Wintertouren im Bayerischen Wald

Wer verschneite Wälder sucht, muss nicht gleich nach Schweden – die weiße Einsamkeit fängt gleich hinter Regensburg an. Als Eintrittskarte reichen ein Paar Schneeschuhe oder Ski.

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Karte

Der Bayerische Wald bietet auch im Winter von einer verträumten Sonntagnachmittagwanderung bis hin zur Überschreitung des gesamten Kammwegs alles. Langlaufen und gemächliches Schneeschuhwandern ist genauso möglich wie anspruchsvolles Skifahren.

Anreise

http://Die A 3 verläuft zwischen Deggendorf und Passau parallel zur Bergkette des Bayerischen Waldes und bietet so eine optimale Anbindung in alle Gebiete.

Beste Reisezeit

Für Skitouren meist zwischen Ende Januar und Anfang März.

Übernachtung

In nahezu allen Ortschaften sind zahlreiche Ferienwohnungen verfügbar. Je nach Tourenziel bietet sich eine Unterkunft entweder im Gebiet Lamer Winkel/Bayerisch Eisenstein (Touren am Hohen Bogen, Kaitersberg, Arbergebiet, Falkenstein und Osser) oder zwischen Spiegelau/Neuschönau und Neureichenau (für Unternehmungen an Rachel, Lusen, Haidel und Dreisessel) an.

Bücher

Rother Wanderführer Bayerischer Wald, Rosmarie und Nikolaus Pollmann, Bergverlag Rother, ISBN 3-7633-4225-7, 11,90 Euro.
Wanderungen im Bayerischen Wald und Böhmerwald, Helmut Dumler, Bruckmann Verlag, ISBN 3-7654-2617-2, 14,90 Euro.
Auf einsamen Bergpfaden, Friedl Thorward, Pustet Verlag, ISBN 3-7917-0747-7, 9,90 Euro.

Karten

Bayerischer Wald, Bayerisches Landesvermessungsamt, Maßstab 1 : 50 000, 6,60 Euro, Blätter UK 50-27, UK 50-29, UK 50-30.

weitere Infos

Weitere Tourenvorschläge auf den unten angeführten Seiten: www.bayerischer-wald.de, www.nationalpark-bayerischer-wald.de www.naturpark-bayer-wald.de.

Skilanglauf

Die Loipen am Scheibensattel, Arber und im Bereich Nationalpark, Reichenau und Haidel liegen günstig im beschriebenen Tourengebiet. Infos zum Loipenzustand:
waldwinter.de/loipen/loipengebiet_8.html, www.touristikverein-lohberg.de/htm/langlaufzentrum.htm, www.skigebiet-freyung.de

Artikel:

Dort, wo sich Deutschlands Postleitzahlen schwer in Richtung der 10 000er-Grenze bewegen, da liegt der Bayerische Wald. Und mitten drin, am großen Osser, bewegen sich die Zahlen auf Christoph Haas’ Höhenmesser gerade schwer in Richtung 1100 Meter. Die Skier des passionierten Tourengehers legen eine Spur auf dem deutsch-tschechischen Grenzkamm, fahl scheint die Wintersonne auf die verschneiten Wipfel. Haas schaut nach Osten, sein Blick verliert sich in den schier unendlichen Weiten des Böhmerwaldes. Im Süden glänzen tief verschneit die Doppelgipfel Arber und Falkenstein, dahinter liegt im Dunst verborgen das Donautal, am Horizont zeichnet sich die Silhouette der Alpen gegen den klaren Februarhimmel ab.
Christoph Haas ist süchtig nach solchen Aussichten, Winterlandschaften wie diese sind es, die ihn umtreiben. Er stand schon auf dem über 6000 Meter hohen Mt. McKinley in Alaska, den verschneiten Hochebenen des schwedischen Sarek und der Schneekuppe des Aconcagua. Doch mit schöner Regelmäßigkeit zieht es den eingefleischten Alpinisten in seine Heimat zurück, dorthin wo er die ersten Hügel erklomm – in den Bayerischen Wald.
Das Mittelgebirge reicht über 100 Kilometer weit, von Cham im Norden bis an die österreichische Grenze im Süden. Im Westen wird es von der Donau begrenzt, im Osten von Tschechien. Zwei Höhenzüge durchziehen die Region in Längsrichtung. An der Donau erheben sich die gewellten Hügel des vorderen Bayerischen Waldes etwa 1000 Meter in die Höhe. Der Flusslauf des Schwarzen Regens trennt nach Osten hin dieses Vorgebirge vom Hauptkamm, auf dem die deutsch-tschechische Grenze verläuft. Bis zum Zweiten Weltkrieg hieß dieses am Arber 1457 Meter hohe Gebirge auch auf deutscher Seite Böhmerwald, heute gibt er seinen Namen an der Zollstation ab.
Die Bäume kümmert es wenig. Sie wiegen stumm ihre Wipfel im Wind und bilden, ob nun tschechisch oder deutsch, das größte zusammenhängende Waldgebiet des Kontinents, das so genannte »grüne Dach Europas«. Jetzt im Februar bedeckt dieses Dach eine dicke Schneeschicht, ein wunderbares Wintersportrevier. Vor allem bei Anfängern beliebt sind die Abfahrtshänge in den Skigebieten am Großen Arber und Mitterfirmiansreut. Schneeschuhgehern eröffnet sich entlang des Grenzkamms ein riesiges Potenzial. Unerfahrene können hier ihre ersten Begegnungen mit Wechten und Felspassagen machen und sich so Routine für technisch anspruchsvollere Routen in den Alpen antrainieren. Wer sicher auf zwei Brettern steht und die erkämpften Höhenmeter lieber gleitend vernichtet, schwingt sich auf die Tourenski. »Sauber fahren muss man hier können, damit man bei der Abfahrt auch immer schön zwischen die Bäume trifft«, sagt Christoph Haas.»Alle anderen stapfen lieber auf Schneeschuhen los!«
Oder versuchen sich in den Niederungen der Wälder beim Langlauf: Hier lockt auf der böhmischen Seite die verschneite Einsamkeit, auf der bayrischen Seite das Loipennetz um Reichenau oder am Scheibensattel (Kasten S. 36). Wintersportler erleben hier das »großartigste und würdigste Waldbild«, das in Deutschland überhaupt zu finden sei, so zumindest hat es der Geologe C. W. Gümbel im 19. Jahrhundert in seiner »Geologie Bayerns« ausgedrückt. »Hier überzeugen wir uns erst, was die deutschen Wälder einst gewesen sind und wieviel wir an ihnen verloren haben«, schwärmt er weiter.
Damit der ursprüngliche Baumbestand wiedergewonnen wird, wurde 1970 ein Stück Wald direkt an der deutsch-tschechischen Grenze unter Schutz gestellt. Der erste Nationalpark in der BRD entstand. Man lässt die angepflanzten Fichten in dem 250 Quadratkilometer großen Areal absterben, um den ursprünglich heimischen Bäumen wie Buchen und Eichen wieder mehr Luft zu verschaffen. Dazu muss man die Natur einfach nur in Ruhe lassen, die Borkenkäfer tun ein Übriges. Das stellt sich für unvorbereitete Besucher stellenweise erschreckend dar. Normalerweise wirken Nationalparks besonders einladend. »Im Bayerischen Wald ist es zurzeit genau umgekehrt: Totholz im Park, und außen grünen die Wälder«, sagt Haas. Der »alte« Wald kämpft sich erst langsam wieder vor. »Ein Menschenalter wird es wohl noch dauern, bis er in alter Pracht dasteht.«
Wie es aussieht, wenn man Fichtenkulturen sich selbst überlässt, kann man gut vom Gipfel des Großen Falkensteins aus beobachten – die 1315 Meter hohe Kuppe liegt direkt neben der Kernzone des Nationalparks. Hinauf führt eine schöne Tageswanderung durch das Höllbachtal mit seinem Wasserfall. Man unternimmt die Tour durch das von uralten Bäumen bestandene Tal am besten auf Schneeschuhen. »Da lass ich meine Bretter dann auch zu Hause«, sagt Christoph.
Doch heute hat er seine Tourenski dabei und genießt den Anstieg zum Osser-Gipfel, immer entlang den charakteristischen Gneiszacken am Kamm. Die Digitalanzeige seines Höhenmessers bewegt sich schwer in Richtung 1200. Vorsichtig balanciert er an der verschneiten Kante entlang. Verglichen mit den alpinen Unternehmungen des 35-jährigen ist das hier ein Spaziergang. Doch auch Könner sollten den Respekt nicht verlieren, Ausrutschen ist keine Option – auch wenn die eingeschneiten Fichten, deren Wipfel teilweise über den Kamm hinausragen, zum Hineinspringen schön sind.
Wer sich in weniger alpinem Ambiente wohler fühlt, kommt etwa 20 Kilometer südöstlich am Felswandergebiet Steinberg bei Neuschönau auf seine Kosten. Das zerklüftete Areal am Südrand des Nationalparks liegt seit jeher unberührt. Riesige Wurzelteller umgestürzter Bäume wirken im sonst so aufgeräumten deutschen Wald ungewohnt. Hier ist alles noch, wie es früher war: wild und dunkel. Je nach Routenwahl dauert der Aufstieg auf die Felskanzel des Steinberges (1002 Meter) auf Schneeschuhen zwischen zwei und vier Stunden, bei viel Neuschnee braucht man natürlich länger.
Drüben am Osser hat auch Christoph mehr Zeit gebraucht als geplant. Die mächtigen Wechten am Grat bremsten seinen Gipfelsturm. Doch jetzt nur noch eine enge, sehr steile Stelle, und er hat es geschafft: Er steht auf dem Gipfel des Großen Ossers, sein Höhenmesser zeigt 1293. Die Sonne steht schon tief am Himmel, er beeilt sich mit seiner Wurstsemmel. Unaufhaltsam macht sich die Kälte der Nacht breit. Hier oben herrschen harsche Bedingungen, bis zu minus 35 Grad kann es werden. Das Osserschutzhaus ist bis übers Dach versunken, und nur die nach Osten gewandte Seite lugt aus den Schneemassen heraus. Aber Zeit für einen langen Blick auf alte Bekannte, die muss noch sein. Es sind acht Gipfel entlang des Hauptkammes, die sich zu einer zweitägigen Skitour verbinden lassen: Mittagsstein (1034 m), Riedelstein (1132 m), Mühlriegel (1080 m), Schwarzeck (1238 m), Heugstatt (1261 m), Kleiner Arber (1384 m) und Großer Arber (1456 m). »Meine persönliche Acht-Tausender-Tour«, nennt Christoph sie.
Zu ambitioniert für den Anfang? Lohnend ist auch eine Tour auf den 1166 Meter hohen Haidel. Dieser Aussichtsberg liegt im Süden des Bayerischen Waldes und ist, wie alle Gipfel hier, je nach Temperament entweder auf Tourenskiern oder auf Schneeschuhen machbar. Ebenso traumhaft die Kammwanderung zwischen Plöckenstein (1365 m) und Dreisesselgipfel auf 1312 Meter, im östlichsten Zipfel Bayerns. Aus dieser Gegend stammt das Sprichwort: »Drei Viertel Jahr Winter, ein Vierteljahr kalt, so ist es in Sandhäuser im Bayrischen Wald.«
Dass es Haas trotz Eiseskälte warm ums Herz wird, dafür sorgt die Erdrotation. Im letzten Licht der Abendsonne erstrahlt um ihn ein rotes Farbenmeer. Fast violett schimmert der Schnee auf den Wipfeln, im Himmel setzt sich das Rot-Spektrum bis in helle Rosa-Töne fort. Er kann das Schauspiel nicht bis zum Ende auskosten, bald wird es dunkel. Und so verstaut er die Steigfelle schnell im Rucksack, zieht die Kapuze zu und rauscht in der Dämmerung abwärts.

24.02.2006
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Ausgabe 04/2001