schultheiss

Abends hört man nichts außer rauschenden Bäumen und Vogelgezwitscher

Vorbei am schönen Mummelsee geht es auf Etappe 4 auf die 1163 Meter hohe Hornisgrinde, den höchsten Berg des Nordschwarzwaldes. Zelt-Trekker befinden sich hier zwar nicht im Nationalpark, aber immer noch im Ökosystem »Grindenschwarzwald«, dessen Weiden Lebensraum für Auerhuhn und Kreuzotter, Schmetterlinge und Heuschrecken bieten. Von der Hornisgrinde und über den Hochkopf geht es dann abwechselnd durch Heide und urwüchsige Wälder.

Mitten in einem solchen Wald heißt es dann auch zum letzten Mal: runter vom Hauptweg, GPS-Gerät in die Hand und Augen auf. Die Spur führt auf zugewucherten Wirtschaftswegen in eine Senke. Da! Zwischen den schwindelerregend hohen Buchen blitzt der Boden gelb. Ein Nest aus Sägespänen. Noch eins. Und noch eins. Die Stellplätze des gesuchten Camps. Beim Zeltaufbau sitzt inzwischen längst jeder Handgriff und die Geräuschkulisse des Abendwaldes klingt vertraut wie ein altes Kinderlied. Willkommen im »Hotel Wildnis«, Zweigstelle Camp Grimbach. Fühlen Sie sich wie zu Hause.

Infos: Beschreibungen zu den Routen zwischen den Camps und Übernachtungsbuchungen unter: trekking-schwarzwald.de

Streifzüge durch den Urwald von Morgen

Im Nationalpark Schwarzwald entwickelt sich die Natur seit 2014 ganz ungestört. Besucher können dem Wald beim Wachsen zusehen.

Alle Informationen auf der Seite nationalpark-schwarzwald.de

Das Baden-Württemberg-Special 2018 als Gratis-PDF: