Die Wildnis Kanadas in den Rocky Mountains

In vier Tagen durch den Yoho National Park

Foto: Ben Wiesenfarth Kanada – Yoho National Park

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Nirgendwo genießen Wanderer Kanadas Wildnis so einfach wie im Yoho National Park. outdoor-Reiseredakteur Alex Krapp war auf einer Vier-Tage-Tour zu allen Highlights im Yoho und hat beeindruckende Impressionen mitgebracht.

"Als Pionier denkst du nicht lange über Namen nach, da nimmst du einfach, was du siehst", sagt Ben, während ich noch überlege, warum der Fluss, an dem wir entlangfahren, wohl Kicking Horse River heißt. "Rocky Mountains ist ja jetzt auch nicht wirklich weit hergeholt", fährt er fort, während links und rechts des Highway One zweitausend Meter hohe Felsenberge am Fenster vorbeiziehen. Als wir zehn Minuten später in Field halten, stimme ich dem Fotografen zu. Auch hier scheinen bei der Namensgebung wohl Pragmatiker am Werk gewesen zu sein: Ein paar Dutzend Häuser auf einer ein paar Fußballplätze großen Fläche neben den Gleisen der Canadian Pacific Railways – das Tor zum Yoho National Park hatte ich mir irgendwie pittoresker vorgestellt.

Mit 1500 Quadratkilometern ist Yoho der kleinste von fünf großen Nationalparks, die hier, zwei Fahrstunden westlich von Calgary, die Wildnis schützen. Schon mit Errichtung der Bahnstrecke im Jahr 1884, aber spätestens durch den Highway One, wurde Yoho ein beliebtes Ziel für Tagestouren. Auf den gut ausgebauten Trails trifft man während der Saison immer wieder auf andere Wanderer, und dadurch eignet sich das Gebiet auch für Trekker, die ein paar Tage in der kanadischen Wildnis verbringen möchten, ohne gleich völlig auf sich allein gestellt zu sein. Hauptattraktionen des Parks sind die Wasserfälle im Yoho Valley und, nur durch einen Bergrücken davon getrennt, der Emerald Lake. Mit ihm verhält es sich so wie mit vielen Naturjuwelen, die direkt an einer Straße liegen. An schönen Tagen teilt man sich die breiten Kieswege mit Spaziergängern, doch nach spätestens einer halben Stunde Gehzeit werden die Wege schmaler und von den Besuchermassen fehlt jede Spur.

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Foto: Ben Wiesenfarth Kanada – Yoho National Park

Das milchige Grün des Emerald Lake rührt von feinem Erosionsmaterial.

Über den Yoho Pass zum smaragdgrünen Emerald Lake

"Lunchtime bell is ringing!" Eine ältere Wanderin macht Witze über die Bärenglöckchen, die wir auf den Ratschlag eines Freundes hin an unsere Rucksäcke gehängt haben. Im Gespräch mit ihr wird klar: In Kanada herrschen unterschiedliche Meinungen darüber, wie man sich die Pelzträger am besten vom Leib hält. Die Palette reicht von "laut reden" und besagten Glöckchen (eher bei Schwarzbären ein probates Mittel) über Pfefferspray (Braunbären) bis hin zur Flinte (Eisbären). Die Chancen, hier auf einen Bären zu treffen, sind allerdings ausgesprochen gering, sagt die Dame, deren Rucksack so aussieht, als würde sie nicht erst seit der Jahrtausendwende wandern. Also packen wir die Glöckchen weg, das Bärenspray baumelt allerdings weiterhin in Griffweite am Gurt unserer Rucksäcke.

Ein steiler Weg führt hinauf zum Yoho Pass, der uns hinüber ins Yoho Valley bringen soll. Der Blick zurück fällt über den Emerald Lake – wie ein Smaragd schimmert der Bergsee, eingefasst von Wald und Schotter. Auf der gegenüberliegenden Seite, von wo wir gekommen sind, erkennt man die Endmoräne eines längst verschwundenen Gletschers. Der Wall hindert den See am Auslaufen und dient der Emerald Lodge als Podest. Die grünen Dächer der ehrwürdigen Hütten ragen über die Bäume.

Der Yoho Pass liegt 500 Meter höher auf einem Sattel. Zwischen Bäumen stapfen wir durch Schlamm und Schneereste, bis wir am tiefgrünen Yoho Lake stehen. Auf 1800 Metern Höhe gelegen, umsäumt von den typischen schlanken Fichten, bietet er wohl das Bild, das entsteht, wenn man die Augen schließt und sich einen kanadischen Bergsee vorstellt. Wer ein Zelt dabei hat und hier keine Nacht bleibt, dem ist nicht mehr zu helfen. Ähnlich dachte wohl auch der kanadische Alpenverein, der im Jahr 1906 hier sein erstes Camp abgehalten hat – eine Bronzetafel auf einem Sockel erinnert daran. Mit einem stillen Abend endet ein aussichtsreicher Tag – er war nur der Auftakt der Tour.

Yoho Publikumsmagnet: Die Takakkaw Falls

Gleich am nächsten Morgen wartet ein weiterer Höhepunkt. An der westlichen Flanke des Yoho Valley vorbei führt der Iceline Trail. Auch hier ist der Name Programm. Die Route verläuft knapp unterhalb der Schneegrenze, die auch jetzt Ende Juli kaum niedriger als 2000 Meter liegt. Wanderer sollten vorher der Nationalparkverwaltung in Field einen Besuch abstatten und die Wegverhältnisse klären. Das Wetter spielt auch heute mit.

Unten, im Yoho Valley, stehen tiefgrün die Fichten, hoch darüber thront der Daly-Gletscher. Dieser Ausläufer des Waputik-Eisfeldes speist den Publikumsmagneten im Park: die 381 Meter hohen Takakkaw Falls. Vom Transcanada Highway gelangt man auf einer Stichstraße in weniger als einer halben Stunde an ihren Fuß, entsprechend voll ist der Parkplatz. Wir hingegen genießen das Naturschauspiel von der hohen Warte des Iceline Trail aus der Totalperspektive – und kommen wie so oft in Yoho an einen Punkt, an dem überstrapazierte Wörter wie grandios und zauberhaft keine leeren Hüllen sind. Anscheinend sah man das auch beim Urvolk der Cree, das den Fällen ihren Namen gab, so. Takakkaw bedeutet in ihrer Sprache "großartig". Und so stapft man noch eine Weile über Schneefelder, links oben gleißen die Gletscher, rechts unten grünen die Wälder, dazwischen rauscht der Yoho River. Es könnte ewig so gehen.

Auch dieser Tag hält noch ein Juwel für den Schluss bereit: das Little Yoho Valley. Der junge Yoho River strömt hier, gerade aus dem Eis entronnen, als kleiner Bach über eine feuchte Wiese, auf der die Stanley Mitchell Hut steht. Knarzende Holzdielen, gusseiserner Ofen, gemauerter Kamin – wer in den Genuss einer Übernachtung kommen will, sollte frühzeitig reservieren, ansonsten lockt aber auch der Zeltplatz etwas abseits der Hütte.

Foto: Ben Wiesenfarth Kanada – Yoho National Park

Die Stanley Mitchell Hut stammt aus den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Einsamkeit am Yoho Lake oder gesellige Jugendherberge?

Der Rückweg führt durch das Little Yoho Valley. Zunächst recht sanft, dann immer steiler, geht es hinab in die würzig duftenden Wälder, vorbei an Kaskaden, bis wir am Talboden bei den Laughing Falls stehen. "Was man sich wohl bei dem Namen gedacht hat?", fragt Ben und ich zucke mit den Schultern. Jedenfalls ist es ein heiterer Ort, und wer an einem schönen Tag hier vorbeikommt, sollte durchaus ein Weilchen auf den warmen Felsen liegen bleiben und dem Wasser beim Fallen zusehen: stets ein neuer Anblick und trotzdem immer gleich. Wem der Sinn nach weiteren Wasserfällen steht, bekommt im Yoho Valley genug davon.

Der Star sind auch heute die Takakkaw Falls, diesmal besichtigen wir sie aus der Nähe. Die Wassermassen reißen einen kühlen Wind mit sich, der aus dem Tosbecken heraufweht. Doch entweder liegt es daran, dass das Auge schon zu gesättigt von Wasserfällen ist, oder die Turnschuh-Touristen, die die wenigen Meter vom Parkplatz hergekommen sind, stören: Die Takakkaw Falls faszinieren uns trotz ihrer Größe weniger als die vielen anderen im Park.

Nur einen halben Kilometer weiter, auf der anderen Seite der Straße, steht das Whiskey Jack Hostel. Der rotbraune Holzbau mit der weißen Veranda hebt sich aus dem Grün des Waldes. Der Name geht wohl weniger, wie Ben vermutet, auf einen alkoholkranken Herbergsvater zurück, sondern auf die Verballhornung von "Wisakedjak", einer mythologischen Figur der Cree. Wer so wie wir über den Yoho Pass zurück nach Field gehen möchte, muss sich hier zwischen der Geselligkeit in der Jugendherberge oder der Einsamkeit am Yoho Lake entscheiden – gut zwei Stunden sind es bis zu dem uns schon bekannten See. Dort treffen wir durch Zufall die Dame, mit der wir uns vor zwei Tagen über Bären unterhalten hatten, sie hat hier ein Zelt aufgeschlagen. Sie erklärt, was es mit dem Kicking Horse River auf sich hat: Als im Jahr 1858 der Geologe James Hektor auf einer Expedition den Fluss überquerte, wurde er von einem Packpferd so stark vor die Brust getreten, dass er das Bewusstsein verlor und erst wieder zu sich kam, als man schon dabei war, sein Grab zu schaufeln. Ben schaut von der Landkarte auf und sagt: "Da hab ich doch richtig geraten! Und jetzt würde ich noch gerne wissen, was im Surprise Creek los war."

Reisetipps für Ihre Kanadareise

Hinkommen
Mit dem Flugzeug nach Calgary (zum Beispiel mit British Airways ab 1000 Euro). Wer vor Ort flexibel sein möchte, gelangt von dort mit dem Mietwagen (14 Tage ab 420 Euro) auf dem Highway 1 nach Field (206 Kilometer). Alternativ fahren auch Busse von Calgary nach Field. Beispielsweise mit Greyhound. Einfach ab 30 CAN $ (ca. 20 Euro).

Beste Zeit
Der Sommer in den kanadischen Rockies ist kurz. Wer Touren oberhalb von 2000 Metern unternehmen möchte, kann erst ab Juli relativ sicher sein, dass kein Schnee mehr liegt. Ab Mitte September kann es wieder schlechter werden.

Permits
Für die großen Nationalparks rund um Banff brauchen Besucher einen Park-Pass. Am einfachsten besorgt man ihn im Netz (parkpass.banfflakelouise.com), an der Mautstation des Highway One vor Banff oder in der Nationalparkstation in Fields. Der Eintrittspreis hängt von der Personenzahl und der Größe des Autos ab. Für Besucher, die länger als eine Woche bleiben, macht in der Regel ein Jahresticket Sinn, das auch in anderen Parks gültig ist (Discovery Pass 67 $, 46 Euro). Das Schöne: 2017 feiern Kanadas Parks 150-jähriges Bestehen und alle Eintritte sind kostenlos.

Sicherheit
Wer ohne Führer in die Berge geht, sollte eine Dose Bärenspray griffbereit haben. Erhältlich in allen Outdoorshops in Banff und Canmore.

Karte und Literatur
Karte mit Kilometerangaben von einzelnen Wegabschnitten: "Lake Louise & Yoho", Gem Trek Publishing, 1:50.000, 13,95 CAN $.
Die "Bibel" mit über 227 Wanderungen: Canadian Rockies Trail Guide. Brian Patton & Bart Robinson, Summerthought, Preis: 25 CAN $.

Informieren
Infos über Reisen in British Columbia finden sich auf hellobc.de. Die offizielle Internetseite des Yoho-Nationalparks ist pc.gc.ca/yoho

Schlafen & Essen

Zelten
Im Park gibt es vier große "Frontcountry campgrounds", die in der Nähe einer Straße liegen und je nach Ausstattung und Lage zwischen 15 und 28 CAN $ kosten. In der Wildnis, Backcountry, darf nur an ausgewiesenen Plätzen übernachtet werden (dazu zählt auch das erwähnte Camp am Yoho Lake. Der dazu nötige Wildnispass kostet 9,80 CAN $ pro Nacht, eine Reservierung 11,70 CAN $).

Stanley Mitchell Hut
Wer eine Nacht in einer stilvollen Blockhütte verbringen möchte, tut das am besten in der Stanley Mitchell Hut. Die Selbstversorgerhütte muss über den kanadischen Alpenverein reserviert werden, alpineclubofcanada.ca/ huts/stanley-mitchell-hut. Nichtmitglieder bezahlen 40 CAN $.

Emerald Lake Lodge
Frühstücken mit Blick auf den Emerald Lake, das können Gäste der gleichnamigen Lodge. Das Restaurant des Dreisterne-Betriebes bietet hervorragendes Essen, übernachtet wird in Blockhaus-Suiten. Für 2 Personen ab 280 CAN $ Euro pro Nacht.

Whiskey Jack Hostel
Preiswert und zentral schläft es sich im Whiskey-Jack-Hostel, direkt gegenüber der Takakkaw Falls. Das Hostel ist nur von Anfang Juni bis Ende September geöffnet. Eine Übernachtung im Bettensaal ist für umgerechnet 20 Euro zu haben. hihostels. com/de –> Whiskey Jack Hostel

Trüffelschwein
Das erste Bier nach einem Wildnistrip sowie eine Speisekarte, die weit über die unvermeidlichen Burger und Pommes Frites hinausreicht, bietet das Trufflepigs in Field und liegt preislich trotzdem voll im Rahmen. Zudem kann in dem gemütlichen Holzhaus auch übernachtet werden. Ein Doppelzimmer kostet ab 170 CAN $ pro Nacht.

Foto: Ben Wiesenfarth outdoor-Redakteur Alex Krapp

Alex Krapp, Redakteur

Tipps von Autor Alex Krapp

Urzeit-Archiv
Am Burgess Pass (Etappe 4) wurden einige der bedeutensten Fossilien der Welt gefunden. In einer Schieferschicht hat sich ein ganzes Ökosystem aus dem Kambrium (500 Millionen Jahre alt) erhalten. Geführte Touren bucht man unter burgess-shale.bc.ca

Alpine Perle
Über 25 Seen in einem Radius von fünf Kilometern: Das Lake-O’Hara-Gebiet im Süden des Nationalparks gilt als einer der schönsten Spots in den Rockies. Wanderer gelangen nur per Shuttle-Bus dorthin, Plätze sind oft schon früh ausgebucht: www.pc.gc.ca –> Yoho –> Lake O’Hara

Spiral Tunnels
Der Kicking Horse Pass bildete für die Züge des Canadian Pacific Railway lange ein Nadelöhr, das erst zwei spiralförmige Tunnel im Jahr 1909 entschärften. Diesen kommt man auf dem "Walk in the Past Trail" (1,2 km) näher. Startpunkt: Kicking Horse Campground.

Wapta Falls
An den Wapta Falls rauscht der Kicking Horse River auf einer Breite von 150 Metern 30 Meter in die Tiefe. Eine kurze Wanderung führt vom Highway 1 aus dorthin.

09.02.2017
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 01/2017