Trek Neusseland - durch den Fiordland-Nationalpark

Fjordland in Neuseeland - von wilden Pflanzen und ursprünglichen Maori

Nirgends hat die Natur der Vorzeit sich so gut erhalten wie im neuseeländischen Fjordland – und der Routeburn Track führt mitten hinein. Unser Redakteur begnet dabei fast vergessen Pflanzen und wandelt auf den Spuren der Maori.
Foto: Ben Wiesenfarth

Die Baumgrenze liegt im Fjordland-Nationalpark schon bei 1000 Metern.

Eine endemische Pflanze, die einem im Fjordland immer wieder begegnet, ist die neuseeländische Silberbuche. Der immergrüne Baum mit den kleinen, runden Blättern prägt auch die erste Etappe des Routeburn Tracks, die aus den Niederungen des Hollyford Valleys zum knapp unterhalb der Baumgrenze gelegenen Mackenzie Lake führt. Je höher man kommt, desto niedriger werden die Silberbuchen.

Am Mackenzie Lake ist das Wetter schon besser – es regnet nur noch Bindfäden. »Je stärker es regnet, desto schneller ist das Jahressoll errreicht und desto mehr Zeit bleibt für Sonnentage«, rechnet in der Mackenzie-Hütte ein Schweizer Ingenieur seinen Tischnachbarn vor. So sei das eben in den »Roaring Forties«, der Region der Westwinddrift zwischen dem 40. und 50. südlichen Breitengrad.

Der Morgen bestätigt seine Theorie: Sonnenlicht fällt auf den nassen Urwald. Das Auge weidet sich an noch nie geschauten Grün-Nuancen. Gelbgrün leuchtet das frische Gras, zitronengrün strahlen die neuen Triebe der Bäume, darüber olivfarben das dichte Dach des Südbuchen-Waldes. Mitten in dieser Orgie in Grün liegt tiefblau der Lake Mackenzie, seine seichten Ränder schimmern wie Jade.

Echte Jade gibt es ein Tal weiter. Wegen des Schmucksteins kamen die Menschen vom Hollyford Valley über den Harris-Sattel ins Tal des Routeburn-Flusses: Die Maori reisten auf dieser Route zu den Jadevorkommen an der Westküste. Den ersten europäischen Begehern diente der Track zunächst als Verbindung zwischen zwei Farmen. Doch der leichte Übergang mit der grandiosen Aussicht auf die südlichen Alpen zog schon früh Touristen an. Schon in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts baute das damals frisch gegründete Department of Tourism die Hütten bei den Routeburn Flats und am Lake Howden. 1995 waren es schließlich so viele Besucher, dass der Andrang reglementiert werden musste.

Und so genießt jeden Tag nur eine kleine Schar Auserwählter den Blick hinab vom Harris-Sattel über das Tal des Hollyford Rivers, der sich hier eingeengt von Bergen gen Meer windet. Auf der anderen Seite des Flusses ragen die Darran Mountains in den Himmel, viele von ihnen kaum 2000 Meter hoch. Doch vor dem fast auf Meeresniveau liegenden flachen Kiesbett des Hollyfords wirken sie wie Riesen. Ganz im Norden blitzt der höchste von ihnen gerade noch am Horizont auf, der 2746 Meter hohe Mount Tutoko, höchster Punkt des Fjordland-Nationalparks. Seine Spitze bleibt auch im Sommer schneegekrönt.

Ist das europäische Auge solche Anblicke durchaus von den Alpen gewöhnt, schaut es auf der anderen Seite des Sattels in eine neue Welt oder, je nach Perspektive, in eine sehr alte. Die Gegend um das Routeburn-Tal wirkt so fremd, dass man sofort versteht, dass der Regisseur Peter Jackson sie als Schauplatz für einige Szenen des Fantasie-Epos »Der Herr der Ringe« wählte. Steil und grün schießen die gletschergeschliffenen Flanken des Trogtals empor, in den Kies des topfebenen Talbodens zeichnen sich glitzernd die Adern des Routeburn. Und wer sich die Mühe macht und kurz vor der Routeburn-Hütte auf den Aussichtshügel rechts vom Pfad steigt, braucht keine Fantasie mehr, um sich vorzustellen, wie wohl der Urkontinent Gondwanaland ausgesehen haben mag.

01.03.2010
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 04, 05, 03/2010, 2010, 2010