Neun Leichtwanderschuhe im Test 2011

Gut gelaufen: Neun leichte Stiefel zum Wandern

Leichtwanderschuhe versprechen unbeschwertes Wandervergnügen auf einer Vielzahl von Wegen. Doch nicht jedes Modell überzeugt. Lesen Sie, mit welchen Schuhen das Wandern am meisten Spaß macht.
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Weniger ist oft mehr. Das gilt für die Maße mobiler Digitalgerätschaften genauso wie für die Möblierungsdichte heimischer Wohnzimmer. Bis an die Füße von Wanderern ist diese Erkenntnis allerdings noch nicht durchgedrungen. Schwere Stiefel hängen da an Beinen, die so gemartert rasch ermüden und den Wanderer zur Umkehr oder zumindest Rast zwingen. Und das selbst auf Wegen, die Großmutter einst in Birkenstocks bezwang. Viel hilft viel? Beim Schuhwerk nicht! Fortwährend wird es angehoben, beschleunigt, abgebremst und aufgesetzt. Schritt für Schritt, und jeder reicht nur rund 0,7 Meter. Auf einer 15 Kilometer langen Strecke sind das über 20?000 Mal anheben, beschleunigen, abbremsen und aufsetzen. Je leichter die Schuhe, desto flinker, unbeschwerter, wendiger und komfortabler lässt es sich also wandern.

Die Wahl des richtigen Schuhtyps
Doch welcher Schuh darf‘s sein? Die flachen »Halbschuhe« scheiden aus. Sie bieten weder Schutz vor aufwirbelnden Steinchen noch vor Nässe oder vorm Umknicken. Leichtwanderschuhe hingegen schon. Sie reichen gerade so über die Knöchel (»mid cut«), wiegen aber nur rund ein Kilo im Paar – etwa ein Pfund weniger als Wanderstiefel. Ihr Metier sind Wanderungen vor der Haustür oder im Mittelgebirge. Hier punkten sie mit einer auf Waldpfaden verwindungsfesten, griffigen Sohle, die Steine nicht zu stark durchdrücken lässt und so gut dämpft, dass man mit ihr auch Asphaltwege bequem meistert. Dazu rollen sie geschmeidig ab und stabilisieren durch ihren festen Schaft die Fußgelenke, was der Ermüdung entgegenwirkt und vorm Umknicken auf Wurzelwegen schützt. Zumindest in der Theorie. Was aktuelle Modelle in der Praxis leisten, zeigt der Test mit neun Paaren.

Energiesparer im Test
Vier Wochen lang haben drei Frauen und drei Männer der outdoor-Testcrew die Prüflinge getragen. Auf Touren im Mittelgebirge, über Schotter, Teer und Waldboden. Bei Nässe und Sonnenschein, Plus- und leichten Minusgraden. Über lange Strecken am Stück und meistens mit Rucksack. Welche nun die besten sind? So viel vorab: Es sind nicht die leichtesten. Den Gewichtsrekord dieses Vergleichs halten der Mammut Cirrus und der Salomon XA Pro 3D Mid. Sie bringen es auf lächerliche 870 und 820 Gramm im Paar und tragen sich entsprechend leichtfüßig. Immer wieder verfielen Tester, die gerade eines der Fliegengewichte trugen, in den Laufschritt und waren kaum zu bremsen. Fazit der Tester: top Schuhe für flotte Touren, nur auf anhaltend steinigen Wegen müssten die Sohlen etwas fester sein.

Darf‘s ein wenig mehr sein?
Was ein bisschen mehr Gewicht bewirken kann, zeigt der Meindl Quito Mid GTX. Mit 920 Gramm drittleichtester unter den Testkandidaten, verfügt er bereits über eine stabile, verwindungssteife Sohle und über einen widerstandsfähigen Schaft aus Leder. »Trägt sich wie ein erwachsener Trekkingstiefel, nur luftiger und wendiger«, sagt Test-Experte Ulrich Benker. Ein wenig Kritik musste nur die mager profilierte Sohle hinnehmen, mit der man auf nassem, matschigem Grund öfter mal die Bodenhaftung verliert. Das schwache Profil bietet aber auch Vorteile: Man steht tiefer, näher am Boden und spürt dezent, worauf man tritt – das erhöht die Trittsicherheit in kniffligem Gelände. Ein krasses Gegenbeispiel liefert der Hitec V-Lite Buxton Mid. Seine hoch aufbauende Sohle raubt einem jede Ahnung davon, was sich unter ihr so abspielt, wodurch sich die Gefahr eines Ausrutschers deutlich erhöht und es letztlich nur noch für ein »befriedigend« im Endergebnis reicht.

Ein Fall für zwei
Im Großen und Ganzen schlagen sich die Kandidaten jedoch gut bis sehr gut. Einen klaren Testsieger konnte die Crew zwar nicht ausmachen, aber es gibt zwei Favoriten. Es sind die vielseitigsten Schuhe im Testfeld, Allrounder, mit denen jeder sofort losziehen kann: Aku Arriba Mid XCR und Jack Wolfskin Crosshike Texapore. Preislich liegen beide im Mittelfeld des Tests, kosten 130 Euro. Auch ihr Gewicht liegt mit gut einem Kilogramm pro Paar in der Mittelklasse. Ansonsten aber haben sie den anderen Kandidaten einiges voraus: Sie lassen sich an fast jeden Fuß perfekt anpassen und rollen geschmeidig, sanft den Auftritt dämpfend ab. Außerdem geben sie Füßen und Knöcheln so viel Halt, dass man darin selbst Abkürzungen durchs Unterholz oder über Schotterrinnen souverän meistern kann.

Die Wasserdichtigkeitsprüfung haben sie, wie fast alle Modelle im Test, trocken überstanden. Auch der Klimakomfort stimmt, besonders beim Aku. Selbst nach stundenlangem Marsch durchs frühlingshaft aufgeheizte Frankenland blieben darin Füße und Socken aller Tester trocken. Das gab‘s sonst nur in den Modellen von Lowa und Meindl. Im Adidas, Columbia und Hitec bekamen die Tester hingegen bereits nach fünfzehn Minuten warme Füße. Gut also, dass man die Wahl hat. Aussuchen kann man es sich dennoch nicht ganz: Das wichtigste Kriterium bei der Schuhwahl ist und bleibt die Passform. Denn nur ein perfekt passender Wanderschuh ist auch ein richtig guter.

16.06.2011
Autor: Boris Gnielka
© outdoor
Ausgabe 05/2011