Abenteuer als Job - Kletterer, Bergsteiger, Kanufahrer im Porträt

Der Grenzgänger: Alexander Huber

Sie bezwingen Steilwände, durchsegeln das Polarmeer und stürzen sich Wasserfälle hinab. Eine Begegnung mit Deutschlands Profi-Abenteurern. Spektakel pur an der Grenze des Möglichen bietet dabei Alexander Huber.
Foto: Hinterbrandner/huberbuam.de Alexander Huber in Eternal Flame

Packt die schwierigsten Kletter-Routen der Welt: Alexander Huber.

Alexander Huber, geboren 1968
Wohnort: Traunstein
Familie: Ledig
Profi seit: 1995
Erlernter Beruf: Diplom-Physiker

Erfolge:
Weltweit zweite Route im elften Schwierigkeitsgrad (1992), Westwand des Latok II in Pakistan (mit seinem Bruder Thomas) (1997), Nordwand der Großen Zinne im Winter, Free Solo (2000), Speedrekord »The Nose« am El Capitan (Yosemite, Kalifornien 2007), Erstbegehungen auf Queen-Maud-Land, Antarktis (2008), erste Rotpunktbegehung »Eternal Flame« in Pakistan (2009)

Ja, hier Alexander«, meldet sich Alexander Huber am stoßgeschützten Plastikhandy. Am anderen Ende ist eine Dame von der Zentrale einer großen Bank. Ein kurzes Gespräch, dann der rote Auflegeknopf. »Also, wir haben keinen Stress«, sagt er, »der Vortrag ist auf fünf verschoben.« Alexander Huber hat lange Haare, ist unrasiert, trägt Jeans und Trainingsjacke. Seine sparsam möblierte Altbauwohnung hat Basislager-Charme: Im Treppenhaus stehen orange Plastik-Lastschlitten. Einen Raum füllen Regale voller Seile, Haken, Kletterschuhe, Schlafsäcke. Man ahnt: Huber wird den Bankiers am Nachmittag nichts über Feng Shui oder Innenarchitektur erzählen. Sein Spezialgebiet ist das Risiko.

Einer größeren Öffentlichkeit sind er und sein Bruder Thomas als »Huberbuam« aus dem Dokumentarfilm »Am Limit« bekannt. Da berennen sie eine überhängende, einen Kilometer hohe Granitwand in Rekordzeit, und das heißt: etwa zehnmal so schnell wie ein gewöhnlicher guter Kletterer. Doch erst seine Neigung zum »Free Solo« macht ihn endgültig zum Risiko-Experten. Beim Free Solo klettert man ohne Sicherung und technische Hilfsmittel schwierigste Routen. Kein Seil, kein Haken. Einmal mit der Fußspitze von einem bleistiftschmalen Felskäntchen abzurutschen kann den Tod bedeuten. Für Normalsensible ist das der pure Horror, doch Huber hat in dieser Technik schon 800-Meter Wände durchstiegen. Das sind mehrere Stunden, in denen kein Gedanke abschweifen darf.

Natürlich sind die Routen vorher mehrfach gecheckt und durchklettert, doch »Free Solo«, der Flirt mit dem Tod, ist auch in Fachkreisen nicht unumstritten. Also raus mit der Frage: Wollen die Sponsoren das Spektakel, geht es ihm persönlich um die Show? Die Abfuhr kommt in deutlicher Tonlage: »Also den Schmarrn mit dem Marktwert, den können wir jetzt mal vergessen. Ich mache die Sachen für mich, weil ich sie geil finde, und nicht für irgendwen sonst. Was ich da tue, ist meine Passion. Punkt.« Ein minimal tieferer Atemzug, schon ist Huber wieder auf normalem Betriebsdruck.

Wir reden über die 2008er Expedition in der Antarktis, über das Vortragsbusiness und darüber, dass man heute, Jahrzehnte nach der Besteigung aller Achttausender, nur noch mit bergsteigerischer Kreativität weiterkommt. Huber lässt sein Gegenüber nicht aus den Augen, beendet jeden Satz druckreif und spricht ein Hochdeutsch, das ihm so nicht in die Wiege gelegt wurde. Kein »Äh«, keine Abschweifung. Schwer vorstellbar, dass dieser Mann wegen eines Flüchtigkeitsfehlers abstürzen könnte. Eher dürfte er in der Lage sein, mit reiner Willenskraft Löffel zu verbiegen.




Es ist diese Energie, die ihn in die Weltelite der Bergsteiger gebracht hat. Der diplomierte Physiker bezahlte während des Studiums Kommilitonen fürs Mitschreiben in Vorlesungen, um mehr Zeit zum Klettern zu haben. Das Geld dafür verdiente er beim Kellnern in Münchens Kneipen oder am Wochenende als Bergführer. 1995, mit den ersten alpinen Erfolgen (als zweiter Mensch überhaupt kletterte er Routen im elften Schwierigkeitsgrad), hat er mit den Vorträgen angefangen.

15 Vorträge à 1000 Mark waren es in der ersten Saison, zwei Jahre später dann schon insgesamt 30?000 Mark. »Und da habe ich gesehen, dass es in einer Art aufwärts geht, die für mich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni nicht drin gewesen wäre. 1997 haben der Thomas und ich dann Sponsoren gesucht und sind Vollprofis geworden.« Mittlerweile sind die Brüder bei Adidas unter Vertrag, drehten einen »Milchschnitte«-Werbespot in Patagonien und kassieren für jeden Vortrag vierstellige Euro-Beträge. »Damit kann ich einerseits für die Zukunft vorsorgen und mir andererseits die Freiheit kaufen, etwa sieben Monate im Jahr mein eigenes Leben zu führen und meine Projekte in den Bergen zu verwirklichen«, sagt Huber, und: »Es gibt in unserem Metier nicht wahnsinnig viele, die von ihrer Leidenschaft leben können. Ein Profibergsteiger tut eben etwas anderes als ein Profi-Tennisspieler: Es reicht nicht, wenn ich gut bin. Ich muss auch vermitteln können, was ich da mache.« Dass Huber das kann, nimmt man ihm sofort ab. Wenn das Gespräch auf die Bergsteigerei kommt, erzählen die Hände mit, und der bayerische Akzent wird stärker.

Huber glüht kontrolliert von innen heraus und analysiert die Lage uneitel: »Für jeden Sport ist ein anderes Stück vom Kuchen drin, und für uns ist es nicht das größte. Wir sind natürlich keine A-Promis – wir müssen Inhalte bringen. Sonst könnten sie einfach jemanden wie den Franz Beckenbauer buchen, der sich vorne hinstellt, ein paar Worte über Fußball redet, und dann passt das. Wir sind vielleicht C-Promis.« Nach einer guten Stunde verabschiedet Alexander Huber den Interviewer. Es wird Zeit für die Bankmanager und ihren Umgang mit dem Risiko. »Ich werde denen nicht erklären, wie ihr Business funktioniert. Das wäre auch peinlich. Aber deren Grundprobleme kommen auch beim Bergsteigen vor.« Ja, möchte man sagen – aber Huber haftet persönlich. Mit aller Konsequenz.

09.06.2010
Autor: Jörg Spaniol
© outdoor
Ausgabe 06/2010