Abenteuer als Job - Kletterer, Bergsteiger, Kanufahrer im Porträt

Der Künstler: Olaf Obsommer

Sie bezwingen Steilwände, durchsegeln das Polarmeer und stürzen sich Wasserfälle hinab. Eine Begegnung mit Deutschlands Profi-Abenteurern. Olaf Obsommer hat dabei die Paddel immer in der Hand.
Olaf Obsommer

Verwackelte Sicht gehört für Olaf Obsommer zum Weltbild - zumindest, wenn er seinem Beruf nachgeht.

Olaf Obsommer, geboren: 1970
Wohnort:Nussdorf am Inn
Familie: Ledig
Profi seit: etwa 2000
Erlernter Beruf: Industriemechaniker, Altenpfleger

Erfolge:
Erstbefahrungen und extremes Wildwasser in Malawi, Norwegen, Pakistan, Gabun, der Türkei und vielen anderen Ländern. 2008 Expedition entlang der grönländischen Küste mit Erstbefahrungen im Inland.

Olaf Obsommers Firma heißt »Big-O-Productions«, und als er mir die Hand hinstreckt, erklärt sich das »Big O« fast von selbst: Obsommer ist ein Brocken. Über 1,90 Meter groß und geschätzte zwei Zentner schwer. Sportlich, aber weit entfernt vom hohlwangigen Standardtypus des Extremsportlers. Auf dem Weg ins Büro erklärt er: »Hier produziere ich meine Pornos.« Falsche Haustür? Nein. Aber es gibt Parallelen, findet Obsommer. Was er produziere, falle in die Kategorie der »Kajakactionpornos« und zeichne sich durch »sinnfrei hintereinandergeschnittene Actionszenen« aus.

Extreme Kajakfahrer mögen das: Fahrten von haushohen Wasserfällen oder Bilder betongrauer Strudel im Karakorum, auf denen ein Männchen im gelben Plastikboot tanzt. So etwas macht auch »Big O« noch. Doch der Glaube an die eigene Unsterblichkeit schwindet mit der Erfahrung: »In den Neunzigern war ich in der Weltspitze. Aber von dem, was die ganz Jungen machen, bin ich heute weit entfernt. Ich war in Situationen, die ich nur mit Glück überlebt habe. Und dann kommt da wieder so eine Stelle, an der man entscheiden muss: Kann ich das technisch? Bin ich bereit, die Konsequenzen zu tragen, falls es nicht so läuft wie geplant? Schon bei einem 20-Meter-Wasserfall ist der Aufprall so stark, dass Rückenwirbel brechen oder anreißen können, wenn man nicht sauber einschlägt.«




Der Extremkajakfahrer und Filmer wandelte sich zum Extremfilmer und Kajakfahrer. »Ich habe mich dabei ertappt, dass ich vor einer schwierigen Passage eher über die optimale Kameraposi­tion als über die ideale Fahrlinie nachgedacht habe.«

Olaf Obsommer, gemeldet als Videokünstler, hat Industriemechaniker gelernt, dann Zivildienst geleistet und in der Altenpflege mehr Sinn gesehen als in seinem ursprünglichen Beruf. Es folgten acht Jahre, wie man sie nur als junger Mensch klaglos wegsteckt: Er arbeitete 200 Stunden im Monat als Altenpfleger, wohnte für 120 Mark Miete in einem Wohnheim und feierte Überstunden wie Ersparnisse in den wildesten Flüssen von Costa Rica, Reunion, Malawi oder Norwegen ab.
Auch wenn Obsommer die wildesten Stunts mittlerweile anderen überlässt, paddelt er noch weit über Freizeitniveau. Aber das Geschäft schluckt Zeit.

DVD-Verkauf und Vortragstournee decken etwa zwei Drittel seines Budgets, Sponsoren und Fremdaufträge den Rest. Im vergangenen Winter hat er als Kameramann die »Freeride World Tour« der Skifahrer begleitet, doch das Kerngeschäft bleibt der Hardcore-Wassersport. Etwa zwei Expeditionen jährlich sieht sein Businessplan vor. Eine davon geht regelmäßig in extreme Gewässer, wo er Aktionen filmt, die nur wenige nachmachen könnten. Die andere führt in Reviere, die seine Zuschauer vielleicht schon gesehen haben – nur nicht so schön in Szene gesetzt. Zielgebiete: Alles zwischen Afrika und Arktis. Hauptsache, es rauscht und sieht geil aus. Wenn es sein muss, schleppt er dafür sein Boot und das Equipment auch kilometerweit durch die Wildnis. In diesem Sommer sieht es aber so aus, als müsse die »Jedermann-Expedition« ausfallen.

Zu reizvolle, zu harte Ziele locken: Mehrtagestrips im russischen Altai-Gebirge mit geplanten Erstbefahrungen, außerdem ein Wasserfall-Special auf Island. Professionalität und Routine machen die »Big-O-Productions« für die jungen Extrempaddler interessant – nach Island begleiten ihn drei Kajak-Weltmeister, »weil sie wissen, dass etwas dabei herauskommt. Bis das Fernsehen einen Wasserfall gefilmt hat, haben wir zehn Stück im Kasten«, sagt Obsommer und grinst.

Doch auch Extremfilmer werden einmal 40, wenn sie vorher keine Fehler machen. Dieser hier wohnt seit einem Jahr nicht mehr in einer Wohngemeinschaft, sondern ganz zweisam mit der Freundin. »Ich war mal ein Punk«, sagt er nachdenklich. »Wenn ich es von daher betrachte, finde ich meinen Lebensstil ziemlich spießig. Aber ich glaube, damit kann ich leben.« Und grinst schon wieder sein zufriedenes Grinsen.

09.06.2010
Autor: Jörg Spaniol
© outdoor
Ausgabe 06/2010