Abenteuer als Job - Kletterer, Bergsteiger, Kanufahrer im Porträt

Der Pionier: Stefan Glowacz

Sie bezwingen Steilwände, durchsegeln das Polarmeer und stürzen sich Wasserfälle hinab. Eine Begegnung mit Deutschlands Profi-Abenteurern. Stefan Glowacz ist einer von ihnen.
Foto: Klaus Fengler Glowacz Fitz Roy

35 Stunden bei eisiger Kälte auf knapp 3.500 Meter - das haben Extrembergsteiger Stefan Glowacz und sein Partner Horacio Gratton sowie der Fotograf Klaus Fengler in Patagonien hinter sich gebracht.

Stefan Glowacz, geboren: 1965
Wohnort: Garmisch-Partenkirchen
Familie: Verheiratet, drei Kinder
Profi seit: Ende der achtziger Jahre
Erlernter Beruf:Werkzeugmacher

Erfolge:
Drei Siege beim »Rock Master«, der inoffiziellen Kletter-WM. Nach dem Rücktritt vom Wettkampfsport (1993) bis heute weltweite Erstbesteigungen alpiner Routen bis zum oberen zehnten Schwierigkeitsgrad. Diese Routen erschließen häufig unbekannte und unbenannte Felswände in schwer zugänglichen Gebieten, etwa in Patagonien, Baffin Island, Brasilien oder der Antarktis.

Der frühe Stefan Glowacz war der Posterboy der Sportkletterszene, gut gestylt und immer im besten Licht. Wie fanden das die anderen?
Ich bin wohl der erste Kletterer, der das wirklich professionell gemacht hat. Weil der Sport Mitte der Achtziger neu war und die Aufmerksamkeit entsprechend hoch, musste man nicht wahnsinnig viel tun, um Sponsoren- und Preisgelder zu bekommen. Mich hat die Aussicht fasziniert, eine Zeitlang nichts zu tun, außer zu klettern. Ich bin rumgereist, habe Routen ausprobiert, Wettkämpfe geklettert und Bilder gemacht und damit auch Geld verdient. In der Szene war das verpönt, die pflegten dieses Hippie- und Nomadenimage: leben, um zu klettern. Professionalität galt als Ausverkauf des Sports. Es gehörte einfach dazu, dass man sich bei den Wettkämpfen im Schlafsack in den Straßengraben legte. Das kann ich auch, aber wenn mir der Sponsor ein Hotel bezahlt, warum sollte ich es tun? Und mancher hatte ohnehin leicht reden, weil ihm die Eltern den Lebensstil finanziert haben.

Bei Ihren Expeditionen gibt es ja keine Preisgelder und keine Wettkampfergebnisse. Wie vermarktet man so etwas?
Nach der Wettkampfkarriere musste ich umdenken. Die Sponsoren sind mir treu geblieben, aber für Expeditionen muss man sich schon etwas einfallen lassen. Prinzipiell ist ja schon alles gemacht worden, was machbar ist. Und gegen das, was Shackleton, Amundsen oder Scott geleistet haben, kann man nicht mehr anstinken. Vor dem Vermarktungsgedanken steht aber bei jeder Expedition, dass mich das Ziel wirklich reizen muss – und dass es »by fair means« erreicht werden kann: Für mich und die jeweiligen Teams bedeutet das, die Wand vom letzten Punkt der Zivilisation aus eigener Kraft zu erreichen.

Es ist immer mindestens ein Fotograf dabei, die vorletzte Expedition auf Baffin Island wurde zusätzlich von zwei Kameraleuten begleitet. Sind das freie Mitarbeiter, die Sie bezahlen?
Nein. Man darf sich das auch nicht so teuer vorstellen: Abgesehen von Honoraren kostet so eine Expedition für das ganze Team inklusive Transport, Verpflegung und Ausrüstung höchstens 30?000 Euro – für mich ist der überschaubare Aufwand auch eine Stilfrage. Jeder sammelt das Geld bei Sponsoren oder sonstwie ein, wir werfen es in einen Topf und finanzieren die Sache damit vor. Finanzierungen oder Vorabzusagen durch Fernsehsender oder Magazine gibt es nur selten – für manche wird es erst interessant, wenn einer mit dem Kopf unterm Arm zurückkommt.

Wovon lebt man als Abenteurer im Detail?
Ich habe meine eigene Kletterschuhmarke, also Red Chili, dazu kommen Beraterverträge mit Gore Tex, Marmot, Red Bull und
Lowa. AußerdemVorträge, vor allem in der Industrie.

Mischen sich die Sponsoren in die Expeditionsplanung ein?
Überhaupt nicht. Ich denke auch, wenn sie das täten, würde sich mir die Frage stellen, ob ich das noch will. Als ich vor 12 Jahren meine Kletterschuhfirma gegründet habe, habe ich das auch getan, um nie klettern zu müssen, weil – und schon gar nicht wo – es mir jemand vorschreibt. Abenteuer hat etwas mit Freiheit zu tun, und die gäbe es dann nicht mehr.

09.06.2010
Autor: Jörg Spaniol
© outdoor
Ausgabe 06/2010