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Die Alpen - Unsere Berge von oben: Interview mit den Regisseuren

Sebastian Lindemann und Peter Bardehle über ihren Film "Die Alpen - Unsere Berge von oben"

Der Rostocker Sebastian Lindemann erarbeitete das Konzept und sortierte die insgesamt 55 Stunden Material zum Kinofilm "Die Alpen - Unsere Berge von oben". Der Hamburger Peter Bardehle organisierte den Dreh als Produzent und saß als Regisseur im Helikopter. Im Interview berichten sie von den Dreharbeiten zum Film.

Wie sind Ihnen diese atemberaubenden Bilder gelungen?

Bardehle: Wir hatten das Glück, als erste in Deutschland die neu entwickelte Cineflex für einen Kinofilm über die Nordsee auszuprobieren. Sofort waren wir von ihrer unglaublichen Bildkraft begeistert. An die Unterseite eines Helikopters montiert, ermöglicht sie wackelfreie Zoom-Aufnahmen aus großer Distanz, schafft Bilder von nie gesehener Brillanz. Als der Nordsee-Film ein Riesenerfolg wurde, wollten wir unsere Experimente mit einer anderen Mythenlandschaft fortsetzen. Und weil es nirgendwo mehr Mythos gibt als in den Bergen, stand unser nächstes Forschungsgebiet schnell fest.

Dokumentarfilme über die Alpen gibt es bekanntlich viele. Wie haben Sie es geschafft, Ihren Film so zu gestalten, dass man den Eindruck bekommt, so etwas Großartiges noch nie gesehen zu haben?

Lindemann: Zunächst einmal durch Neugier. Mitunter erlebt man die größten Überraschungen bei Sujets, die man gut zu kennen glaubt. Zumindest geht es mir so. Schon bei der Vorbereitung stießen wir auf Themen wie die Alpenfront während des Ersten Weltkriegs. Dort ist Unglaubliches geschehen und bis heute zu sehen. Wir wollten auch wissen, wie Bergbauern wirklich leben, wie viel Fluch und wie viel Segen im Tourismus steckt. Das und noch viel mehr zeigt der Film. Wozu die Kamera einen wesentlichen Teil beiträgt.

Wie würden Sie den Mythos der Alpen beschreiben?

Bardehle: Die Alpen sind ein wilder Naturraum mitten im hochzivilisierten Europa. Das machen wir uns viel zu selten bewusst. Eine absolut lebensfeindliche Landschaft, in der sich der Mensch mit viel Zähigkeit festgesetzt hat. Wenn man einmal aus dieser Perspektive auf die Alpen schaut und sie nicht nur als Freizeitparadies wahrnimmt, dann steigt die Wirkung mit jeder neuen Entdeckung.

Welche Entdeckungen meinen Sie damit?

Lindemann: Zum Beispiel die Geologie. Die Alpen entstanden durch das Zusammenschieben zweier Kontinentalplatten. Wegen des enormen Drucks wich das Gestein nach oben aus, wodurch über Jahrmillionen so imposante Berge wie das Matterhorn oder der Mont Blanc entstanden. Auch heute noch wachsen die Alpen bis zu einem Millimeter pro Jahr in die Höhe. Allerdings ohne dramatische Konsequenzen, die Witterung trägt es wieder ab.

Gemessen an den prächtigen Bildern war der Dreh ein großartiges Erlebnis, oder?

Bardehle: Das war er wirklich, nur unendlich viel anstrengender als gedacht.
Lindemann: Nach der Vorbereitung waren wir der Ansicht, dass in zwei Wochen alles erledigt sein könnte.
Bardehle: Es blieb auch bei zwei Wochen Drehzeit, zumindest bei der Zeitmenge von zwei Wochen insgesamt. Allerdings verteilt auf drei Monate. Es gab im Lauf der Drehzeit nicht eine Stunde, die so ablief wie geplant. Zum Beispiel, weil überall die Sonne schien, aber nur in dem kleinen Tal, in dem wir drehen wollten, eine Regenwolke die Sicht verhängte. Wir waren die ganze Zeit von einem Wetter abhängig, das in Minutenschnelle umschlagen konnte. Das strapazierte die Nerven aller Beteiligten, aber es lehrt auch Geduld und Ehrfurcht vor der Natur.

Wie muss man sich einen Drehtag vorstellen?

Bardehle: Weil das Licht frühmorgens besonders gut ist, sind wir meist gegen 6 Uhr mit dem Helikopter gestartet. Von offiziellen Landeplätzen, sogenannten Helipads, darf man in der Regel erst um 8 Uhr starten. Deswegen haben wir unseren Miet-Helikopter so oft wie möglich neben einem Hotel oder beim Bauern auf der Wiese geparkt. Natürlich jedesmal mit behördlicher Genehmigung. Von solchen Flächen darf man starten, wann man will. Am Boden hatten wir ein Begleit-Fahrzeug mit unserem Gepäck, das voraus oder hinterher fuhr. Dazu kam ein Tankwagen, denn wir mussten den Helikopter bis zu fünf Mal am Tag wieder auftanken. Wenn wir dann nach rund sechs Stunden reiner Flugzeit gegen 17 Uhr Feierabend machten, waren alle ziemlich geschafft. Das Vibrieren des Helikopters strengt unter anderem die Augen sehr an.

Wer saß alles im Helikopter?

Bardehle: Zunächst mal natürlich der Pilot. Dann die Aufnahmeleiterin Andrea Mokosch, die im Fünf-Minuten-Takt neu festlegen musste, welches Ziel als nächstes angeflogen werden soll. Häufig kam was mit dem Wetter dazwischen. Und natürlich hatten wir einen engen Drehplan. Die Cineflex bediente Klaus Stuhl mit seinem Joystick. Was er übrigens so hervorragend beherrscht, dass er dafür auf der ganzen Welt angefragt wird. Und schließlich war ich als Regisseur auch mit dabei. Also insgesamt vier Personen in der Luft.

Ist während des Drehs etwas passiert, mit dem Sie überhaupt nicht gerechnet haben?

Bardehle: Der Luftraum in den Alpen wird nicht überwacht, das ist für Dreharbeiten höllisch gefährlich. Einmal sind wir beinahe in mit einem Rettungshubschrauber kollidiert, der bei Liechtenstein hinter einem Berg hervorkam. Zudem gibt es überall kleine Materiallifte oder Stromkabel, die schwer zu erkennen und in keiner Karte verzeichnet sind. Ein Helikopter, der sich darin verfängt, stürzt ab.
Lindemann: Die schlimmsten Dauerfeinde waren aber die Mücken. Die hochempfindliche Linse der rund eine halbe Million Euro teuren Kamera kennt keinen Schutz gegen Insekten, die über Feuchtgebieten wie den Isarauen millionenfach in der Luft schwirren. Wenn da nur eine Mücke auf die Optik klatscht, ist das Bild nicht mehr zu gebrauchen. Das Team musste sofort landen und die Linse reinigen. Ich habe nach jedem Drehtag das Material auf seine Verwendbarkeit gesichtet und mit den Kollegen gelitten, als ich sah, wie oft die mittendrin abbrechen mussten.

Wie sind die beeindruckenden Aufnahmen entstanden, die den Flug eines Adlers aus dessen Perspektive zeigen?

Lindemann: Darauf sind wir sehr stolz, denn so etwas ist bislang kaum jemandem gelungen. Die Bilder entstanden mit einer Halskamera, die der Falkner Paul Klima an seinem Steinadler Sky anbrachte. Das haben wir kombiniert mit Adleraufnahmen aus dem Hubschrauber, zum Beispiel von einem Sturzflug aus drei Kilometern Höhe.

Sie zeigen auch, wie riesige Kunststoffmatten auf dem Stubaigletscher ausgelegt werden, um dessen Abschmelzen zu bremsen. Wie dramatisch ist das?

Bardehle: Sehr dramatisch. In wenigen Jahrzehnten wird es diesen Gletscher nicht mehr geben. Das Abschmelzen zerstört die Ökologie, lässt das Trinkwasser versiegen und natürlich auch die Touristen wegbleiben. Wir reden hier nicht über eine ferne Zukunft. Schon im nächsten Jahr wird es gruseliger aussehen - wie an anderen Orten auch. Insofern kann man sagen, dass "Die Alpen Unsere Berge von oben" an mehreren Stellen den letzten Blick auf eine schöne heile Alpenwelt wirft, wo sie bald nicht mehr heil ist.

Ist Umweltschutz ein Thema in den Alpen?

Bardehle: Das ist schon ein wichtiges Thema. Aber in Gegenden, wo durch den Massen-Skitourismus in hohem Maße profitiert wird, eben weniger. Nach unserer Beobachtung sind vor allem Gebiete in Österreich und Frankreich bedroht, bald wie Mondlandschaften auszusehen. Umso schöner war es, über Bayern zu fliegen, zum Beispiel über das Schloss Linderhof von König Ludwig, wo ringsum die Natur noch genau so aussieht wie vor 100 Jahren, wo ein Tal noch ein Tal ist und keine Durchgangsstraße für Hoteldörfer. Großartig.

Hat Sie die Arbeit am Film verändert?

Lindemann: Ich habe mehr Respekt, besser sogar Ehrfurcht vor der Pracht und Macht dieses Gebirges bekommen, das ich vorher nur als Ziel für nette Ausflüge kannte. Am Anfang konnte ich es kaum glauben, doch jetzt bin ich sicher: Diese Gipfel machen glücklich! Vorausgesetzt, man nimmt sich genug Zeit, sie zu betrachten und für sich zu erschließen. Ich hoffe, die Zuschauer unseres Films können das ein wenig nachvollziehen.

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