Ostseeküsten- Radweg

Der Ostseeküsten-Radweg zwischen Wismar und Ahlbeck ist ein Traum. Wer rast, verliert. Besser, man lässt sich inspirieren und schaltet einen Gang runter. Dann winkt eine Woche ungetrübter Bike Genuss.

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Karte

Foto: Lars Schneider

Der Ostseeküsten-Radweg führt über 850 Kilometer von Flensburg über Lübeck bis nach Ahlbeck an der Grenze zu Polen. Auf dem von outdoor beschriebenen Abschnitt von Wismar nach Ahlbeck ist man fast immer auf Rad-, Feld- oder Plattenwegen unterwegs.

Anreise

http://Wismar ist per Bahn oder Pkw gut erreichbar. Im Hotel »Am alten Hafen« können auch Nicht-Gäste ihren Wagen gegen eine geringe Gebühr sicher in der Hausgarage unterstellen. Infos: Hotel am alten Hafen,
Spiegelberg 61 - 65, 23966 Wismar, Tel. 0 38 41/42 60.
e-mail:hotelamaltenhafen@freenet.de. Von Ahlbeck gibt es täglich diverse Bahnverbindungen mit Regionalzügen zurück nach Wismar.

Beste Reisezeit

Von Mai (Rapsblüte) bis Oktober (Laubverfärbung). Zu bedenken: Früh im Sommer ist die Ostsee kalt (13 bis 15 Grad). Feiertagswochen und die Hauptferienzeiten sollte man versuchen zu vermeiden. Vor allem im Gebiet Fischland-Darß-Zingst wird es dann auf den Radwegen voll..

Ausrüstung

Optimal ist ein Trekkingrad mit etwas gröberen Reifen. Zu glatte Mäntel machen sich auf den vielen Schotter- und Sandwegen nicht gut. Dazu klassische Radtouren-Ausstattung mit Helm, Regenbekleidung, Radhose mit Polster usw.

Verpflegung

Unterwegs gibt’s in fast jedem Ort Fischräuchereien und Imbissbuden, die frische Fischbrötchen anbieten.

Übernachtung

Eingefleischte Camper sollten es sich für den Ostseeküstenradweg vielleicht ausnahmsweise anders überlegen. Es gibt zu viele gemütliche Pensionen, Hotels sowie viele private Vermieter. Hier einige Radfahrer-freundliche Empfehlungen für die Route:
Bresewitz: Pension Boddenblick, Tel. 03 82 31/8 17 58.
Juliusruh: Villa Louisa, Tel. 03 83 91/1 29 57.
Bergen: Hotel Gesellschaftshaus, Tel. 0 38 38/20 12 30.
Wolgast: Hotel Peenebrücke, Tel. 0 38 36/27 26-0.
Ahlbeck: Hotel Meereswelle, Tel. 03 83 78/2 81 16.

Bücher

Bike Line Radtourenbuch und Karte: Ostseeküstenradweg, Teil 2: Von Lübeck nach Ahlbeck/Usedom. Mit Rügen. Esterbauer Verlag 2004, Karten 1:75.000, 11,65 Euro.
Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns, Rainer und Peter Höh, Reise Know-How Verlag Peter Rump Bielefeld 2003, 10, 50 Euro.

weitere Infos

Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, Platz der Freundschaft 1, 18059 Rostock, Tel. 03 81/4 03 06 00, www.auf-nach-mv.de.
ADFC-Landesverb. Mecklenburg-Vorpommern,
Tel. 0 38 41/28 79 28, www.adfc.de/mv.

Route

Hunderte Möglichkeiten, daraus ein Vorschlag: Tag 1: Wismar– Kühlungsborn, 65 km. Tag 2: Kühlungsborn–Wustrow, 65 km. Tag 3: Wustrow– Bresewitz, 44 km. Tag 4: Bresewitz– Putbus, 103 km. Tag 5: Putbus–Juliusruh, 75 km. Tag 6: Juliusruh– Bergen, 78 km, Tag 7: Bergen– Wolgast, 102 km. Tag 8: Wolgast–Ahlbeck, 46 km.

Artikel:

Bismarck hätte sich im Falle eines Weltunterganges nach Mecklenburg gerettet – weil dort »alles 100 Jahre später geschieht«, wie der Reichskanzler spottete. Und die Einheimischen? Sehen es durchaus ähnlich. Alles bleibt beim Alten, sagen sie: »Allens bliewt bi´n Ollen.« Vielleicht sorgt ja gerade diese Geruhsamkeit für die steigenden Touristenzahlen in Mecklenburg-Vorpommern. Eben sind schon wieder zwei Gäste dazugekommen: Zwei hochmodern ausgerüstete Tourenradler aus Hamburg schlängeln sich an der Küste Mecklenburgs entlang, angezogen vom Ruf des Ostsee-küsten-Radweges als einer der schönsten Fernradtouren Deutschlands. Sie heißen Lars Schneider und Evangelos Kotsopoulos, und auch wenn sie als aufgeklärte Zeitgenossen Klischees mit Vorsicht behandeln – auch für sie spricht vieles dafür, dass hier alles beim Alten bleibt: ein Fischkutter, der von Möwen umkreischt die Küste entlangstampft, Rapsfelder, die leuchtend in der Sonne liegen, reetgedeckte Häuser im Schatten uralter Buchen. Manchmal leuchtet die Ostsee so klar, als woge sie in den Tropen, und das Weiß der Seebäder strahlt frisch vor blauem Himmel. Mit anderen Worten: eine herrliche Strecke, um die Reifen surren zu lassen.
Seit 1991 gibt es den Ostseeküsten-Radweg. Von Flensburg führt er über fast 850 Kilometer nach Ahlbeck auf Usedom. Lars und Evangelos sind erst in der alten Hansestadt Wismar gestartet und kürzen die Distanz so auf 570 Kilometer. Am Morgen des zweiten Tages, kurz hinter Kühlungsborn (Beiname: die grüne Stadt am Meer), erreichen sie eine Stelle, in der sich Buchenwald bis ans Meer schmiegt. Nur der hohe Absatz des Steilufers und zehn Meter Strand trennen glatte Stämme von der Ostsee. »Hier möchte ich aber auch nicht fliegen«, sagt Lars mit Blick über die Kante. Und dennoch: Im Sommer 1912 stürzte man sich hier waghalsig hinunter. Damals fand der erste deutsche Wasserflugmaschinen-Wettbewerb statt, veranstaltet vom Deutschen Fliegerbund – ein ehrwürdiger Vorläufer heutiger Flugschauen mit selbst gebauten Gefährten tollkühner Flieger. »Fragt sich nur, wie diese Experimentierfreude in das Klischee vom behäbigen Mecklenburger passt«, sagt Evangelos. »Hilft es dir, wenn ich dir sage, dass sie drüben in Kühlungsborn vor 90 Jahren den Strandkorb erfunden haben?«
Nur ein paar Kilometer weiter die Küste hinunter liegt das noble Heiligendamm. Lars und Evangelos einigen sich vorübergehend auf ein Unentschieden mit dem Gegenwind und betrachten durch ihre Sonnenbrillen das mondäne Treiben auf der Promenade. Sehen und gesehen werden, so lautet hier schon seit über 200 Jahren das Motto. Seit 1793, um genau zu sein. Damals gründete der mecklenburgische Großherzog Friedrich Franz I. auf Anraten seines Leibarztes das erste Seebad der Nation – ein Erfolgsmodell, das bald an der ganzen Küste Schule machte und ihr mit prächtigen weißen Villen und Hotels heute einen nostalgischen Charme verleiht. Allzu wörtlich hat man den Begriff Seebad damals übrigens nicht genommen. Denn die hochherrschaftliche Klientel wagte sich keineswegs in die Ostsee, sondern benetzte sich in eigens dafür eingerichteten Badehäusern mit Meerwasser. Dass der Großherzog den Bau der ersten Bade- und Logierhäuser mit dem Verkauf 1000 mecklenburgischer Soldaten finanzierte – nun ja.
Obwohl das Bike-Duo heute gemütlich unterwegs ist, reicht es ihm noch bis nach Fischland-Darß-Zingst, eine aus drei Inseln zusammengewachsene Halbinsel, auf der einen Seite vom Meer umspült, auf der anderen vom Bodden, einer Art nordischer Lagune mit Verbindung zum Meer. Es tut gut, sich hier den Wind um die Nase pfeifen zu lassen, selbst wenn er, wie könnte es anders sein, aus Gegenrichtung bläst. In Wustrow, früher berühmt für seine Seefahrer, lässt man es gut sein.
Steigungen muss man auf der Halbinsel mit dem langen Namen keine fürchten, und so geht es anderntags gut voran. In Altenhagen am Boddenhafen wird fangfrischer Fisch geräuchert und unters Volk gebracht, »und in Born arbeitet man sich die Kalorien offensichtlich wieder ab«, sagt Lars mit Blick auf die Kitesurfer vor der Küste. »Wettrennen«, ruft Evangelos und tritt beherzt an, gibt das hoffnungslose Unterfangen aber schnell wieder auf – der Geschwindigkeitsrekord im Kitesurfen liegt derzeit bei gut 70 Stundenkilometern.
Zum Abend hin sprinten die beiden in Stahlbrode an der Rückseite des Kassenhäuschens vorbei auf die Fähre nach Rügen. »Können wir bei Ihnen auch direkt zahlen?«, fragt Lars ein wenig atemlos den bärigen Fährschaffner im Blaumann. »Ach, nu kommt rauf hier jetzt. Bin ja nich so.« Evangelos grinst. »Der gemütliche Einheimische. Es geht doch nichts über Klischees, die sich als wahr erweisen«, sagt er .
Die Abendsonne taucht Deutschlands größte Insel in weiches, goldenes Licht, als die beiden Biker von der Fähre rollen. Die Autos sind längst auf und davon, und jetzt hört man nur noch das Zwitschern der Vögel. Wind schüttelt die Alleebäume, Reifen rütteln über Kopfsteinpflaster, Gepäcktaschen klappern in ihrer Aufhängung. Drei Tage wollen Lars und Evangelos auf Rügen bleiben, das Minimum. Denn es stimmt: Rügen ist der Inbegriff der Romantik, und das nicht nur wegen Caspar David Friedrich und seinen Gemälden vom Königstuhl. Dunkle Wälder findet man hier, stille Buchten und weite Heidelandschaft, schnuckelige Fischerdörfer und kilometerlange Strände. Nicht umsonst beherbergt Rügen zwei der fünfzehn deutschen Nationalparks: Jasmund im Nordosten und die Vorpommersche Boddenlandschaft im Westen. Nicht schlecht für eine Insel von 50 Kilometer Länge und 40 Kilometer Breite.
»Ich glaube, wir haben uns verfahren«, sagt Lars mit Blick auf die Karte. Plan war, über Seitenstraßen ins 25 Kilometer entfernte Putbus zu gelangen statt auf dem offiziellen Ostseeküsten-Radweg. Nun stehen die beiden Tourer irgendwo in der Nähe eines Ortes namens Schabernack, Karte und Realität wollen aber nicht recht zusammenpassen. Über Plattenwege, durch Schlaglöcher und über Waschbrettpiste holpern Lars und Evangelos schließlich einfach so lange weiter, bis sie wieder Meer riechen. Am Wasser empfängt sie ein Camp von Surfern, die schon entspannt im Windschatten ihrer VW-Busse sitzen. »Putbus? Zwanzig Minuten.«
»Bist du auch so platt? Wie viele Kilometer sind wir gestern eigentlich gefahren?«, fragt Evangelos morgens. »Um die 100.« Gut, dass es den Rasenden Roland gibt. Seit 1895 versieht der Schmalspurzug seinen Dienst. Mit 30 Sachen bringt er das Duo in den Norden, nach Sassnitz. Ab hier geht es aus eigener Kraft weiter: nach einem Abstecher zum viel besuchten Kreidegiganten Königstuhl über die schmale Landbrücke der Schaabe mit ihren endlosen Stränden schließlich auf die Halbinsel Wittow. In der Villa Louisa in Juliusruh finden Radfahrer ein freundliches Quartier. Pensionseltern Anke und Andreas Tschöpe schwärmen vom Norden Rügens: »Hier oben ist es noch so, wie es früher war, die Orte sind nicht explodiert wie im Süden.«
Zum Pflichtprogramm auf Wittow gehört der Ausflug zum Kap Arkona. Zwei Leuchttürme ragen am nördlichsten Kap Deutschlands auf, die Kraft ihrer Spiegelglühlampen reicht 40 Kilometer weit in Richtung Schweden. Für Lars und Evangelos bedeutet das Kap einen Wendepunkt: Zum ersten Mal ist der Wind auf ihrer Seite. Sanft, aber bestimmt schiebt er sie von der Insel.
Als die Biker Rügen mit Kurs Usedom verlassen, ist die Sonne zum ersten Mal verschwunden, am Nachmittag fängt es sogar an zu regnen. »Lass uns durchheizen und dann lecker Pasta essen in Wolgast«, schlägt Evangelos vor. Der Wind bläst weiterhin von hinten, und so schaffen sie die 100 Kilometer zu ihrem Ziel in unter fünf Stunden.
Usedom beginnt gleich gegenüber auf der anderen Seite der großen blauen Brücke. Die Insel verwöhnt Radfahrer mit Wegen, die sich durch Raps- und Getreidefelder und große Blumenwiesen ziehen. Schafgarbe, Margeriten, Mohnblumen, Kornblumen und Klee stehen hier in einer unglaublichen Dichte. Früher verbrachten Kaiser, Generäle und Künstler hier ihren Urlaub, was Usedom den Beinamen »die Badewanne Berlins« einbrachte. Die Seebäder, nach dem Fall der Mauer zu neuem Glanz gebracht, strahlen wieder. »Et bliewt eben allens bi´n Ollen«, denken die beiden Radfahrer, als sie in Ahlbeck einrollen.

Eine verträumte Stimmung liegt an warmen Tagen über Rügen. Foto: Lars Schneider

09.07.2005
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Ausgabe 06/2005