Huemul Circuit in Patagonien: Reisebericht & Wanderinfos

Patagonien: Auf dem Huemul-Trek durch die Gletscherwelt des Los Glaciares Nationalparks

Foto: Franz Güntner Patagonien

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Schöner geht es kaum: Der Huemul-Trek startet in El Chaltén und bringt Wanderer in vier Tagen zu den Bergmajestäten im Los Glaciares Nationalpark - und an den Rand des patagonischen Inlandeises.

Bis hierher war alles leicht. In El Chaltén zu Fuß starten, Cerro Torre und Fitz Roy bewundern, die Rucksäcke über gut ausgebaute Wanderpfade tragen, ein paar Mal durch eiskaltes Gletscherwasser waten, eine Nacht im Zelt schlafen. Doch der Huemul-Trek steigert seine Schwierigkeit: Heute, gleich zu Beginn des zweiten Tages, stehen wir vor einem rund 20 Meter langen Stahlseil, gespannt über einen vor Wut schäumenden Bach, der rasend schnell in ein tiefes Loch stürzt. Wir legen die Klettergurte an, hängen die rund 18 Kilogramm schweren Rucksäcke mit einer Bandschlinge zwischen unsere Beine, klippen den Stahlkarabiner in das Seil und hangeln uns über die Schlucht – rund zehn Meter oberhalb des tosenden Wassers.

El Chaltén, das 1700-Einwohner-Nest im argentinischen Teil Patagoniens, bezeichnet sich selbst als Trekking-Hauptstadt. Und obwohl man bei solchen Selbstzuschreibungen grundsätzlich skeptisch sein sollte, hier stimmt es: Einige mehrtägige Wanderungen starten und enden direkt im Ort. Das Dorf gilt als ideale Basis für Erkundungen des Nationalparks Los Glaciares, ein rund 4400 Quadratkilometer großes UNESCO-Weltnaturerbe. Hier gibt es reißende Bäche, anmutige Gletscher, liebliche Täler – und die berühmten Granittürme des Cerro Torre (3128 m) und Fitz-Roy (3406 m).

Abseits dieser beiden Berg-Stars und der überlaufenen Wanderwege zu ihren Basecamps bietet El Chaltén noch eine weitere große Attraktion: den vergleichsweise einfachen Zugang zum chilenischen Inlandeis – der größten zusammenhängenden Eisfläche außerhalb der Pole und Grönlands. Wer sie sehen möchte, findet im Huemul-Trek die eleganteste und aussichtsreichste Variante: Er führt in vier Tagen einmal um das bis zu 2677 Meter hohe Huemul-Massiv herum, das südlich von El Chaltén auf einer Halbinsel im Lago Viedma liegt. Auf dem Weg sieht man an zwei Tagen auch die Eismassen.

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Foto: Franz Güntner

Gruppenbild mit Patagoniens Inlandeis.

Huemul-Trek: Jeden Tag neue Herausforderungen

Unsere Tour bietet jeden Tag andere Herausforderungen und Schönheiten: Am Anfang müssen wir Bäche furten, wandern dafür durch ein grünes Tal mit milchig-weißen Flüssen und knorrigen Bäumen. Danach folgt der Kraftakt über das Stahlseil, das mit dem Blick auf das Inlandeis belohnt wird. Am dritten Tag geht es zuerst bergauf und dann über mehrere hundert Höhenmeter steil durch einen Wald bergab. Im Gegenzug darf man sein Zelt direkt am Lago Viedma aufbauen, einem ruhigen See, auf dem kleine Eisschollen treiben. Und auf der letzten Etappe muss man sich meist weglos durch eine sumpfige Hochebene schlagen, genießt dafür aber die Aussicht auf den Abbruch des Viedma-Gletschers, den See und die umliegenden Berge.

Nach dem Drahtseilakt wandern wir zwischen den Gipfeln des Cerro Grande und des Huemul-Massivs entlang. Weiße Gletscher strecken uns ihre vom Schmelzwasser zerfurchten Zungen entgegen. Türme, Spitzen und Grate mit Eishauben buhlen mit ihrer Eleganz um unsere Aufmerksamkeit. "Kaum zu glauben, dass diese Gipfel hier alle so niedrig sind", wundert sich meine Freundin Kati. Richtig: Die Berge sehen zwar aus, als wären sie gerade dem Himalaya entsprungen, erreichen aber selten Höhen über 3000 Meter. Selbst der Cerro Grande mit seinen drei Gletschern ist nur zwei Meter höher als der Watzmann.

"Die größte Eisfläche, die ich je gesehen habe"

Über die schuttbedeckten Ausläufer des Gletschers Río Túnel Inferior stolpern wir weiter bergan: Das lose Geröll gibt unter unseren Füßen immer wieder nach. Endlich erreichen wir wieder einen festen Pfad und nähern uns schnell dem Höhepunkt der Tour: dem 1415 Meter hohen Paso del Viento. "Ist es das?", fragt Kati aufgeregt, als wir oben stehen. Ich antworte nicht, starre gebannt auf die andere Seite des vom kalten Wind überblasenen Passes. Unter uns liegt eine riesige weiße Ebene, die von schneebedeckten, steilen Bergen durchbrochen wird. Unnahbar stehen die Felsriesen in der Ferne, mitten im ewigen Eis. Ich senke wieder den Blick, fixiere das Tal vor uns – die größte Eisfläche, die ich je gesehen habe. Von gleich mehreren Seiten führen breite, weiße Arme auf das Feld, wie Autobahnen aus gefrorenem Wasser. Unaufhörlich drückt dieses Eisschild auf den Viedma-Gletscher zu unserer Linken, einem der Abflüsse des Inlandeises.

Abends im Camp treffen wir Hans und seine Freundin. Wir lachen, als wir herausfinden, dass wir nur 100 Kilometer voneinander entfernt leben: Hier am Ende der Welt fühlen wir uns fast wie Nachbarn. "Haben euch die Parkranger auch so viele Auflagen gemacht?", fragt Hans. "Wir mussten uns Stahlkarabiner ausleihen, das war‘s", sage ich. Bei Hans und seiner Freundin hat ein Mitarbeiter genauer hingesehen und sich ihre gesamte Ausrüstung zeigen lassen. Am Ende der Inspektion mussten sie zusätzlich noch ein 20 Meter langes Seil für die Seilrutsche kaufen. "Einheitliche Regeln scheint es hier nicht zu geben", brummt der Münchner in seinen Bart.

Foto: Franz Güntner

Blick auf den Viedma-Gletscher.

Der 3.Tag auf dem Huemul Circuit gehört zu den längsten

Die Sicht auf das Kontinentaleis bleibt uns auch am nächsten Tag erhalten: Am Rand der Halbinsel wandern wir auf einem gut ausgetretenen Pfad entlang – unter uns die weiße Straße, die langsam in den Viedma-Gletscher übergeht. Der dritte Tag gehört zu den längsten: rund 8 Stunden brauchen Trekker vom Rande des Eisfelds bis an das Ufer das Lago Viedma. Auch heute müssen wir wieder einen Pass überqueren, den 1005 Meter hohen Paso Huemul. Die schlimmste Stelle der Etappe folgt etwa 200 Meter unterhalb des Aussichtspunktes. Rund 400 Höhenmeter geht es auf einem teils sandigen, teils lehmigen Waldpfad steil hinab an das Ufer des Sees. Kati reibt sich stöhnend ihre Knie, während ich die Wegebauer ob der fehlenden Serpentinen verfluche. Wer lässt denn einen Sandpfad einfach steil bergab führen? Unsere Technik: Frontal den Weg ablaufen und sich so gut es geht an den Bäumen bremsen. Dann stehen wir endlich am steinigen Ufer des Sees und bauen unser Zelt auf.

Wie so oft nach Tagen, an denen man glaubt, alles gegeben zu haben, ist das Ende der Etappe sehr entspannend. Im klaren Wasser des Viedma-Sees kühlen wir unsere geschundenen Füße, während einzelne kleine Eisberge uns in einiger Entfernung passieren und kleine Wellen Richtung Ufer schicken. "Wie cool wäre es, wenn wir auf einer der Schollen zum Hafen treiben könnten", träumt Kati, "dann würden wir uns morgen den Weg sparen."

El Chaltén, die Trekking-Hauptstadt Patagoniens

Vor der letzten Etappe hatte uns ein alter Mann am Campingplatz gewarnt: "Die Tour endet am kleinen Hafen des Lago Viedma. Zuvor musst du aber durch ein schlammiges, wegloses Hochtal, das voll von Horseflies ist." Diese Pferdebremsen solle man nicht unterschätzen: "Sie treten in Schwärmen auf, bringen dich mit ihrem lauten Summen um den Verstand, krabbeln sogar unter die Sonnenbrille und stechen auch durch T-Shirts." Na bravo.

Zum Glück schlafen die Viecher lange und werden erst um 10 oder 11 Uhr morgens aktiv. Bei Anbruch des Tages geht es daher los. Zunächst finden wir noch ein paar Pfade und rot markierte Pfosten, doch bald schon navigieren wir selbst. Während wir wieder langsam an Höhe gewinnen, sehen wir die Ausläufer des Viedma-Gletschers, der in den See mündet. Knacken und Donnern zeugen von abbrechendem Eis. Den patagonischen Gletschern machen Klimaerwärmung und das Ozonloch zu schaffen. Auch wir merken das: Früher als Schlechtwetterküche bekannt, dominiert seit ein paar Sommern hier die Hitze – 30 Grad wird unser Thermometer heute noch anzeigen.

"Ich möchte nicht wissen, wie es in diesem Sumpf um 11 Uhr ist", sagt Kati, die mit hohen und weiten Schritten durch die immer feuchter werdenden Wiesen stelzt. Dabei haben wir noch Glück: Die meisten Matschpassagen lassen sich am frühen Morgen noch umgehen. Aber mit der Sonne taut auch der Schnee oberhalb des Weges und liefert die wichtigste Zutat für eine ordentliche Schlammschlacht: Wasser. Ein Wettlauf gegen die Zeit, den wir bereits verloren haben.

Im Hochtal beginnt der Matsch. Die ersten 30 Minuten versuchen wir noch, von Grasbusch zu Grasbusch zu springen, irgendwann geben wir das aber auf. Vor meinem inneren Auge sehe ich den Alten vom Campingplatz grinsen: "Versucht erst gar nicht, trocken zu bleiben. Irgendwann erwischt es euch doch und dann war das ganze Herumgespringe zuvor reine Zeitverschwendung." Er hatte Recht.

Wer aus dem Hochtal zurück in die Zivilisation möchte, muss irgendwann rechts durch eine sanfte Rinne absteigen und am Ufer des Lago Viedma die letzten Kilometer entlang wandern. Allerdings: Die Suche nach dem Abstieg ist schwierig. Nach einigen Irr- und Umwegen stehen wir schließlich am unteren Ende der Rinne. Flach präsentiert sich die patagonische Steppe von hier, und weit – bis zum Horizont. Unter uns leuchtet türkisblau der Lago. An seinem linken Ufer sehen wir bereits den kleinen Hafen, an dem die Ausflugsboote zum Viedma-Gletscher ablegen, das Ende der Tour. Eines der Schiffe passiert gerade einige Eisberge, die sich ihren Weg über den See bahnen. "Sollen wir zum Hafen und per Anhalter zurückfahren oder zu Fuß die fünf Kilometer nach El Chaltén gehen?", frage ich Kati. Sie will gehen. Wo sonst kann man eine Tour direkt im Ort beginnen und beenden. Stimmt, das geht wohl nur in El Chaltén, der Trekking-Hauptstadt Patagoniens.

Etappenübersicht:

Reisetipps für Patagonien-Trekker:

Hinkommen
Viele Fluggesellschaften unterhalten Verbindungen zwischen München und Buenos Aires (zum Beispiel KLM, rund 900 Euro). Von dort fliegt man weiter bis El Calafate (Beispiel: latam.com, rund 399 Euro) und fährt mit Anbietern wie Chaltén Travel (chaltentravel.com) für rund 40 Euro ins Trekking-Paradies. Wer Zeit hat, macht zuvor noch einen Umweg und verbringt einige Tage in der Outdoor-Stadt San Carlos de Bariloche (Anbieter: Andesmar, etwa 100 Euro von Buenos Aires). Erst dann geht es weiter Richtung Süden.

Beste Reisezeit
Wanderer finden im Januar und Februar das beste Wetter vor. Außerdem fahren zur Hauptreisezeit täglich mehrere Busse nach El Chaltén.

Online informieren
Wanderer und Trekker finden auf elchalten.com alle nötigen Infos zu Unterkünften und Verkehrsmitteln. Die wohl sichersten Wetterinfos liefert windguru.com

In El Chaltén überleben
Mit Kreditkarten kann man im Ort nicht bezahlen, und die beiden Geldautomaten funktionieren nicht zuverlässig. Es empfiehlt sich, eine größere Bargeldreserve an Dollar und argentinischen Pesos mitzuführen. Die Preise für Outdoor-Equipment sind astronomisch, Gaskartuschen mit Gewinde findet man aber zu erschwinglichen Konditionen in jedem Outdoor-Laden. Obst und Gemüse kauft man am besten am frühen Abend im Supermarkt Distri Sur – dann kommt ein neue Lieferung.

Orientieren
Wettergeschützte Karten im Maßstab 1:60.000 kauft man sich in den Shops in El Chaltén. Beste Wahl: "Chalten Trekking Map Fitz Roy – Southern Patagonia Ice Field".

Anspruch
Der Huemul-Trek sollte nicht von Anfängern begangen werden: Länge und Anspruch der Etappen, schlechte Wegmarkierungen, Abgeschiedenheit, plötzliche Wetterumschwünge und starke Winde machen die Tour zu einem echten Abenteuer. Zudem sollte man sich zuvor informieren, wie man am besten das Stahlseil ("Tirolese") überquert.

Foto: Franz Güntner

Am Stahlseil über den Fluss - Abenteuer pur!

Permit beantragen
Für den Huemul-Trek gelten besondere Auflagen. In der Regel muss man seine Ausrüstung (vor allem für das Stahlseil) vorzeigen und sich eine kleine Einführung zum Trek anhören. Dann bekommt man das (kostenlose) Permit. Allerdings: den Trek darf man nicht alleine gehen.

Material ausleihen
Für das Stahlseil braucht man mindestens einen Stahlkarabiner sowie zwei Bandschlingen und einen Klettergurt. Das kann man sich in den Klettershops in El Chaltén zu horrenden Preisen ausleihen. Besser: von zuhause mitbringen.

Unterkunft

Campingplatz
Der komfortabelste Campingplatz liegt am nördlichen Ortsende und heißt El Relincho. Dort kann man auch sein Gepäck deponieren. Preis: 8 Euro pro Nacht und Nase.

Hostel
Im Ortskern liegt die Albergue lo de Trivi, eine gemütliche Herberge. Preise: Etwa 22 Euro im Mehrbettzimmer, das Doppelzimmer kostet rund 78 Euro. lodetrivi.com

Essen & Feiern

Patagonicus
Mit Blick auf den Fitz Roy Pizza essen – das geht nur im Patagonicus. Die Preise sind landestypisch, die Pizzen gut und das Ambiente des urigen Lokals erinnert wegen der vielen Bilder an die Zeit der großen Berg- und Kletterpioniere.

Mito‘s
Das Lokal liegt gegenüber des Supermarkts Distri Sur. Hier treffen sich jeden Abend junge Leute zum gemeinsamen Bier. Im Garten steht außerdem ein Tischkicker.

Foto: outdoor

Franz Güntner – Reisejournalist

Tipps von Autor Franz Güntner

Basecamps besuchen
Wer die berühmtesten Berge Patagoniens, Fitz Roy und Cerro Torre, schon immer aus nächster Nähe sehen wollte, wandert zu ihren Basecamps: Beide Berge erreicht man auf je einer Tagestour. Wer lieber im Zelt übernachtet, kann beide Etappen zusammenhängen, der Trek dauert dann drei Tage. Die Wege sind einfach und beschildert, aber gut besucht.

Geschichte erleben
Die Rangerstation im Süden von El Chaltén beherbergt auch ein kleines Museum, das die Entwicklung des Bergsteigens an Cerro Torre und Fitz Roy zeigt.

Klettern gehen
An fast allen Wänden rund um die Stadt finden sich gut abgesicherte Kletterrouten. Wer Zeit und Geld hat, leiht sich Equipment aus oder bucht einen Kurs. Günstigere Variante: Bouldern im Nationalpark.

Im Internet surfen
Das WWW ist langsam in El Chaltén. Um sich die geringe Bandbreite nicht mit anderen teilen zu müssen, geht man am besten abends in eine Bar, trinkt ein Bier, fragt nach dem Passwort und surft am frühen Morgen vor dem Lokal.

Weitere Traumziele:

20.01.2017
Autor: Franz Güntner
© outdoor
Ausgabe 12/2016