OD Freya Hoffmeister Kajak Paddeln Südamerika Freya Hoffmeister

Südamerika-Umrundung im Kajak - Abenteurerin Freya Hoffmeister im Interview

Freya Hoffmeister: "Ich war froh, dass ich überlebt habe"

Alleine paddelte Freya Hoffmeister um Südamerika herum und trotze den Stürmen vor Kap Hoorn. Wie man so eine Leistung vollbringt, verrät Sie im outdoor-Interview.

27.000 Kilometer weit paddelte Freya Hoffmeister (51) um Südamerika, allein und ohne Support. An Kap Hoorn zwang schlechtes Wetter sie zu einer Notlandung, am Amazonas kämpfte sie mit einer gigantischen Tidenwelle. Jetzt erzählt Freya im outdoor-Interview von Piraten, Walen und ihrer ungebrochenen Lust am Abenteuer:

od-abenteurer-des-jahres-2015-harald-fichtinger-(46) (jpg)
Menschen und Abenteuer

Freya, warum Südamerika nach deiner Australien-Umrundung im Jahr 2009?

OD Freya Hoffmeister Kajak Paddeln Südamerika
outdoor
Freya Hoffmeister umrundet Südamerika

Haha, weil es der kleinste Kontinent nach Australien ist ! Bei diesem Projekt nutzte ich die Erfahrungen meiner anderen Trips. Aber eigentlich nehme ich nur eine Karte und die Ausrüstung und fahre los. Natürlich habe ich mich bewusst für Buenos Aires als Startpunkt entschieden. Und die Pazifikküste wollte ich von Süd nach Nord fahren, um Kap Hoorn und andere schwierigere Ecken als Erstes zu erledigen (Streckenverlauf siehe Bild).

Du bezeichnest dich selber als "Reisesportlerin", du trainierst erst unterwegs. Funktioniert so ein Projekt wirklich ohne Vorbereitung?

Fit bin ich ja generell und an sich. Da sind auch 50 Paddelkilometer pro Tag kein Problem. Zu Hause mache ich höchstens ein paar Fitnessübungen. Zwanzig Kilometer am Tag als Training auf und ab zu paddeln – das ist mir zu langweilig.

Wie motivierst du dich unterwegs, weiterzumachen?

Wenn ich ankommen will, dann mach ich das auch. Da gibt’s gar keine Zweifel. Es wäre ja oberpeinlich, wenn ich mittendrin aufhöre.

Was denkst du die ganze Zeit?

Dasselbe wie andere Leute auf langen Autofahrten. Sicher ist es auch mal langweilig, wenn die Küste gar nichts zum Gucken hergibt oder bei Nacht.

Apropos im Dunkeln paddeln - wie sieht dein typischer Tag auf See aus?

OD Freya Hoffmeister Kajak Paddeln Südamerika
Freya Hoffmeister
Freya Hoffmeister Ankunft Buenos Aires

Meistens stehe ich noch bei Dunkelheit auf, damit ich beim ersten Licht auf dem Wasser bin. Morgens ist es am ruhigsten. Und dann paddel ich die angepeilte Distanz. Unterwegs hoffe ich, dass ich nicht früher an Land muss, weil das Wetter doch zu schlecht wird. Manchmal muss man im Dunkeln paddeln, weil kein guter Platz zum Anlanden da ist, und manchmal kommt man sowieso nur bei Hochwasser rein.

Du bist immer der Küste nach gefahren, aber oft nicht direkt am Land?

So ist das. Der Abstand ist schietegal, Hauptsache direkt und schnell. Natürlich wird es interessanter, je näher man dem Land ist. Bei starker Brandung oder Felsen bedeutet Küste nicht automatisch Sicherheit.

Zwischendurch bist du mal nach Hause gefahren, um nach deinem Sohn und deinen Eisdielen zu schauen. Fiel es danach nicht schwer, wieder loszupaddeln?

Nö, diese Lebenszielumschichtung ist eine Frage der Gewöhnung. Ich muss mich allerdings eher an zu Hause gewöhnen als an den Trip.

Im letzten outdoor-Interview (01/12), kurz vor deinem Südamerika-Projekt, hast du gesagt, dass du weder Spanisch noch Portugiesisch sprichst. Hast du unterwegs etwas von den beiden Sprachen gelernt?

Ein paar Brocken, sodass ich mich notdürftig verständigen konnte. Aber es war von Vorteil, nicht die Sprachen zu sprechen. Denn so haben die Leute mich am Strand in Ruhe gelassen, weil sie gemerkt haben, dass ich kaum etwas verstehe. Was ich wissen wollte - wo die Dusche oder der Supermarkt ist oder wie das Wetter wird - , habe ich erfahren, zur Not mit Händen und Füßen, und ein bisschen Englisch spricht der ein oder andere auch. Wenn ich fließend gesprochen hätte, hätten sie mich belagert.

Dein Ebook-Reader war eins deiner wichtigsten Ausrüstungsstücke. Welche Bücher hast du dabeigehabt?

Historische Abenteuerbücher, Biographien und historische Liebesromane mag ich gerne lesen. Friedrich Gerstäcker von anno dazumal, achtzehnhundertirgendwas, habe ich von vorne bis hinten gelesen. Seine Bücher sind gratis online, deswegen boten sie sich an.

Du hast allein gezeltet, ganz auf dich gestellt. Hast du dich nicht manchmal schrecklich einsam gefühlt?

Och nö. Wenn es zu einsam wurde, habe ich mit dem Satellitentelefon zu Hause angerufen. Zwar selten, aber es kam vor, dass ich mal ein Wort von meinem Partner hören mochte.

Oft lagen drei bis vier Paddelwochen vor dir, bis du an einem Supermarkt Proviant nachfassen konntest. Warst du auch mal richtig knapp mit Wasser und Essen?

Nö. Genug Volumen im Boot für drei bis vier Wochen Essen, zwölf Tage Wasser, wenn’s sein muss. Das wiegt natürlich, bis man sich durchgefressen hat.

Wie schwer wird das Boot denn vollgepackt?

Gute hundert Kilo. Das Paddeln strengt mehr an, aber das Boot liegt stabiler. Rollen kannst du sogar besser, weil der Schwerpunkt tiefer liegt. Und wenn es läuft, läuft es. Starten ist etwas schwieriger und später das Anlanden. Wenn es dir beim Landen in einer starken Brandung auf den Kopf knallt, wird das gelinde gesagt schon ein bisschen unangenehm.

Du hast bei über 100 Stundenkilometern Wind Kap Hoorn umrundet. Triumph oder Erleichterung?

Ich war froh, dass ich überlebt habe. Zumal es einen Bekannten zeitgleich tödlich erwischt hat. Er war bei den Islas de los Estados auf dem gleichen Breitengrad unterwegs.

Du hast aber auch ein anderes Mal ums Überleben kämpfen müssen: Bei der Tidenwelle Pororoca an der Amazonasmündung. Wie bist du da entkommen?

Ich habe gekämpft, was das Leben hergab, damit ich wenigstens auf der Seite liegenbleibe und die Walze mich nicht herumwirbelt. Und ich habe sinnlos um Hilfe geschrien (lacht). Im Endeffekt war ich auf flachem Wasser, und es war nur ominös, wo der Ritt hingeht. Ich wusste nicht, ob ich an einer Steilküste zerquetscht werde. Oder wie lange das Ganze dauert. Es war nachts, und im Wasser schwammen Äste. Die knallten mir nur so um die Ohren, das Boot lief langsam voll. Nach zehn, fünfzehn Minuten und acht Kilometern landeinwärts in einen Miniaturflussarm war es vorbei. Und dann hat die Welle mich doch umgeschmissen, und ich konnte mich wieder hochrollen, dann schmiss sie mich noch mal um, fast an Land. Ich musste aussteigen und konnte trotzdem nur über den Boden rutschen, weil die Strömung zu stark zum Aufstehen war.

Aber du hast schon gewusst, dass dieses Phänomen auftreten kann, oder?

Schon. Ich hatte gelesen, dass das Phänomen zwei Mal auftritt. Aber leider zwei Mal am Tag, wie Gezeiten so sind. Rund um Vollmond und Neumond besonders heftig, und dazwischen auch mal fast gar nicht. Wenn die Welle langsam anrollt, klingt sie wie ein starker Regenguss. Ich dachte noch in der letzten Sekunde: "Oh, gleich fängt es an zu regnen." Ich habe auf das Hochwasser gewartet, dachte, es steigt langsam höher, aber langsam war nicht, sondern ganz schnell.

Was fandest du schlimmer: Kap Hoorn oder Pororoca?

Was hätte mir bei der Welle schon passieren können? Dass ich mein Boot verliere oder an einer Steilküste zerschmettert werde. In dem Moment wusste ich nicht, dass es an der Stelle keine Steilküste gibt. Und das Wasser war warm. An Kap Hoorn wäre ich nach einem Ausstieg im eiskalten Wasser geschwommen – das wäre tödlich gewesen.

Wie hoch waren denn die Wellen, in denen du noch gepaddelt bist?

Die Dünung ist an der Pazifikseite bis zu vier Meter noch halbwegs sinnvoll zu paddeln. Vier Meter ist ein riesiges Haus. Und wenn du da hoch und runter gehst, ist das schon beeindruckend. Aber wenn der Wind oben drauf steht und die Kämme brechen, wird es unangenehm. Bei dieser großen Dünung muss man in einen geschützten Hafen, sonst hat man gar keine Chance.

Im letzten outdoor-Interview hast du als größte Sorge die Kriminalität genannt. An der kolumbianischen Küste gab dir sogar das Militär Geleitschutz. Bist du denn Piraten begegnet?

Nur als ich alleine gepaddelt bin. Da dümpelte so ein originelles Schiff auf dem Wasser, in dem drei Buben saßen, die bestimmt keine Fischer waren. Sie haben mir irgendetwas auf Spanisch erzählt, das Wort "Pirat" kam vor. Ich habe "Si, si, Señor." gesagt und bin weggepaddelt, nicht besonders schnell oder hektisch; ich habe sie einfach stehen lassen.

Puh, noch mal gutgegangen!

An Land erlebte ich etwas Ähnliches: Von einem LKW sprang eine große Gruppe herunter und umstand mich und das Boot. Die Situation konnte ich mit viel Charme und meiner Autogrammkarte entschärfen. Ich bin aktiv auf sie zugegangen, habe ihnen die Hände geschüttelt und dabei gelächelt. Auf der Karte stehen auf Spanisch die wichtigsten Daten zu meinem Projekt. Ich stellte mich vor und fragte nach den Namen, malte sie auf die Autogrammkarten, und sie fühlten sich gebauchpinselt und ernstgenommen. Die Aufkleber auf dem Boot tun ein Übriges. Die Buben waren aber bestimmt nicht ganz koscher, genauso wie ein paar andere, die ein andermal am Zelt waren, als ich meine Ruhe wollte. Der eine wollte schon ins Zelt reinschauen, den habe ich dann elegant beiseitegeschoben.

Und am Ende sind die Burschen dann doch zu feige, etwas zu unternehmen.

Ich würde sagen: zu respektvoll, weil ich als starke Frau auftrete. Auch solche Leute respektieren so eine Leistung.

Was war die größte Strapaze?

Hitze. Hitze mit Moskitostichen und sonstigen nichtheilenden Miniverletzungen. Dazu habe ich hübsche Fotos online. Vom Fußpilz bis zu richtigen Hitzepickeln.

Ist man auf See alleine?

Hier und da trifft man Fischerboote. Ich habe ihnen oft zugewunken. Denn wenn ich mal jemanden brauche, dann die Fischer. Ich kenne inzwischen jeden Fischer in Südamerika beim Vornamen.

Hast du auch Wale gesehen?

Ja, und die waren sehr freundlich, im Gegensatz zu den Tieren in Australien. Hunderte oder besser Tausende von Seehunden und Seelöwen habe ich gesehen, Delfine einige weniger. Jo, und bestimmt hundert Wale, nicht auf einem Haufen, aber Stück für Stück, und auch jede Menge Pinguine.

Was reizt dich trotz der Gefahren, Länder und Kontinente zu umrunden?

Das Unbekannte, Unerwartete bringt Spaß und Herausforderungen. Das tägliche Allerlei, da habe ich keine Lust zu.

Hast du ein neues Projekt?

Wenn ich eins hätte, ich würde es noch nicht erzählen.

Zur Startseite
Szene Menschen und Abenteuer Jack Wolfskin GoBackpack-Camp-2019 in Schweden Leseraktion: Jack Wolfskin GoBackpack-Camp 2019 So schön war es auf der einsamen Schäreninsel

Wenn Inselträume wahr werden: Drei perfekte Sommertage in Schweden ...

Mehr zum Thema Freya Hoffmeister
OD Freya Hoffmeister Kajak Paddeln Australien
Menschen und Abenteuer