OD Eleonore Basting Pilger Rom Lore Wolfgang Ehn

Pilgerin Eleonore Basting im outdoor-Interview

Lores Ausstieg auf Zeit: "Ich musste mal raus"

Als Eleonore Basting, 46, sich in ihrem Job als Labormitarbeiterin unwohl fühlt, kündigt sie. Anfang April macht sie sich allein auf den Weg von Miehlen im Rheinland nach Rom - 654 Kilometer zu Fuß, 750 mit dem Rad.

Was war der Auslöser für die Wanderreise nach Rom?
Basting: Ich wollte als Christ einmal im Leben in Rom gewesen sein. Das war ein Teil meiner Motivation. Der andere Teil war Abenteuerlust, die Herausforderung, diesen Weg zu Fuß zu machen, als Pilger. Sich in den Bus zu setzen und irgendwohin zu fahren, eine Wallfahrt machen, das wäre nicht meine Art von Pilgern. Pilgern heißt für mich, so zu wandern, wie die Menschen das früher gemacht haben. Das fand ich reizvoll: den Weg aus eigener Kraft zu gehen.

Hattest du Zweifel oder Ängste im Vorfeld?
Basting: Oh ja, ich hatte Angst. Die größte Furcht: Einfach nicht zu wissen, was auf mich zukommt. Loszugehen und nicht zu wissen, wo man abends ankommt und was einem unterwegs passiert – einfach diese Ungewissheit.

Und wie hast du dich vorbereitet?
Basting: Ich habe mich im Internet umgeschaut und dann dieses Buch entdeckt: Alte Wege nach Rom.

Bist du schon vorher viel gewandert?
Basting: Eigentlich eher nicht. Ich bin niemand, der einen Wanderurlaub macht. Sonntags mal spazieren gehen – das schon.

Wie waren denn die Reaktionen deiner Umwelt vor dem Start?
Basting: Alle waren begeistert. Die Leute kennen mich. Die wissen, dass ich sowieso ein bisschen spinnert bin. Es hat auch keiner versucht, mir das auszureden, die fanden das nur alle ganz klasse, dass sich jemand die Zeit nimmt.

Warum Rom und nicht Santiago?

Basting: Mich hat das ein bisschen geschreckt, dass Santiago so überlaufen ist. Das ist inzwischen schon so eine Art Volkssport geworden, nach Santiago zu gehen. Nun ja, schließlich ist ja auch der Papst in Rom. Ich hatte schon mal einen Versuch unternommen, mit einem Freund im Auto. Wir wollten nach Spanien, das Auto stehen lassen in Burgos und dann nach Santiago. Es ist aber schief gegangen: Wir waren zur falschen Zeit da – es war zu heiß, und es gab Differenzen.

Sind diese Differenzen ein Grund, dass du dieses mal alleine gegangen bist?
Basting: Ja, auch, das ist mit ein Grund. Ich habe da nicht speziell daran gedacht, aber es hat bestimmt damit zu tun. Ich wollte nicht abhängig sein von jemandem.

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Zwischen Rom und Rhein hat der liebe Gott die Alpen gelegt.

Welche Route bist du denn gegangen?
Eine klassische Pilgerroute?
Basting: Das ist eine längere Geschichte. Ich habe mir in diesem Buch die Pilgerrouten ausgesucht. Da gibt es ja verschiedene. Ich hatte eigentlich vor, die Route über den Brenner, Trento, Padua, Ferrara, Ravenna, Arezzo und dann hinunter nach Rom zu nehmen – eine der klassischen Routen, die Via Romea. Unterwegs hat es sich entwickelt, dass ich mich in Deutschland nach den Jugendherbergen gerichtet habe. Und im Laufe des Wegs hat sich die gesamte Route geändert: In Österreich habe ich bei den Touristinformationen Kartenmaterial von der Via Claudia Augusta bekommen. Das sind Radwege: klasse ausgeschildert. Ich war also bestens versorgt mit Kartenmaterial, und dachte dann: Okay, das ist es.

Was hattest du denn an Gepäck mit?
Basting: Am Anfang: 13 Kilo – viel zu viel. Alles in einem Rucksack. Ich habe schon nach 50 Kilometern entschieden, das Zelt und den dicken Schlafsack abzuwerfen und mit der Post heimzuschicken. Am Anfang hatte ich auch noch einen kleinen Kocher mit. Nachher hat sich das auf acht, neun Kilo eingependelt. Im Grunde hat es gepasst, was ich mit hatte. Es war das Nötigste: ein dicker Pullover, eine Regenjacke, einen kompletten Überwurf, wenn es stark regnet, ein paar Sandalen extra, Waschzeug, Klamotten zum Wechseln. Ich habe hin und wieder im Waschbecken gewaschen.

Was war das einschneidendste Erlebnis oder vielleicht auch die schönste Begegnung unterwegs?
Basting: Das waren eigentlich zwei Begegnungen. Einmal an einem Sonntag Ende April, in St. Alban. Das liegt zwischen Obergünzburg und Marktoberdorf, im Allgäu. Es ist eine Wallfahrtskirche, eine schöne Barockkirche, und die steht wunderschön auf dem Berg. Ich habe sie von weitem schon gesehen. Und irgendwie hat’s mich auch direkt dahin gezogen. Ich bin reingegangen, und da kam der Mesner und hat die Fliegen gekehrt. Die setzen sich im Herbst in den Stuck, und im Frühjahr kommen sie raus und vermehren sich, und dann ist die ganze Kirche voll mit Fliegen. Und der Mesner geht jeden Tag mit einem weichen Besen durch, kehrt sie auf eine Schaufel und trägt sie raus. Mit dem Mann habe ich mich wirklich gut unterhalten. Er schreibt Lieder. Ich habe ihm von meinem Pilgerstab erzählt: Er hat einen Korken auf der Metallspitze, damit das nicht so laut klackt, wenn ich über Asphalt oder steinige Straßen gehe. Die Geschichte mit dem Korken wollte er dann auch in einem Lied verarbeiten. Er hat viel mit Pilgern zu tun, weil die Leute in diese Kirche kommen. Und er hat erzählt, wie große, starke Männer in der Kirche sitzen und weinen. Wir haben bei wunderschönstem Wetter auf der Bank vor der Kirche gesessen – ein sehr anrührendes Gespräch.

Und die zweite?
Basting: Die zweite war kurz vor dem Fernpass, schon in Österreich, in Leermoos. Da habe ich nach dem Weg gefragt, einen älteren Mann namens Walter, der seinen Hof gekehrt hat. Wir sind ins Gespräch gekommen, und er hat erzählt, dass er mal nach Santiago de Compostela gepilgert ist. Hat von seinen Erfahrungen berichtet, und ich habe von meinem Plan erzählt, nach Rom zu gehen. Er wollte, dass ich ihm am Ziel eine Karte schicke. In Rom habe ich ziemlich viele Karten geschrieben und mir damit Zeit gelassen; die für Walter wollte ich am Flughafen einwerfen. Und dann gab es da keinen Briefkasten. Das hat mir schwer zugesetzt, weil ich es ihm auch versprochen hatte. Eine Frau, die dort arbeitet, hat die Karte dann für mich mitgenommen und eingeworfen. Am Flughafen verkaufen sie Briefmarken und Karten und alles – aber es gibt keinen Briefkasten. Der Walter hatte mir einen ganz tollen Weg zwischen Leermoos und Biberwiehr empfohlen, den Wachtersteig. So musste ich nicht auf der Straße laufen, sondern konnte oberhalb gehen.

Es gab aber ein Erlebnis, da war ich traurig. Und zwar in Naturns in Italien, als ich mich entschlossen habe, nicht mehr weiterzugehen und das Fahrrad zu kaufen. Ich wäre wirklich gerne die Strecke gelaufen, aber es ging eben einfach nicht mehr. Ich hatte – denke ich – entzündete Sehnen: Jeden Tag, wenn ich die Schuhe ausgezogen habe, hatte ich oberhalb vom Knöchel dicke Beine, sehr schmerzhaft. Ich habe jeden Tag gesalbt, ich habe jeden Tag die Beine massiert. Und trotzdem ging es einfach nicht mehr, von der Belastung, vom Laufen her. Also gab es nur die Entscheidung, entweder abzubrechen oder sich etwas einfallen zu lassen. Und dann kam ich auf die Idee, mit dem Fahrrad weiterzufahren. Bin in einen Laden rein. Der Besitzer hat mich zwölf Kilometer weiter geschickt, zu einem anderen Fahrradhändler, der sicher ein gebrauchtes Rad habe. Und der hat wirklich eins aus dem Keller rausgeholt: ein Sieben-Gang-Herrenfahrrad für 100 Euro. Er hat mir noch zwei Ersatzschläuche mitgegeben und ein Schloss. In das Hotel, in dem ich in Rom gewohnt habe, kommt ein Haushandwerker für zwei Stunden am Tag, dem sie genau in der Woche vor meiner Ankunft das Fahrrad geklaut haben. Ihm habe ich mein Rad für 50 Euro verkauft.

Weitere Themen in outdoor 1/2011, ab 14. Dezember am Kiosk:

  • Paradiese der Erde: 60 Sehnsuchtsziele für Aktive
  • Nordperu: Mit Packmulis unterwegs auf dem Santa Cruz Trail
  • Lofoten: Traumhaftes Wander- und Paddelrevier
  • Wintertraum: Mit Schneeschuhen in der Nacht am Eiger
  • 6 GPS-Geräte im outdoor-Test

"Ich hatte das Gefühl, meinen Schutzengel dabeizuhaben"

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Beim Pilgern gehört es dazu, an Kapellen innezuhalten.

Und jetzt natürlich die Frage nach dem Gegenteil: Was war dein schlimmster oder härtester Moment auf der Wanderreise nach Rom?
Basting: Ich hatte die ganze Reise über, obwohl ich allein war und oft einsam gewandert bin, nie einen Moment das Gefühl, dass ich in Gefahr bin. Ich hatte im Gegenteil das Gefühl, dass ich wirklich meinen Schutzengel dabeihabe. Ich hatte immer eine Gewissheit, dass alles gut geht. Es gab keinen wirklich kritischen Moment. Selbst kurz vor dem Reschenpass, als in einem Tal der Wanderweg gesperrt war. Steinschlag. Ich bin trotzdem dort gegangen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir da etwas passiert.

Das ist ja auch ein gutes Gottvertrauen.
Basting: Gut, ich muss sagen, genau mitten in diesem Tal, bei einigen historischen Gebäuden, war ein Arbeiter, der gerade seine Betonmischmaschine reingeschoben und sein Kabel zusammengerollt hat. Und den habe ich nach dem Weg gefragt. Er hat gesagt: „Da könnense gehen. Das ist nicht wirklich gefährlich.“ Manchmal habe ich mich auch ein bisschen gesorgt, weil ich nicht wusste, ob es in dem Ort, zu dem ich gerade gehe, eine Unterkunft gibt. Wenn du schon 15 Kilometer oder zwanzig gelaufen bist, dann gehst du keine zehn mehr weiter, weil es in dem Ort nichts gibt. Man kriegt ja auch ein bisschen Routine, und wenn man weiß, es kommen jetzt mehrere kleine Orte, dann fragt man schon mal: Ei, wie sieht das dann aus, gibt es da Pensionen?

Also hast du es unterwegs auch nie bereut, losgegangen zu sein?
Basting: Das einzige, das ein bisschen negativ war, das war am Anfang, wo ich noch so viel Strecke vor mir hatte. Da habe ich schon gedacht: Was tust du dir da eigentlich an? Was hast du dir da vorgenommen? Das wird Ewigkeiten dauern, bis du ankommst. Und das schaffst du nie – Selbstzweifel halt. Ich hatte einen Notanker, indem ich mir gesagt habe: Wenn du nicht mehr kannst, wenn du wirklich nicht mehr kannst, dann setzt du dich in den Zug und fährst heim. Ich wollte auf keinen Fall über meine Grenzen gehen. Und wenn man mal den Gedanken hat, aufzugeben, gibt es ausgerechnet da vielleicht keinen Bahnhof.

Gab es so eine Art Wendepunkt, an dem du das Gefühl hattest: Jetzt pilger ich richtig?
Basting: Ich habe mich eigentlich von Anfang an als Pilgerin gefühlt. Ich bin in jede Kirche und jede Kapelle. Ich bin gläubig, aber ich renne nicht jeden Sonntag in die Kirche, aber da habe ich mir wirklich die Zeit genommen, um intensiv religiös zu sein. Ich wollte in jeder Kapelle ein Kerzchen anzünden. Und als ich ins Bayerische gekommen bin, mit den Marterln am Wegesrand, den vielen Kapellchen und Bildstöcken, überall Wegkreuze, da habe ich mich mehr als Pilgerin gefühlt als zuvor.

Ist das dann auch der Unterschied, den du zu einer normalen Wanderung siehst: dieser religiöse Aspekt? Oder gibt es noch etwas anderes, bei dem du sagst, das gehört zu einer Pilgerfahrt, aber nicht zu einer Wanderung?
Basting: Wenn ich eine normale Wanderung gemacht hätte, dann hätte ich irgendwann gesagt: Nee, das ist einfach nicht mehr schön. Und jetzt mache ich Pause oder jetzt hör ich auf. Man hat einfach ständig Schmerzen. Die Füße tun immer weh. Es ist anstrengend, es ist belastend, und es ist halt keine Entspannungswanderung.

Ist es dann eher das Ziel, das einen bei der Stange hält?
Basting: Ja.

Warum ist Pilgern schwer in Mode? Warum machen das immer mehr Leute?

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Stock und Schuhe sind die wichtigsten Werkzeuge der Pilger.

Basting: Ich denke, weil das alltägliche Leben mit unheimlich hohen Anforderungen verbunden ist und voller Zwänge steckt: Man muss zur Arbeit, man muss das Geld zum Leben verdienen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, man hat so viele Verpflichtungen, und unheimlich viele Leute haben unheimlich viel Stress. So einen Stress, der sie auch krank macht. Die kommen überhaupt nicht mehr zu sich selbst, die Menschen. Und da suchen sie vielleicht auf der Pilgerreise nach sich. Auch die Religion spielt ja nicht mehr so eine große Rolle im modernen Leben. Ich denke, den Menschen fehlt da trotz allem etwas. Auch wenn sie sagen, ich brauche keine Religion und ich trete aus der Kirche aus, aber irgendwas Spirituelles brauchen die Menschen.

In Deutschland warst du ja viel in Jugendherbergen. Wo bist du denn sonst untergekommen?
Basting: Ich habe keine wirklich ernsthafte Pilgerherberge gesehen, aber auch nicht gesucht. Zumal ich ja nachher auch von der klassischen Route abgewichen bin. Ich bin in Pensionen untergekommen, auch Hotels, und einmal habe ich im Kloster übernachtet.

Du hattest dir ja auch ein Schreiben vom Pfarrer zu Hause mitgenommen, damit du die Chance hast, mal an eine Kirchentür zu klopfen.
Basting: Normalerweise kannst du in jedem Ort im Pfarrhaus nachfragen, aber ich wollte lieber für mich sein. Wenn du im Pfarrhaus übernachtest, dann sitzt du abends mit den Leuten zusammen und redest mit denen. Ich hatte ganz einfach das Bedürfnis, abends für mich in meinem Zimmer zu sein. Zumal ich auch mein Tagebuch dort geschrieben habe, und das war abends Beschäftigung genug. Ich habe Stunden damit zugebracht, meine Füße zu pflegen und mein Tagebuch zu schreiben. Da brauchte ich nicht noch Menschen.

Wie war es denn, als Frau allein unterwegs zu sein?
Basting: Ich bin ja als Frau nicht auf den ersten Blick zu erkennen und hatte außerdem meinen Stock dabei. Und ich habe noch nie Angst gehabt als Frau allein. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich so groß bin. Die Leute haben das bewundert: Was, als Frau allein?

Das wollte ich gerade fragen – wie denn die Menschen am Weg reagiert haben.
Basting: Eigentlich wirklich immer positiv. Das war wirklich fantastisch, wie positiv. Ich habe aber auch darauf geachtet, dass ich relativ früh meine Unterkunft finde. Ich bin morgens immer früh losgegangen, so weit wie möglich um sieben Uhr, halb sieben, auch mal halb acht, und dann hast du mittags um drei, vier Uhr deine Strecke gelaufen. Dann kannst du nicht mehr weiter, dann willst du auch nicht mehr weiter. Und ich habe oft lieber nachher, nach der Fußpflege, im Ort noch mal eine kleine Runde gedreht. Ich bin nie in der Dunkelheit gelaufen. Wenn du morgens und am frühen Nachmittag unterwegs bist, dann triffst du eher keine dunklen Gestalten.

Was war denn der schönste Streckenabschnitt?

Basting: Was mir landschaftlich besonders gut gefallen hat: der Appennin zwischen Modena und Florenz. Diese wunderschönen Bergdörfer ...

Und gab es auch richtig hässliche Abschnitte, von denen du sagst: Da will ich nie wieder wandern.
Basting: Das erste Stück in Deutschland am Rhein entlang, das ging noch, aber Richtung Mannheim ... Es waren die großen Städte, die ich nicht so prickelnd fand, egal, ob ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad durch bin. Es war einfach nicht schön. Ich war ja oft auf einsamen Strecken unterwegs, und dann plötzlich das Menschengewühle! Ganz furchtbar. Und die Po-Ebene fand ich auch nicht toll.

Hast du denn unterwegs Kontakt nach Hause gehalten?
Basting: Ja. Ich habe einmal in der Woche eine Karte geschrieben, an Bodo, den Betreiber der Gaststätte am Campingplatz hier in Miehlen. Die hat er dann für alle aufgehängt. Außerdem habe ich mich per SMS immer mal gemeldet, wo ich bin, und dass es mir gut geht. Ich habe zwischendurch auch Karten geschrieben und SMS bekommen. Und einmal habe ich Pilgerpause gemacht, eine Woche in Inzell, bei meiner Mutter. Das war auch notwendig. Da waren meine Beine schon geschwollen, und das ging nicht mehr weg. Blasen hatten sich nach den ersten drei Tagen erledigt, aber an diesen Schwellungen in den Beinen und Knien und der Hüfte habe ich schwer gelitten. Ich war ja gern allein, aber trotzdem hat mir Zuhause oft gefehlt. Dass man ein bisschen Kontakt zum Freundeskreis hat, das hilft einem dann auch in den Zeiten, in denen man sich einsam fühlt.

Welche Rolle spielt es deiner Meinung nach, zu einem bestimmten Ort zu pilgern?
Basting: Rom ist ein Kraftplatz. Ein ganz zentraler Punkt für die Christenheit. Auch von der Geschichte her ein sehr kraftvoller Ort. Und das ist dann schon ein Grund, an bestimmte Orte, in dem Fall: Rom, zu gehen.

"Rom hat eine unglaubliche Ausstrahlung"

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"Ich spüre jetzt diese Gelassenheit. Es gibt nur noch wenig, was mich aus der Ruhe bringen kann."

Hast du in Rom auch etwas von dieser Kraft gespürt?
Basting: Ja. Natürlich. Es war aber auch die Tatsache, dass ich angekommen bin, dass ich mein Ziel erreicht habe. Aber Rom selbst hat auch eine unglaubliche Ausstrahlung. Diese ganzen Gebäude, an jeder Ecke steht ein Tempel. Faszinierend.

Was war dein Haupt-Gedanke im Ziel?
Basting: Juhuuu! Und: Heim! In dem Moment habe ich gedacht: Jetzt bin ich da, jetzt will ich heim. Ich war so lange von zu Hause weg. Ich war sonst noch nie länger als drei Wochen von daheim weg. Man hat sich unterwegs so oft überwunden, sich gesagt: Okay, es ist jetzt schwer, aber ich gehe trotzdem weiter. Und dann einfach das Gefühl: Ich habe mein Ziel erreicht, ich darf jetzt endlich wieder nach Hause.

Was hat dich die Reise denn gekostet?
Basting: So ungefähr 4.000 Euro. Mit Übernachtungen und dem Flug nach Hause. Das Fahrrad hat mich im Grunde nur 50 Euro gekostet. Ich habe es ja wieder verkauft.

Was würdest du anderen Pilgern als Rat mit auf den Weg geben?
Basting: Hm, ein Jugendherbergsausweis ist klasse. Und vielleicht dann doch, wenn man eine Planung macht, sich vorher schon Pensionen angucken, im Internet, damit man nicht jedes teure Hotel nehmen muss, weil man nichts anderes findet. Wobei mir diese minuziöse Planung total widerstrebt. Aber es ist ja nicht jedermanns Sache, total ins Blaue reinzugehen.
Was ich auch gemacht habe – und ich denke, deswegen ist es auch so gut gegangen – ich habe ganz oft angehalten und gebetet, dass ich sicher ankomme. Wenn ich unsicher war, habe ich irgendwo in einer Kapelle ein Gebet gesprochen und habe um eine gute Unterkunft gebetet. Oder dass ich überhaupt eine Unterkunft finde. Und ich habe mich dann auch dafür bedankt, wenn das geklappt hat. Ich habe mehr als einmal abends im Zimmer gekniet und gesagt: Vielen Dank, dass ich angekommen bin, dass alles gut ging, dass es billig ist. Ich habe also wirklich intensiv mit Gebeten gearbeitet. Ich habe mein Leben lang nicht so viel gebetet wie auf dieser Pilgerreise. Und die intensivsten Gebete waren in Italien auf der Bundesstraße: Lass mich hier durchkommen! Bitt- und Dankgebete haben geholfen, absolut!
Und unbedingt: Tagebuch führen. Das ist so selbstverständlich für mich, dass ich jetzt fast vergessen hätte, es zu erwähnen. Alles hätte ich verlieren können unterwegs, aber nicht mein Tagebuch.

Was würdest du beim nächsten Mal anders machen, solltest du nochmals pilgern?

Basting: Ich würde vielleicht doch mal probieren, mit anderen zu pilgern. Es war gut, alleine zu pilgern, es war genau das Richtige, aber ich glaube, ich würde das so, alleine, nicht mehr machen. Nach Santiago de Compostela hätte ich vielleicht schon Leute, die mitgehen. Diese Pilgerreise ist aber nur eine Idee bisher.

War es nach deiner Rückkehr schwer, wieder in den Alltag zurückzufinden?
Basting: Ich habe mich sehr schnell wieder eingelebt. Wenn ich freigestellt gewesen wäre von der Arbeit und dann direkt wieder gearbeitet hätte ... wäre es vielleicht anders gewesen. Aber so habe ich dieses Gefühl von Freiheit, das ich auf der Pilgerreise oft hatte, jetzt immer noch.

Hat sich neben dem Gefühl von Freiheit noch etwas für dein Leben grundlegend geändert?
Basting: Ja. Das ist das ganz Tolle: Ich bin eigentlich der oberste Bedenkenträger und denke an alles, was schief gehen könnte. Seit dieser Pilgerreise bin ich gelassener. Das hat sich alles so gut gefügt, und ich habe jetzt diese Gelassenheit, dass es schon wird. Ich habe gelernt, mich nicht mehr verrückt zu machen. Es gibt jetzt nur noch wenig, das mich aus der Ruhe bringen kann.

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