Wildnisparadies Bowron Lakes in Kanada - per Kanu

Die Empfehlungen des Nationalparkmanagements

Die Bowron Lakes in der kanadischen Provinz British Columbia sind das ideale Revier für ganz große Wildnis-Abenteuer. Zu Beginn befolgen die Tolussos peinlichst genau die Empfehlungen des Nationalparkmanagements.

Zu Beginn befolgen die Tolussos peinlichst genau die Empfehlungen des Nationalparkmanagements. An jedem Camp stehen in einiger Entfernung zu den Zeltstellen Bärenboxen bereit, in denen alles verstaut wird, was irgendwie riecht. Dazu zählen neben Proviant und Kochgeschirr auch die tagsüber getragenen Kleidungsstücke. Bären mit ihren empfindlichen Nasen sind so neugierig, dass sie zuweilen sogar Zahnpastageruch folgen. Mit ins Zelt kommen nur Schlafsäcke, Isomatten und Stirnlampen. Mehr zur psychologischen Unterstützung liegt das Bärenspray bereit, daneben die Axt und das Schweizer Taschenmesser. Doch so neugierig und gefräßig die Bären auch sind, so scheu reagieren sie auf Geräusche wie fröhliche Kinderstimmen oder den Schein eines nächtlichen Lagerfeuers. Und nach einem Tag voller Paddeln, Zeltaufbauen, Feuermachen und Kochen bleibt abends im Zelt nicht mehr viel Energie, um sich über Bären Sorgen zu machen.

Mit der Zeit zerstreuen sich die Bedenken und aus der Furcht, einem Bären zu begegnen, wird allmählich der Wunsch, endlich mal einen zu sehen. Und so tasten tagsüber fünf Augenpaare angestrengt das Ufer ab. »Papi, schau da«, flüstert Fiona aufgeregt und deutet an Land. Stolz und erhaben sitzt er da – nein, kein Bär, sondern Fionas erster Weißkopfseeadler. Von einem Tannenwipfel aus beäugt er die Wasseroberfläche auf der Suche nach Beute. Mit bedachten Bewegungen, um das Tier nicht aufzuscheuchen, kramt Stefan im Rucksack. Wo steckt denn schon wieder der Fotoapparat? Er hat Glück, der Adler hält still und lässt sich porträtieren.

Andere halten nicht so still. Wenig später schießt ein anderer Weißkopfadler auf die Wasseroberfläche herab, greift sich einen Fisch und macht sich daran, seine Beute am nahen Ufer zu verzehren. Doch ein größerer Artgenosse will ihn vertreiben. Über den Streit der Luft-Könige freut sich der Dritte: ein Seeotter. Er schnappt sich den Fisch und verschwindet im Wasser.

Stefan Tolusso hat Lust auf mehr bekommen. Er schält sich ab jetzt in der Dämmerung aus seinem Schlafsack, die beste Zeit für Tierbeobachtungen. Und während seine Familie noch in den warmen Daunen schlummert, gleitet er in einem leeren Kanu durch die morgendliche Stille. »Man war nicht wirklich in Kanada, hat man diese frühen Momente nicht erlebt«, sagt er. Sanft kriecht das Sonnenlicht dann die Hänge hinunter, fängt sich in den Nebelschwaden, durchdringt sie mit ihren Strahlen und schimmert auf dem du­nklen Wasser des frühen Morgens.

An seichten Stellen kommen manchmal um diese Zeit Elche zum Äsen aus den Wäldern. Oft haben die Tiere keine Angst vor dem Boot. Ohne Eile stapfen sie durchs Sumpfgras ins Wasser, wo sie am Flussgrund Wasserpflanzen abknabbern, offenbar ein besonderer Leckerbissen, denn sie tauchen den Kopf dafür bis zu einer halben Minute ins Wasser. Als eine Elchkuh immer weiter hinauswatet, schickt sie ihr Junges mit einem Knurren zurück hinter das schützende Buschwerk – und erinnert Stefan Tolusso daran, dass bestimmt auch seine Kinder langsam frühstücken wollen.

08.04.2011
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 12/2010