Karwendel

Das Karwendel begeistert durch steile, zerklüftete Bergketten und wilde Täler. Wer sich in den Ausläufern auf Wintertour begibt, genießt ein herrliches Panorama.

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Karte

Foto: Boris Gnielka

Die Dreitage-Tour an Lerchkogel und Stierkopf beginnt recht sportlich. Aber dann genießt man das Karwendel-Panorama in purer Einsamkeit. Und wer will, lässt den dritten Tag einfach weg.

Anspruch

Bei guten Verhältnissen mittelschwere Schneeschuhtour, die Orientierungsvermögen und am ersten Tag auch ordentlich Kondition erfordert. Die Runde lässt sich entweder in drei Tagen mit Zeltbiwak oder auch in zwei Tagen als Hüttentour machen. Abstieg entweder steil ins Krottenbachtal oder bequem ins Rißbachtal (Bus nur im Sommer; per Anhalter nach Fall zurück).

Anreise

http://Auf der A8 über München auf die B 318, danach weiter auf der B 13 und B 307 über Lenggries nach Fall (Wanderparkplatz ausgeschildert).

Route

Tag 1: Von Fall (780 m) auf Forstweg, später Pfad (237) den Wegweisern (Lerchkogel, Tölzer Hütte) folgen. Oberhalb des Delpsee Biwakmöglichkeit, sonst weiter zur Tölzer Hütte (ab Delpsee in Sichtweite). 8 Std., 13 km, 800 Hm auf, 100 Hm ab.
Tag 2: Über Tölzer Hütte (1835 m) auf Weg 237 (Grasköpfl, Fall) in leichtem Auf und Ab zur Moosenalm. Hier Abstieg ins Rißbachtal möglich
(Weg 238, Oswald), sonst Biwakmöglichkeit am Rand der Lichtung. 4,5 Std., 10 km, 300 Hm auf, 300 Hm ab.
Tag 3: Abstieg auf schwach erkennbarem Pfad vorbei an der Diensthütte ins Krottenbachtal. Dort breitem Weg nach links folgen (Fall).
3,5 Std., 10 km, 50 Hm auf, 700 Hm ab.
6 Ausrüstung: Schneeschuhe und Stöcke mit großen (Winter-) Tellern, Karte, Kompass, GPS für Schlechtwetter ratsam, Thermoskanne, Lampe, ggf. Biwakausrüstung.

Übernachtung

AV-Mitglieder, die dickes Trekkinggepäck scheuen, holen sich vor der Tour einen Schlüssel für die Tölzer Hütte (00 43/66 41 80 17 90).

Karten

Die schönsten Schneeschuhtouren, Christian Schneeweiß, Bruckmann Verlag 2000, 145 S., 19,90 Euro. Karwendel – Freytag & Berndt 2003, 1:50000, 6,80 Euro.

weitere Infos

www.dav-toelz.de

Artikel:

Es ist Silvestermittag. In den Tälern zischen nervös schon einige Raketen, Voreilige zünden Böller. Aber hier oben im Karwendel, im Wald an der steilen Nordseite des Lerchkogel, hört man nur das rhythmische Knirschen unter den Schneeschuhen von outdoor-Redakteur Boris Gnielka und seiner Frau Katleen. Ihr Atem geht schwer unter der Last der 30-Kilo-Rucksäcke, und selbst ihr auf vielen Touren trainierter Hund Finja muss hecheln. Der Zauber des Winterwaldes, seine Stille und Unberührtheit – für all das haben sie gerade nur wenig Sinn. Eine frische Spur in diese Flanke zu legen und die 800 Höhenmeter von ihrem Startpunkt Fall am Sylvensteinsee bis hinauf zum Sattel des Lerchkogel, das ist Knochenarbeit. Manchmal sinken sie trotz Schneeschuhen bis zu den Knien ein, der ganze Körper arbeitet, auch die Arme, die vollen Stockeinsatz bringen und sich gegen das Gewicht des Rucksacks stemmen. So kraftraubend hatte sich das Paar den Auftakt zu seiner 3-tägigen und gut 30 Kilometer langen Rundtour durch die tief verschneite 2000er-Arena des Karwendel nicht vorgestellt. Aber als sie endlich auf dem weitläufigen Sattel anlangen und Sonnenstrahlen sie treffen, empfängt sie ein königlicher Blick: Gegenüber im Süden zeichnen sich die steilen Nordflanken des Karwendelgebirges ab, ein wilddramatisches Durcheinander aus schroffen Gipfeln, tief verschneiten Schluchten und silbrig glitzernden Höhen. Der härteste Teil der Tour liegt nun schon hinter ihnen – denken sie. Denn hier werden sie nach rechts, nach Westen schwenken und ihre Höhe halten. »Sind wir eigentlich noch in Deutschland oder schon in Österreich?« Boris tritt einen Schritt nach vorne. »Ich bin jetzt in Österreich.« Die Grenze verläuft genau auf dem Kamm, den in rund 2000 Meter Höhe die Berge Stierjoch und Schafreuter bilden. Knapp unterhalb, in den Hängen auf der sonnigen österreichischen Seite, will das Duo mit Hund eine Linie parallel zum Kamm ziehen. Dann werden die Berge sie langsam wieder nach Norden geleiten, nach Fall, dem Start und Ziel ihrer Tour. Von oben betrachtet ähnelt die Route einer Birne. Dort, wo sie rechts in einer schönen weiblichen Rundung ausläuft, steht der Lerchkogel, und ganz unten, am dicken Ende, finden die einsamen Schneewanderer nach einigen genussreichen Kilometern durch die glitzernden, lose von Latschenkiefern bestandenen Hänge einen Panorama-Zeltplatz: Hangaufwärts blitzt der 1908 Meter hohe Gipfel des Stierkopfs, hangabwärts ragt die gewaltige Nordwand des Baumgartenjochs auf. Ein Stück weiter im Westen zeigt sich etwas erhöht sogar schon die Tölzer Hütte, an der sie morgen vorbeikommen werden. Kein Lüftchen weht, als sie mit wenigen Handgriffen das Zelt aufbauen. Katleens Multifunktionsuhr zeigt minus 15 Grad an. Doch im Zelt verbreitet die Gaslampe bald wohlige Wärme, aus minus werden plus fünfzehn Grad. Ein Plastikfläschchen Rum im Tee böllert ganz hübsch zu Silvester, und das Feuerwerk zündet die Natur: Draußen funkeln über dem rotvioletten Streifen der versunkenen Sonne schon die ersten Sterne.
Das neue Jahr beginnt so schön, wie das alte endete. Die Sonne gibt alles, und heute ernten Boris und Katleen von Anfang an die Früchte ihrer Arbeit. Immer am Hang lang ziehen sie und kommen endlich in den vertrauten meditativen Fluss, in dem sich Landschaftsgenuss und Fortbewegung perfekt ausbalancieren. Nach einer Stunde erreichen sie die Tölzer Hütte, treffen vier Tourengeher, dann gehört die weiße Bergwelt ihnen wieder ganz allein – und der grandiose Blick Richtung Südwesten, wo in zehn Kilometer Entfernung Karwendel-Prominenz aufragt: die rundliche Soiernspitze neben der scharfen Zacke der Östlichen Karwendelspitze. In der Nähe des Mooskopfs, links unten in der Birne sozusagen, bauen sie das Zelt auf. Boris sieht zufrieden aus. »Läuft alles wie geplant, oder?«
Er weiß noch nicht, was der nächste Vormittag bringt. Denn der bringt den Grasköpfl. So sanft der Name des nur 1726 Meter hohen Berges klingt: Seine Ostwand fällt hundert Meter steil ab. Und quer durch die Wand führt ein schmaler Steig – ihr Steig. Boris stochert mit seinem Stock prüfend auf den eisigen Fels. Finja schaut ihn fragend an.
»Denk am besten gar nicht dran!«, sagt Katleen. Sie hat schon eine Ausweichroute auf der Karte ausgemacht. Ein durch die Schneemassen nur stellenweise erkennbarer Pfad zeigt die Richtung an, manchmal müssen sie durch brusthohen Schnee waten – nur um wenig später plötzlich wieder vor einem Abgrund zu stehen. Gut zehn Stockwerke geht es abwärts.
»Nur 20 Meter«, sagt Boris. Er deutet auf einen schmalen Quergang oberhalb des Steilabsturzes. Katleen ist mulmig zumute. Doch diesmal haben sie keine Wahl, fürs Umkehren scheint die Sonne nicht lange genug.
Im pappigen Schnee tasten sie sich voran.
Sie vermeiden den Blick nach unten, achten
nur auf den nächsten Schritt. Die 20 Meter werden lang, aber schließlich stehen sie sicher
auf der anderen Seite.
Der Rest ist reine Fleißarbeit. »Ein ziemlicher Kracher zum Schluss«, sagt Boris anerkennend. Dabei war doch Silvester schon.

Foto: Boris Gnielka

28.02.2006
Autor: Boris Gnielka
© outdoor
Ausgabe 02/2006