Klettersteige für Anfänger

Alles über Klettersteige & Einsteiger-Touren

Foto: Klaus Fengler Grünstein Klettersteig

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Klettersteige werden immer beliebter. Gut so! Denn auf den Via Ferratas können auch Nicht-Profis die Welt der Senkrechten entdecken ...

"Dieses ganz besondere, hellwache Kribbeln im Bauch, wenn unter dir nichts als unendliche Tiefe gähnt. Dieses atemlose Suchen – und aufatmende Finden – des ersehnten Tritts. Dieses vom Alltag verschüttete Ziehen im Bizeps, wenn du dein eigenes Gewicht gegen die Schwerkraft zur nächsten Sicherung hochgezogen hast."

Klingt nach Sportklettern im zehnten Schwierigkeitsgrad? Falsch geraten! Wenn Sie die senkrechte Welt erleben wollen, müssen Sie weder Reinhold Messner noch David Lama heißen. Sie müssen weder ein Dutzend Klimmzüge an einem Finger schaffen noch mit nur einer Hand einen Halbmastwurf knoten. Sie legen sich Sitzgurt, Klettersteigset und Helm zu, beachten einige Goldene Regeln, suchen sich einen leichten Klettersteig aus (siehe unten) – und kraxeln einfach drauflos. Wobei die Betonung auf dem "einfach" liegt.

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Foto: Jens Klatt Klettersteig »Via Ferrata Rio Sallagoni« in Drena am Gardasee

Einladung zum Tanz: Klettersteige wie die »Via Ferrata Rio Sallagoni« in Drena am Gardasee.

Alpine KISS-Regel: »Keep it simple und spannend!«

Dieses "einfach" ist einer der Hauptgründe, warum immer mehr Bergfreunde den Weg in (und durch) die Senkrechte suchen. So wie mein Kumpel Manu. Der ist fit wie ein Bergschuh, findet Wald- und Wiesenwandern aber fad. Klettern mit Seil, Standplatzbau & Co. dagegen ist ihm zu kompliziert – und zu gefährlich. Er sucht den steilen Nervenkitzel, aber bitte schön ohne jahrelanges Seil- und Sicherungstraining. Kurz und gut: Mein Freund Manu will das schnelle Abenteuer – ohne Absturzgefahr.

Also auf zum ersten Klettersteig! Manus Jungfernfahrt in die Senkrechte führt aufs Ettaler Manndl. Ein kecker Felszacken mit Cinemascope-Ausblick aufs Murnauer Moos, Garmisch, Alp- und Zugspitze. Der Klettersteig selbst ist superkurz – nur etwa 50 Höhenmeter – und gilt auf der Schwierigkeitsskala mit A/B als einfach. Trotzdem sorgt der Schwindelweg mit seiner Ausgesetztheit für wohliges Kribbeln in der Körpermitte. Gut für die Selbsteinschätzung: Moderne Klettersteige werden heutzutage so angelegt, dass auf den ersten Metern nach dem Einstieg bereits eine Hauptschwierigkeit wartet. So merkt jeder schon ganz unten, ob er dem Eisenweg gewachsen ist oder nicht.

Aber Manu lernt schnell, klickt immer sicherer und schneller erst den einen, danach den anderen Karabiner ins dicke Stahlseil. Mit jedem Höhenmeter steigt das Vertrauen in Klettersteigset und Stahlseil, das Selbstvertrauen – und auch der Spaß – wird mit jedem Höhenmeter größer. Am Ende kraxelt er mir fast davon.

Foto: Klaus Fengler »Castiglioni«-Klettersteig in den Brentadolomiten

Schön (und) steil! Leiter am »Castiglioni«-Klettersteig in den Brentadolomiten.

Trotz Klettersteigset gilt stets: Stürzen verboten!

"Klettersteiggehen kann jeder gesunde und sportliche Bergsteiger schnell lernen", sagt Jörg Pflugmacher von der Alpinschule Garmisch. Am wichtigsten ist, die obligatorische Selbstsicherungstechnik mit den beiden Schnellverschlusskarabinern zu beherrschen. Zudem müssen Klettersteiggeher über objektive Gefahren in der Vertikalen Bescheid wissen. Die zwei größten Feinde sind hier Stein- und Blitzschlag.

Das Feine am Klettersteiggehen: Das Klettersteigset ist einfach in der Handhabung und verhindert im Falle eines Falles den Absturz. Das Fiese aber: Trotz Selbstsicherung per Klettersteigset kann ein Sturz im Klettersteig extrem hart sein. Denn auch wenn der eingebaute Bandfalldämpfer den Bremsweg verlängert, wirken beim abrupten Abbremsen viel höhere Kräfte auf den Körper als zum Beispiel beim Sportklettern mit (dehnbarem) Seil und Expressschlingen. "Jederzeit gesichert sein, aber nie stürzen!" lautet also die Grundregel für die Via Ferrata.

Jörg Pflugmacher und seine Bergführerkollegen bieten den ganzen Bergsommer über Wochenend- Einsteigerkurse für die wachsende Zahl an Klettersteigfans an. Am Samstag erhält man vom Bergprofi das Rüstzeug für eigene erste Abenteuer in die Vertikale. Als wahrhaften Höhepunkt geht’s dann am Sonntag auf die Alpspitze – die schräge Pyramide hoch über den Dächern von Garmisch-Partenkirchen. Natürlich auf der Alpspitz-Ferrata, dem bekanntesten Klettersteig Deutschlands. Böse Zungen behaupten, man käme dank der vielen Leitern und Stifte ohne Felsberührung auf den 2628 Meter hohen Gipfel ...

Foto: Klaus Fengler »Isidor«-Klettersteig zum Grünstein/Berchtesgaden

Ganz schön wackelig: am »Isidor«-Klettersteig zum Grünstein/Berchtesgaden.

Die Qual mit der Wahl: Klettersteige allüberall

Klettersteige schießen seit einigen Jahren wie die Pilze aus dem Boden: Alleine in den Alpen werden jährlich um die 50 der senkrechten Spielplätze neu eröffnet. Die Auswahl ist riesig, das Abenteuer wartet überall. Wer möchte, kann auf einem »City-Klettersteig« etwa über den Dächern von Salzburg oder Grenoble seiltanzen.

Oder hoch über Mosel oder Rhein. Oder sich auf dem »Tabaretta«- Klettersteig, einem der höchsten (3128 m) und schwierigsten Klettersteige der Alpen (Kategorie E), zur Payerhütte hinaufzittern. Nur der König Ortler schaut zu. Apropos schwer: Die beiden schwierigsten hierzulande sind der »Pidinger Klettersteig « auf den Hochstaufen im Chiemgau und der neue »Mauerläufersteig« bei Garmisch. Obacht: Solche »Sportklettersteige « verbinden den Reiz des Abgrunds mit sportkletterähnlichem Anspruch an Armkraft und Tritttechnik.

Nur gut, dass es Eisenwege ohne Ende gibt! »Klettersteigpapst « Eugen E. Hüsler kennt alleine in den Nordalpen 541 Eisenwege. Und über 900 zwischen Wienerwald und Côte d’Azur. Besonders beliebt: die Eisenwege in den Dolomiten und am Gardasee. Die wurden von italienischen Alpini und österreichischen Kaiserjägern im »Grande Guerra« zwischen 1915 und 1918 angelegt und ermöglichen hundert Jahre später friedliche Kraxelei in spektakulärer Senkrechte.

Auf senkrechten Himmelsleitern zum Höhepunkt

Am Gipfelkreuz umarmt mich Manu. Ein Mix aus Stolz und Adrenalin dringt aus jeder Pore. »Wo kraxeln wir nächsten Samstag rauf?« Ich muss lachen. Auf einem »Stairway to heaven« wie am Ettaler Manndl hat so manche legale Drogenkarriere begonnen.

Vier tolle Klettersteige für Einsteiger

GELBE WAND
Skitouren-Lehrpfade gibt’s immer mehr. In Schwangau im Ostallgäu lockt seit 2010 auch ein empfehlenswerter Klettersteig-Lehrpfad. Start und Ziel sind an der Talstation der Tegelbergbahn. Wem der Schwierigkeitsgrad A zu leicht ist, der zweigt auf halber Höhe der Gelben Wand ab und kraxelt über den anspruchsvollen Tegelbergsteig (C) zur Gipfelstation.

ETTALER MANNDL
Sehr kurzer, aussichtsreicher Anfänger-Klettersteig im Schwierigkeitsgrad A/B. Am besten fährt man von Oberammergau mit der winzigen Gondel zum Laber und wandert in einer halben Stunde zum Einstieg. Ruhigere Alternative: vom Kloster Ettal in etwa zwei Stunden zum Einstieg. Für den Klettersteig braucht man im Auf- und Abstieg nur je ca. 15 Minuten. Tourenbeschreibung hier

GROSSE CIRSPITZE
Vom Grödner Joch (2121 m) in Südtirol können Neulinge auf versichertem Weg (A und Kletterstelle I-) die aussichtsreiche Große Cirspitze (2592 m) erklimmen – spektakuläre Tief- und Weitblicke hinüber zur Sella und in die Dolomiten inklusive. Auf den kleinen Bruder, genannt Cir V, führt dagegen ein rassiger Klettersteig mit Schwierigkeiten von B/C. Tourenbeschreibung hier

SENTIERO COLODRI
Der Eisenweg auf den Colodri in der Nähe des Gardasee-Nordufers ist wahrscheinlich der beliebteste Einstieg ins Klettersteigen weltweit! Der unmittelbaren Nähe zum Zentrum von Arco und dem nur 20-minütigen Zustieg sei Dank. Aber Obacht! Mit dem Schwierigkeitsgrad B/C ist die Via Ferrata Colodri mehr als nur ein schräger Spaziergang!

Klettersteigausrüstung: Tipps

Foto: Patrick Rosche Ausrüstung für Klettersteige

Was Klettersteiggeher mitnehmen: Neben normalem Wanderequipment wie Tages- oder Tourenrucksack, Softshelljacke und -hose erfordern Ferratas auch etwas Bergausrüstung.

Fragen & Antworten für Klettersteig-Neulinge

Video: Klettersteiggehen - die richtige Technik

04.09.2018
Autor: Andreas Kern
© outdoor
Ausgabe 09/2018