Allgäuer Alpen

Hüttentour mit Heilbronner Weg

Foto: Maren Krings Heilbronner Höhenweg
Der Heilbronner Höhenweg zählt zu den schönsten Wanderungen der Alpen. Etwas Abenteuerlust ist allerdings schon gefragt.
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Foto: outdoor Heilbronner Weg Übersicht

Etappenübersicht (für Großansicht bitte Foto anklicken)

Die Etappen

1. Zur Mindelheimer Hütte
6 km, 4 Std., 950 Hm auf, 70 Hm ab, anspruchsvoll
Ab der Bushaltestelle »Schwendle« in Mittelberg (Parkplatz direkt gegenüber) führt eine asphaltierte Straße ins Wildental. Der Wald weicht bald offenen Weideflächen, der nun geschotterte Weg führt an der Inneren und Unteren Wiesalpe vorbei. Hinter der Fluchtalpe folgt ein steiler Anstieg zur Hinterwildenalpe. Der schmale Pfad windet sich in weiten Kurven durch Schrofengelände hinauf zur Kemptner Scharte (2108 m), wo sich kurz danach die Mindelheimer Hütte (2013m) zeigt. Spektakulär sind die Aussichten auf den Allgäuer Hauptkamm.

2. Zur Rappenseehütte
14 km, 6 Std., 1530 Hm auf, 1470 Hm ab, mittelschwer
Von der Mindelheimer Hütte führt der Weg zunächst stetig bergab ins Rappenalptal. Auf der gegenüberliegenden Talseite geht es durch steiles, steindurchsetztes Gelände zum Schrofenpass hinauf. Nach einem flacheren Stück erreicht man die Rappenseehütte mit dem Kleinen und Großen Rappensee – Letzterer eignet sich auch zum Baden. Wer noch nicht ausgelastet ist, besteigt den Rappenseekopf (2467 m). Von der Rappenseehütte benötigt man für die Rundtour ca. 2,5 Std.

3. Heilbronner Weg
11 km, 6 Std., 1035 Hm auf, 1274 Hm ab, sehr schwer
Der Heilbronner Weg beginnt am Heilbronner Törle, das man von der Rappenseehütte durch das Kar der Großen Steinscharte erreicht. Der Steig führt über eine Leiter zum Steinschartenkopf und endet unter den auffallenden Überhängen der Bockkarscharte. Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind erforderlich, stellenweise besteht Steinschlaggefahr. Es empfiehlt sich, einen Helm mitzunehmen. Übernachtet wird in der Kemptner Hütte.

4. Nach Oberstdorf
15 km, 3,5 Std., 1040 Hm ab, mittelschwer
Von der Kemptner Hütte führt der Wanderweg zunächst durch den Sperrbachtobel, später entlang der Trettach in teilweise steilen Serpentinen hinab ins Tal. Ein lohnendes Zwischenziel ist die Alpe Oberau kurz vor Spielmannsau (hervorragender Kuchen und top Aussichten von der Terrasse). Ab Spielmannsau fahren Busse und Sammeltaxen nach Oberstdorf, einige Wanderer beenden dort ihre Tour. Wer weiterwandern möchte, folgt der Straße entlang der Trettach nach Oberstdorf. Von dort verkehrt die Buslinie 1 nach Mittelberg, Fahrplaninfo findet sich online unter oberstdorf.de/anreise-verkehr

Tourenplanung

Anreise: Oberstdorf ist gut mit der Bahn zu erreichen. Von Oberstdorf fahren Busse nach Mittelberg (Richtung Kleinwalsertal), wo man durch das Wildental zur Mindelheimer Hütte aufsteigt. Anreise mit dem Auto: über die Allgäu-Autobahn A7 bis Allgäu-Dreieck und weiter auf der A980 zum Kreuz Waltenhofen. Die gut ausgebaute Schnellstraße B19 führt nach Oberstdorf. Am besten dort parken und mit dem Bus (Linie 1) nach Mittelberg fahren

Orientieren: Den Heilbronner Weg und andere Touren am Allgäuer Hauptkamm findet man auf der Wanderkarte »Allgäuer Alpen und Kleinwalsertal« von Kompass (10 Euro). Detaillierte Tourenbeschreibungen enthält der Rother Wanderführer »Allgäuer Alpen« von Dieter Seibert (14,90 Euro).

Beste Zeit: Am schönsten ist der Heilbronner Weg von Anfang Juli bis Ende September. Das Oberallgäu gehört zu den schneereichsten Regionen der Alpen. In den höheren Lagen muss man bis in den Sommer hinein mit Altschneefeldern rechnen, auch im Hochsommer ist Schneefall nicht ungewöhnlich.

Anspruch: Der Heilbronner Höhenweg gilt als anspruchsvollster Wanderweg der Allgäuer Alpen und kann zwischen einer Bergwanderung und einem Klettersteig eingeordnet werden. Stahlseile und Leitern helfen bei der Begehung. Dennoch erfordert der Weg eine gute Kondition, Trittsicherheit und alpine Erfahrung.

Unterkünfte & Gastronomie

Hüttenübernachtungen: Rund um den Allgäuer Hauptkamm übernachtet man in Alpenvereinshütten. Trotz der hohen Bettenanzahl herrscht vor allem an den Wochenenden oft lebhafter Andrang. Eine vorherige Reservierung auf huetten-holiday.de ist erforderlich. Hüttenschlafsack und Bargeld nicht vergessen! Weitere Informationen liefern die jeweiligen Websites der Hütten: mindelheimer-huette.de, rappenseehuette.de, waltenbergerhaus.de, kemptner-huette.de

Hotel Hahnenköpfle: Nach der langen Tour oder Anreise bietet dieses Hotel mitten in Oberstdorf bequeme Betten und großzügige Essensportionen. Gäste können alle Bergbahnen in Oberstdorf und im Kleinwalsertal sowie Busse und Bahnen gratis nutzen. DZ/HP ab 68 Euro pro Person. hahnenkoepfle.com

Kuchenpause: Beim Abstieg von der Kemptner Hütte nach Oberstdorf passiert man die Alpe Oberau im Trettachtal. Super sind die hausgemachten Kuchen und die Buttermilch. Tel. 08322/6930

Pasta-Party: Die Betreiber der Mindelheimer Hütte produzieren eigene Pasta. In der Küche stapeln sich tagsüber Bleche mit verschiedenen Nudelsorten, die abends im Topf landen.

Ofenschlupfer: Auf der Kemptner Hütte schmeckt zum guten Kaffee besonders der Ofenschlupfer: eine Süßspeise aus Brot, Eiern, Äpfeln, Zimt und Zucker.

Autorentipps von Katharina Baus

Relaxen: Wer nach dem Wandern seine Muskeln entspannen möchte, besucht die Therme in Oberstdorf. Neben dem Saunadorf gibt es zwei Dampfbäder, ein Tauchbecken und sogar ein Hamam.

Brauereibesuch: Die »Dampfbierbrauerei« in Oberstdorf wartet mit selbst gebrautem naturtrübem Bier und Allgäuer Köstlichkeiten auf. Mittwochs um 11 Uhr gibt es kostenlose Führungen.

Klettersteig: Von Oberstdorf fährt die Nebelhornbahn zum Gipfel (2224 m). Wenige Minuten entfernt beginnt am westlichen Wengenkopf der Hindelanger Klettersteig. Abstieg über die Schwarzenberghütte zum Giebelhaus, per Bus zurück nach Oberstdorf.

Schluchtbesuch: Als eine der tiefsten Schluchten Mitteleuropas zieht sich die Breitachklamm auf zweieinhalb Kilometern durch ihr Revier bei Tiefenbach am Ausgang des Kleinwalsertals. Der Weg am Wasser ist gut befestigt.

Heilbronner Weg: Tourenbericht

Er läuft rückwärts, senkt sein Haupt, nimmt Anlauf und rammt seine Hörner gegen die des Artgenossen. Der genau das Gleiche macht, nur spiegelverkehrt. Klong! Klong! Revierkampf zweier Steinbockbullen. In Action sind nur die beiden, der Rest der Herde steht an einem grasbewachsenen Hang über der Rappenseehütte und schaut gelassen zu. Wie wir Wanderer auf der Hüttenterrasse.

Foto: Maren Krings Heilbronner Höhenweg

Die Rappenseehütte trennen nur Minuten von den Lieblingshängen der Steinböcke.

Zu dritt sind wir mit der Bahn nach Oberstdorf gereist, um hier eine Tour zu gehen, die als schönste und anspruchsvollste der Allgäuer Alpen gilt: Der Heilbronner Weg führt entlang der deutsch-österreichischen Grenze über den Allgäuer Hauptkamm und damit über einige der höchsten Gipfel der Region. Man sehe von diesem »kühn angelegten, gesicherten Steig in der Felswildnis die herrlichsten Bilder der Natur«, meldete die Sektion Heilbronn im Jahr 1899 nach seiner Eröffnung. Daran dürfte sich bis heute wenig geändert haben, die Berge stehen schließlich noch, und noch immer handelt es sich auf über 2400 Metern um den höchstgelegenen Steig Deutschlands.

Der eigentliche Heilbronner Höhenweg ist nur etwas mehr als drei Kilometer lang, mit Auf- und Abstieg sind aber auf jeden Fall zwei bis drei Tage anzusetzen. Wir haben uns sogar eine viertägige Tour zusammengestellt: Nach dem gestrigen Aufstieg von Mittelberg zur Mindelheimer Hütte sitzen wir nun auf der Terrasse von Etappenziel Nummer zwei, der Rappenseehütte. Morgen geht es über den Heilbronner Weg zur Kemptner Hütte und von dort aus zurück ins Tal nach Oberstdorf.

Foto: Maren Krings Heilbronner Höhenweg

Schmale Wege und tiefe Hänge gehören zu den Kennzeichen der Tour.

Heilbronner Weg: Deutschlands alpinster Steig

Schmal, felsig, an abschüssigen Stellen mit Stahlseilen gesichert: Der Höhenweg erfordert »Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und alpine Erfahrung«, steht in meinem Wanderführer. Er beginnt an einem Felstor namens Heilbronner Törle kurz hinter der Rappenseehütte und führt über einen stellenweise exponierten Felsweg zur Bockkarscharte bei der Mädelegabel, einem beliebten Gipfel.

»Den Heilbronner Weg selbst schafft man in vier Stunden«, unterbricht Fotografin Maren meine Lektüre. Mit einer großen Apfelschorle hat sie die Terrasse der Rappenseehütte betreten und gibt uns Novizen ein paar Tipps für die morgige Tour. »Es ist da oben praktisch, wenn man Handschuhe in Reichweite hat. Die Stahlseile können echt kalt sein«, sagt sie und leert mit wenigen Schlucken das Glas zur Hälfte. Rund 1500 Höhenmeter liegen hinter uns – das macht ziemlich durstig. »Die Sicherungen und Leitern werden aber jedes Jahr von der DAV-Sektion Heilbronn überprüft«, fügt sie hinzu. Gut zu wissen. Immerhin sind wir nach unseren ersten beiden Etappen ordentlich eingewandert.

Breit und nur mäßig ansteigend hat sich anfangs der Schotterweg von Mittelberg durchs österreichische Wildental gezogen, vorbei an Braunvieh mit läutenden Glocken und dem rauschenden Wildenbach. Doch spätestens, wenn die Hand unterhalb der Mindelheimer Hütte nach dem alten Stahlseil greift, rechts ein Abgrund gähnt und die Schafalpenköpfe (bis 2272 m) ins Blickfeld rücken, überrollen einen erste Alpinistengefühle. Auf 2013 Metern schmiegt sich die Mindelheimer Hütte als erstes Etappenziel seit knapp 100 Jahren in eine Bergwelt aus Grün und Grau.

Hinter dem steinernen Gebäude ragen die steilen, grasbewachsenen Flanken des Kemptner Kopfes (2191 m) an der deutsch-österreichischen Grenze in den Himmel. Von der Mindelheimer Hütte führt unsere Route auf deutscher Seite hinab ins Rappenalptal, bis man durch graues Schieferbruchgelände wieder zur Rappenseehütte auf 2091 Meter steigt. Die beiden Steinböcke tragen beharrlich ihren Revierkampf aus. Statt ihnen zuzuschauen, könnte man nach der knapp sechsstündigen Tour von der Mindelheimer Hütte auch noch 400 weitere Höhenmeter anhängen und den Rappenseekopf besteigen (2468 m).

Der Weg zum Gipfel führt über grauen Hauptdolomit, das bedeutendste Gestein der Nördlichen Kalkalpen östlich des Illertals. Westlich der Iller, zwischen Immenstadt und dem Bregenzer Wald, dominiert hingegen Konglomerat, ein Dauerbündnis aus Kieseln und Schlamm, das an Waschbeton erinnert und auch »Herrgottsbeton« genannt wird.

Rappenseehütte - altes Haus mit Tradition

Um anderntags erholt den Heilbronner Weg zu gehen, verzichten wir auf den Gipfel und erfrischen uns in der bayrischen Karibik. So bezeichnet jedenfalls der Hüttenwirt den Großen Rappensee – dessen Temperatur ihn mehr noch als das Landschaftsbild von der Südsee unterscheidet.

Foto: Maren Krings Heilbronner Höhenweg

Ein Fußbad im eiskalten Großen Rappensee wirkt äußerst belebend ...

Nach einer Bergsteigerportion Kasspatzen im geselligen Gewusel des Gastraums und diversen Runden Kniffel beziehen wir unsere Betten. Über meinem hängt ein Pappschild mit der Aufschrift »Matratze No. 52. Preis: 60 Pfennig«. Die Hütte ist mit 304 Betten die größte im Allgäu und steht hier schon seit 1885. Vielleicht schlafe ich deshalb so gut: Über zwei Jahrhunderte Tradition haben eine beruhigende Wirkung. »Die beste Morning Show der Welt«, verkündet der Wirt morgens um sieben und lässt einen Schwung kalte Luft herein. Nach der Nacht im stickigen Lager wirkt das angenehm belebend, Kaffee und Müsli tun ihr Übriges.

Fluffige Wölkchen hängen draußen am Himmel. Ich schlüpfe in meine Wandersocken, die vom Schweiß der letzten Tage fast so hart sind wie die zwei Scheiben Roggenbrot im Rucksack, und schnüre die Stiefel. Auf dem ersten Wegstück knirscht es unter unseren Sohlen. Schrofengelände führt durch ein Kar in die Große Steinscharte auf 2262 Meter.

Am Heilbronner Törle, einem engen Felsdurchgang, ziehen wir die Köpfe ein. »Jetzt geht es richtig los«, freut sich Maren. Hier beginnt offiziell der Heilbronner Weg. Als schmaler Pfad führt er durch das graue Felsmassiv Richtung Steinschartenköpfe. Nach kurzer Zeit biegen wir nach rechts zum Gipfelweg des Hohen Lichts ab, mit 2651 Metern der zweithöchste Berg der Allgäuer Alpen. Da die Gipfel am Allgäuer Hauptkamm oberhalb von 2400 Metern als Ziele von Tagestouren kaum machbar sind, nutzen viele Wanderer die Gelegenheit, sie mit dem Heilbronner Weg zu kombinieren. Anderthalb Stunden veranschlagt man für den Abstecher zum Hohen Licht – und die lohnen sich! Oben öffnen sich Aussichten auf die allgäutypischen, teilweise unglaublich steilen Grashänge, die mancher auch im Sommer mit Steigeisen bezwingt. Richtung Süden fällt der Blick auf das Lechtal, im Nordosten ragen der Wilde Mann (2577 m) und die Mädelegabel (2645 m) gen Himmel.

Foto: Maren Krings Heilbronner Höhenweg

Nichts für schwache Nerven: Eine Stahlleiter führt auf den Steinschartenkopf.

Nach dem Gipfelabstieg ist vorerst Schluss mit dem unbeschwerten Betrachten der Landschaft. Sogar Maren schaut auf ihre Füße und verstaut ihre Kamera im Rucksack. Ungesichertes Klettern ist angesagt. Über eine Stahlleiter, bei der sich einzelne Sprossen drehen, geht es schaurig quietschend auf den Steinschartenkopf. Eine waagrechte Leiter verbindet wenig später zwei Felsmassive: Zaghaft, wie schlecht programmierte Roboter, überqueren wir die schwindelerregende alpine Leere, die darunter lauert.

Über schräg abfallende, mit Stahlseilen abgesicherte Platten führt der Weg weiter nach Nordosten – bei Regen möchte man hier nicht unterwegs sein. Bei gutem Wetter, insbesondere am Wochenende, ist dafür umso mehr los. Der Heilbronner Weg ist in beide Richtungen begehbar, und hin und wieder klammern wir uns ans Stahlseil und lassen Wanderer aus der Gegenrichtung vorbei. »Servus«, »Griaß di«, »Grüezi« – Scharen an bunt gekleideten Bergfreunden aus ganz Europa ziehen bei der Mittagsrast an uns vorbei.

An der Bockkarscharte (2164 m) zeigt sich trotz des vielversprechenden Namens kein Steinbock. Uns ist trotzdem zum Jubeln: Hier endet der Heilbronner Höhenweg offiziell, und wir haben ihn gut gemeistert. Man könnte zum Waltenberger Haus absteigen, aber unsere Tour führt noch rund sieben Kilometer weiter zur Kemptner Hütte. Erst mal geht es über den Schwarzmilzferner, den einzigen Gletscher des Allgäus, der sich wie ein großes, weißes Handtuch an die Südflanke der Mädelegabel schmiegt. Ich packe die Gletscherbrille aus und fühle mich wie eine echte Alpinistin.

Hier gibt's die passende Ausrüstung:

07.08.2018
Autor: Katharina Baus
© outdoor