EOFT 2021 European Outdoor Film Tour/ Jonas Deichmann

Jonas Deichmann: Triathlon um die Welt - Podcast

Im Gespräch mit Jonas Deichmann Triathlon um die Welt

Podcast

Jonas Deichmann über seine unglaubliche Globus-Umrundung im Triathlon-Stil ...

460 Kilometer schwimmend, 5000 Kilometer in Marathongeschwindigkeit laufend, 21600 Kilometer im Fahrradsattel – von September 2020 bis November 2021 meisterte Jonas Deichmann (34) seinen Triathlon um die ganze Welt. Quasi 120 Ironmans am Stück! Herausforderung oder Wahnsinn? – Erfahrt mehr darüber in "Hauptsache raus", dem OUTDOOR-Podcast:

Darin berichtet der Abenteurer und "Forrest Gump Aleman" von Höhen und Tiefen, von den schönsten Begegnungen und Momenten, in denen das Aufgeben zum Greifen nahe schien! Ihr könnt die Podcast-Folge entweder gleich hier auf dieser Seite anhören, oder auch auf einer der gängigen Plattformen: iTunes, Spotify, Deezer, Audio now, Soundcloud, Acast, The Podcast App, Google Podcast-App auf Android-Smartphones, Lecton sowie Castbox, Podcast Addict und vielen anderen Podcast-Apps und Verzeichnissen.

EOFT 2021
European Outdoor Film Tour
Szene aus dem Film "Miles Ahead" - zu sehen auf der European Outdoor Filmtour.

"Alles nur Kopfsache!" – das Interview zum Nachlesen:

outdoor: Herr Deichmann, Reinhold Messner, der als erster Mensch der Welt alle 14 Achttausender bezwang, nennt sich selbst einen »Grenzgänger« und »Abenteurer«. Würden Sie sich selbst auch so beschreiben?

Jonas Deichmann: Obwohl ich auf dem Fahrrad einige Speed-Rekorde aufgestellt habe, sehe ich mich als Abenteurer. Das »höher, schneller, weiter«-Motto vieler Sportler und Sportlerinnen bewundere ich, ist aber nichts mehr für mich. Ich bin immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer, nach der nächsten großen Reise auf unserem so faszinierenden Planeten. Extremsportler bin ich – wenn Sie so wollen – nebenberuflich (grinst).

Doch zunächst haben Sie in sieben Ländern studiert und bis 2018 als Vertriebsmann bei einer IT-Firma in München gearbeitet. Warum?

In der Branche wollte ich nie alt werden. Mein Ziel war es, zwei, drei Jahre dort gutes Geld zu verdienen, mich dann selbstständig zu machen. Ein Leben lang mit dem Anzug in eine Firma reinlaufen würde mich nicht glücklich machen. Ich bin ein Mensch, der seinecFreiheit braucht.

Viele Ultra-Sportler steckten vorher in einer Lebenskrise. Rennen Sie nicht vielleicht vor etwas weg?

Schauen Sie, ich war jetzt mehr als ein Jahr unterwegs. Kein Tag war wie der andere. Jeden Tag habe ich etwas erlebt, jeden Tag ist etwas passiert. So lebendig kann man sich nicht in einem Büro im Münchener Norden fühlen. Denken Sie nur an unseren ersten Video-Call vor ein paar Wochen. Abends habe ich mir nach einem harten Tag den einen oder anderen »Mezcal« – das ist ein mexikanischer Schnaps aus Agaven-Arten – gegönnt. Deswegen konnte ich am nächsten Tag vielleicht nur 95 Prozent meiner Leistung abrufen. Na und? Ich lebe jeden Tag das Leben, sehr intensiv sogar. Ich kann Ihnen zudem versichern, dass ich keinen Rucksack mit Problemen rumschleppe. Natürlich könnte ich ein Haus bauen, Frau und Kinder haben. Das will ich aber – Stand heute – nicht.

Woher kommt dieser Freiheitsdrang?

Von meinem Opa Klaus. Der hatte plötzlich mit Ende 40 keine Lust mehr auf seine schwäbische Heimat und verließ Stuttgart. Eigentlich war sein Plan, als gelernter Schiffingenieur bis zur Elfenbeinküste zu fahren, um dann von dort um die Welt zu segeln. Statt aber wie geplant seine Reise in Argentinien zu beenden, kam er in Afrika erst gar nicht los. 27 Jahre lang lebte er dort als Schlangenfarmer. Ein Haus brauchte er nicht, »Opa Afrika« – so habe ich ihn immer genannt – wohnte die ganze Zeit in seinem großen Land-Rover-Bus.

Haben Sie einen Wohnsitz?

Ich habe 2017 fast alles verkauft, was ich hatte, meine Mietwohnung gekündigt. Mein Vater, der sich von der Schweiz aus um meine Sachen kümmert, hat einen Rucksack von mir im Keller stehen. Ein anderer steht bei Freunden in München. Ich brauche kein Zuhause. Den ganzen Dezember bin ich nun wegen meines neuen Buches »Das Limit bin nur ich« auf Roadshow, sitze entweder in einem TV-Studio oder bei einem Radiosender. Als Schwabe sage ich Ihnen: »Des koschd doch nur elles Geld!« (lacht). Ernsthaft: nach der Tour fliege ich in den Urlaub. Ich brauche wirklich keine Schrankwand aus Eiche!

»Durch das Radfahren habe ich viel über Training und Ernährung gelernt; vor allen Dingen habe ich mich selbst kennengelernt«, sagt Heather L. Reid, amerikanische Vizemeisterin im Straßenrennen ...

Das entscheidende ist der Kopf. Er ist zu 95 Prozent dafür verantwortlich, ob man eine Sache schafft oder nicht. Nehmen Sie nur meine erste Disziplin, das Schwimmen. Ich war noch nie ein großer Schwimmer und werde auch nie einer sein. Egal, ich habe es hinbekommen. Ich wusste: »Ich will das – also schaffe ich auch das!«. Wenn ich fünf Kilometer am Tag schwimmen kann, kann ich auch zehn. Und wenn ich zehn schaffe, dann schaffe ich auch 460.

Wie kam es zu der Idee zu dem Extrem-Abenteuer »Triathlon 360 Degree«?

Die Idee kam in der Hitze in der Sahara während meines Cape-to-Cape-Rekords …

… als Sie 2018 vom Nordkap 18000 Kilometer in 72 Tagen nach Kapstadt radelten.

Genau. Rad-mäßig hatte ich fast schon alles gemacht. Ich brauchte eine neue Herausforderung. Mein Vater Sammy will noch unbedingt in seinem Leben die Welt umsegeln. Keine schlechte Idee, dachte ich. Ich kann nur nicht segeln. Das einzige, was ich wirklich gut beherrsche, ist Radfahren. Laufen kann ich auch, nur schwimmen halt nicht so gut. Und da es noch kein Mensch auf dieser Welt gemacht hat, war mir klar: Das ist mein Ding.

Haben Sie sich im Vorfeld wenigstens einen Schwimm-Trainer geholt?

Ich hatte noch nie einen Trainingsplan – auch Laktatschwellen, VO2Max-Werte und Fettstoffwechsel-Zonen interessierten mich nie. Was viele vergessen: Es geht nicht immer um das beste Training und die beste Vorbereitung. Die Form kommt beim Wettkampf. Im Kopf muss man sich im Klaren sein, was man will. Ob das alles schön ist, sei dahingestellt.

Waren die Tage im Wasser nicht schön? Immerhin schwammen Sie 54 Tage an der kroatischen Küste entlang.

Ganz viele Tage waren einfach nur schrecklich. Die Adria ist halt keine Badewanne. Auf dem Rad sieht man Leute und Landschaften, im Wasser nichts. Es passiert den ganzen langen Tag auch nichts. Mental ist das Schwimmen um ein Vielfaches härter als Radfahren.

Warum?

Weil ich die Bedingungen unterschätzt habe. Im Vorfeld bin ich einmal 64 Kilometer durch den Bodensee geschwommen. Das ist im Vergleich zum offenen Meer wie auf dem Rad mit Rückenwind durch Holland radeln. Das Meer ist rau, die Strömungen brutal. Teilweise bin ich gefühlt stundenlang auf der Stelle geschwommen, weil mein Floß durch den Wind und die Wellen nach hinten gezogen wurde. Es war wie in einem Hamsterrad.

Für wie viele Tage hatten Sie auf Ihrem Floß, das Sie hintersich herzogen, Proviant?

Zwei Tage. Dann kam es des Öfteren auch vor, dass kein Dorf in der Nähe war, ich die vorhandenen Portionen rationieren musste. Das war nicht so einfach, weil ich ja immer so sechs bis acht Stunden am Schwimmen war, 7000 bis 8000 Kalorien verbrannte. Meine Fettreserven waren nach der Zeit wirklich ratzeputz aufgebraucht. Das lag auch am Wasser. Die Temperatur sank – je näher es Richtung Herbst ging. Wenn man kurz ins Wasser hüpft, merkt man das nicht, wenn man den ganzen Tag krault, hingegen schon.

Kommt man dabei nicht irgendwann an seine Grenze?

Es war Tag fünf, so gegen 16 Uhr. Kein Problem, dachte ich. Noch zwei Stunden schwimmen, dann bin ich auf der Insel Pag. Ich schwamm und schwamm, die Insel kam jedoch nicht näher. Irgendwo unter mir gab es eine Strömung, von der ich nichts wusste. Plötzlich war es stockdunkel. Ich wusste: Hier draußen, zwei, drei Kilometer von der Küste entfernt, wird mich niemand finden. Als ich es doch nach gut zwei Stunden geschafft habe, die Insel zu erreichen, regnete es ohne Ende. Ich hatte aus Gewichtsgründen kein Zelt und keinen Kocher dabei, so legte ich meinen Notfall-Biwak-Sack über mich. Es war die Hölle. Auf mich prasselte unentwegt der Regen ein, unter mir piksten mich die Steine in den Rücken. Ich schlief keine Minute.

Wie sind Sie mit der Situation klargekommen?

Es ist alles Kopfsache. Jammern hätte an meiner Lage nichts geändert. Natürlich machte ich mir Gedanken, besonders als ich noch im Wasser war. Ich wusste nicht, was unter mir so schwimmt. Stattdessen stellte ich mir vor, dass ich irgendwo an einem Strand mit einem kühlen Bier sitzen würde. Mir war klar: An der Situation würde ich nichts ändern können, nur an meiner Einstellung.

Hatten Sie in der Nacht Angst um Ihr Leben?

Einerseits bin ich ein Träumer, andererseits ein rational denkender Mensch. Ich liebe mein Leben viel zu sehr, als dass ich es riskieren wollen würde. Deswegen schätze ich im Vorfeld immer das Chance-Risiko-Verhältnis ein. Tödliche Hai-Attacken im Mittelmeer, so hatte ich gelesen, finden nur alle 20 Jahre statt.

»Es fühlt sich definitiv so an, als ob ich nicht hier sein sollte«, schreiben Sie in Ihrem Buch über die Situation.

Ich kraulte vor mich hin und hoffte, dass nicht schon wieder 20 Hai-Jahre vorbei wären (grinst). Im Ernst: In der Nacht vor Pag hatte ich keine Angst, weil ich überzeugt war, heil auf die Insel zu kommen. Angst hatte ich nur vor russischen Lkw-Fahrern.

Wieso hatten Sie vor denen so einen Bammel?

Weil sie auf Fahrradfahrer keine Rücksicht nehmen. Die Straßen dort sind so gefährlich wie nirgendwo sonst auf der Welt. Diese Lkw-Rüpel nahmen wirklich in Kauf, dass ich überfahren werde. Einmal war es richtig knapp. Mitten auf der Straße nach Moskau streift bei voller Fahrt der Außenspiegel eines Lkws meine Schulter. Zehn Zentimeter weiter – und der Brummi hätte mich wie ein Schneefahrzeug ein für alle Mal weggeräumt.

Bergsteiger werden nur alt, wenn sie wissen, dass sie in gefährlichen Situationen oben am Berg umkehren müssen. Kennen Sie dieses Gefühl?

Ich werde in Zukunft keine Geschwindigkeitsrekorde mehr aufstellen, bei denen ich auf russischen Autobahnen unterwegs bin. Das ist das Risiko nicht wert. Dennoch ist mein Motto: Scheitern ist keine Option! Wenn ich auch nur einmal überlegen würde, unterwegs aufzuhören, würde ich das, was ich bisher so machte, nie schaffen. Das erkläre ich den Menschen auch in meinem Motivationsvortrag »Never give up«.

Das gelingt aber nur ganz wenigen Menschen.

Kleinvieh macht auch Mist. Wir müssen große Ziele auf kleine herunterbrechen. Dann gelingt uns wirklich vieles. Eines der entscheidendsten Dinge, die ich über mich gelernt habe, war die Erkenntnis, dass ich viel mehr kann, als ich glaube.

Auch 120 Marathons in 120 Tagen rennen. Sie joggten durch die Drogen-Anbaugebiete Mexikos. War das wirklich eine gute Idee? 100 Menschen werden jeden Tag in Mexiko umgebracht, 2018 zwei Radler aus Deutschland und Polen.

Sagen wir es so: Das Auswärtige Amt rät dringend davon ab. Im Vorfeld habe ich mich jedoch mit einheimischen Sportlern ausgetauscht, wusste, wo es für mich gefährlich werden könnte. Die ganz heiklen Stellen habe ich umschifft, alles andere wäre auch viel zu gefährlich gewesen. Allerdings dürfen wir eines nicht vergessen: Das Bild, das wir haben, beruht auf Hollywood und Netflix. Die Realität sieht anders aus.

Wie denn?

Die mexikanischen Drogen-Kartelle bringen sich gegenseitig um. Wenn man jedoch keinen Ärger sucht, bekommt man auch keinen. Ich kann mich noch gut an die eine Situation erinnern, als wir im Gebirge von Sinaloa unterwegs waren.

... das Gebietskartell des weltbekannten Drogenbosses Joaquín »El Chapo« Guzmán ...

Es kamen ein paar Teenager mit Motorrädern und Walkie-Talkies auf mich zu. Ich war sichtlich nervös, als sie sagten: »Jonas, willkommen hier bei uns. Hier kannst du dich sicher fühlen«. Sie versprachen, auf mich aufzupassen. Es war wie im Film. Die einzige Bedingung, die sie stellten, war, dass wir unsere Drohne über den Hügeln, wo die Plantagen sind, lieber nicht steigen lassen sollten. Das war unser deutsch-mexikanisches Agreement. Auf einen toten Deutschen hatten sie keine Lust, das hätte auch für sie mächtig Ärger bedeutet. Das Gegenteil ist eingetreten.

Wie meinen Sie das?

Ab der kleinen Stadt El Salto begleiteten mich jeden Tag zehn Läufer, die wiederum von der Straßen-Hündin »La Coqueta« begleitet wurden. Die Läufer sind umgedreht, die Hündin blieb, schlief vor meinem Zelt. Als wir in Durango ankamen, gab es ein Riesentamtam: 20 Journalisten waren da, auch etliche TV-Stationen. Ich habe im Fernsehen jemanden gesucht, der Coqueta adoptiert, bin dann alleine weitergerannt. An einer Tatsache änderte unsere Trennung aber nichts: Ab dem Zeitpunkt waren wir das tägliche Highlight im mexikanischen Fernsehen.

Mehr noch: die Medien nannten Sie »Forrest Gump Aleman«, weil jeden Tag Dutzende Menschen hinter Ihnen mitrannten. Eben wie im Film.

Das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber ich bin eines der prominentesten Gesichter Mexikos. Ich gab jeden Tag Dutzende Autogramme, musste Hunderte Selfies machen. Einerseits freute mich das total, wenn mich mehr als 100 Leute beim Marathon begleiteten, 20 Journalisten in jedem Ziel auf mich warteten. Andererseits war das unfassbar anstrengend. Das ging so weit, dass mehrere Dutzend Soldaten jeden Tag neben mir herliefen und mexikanische Marschlieder trällerten.

Hatten Sie wenigstens nach dem Lauf- und Interview-Marathon mal Ruhe?

Ganz alleine war ich fast nie. Vielleicht hatten sie wirklich ein bisschen Angst um mich, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall war es so, dass nach dem täglichen Bürgermeisterempfang in einer Stadt vielleicht zwei Soldaten mit Schnellfeuerwaffen vor meinem Hotelzimmer Wache hielten. Selbst als ich mich in einem Wasserfall abkühlen ging, passten acht schwerbewaffnete Polizisten mit Maschinengewehren auf mich auf.

Das hört sich nach dem Hollywood-Blockbuster »Bodyguard« mit Kevin Kostner und Whitney Houston an.

In Leon habe ich es mal gezählt: Hinter mir fuhren sieben Pick-ups, ein Panzerfahrzeug, acht Motorräder. In diesem Moment habe ich mich gefragt, was der deutsche Steuerzahler dazu sagen würde. (lacht)

Was haben die mexikanischen Steuerzahler gesagt?

Sie haben mir voller Freude zugewinkt und mich angefeuert. Besonders schön war auch die Geschichte mit Tylor, dem Einbeinigen. Der junge Mann wollte mich begleiten, wollte sich durch nichts und niemanden aufhalten lassen. Also ist der ehemalige Fußballer zehn Kilometer auf Krücken neben mir mitgehumpelt. Das sind so ergreifende Momente, die werde ich niemals vergessen. Sie sind es, die ich meinen Enkeln eines Tages am Lagerfeuer erzählen werde. Auch die Lebensmittelvergiftung in Russland.

Was ist passiert?

Kurz hinter dem Ural habe ich an einer Raststätte Reis mit schlechtem Fleisch gegessen. Zeit, die Vergiftung auszukurieren, hatte ich keine. Ein paar Stunden habe ich pausiert, dann bin ich einfach weitergefahren.

Das glaube ich nicht! Mit einer Lebensmittelvergiftung?

Ich habe sie schlicht und einfach und ignoriert. Eine Lebensmittelvergiftung ist wie viele andere Dinge im Leben Kopfsache. Das habe ich schon ein paar Mal erlebt. Im Sudan, Äthiopien und Sambia ging es mir nicht gut. Ignorieren und weiterfahren war die Devise.

Ich hätte an Ihrer Stelle den nächsten Arzt aufgesucht.

Keine gute Idee. Dieser hätte Ihnen nur gesagt, dass es gesundheitsschädlich wäre, mit einer Lebensmittelvergiftung jeden Tag 250 Kilometer zu fahren. In Russland war es mir halt zwei, drei Tage übel, weswegen ich auch etwas langsamer gefahren bin. Ich rede mir in solchen Situationen immer ein, dass es mir morgen bestimmt wieder besser gehen wird. Was natürlich nie eintritt. Im Vergleich zu der Vergiftung in der Sahara-Wüste war es in Russland fast schon angenehm. Dort musste ich tagelang weiter ungefiltertes Wasser trinken, was die Lebensmittelvergiftung nicht unbedingt besser machte.

Was bleibt Ihnen in Erinnerung von 400 Tagen Triathlon?

Die Menschen. Vor allem in Mexiko. Als ich eines Morgens durch Ocosingo geschlendert bin, luden mich die Leute überall ein. Sie schenkten mir ihren selbst gebrannten Zuckerrohrschnaps und »Atole«, ein mexikanisches Nationalgetränk aus Mais. Ansonsten bekam ich auch noch etliche T-Shirts und Trainingsanzüge sowie Melonen und Mandarinen geschenkt.

Gab es auch Menschen, mit denen Sie nicht zurechtkamen?

Sagen wir es so, in einem Land haben sich die Vorfälle gehäuft. Und zwar in Äthiopien. Da kann ich jedem raten, dort niemals mit dem Rad durchzufahren. Ich wurde auf meiner Fahrt durch Äthiopien beschimpft, bespuckt und beworfen. Einmal verfehlte mich sogar ein großer Pflasterstein, der von einer Brücke auf mich geworfen wurde, nur knapp.

Fühlten Sie sich auf Ihren Touren nie einsam? Immerhin sind Sie stets »Free solo« unterwegs ...

Wenn ich in der Natur bin und mich den ganzen Tag spüre, dann bin ich nie einsam. In München in meiner alten Wohnung war das anders. Jeder lebte so vor sich hin, jeder war abends in seiner Wohnung eingeschlossen. In der Zeit fühlte ich mich oft einsam.

An was denken Sie zehn Stunden lang auf dem Fahrrad?

Über mein Leben nach. Und wenn ich damit fertig bin und mich vielleicht mal motivieren muss, dann singe ich die vier Lieder, die ich in und auswendig kenne, in einer stundenlangen Endlosschleife.

Welche Lieder sind das?

Das ist »Nothing else matters« von Metallica, »Go solo« von Tom Rosenthal sowie »On the road again« von Willie Nelson und »Dust in the wind« von Kansas.

Macht es wirklich immer Spaß auf Ihren Abenteuern?

Es gibt immer Höhen und Tiefen. Wenn ich mal die Lage falsch einschätze, ausgelaugt und ausgehungert bin, da komme ich an meine Grenzen. Genauso ist es alles andere als vergnügungssteuerpflichtig in Russland im sibirischen Winter zu radeln und an der Straße zu schlafen. Als ich dort war, waren die Bedingungen grenzwertig. Tagsüber war es schön warm, es herrschten Plusgrade. Nachts hingegen war es fürchterlich kalt. Es war immer das gleiche Spiel: Tagsüber schmilzt der Schnee, abends friert der Schneematsch.

Haben Sie sich wegen der berühmten sibirischen Kälte einen Bart stehen lassen?

Ich sage immer: Ein großes Abenteuer braucht einen großen Bart. Deswegen habe ich mich seit mehr als einem Jahr nicht rasiert ... Nein, wegen der Kälte war es nicht, sondern wegen der Quallen im Meer. Das war mein natürlicher Schutz gegen die blöden Viecher.

Gab es irgendwann einmal ein Problem, das Sie nicht lösen konnten.

Da gab es viele. Improvisieren muss gelernt sein.

Haben Sie vielleicht ein Beispiel für mich?

In Russland, in der sibirischen Hölle, wachte ich eines Tages auf und alles war zugeschneit. Mein Zelt. Und mein Rad. Die Schaltung funktionierte nicht, eigentlich funktionierte gar nix. Einen Gaskocher hatte ich wie beim Schwimmen ja aus Gewichtsgründen nicht dabei. Also pinkelte ich auf mein Fahrrad. Dann waren die Pedale und die Schaltung wieder vom Eis und Schnee befreit.

Wie kommt man denn auf so eine Idee?

Ich bin nicht draufgekommen, das war der Tipp eines Freundes aus Finnland. Woher auch sonst?

Drei Fragen haben wir noch. Erstens: Wie sieht Ihr Leben in Zukunft aus?

Ich bin jetzt Mitte 30, denke, dass ich in den kommenden Jahren noch viele Abenteuer unternehmen werden kann. Meine Wunschvorstellung wäre, irgendwann wieder eine Art Basecamp zu haben. Das Haus oder die Wohnung sollte aber schon irgendwo im Süden sein, eben dort, wo es schön warm ist. Von dort aus breche ich dann immer auf.

Zweitens: Worauf hätten Sie verzichten können?

Auf den Wurm. Im mexikanischen Oaxaca gab es »Chapulines« zum Essen, das sind frittierte Grashüpfer. Die kann man mit Limette, Chili und Salz wunderbar essen. Die Raupe namens »Gusano de Maguey« im Mezcal-Schnaps hingegen nicht. Als ich auf den Wurm biss, platzte er und furchtbar eklige Fauligkeit machte sich in meinem Mund bereit. Bäh!

Was ist Ihr nächstes großes Abenteuer?

Das ist natürlich topsecret. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass es dem »Triathlon um die Welt« in nichts nachstehen wird.

Die letzten Sätze Ihres Buches lauten …

... dass meine Reisen nie wirklich zu Ende sind, weil ich jeden Moment und jede Begegnung in mir trage. All das, was wir erleben, bleibt in uns tief in unseren Herzen. Und dort ist es gut geschützt.

(Das Interview als PDF zum Download hier)

Seit dem 1. Dezember ist Jonas Deichmanns Buch »Das Limit bin nur ich – wie ich als erster Mensch die Welt im Triathlon umrundete« erhältlich. Polyglott, 18,99 Euro. Auf der Kino-Leinwand ist Deichmann in mehreren deutschen Städten bei der European Outdoor Film Tour zu erleben. Programm: eoft.eu

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