OD Glowacz Fitz Roy neu Klaus Fengler

Abenteuer als Job - Kletterer, Bergsteiger, Kanufahrer im Porträt

Extreme Leben - Abenteuer als Job

Sie bezwingen Steilwände, durchsegeln das Polarmeer und stürzen sich Wasserfälle hinab. Eine Begegnung mit Deutschlands Profi-Abenteurern.

Der gelernte Werkzeugmacher Stefan Glowacz ist seit Ende der 80er Jahre einer der erfolgreichsten Alpinisten und Kletterer. Zu seinen Erfolgen zählen unter anderem drei Siege bei den „Rock Master“ , der inoffiziellen Kletter-Weltmeisterschaft.

Olaf Obsommers Metier ist das Wasser. Der Extremkajakfahrer und Wildwasserfilmer ist weltweit auf Gewässern unterwegs und absolviert immer wieder Erstbefahrungen.

Die vierfache Eiskletter-Weltmeisterin Ines Papert ist seit zehn Jahren im Profiklettersport unterwegs. Neben zahlreichen Erfolgen und Erstbegehungen bewältigt sie den Alltag als alleinerziehende Mutter.

Seit Anfang der 80er Jahre machte sich Arved Fuchs einen Namen als Eiswanderer und – segler. Unter anderem umrundete er den Nordpol in einem Segelboot.

Alexander Huber, Vielen als Teil des Duo „die Huberbuam“ ein Begriff, ist gelernter Diplom-Physiker und Extremkletterer. Zusammen mit seinem älteren Bruder Thomas klettert er weltweit Routen im elften Schwierigkeitsgrad.

Mehr Infos zu diesen Abenteurern auf den Folgeseiten.

Outdoor-Legenden, Abenteurer, Pioniere

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OD-Messner-der-Film-14 (jpg) OD Rüdiger Nehberg - ein Leben für Abenteuer und Menschenrechte OD Cecile Skog Bergans Abenteurer OD Stefan Glowacz Venezuela (breit) 23 Bilder

Der Pionier: Stefan Glowacz

Stefan Glowacz, geboren: 1965
Wohnort: Garmisch-Partenkirchen
Familie: Verheiratet, drei Kinder
Profi seit: Ende der achtziger Jahre
Erlernter Beruf:Werkzeugmacher

Erfolge:
Drei Siege beim »Rock Master«, der inoffiziellen Kletter-WM. Nach dem Rücktritt vom Wettkampfsport (1993) bis heute weltweite Erstbesteigungen alpiner Routen bis zum oberen zehnten Schwierigkeitsgrad. Diese Routen erschließen häufig unbekannte und unbenannte Felswände in schwer zugänglichen Gebieten, etwa in Patagonien, Baffin Island, Brasilien oder der Antarktis.

Der frühe Stefan Glowacz war der Posterboy der Sportkletterszene, gut gestylt und immer im besten Licht. Wie fanden das die anderen?
Ich bin wohl der erste Kletterer, der das wirklich professionell gemacht hat. Weil der Sport Mitte der Achtziger neu war und die Aufmerksamkeit entsprechend hoch, musste man nicht wahnsinnig viel tun, um Sponsoren- und Preisgelder zu bekommen. Mich hat die Aussicht fasziniert, eine Zeitlang nichts zu tun, außer zu klettern. Ich bin rumgereist, habe Routen ausprobiert, Wettkämpfe geklettert und Bilder gemacht und damit auch Geld verdient. In der Szene war das verpönt, die pflegten dieses Hippie- und Nomadenimage: leben, um zu klettern. Professionalität galt als Ausverkauf des Sports. Es gehörte einfach dazu, dass man sich bei den Wettkämpfen im Schlafsack in den Straßengraben legte. Das kann ich auch, aber wenn mir der Sponsor ein Hotel bezahlt, warum sollte ich es tun? Und mancher hatte ohnehin leicht reden, weil ihm die Eltern den Lebensstil finanziert haben.

OD Glowacz Fitz Roy
Klaus Fengler
35 Stunden bei eisiger Kälte auf knapp 3.500 Meter - das haben Extrembergsteiger Stefan Glowacz und sein Partner Horacio Gratton sowie der Fotograf Klaus Fengler in Patagonien hinter sich gebracht.

Stefan Glowacz - 35 Stunden auf dem Fitz Roy

OD Glowacz Fitz Roy
OD Glowacz Fitz Roy OD Glowacz Fitz Roy OD Glowacz Fitz Roy OD Glowacz Fitz Roy 8 Bilder

Bei Ihren Expeditionen gibt es ja keine Preisgelder und keine Wettkampfergebnisse. Wie vermarktet man so etwas?
Nach der Wettkampfkarriere musste ich umdenken. Die Sponsoren sind mir treu geblieben, aber für Expeditionen muss man sich schon etwas einfallen lassen. Prinzipiell ist ja schon alles gemacht worden, was machbar ist. Und gegen das, was Shackleton, Amundsen oder Scott geleistet haben, kann man nicht mehr anstinken. Vor dem Vermarktungsgedanken steht aber bei jeder Expedition, dass mich das Ziel wirklich reizen muss – und dass es »by fair means« erreicht werden kann: Für mich und die jeweiligen Teams bedeutet das, die Wand vom letzten Punkt der Zivilisation aus eigener Kraft zu erreichen.

Es ist immer mindestens ein Fotograf dabei, die vorletzte Expedition auf Baffin Island wurde zusätzlich von zwei Kameraleuten begleitet. Sind das freie Mitarbeiter, die Sie bezahlen?
Nein. Man darf sich das auch nicht so teuer vorstellen: Abgesehen von Honoraren kostet so eine Expedition für das ganze Team inklusive Transport, Verpflegung und Ausrüstung höchstens 30 000 Euro – für mich ist der überschaubare Aufwand auch eine Stilfrage. Jeder sammelt das Geld bei Sponsoren oder sonstwie ein, wir werfen es in einen Topf und finanzieren die Sache damit vor. Finanzierungen oder Vorabzusagen durch Fernsehsender oder Magazine gibt es nur selten – für manche wird es erst interessant, wenn einer mit dem Kopf unterm Arm zurückkommt.

Wovon lebt man als Abenteurer im Detail?
Ich habe meine eigene Kletterschuhmarke, also Red Chili, dazu kommen Beraterverträge mit Gore Tex, Marmot, Red Bull und
Lowa. AußerdemVorträge, vor allem in der Industrie.

Mischen sich die Sponsoren in die Expeditionsplanung ein?
Überhaupt nicht. Ich denke auch, wenn sie das täten, würde sich mir die Frage stellen, ob ich das noch will. Als ich vor 12 Jahren meine Kletterschuhfirma gegründet habe, habe ich das auch getan, um nie klettern zu müssen, weil – und schon gar nicht wo – es mir jemand vorschreibt. Abenteuer hat etwas mit Freiheit zu tun, und die gäbe es dann nicht mehr.

Der Künstler: Olaf Obsommer

Olaf Obsommer, geboren: 1970
Wohnort:Nussdorf am Inn
Familie: Ledig
Profi seit: etwa 2000
Erlernter Beruf: Industriemechaniker, Altenpfleger

Erfolge:
Erstbefahrungen und extremes Wildwasser in Malawi, Norwegen, Pakistan, Gabun, der Türkei und vielen anderen Ländern. 2008 Expedition entlang der grönländischen Küste mit Erstbefahrungen im Inland.

Olaf Obsommers Firma heißt »Big-O-Productions«, und als er mir die Hand hinstreckt, erklärt sich das »Big O« fast von selbst: Obsommer ist ein Brocken. Über 1,90 Meter groß und geschätzte zwei Zentner schwer. Sportlich, aber weit entfernt vom hohlwangigen Standardtypus des Extremsportlers. Auf dem Weg ins Büro erklärt er: »Hier produziere ich meine Pornos.« Falsche Haustür? Nein. Aber es gibt Parallelen, findet Obsommer. Was er produziere, falle in die Kategorie der »Kajakactionpornos« und zeichne sich durch »sinnfrei hintereinandergeschnittene Actionszenen« aus.

Extreme Kajakfahrer mögen das: Fahrten von haushohen Wasserfällen oder Bilder betongrauer Strudel im Karakorum, auf denen ein Männchen im gelben Plastikboot tanzt. So etwas macht auch »Big O« noch. Doch der Glaube an die eigene Unsterblichkeit schwindet mit der Erfahrung: »In den Neunzigern war ich in der Weltspitze. Aber von dem, was die ganz Jungen machen, bin ich heute weit entfernt. Ich war in Situationen, die ich nur mit Glück überlebt habe. Und dann kommt da wieder so eine Stelle, an der man entscheiden muss: Kann ich das technisch? Bin ich bereit, die Konsequenzen zu tragen, falls es nicht so läuft wie geplant? Schon bei einem 20-Meter-Wasserfall ist der Aufprall so stark, dass Rückenwirbel brechen oder anreißen können, wenn man nicht sauber einschlägt.«

OD Olaf Obsommer
Verwackelte Sicht gehört für Olaf Obsommer zum Weltbild - zumindest, wenn er seinem Beruf nachgeht.

Der Extremkajakfahrer und Filmer wandelte sich zum Extremfilmer und Kajakfahrer. »Ich habe mich dabei ertappt, dass ich vor einer schwierigen Passage eher über die optimale Kameraposi­tion als über die ideale Fahrlinie nachgedacht habe.«

Olaf Obsommer, gemeldet als Videokünstler, hat Industriemechaniker gelernt, dann Zivildienst geleistet und in der Altenpflege mehr Sinn gesehen als in seinem ursprünglichen Beruf. Es folgten acht Jahre, wie man sie nur als junger Mensch klaglos wegsteckt: Er arbeitete 200 Stunden im Monat als Altenpfleger, wohnte für 120 Mark Miete in einem Wohnheim und feierte Überstunden wie Ersparnisse in den wildesten Flüssen von Costa Rica, Reunion, Malawi oder Norwegen ab.
Auch wenn Obsommer die wildesten Stunts mittlerweile anderen überlässt, paddelt er noch weit über Freizeitniveau. Aber das Geschäft schluckt Zeit.

DVD-Verkauf und Vortragstournee decken etwa zwei Drittel seines Budgets, Sponsoren und Fremdaufträge den Rest. Im vergangenen Winter hat er als Kameramann die »Freeride World Tour« der Skifahrer begleitet, doch das Kerngeschäft bleibt der Hardcore-Wassersport. Etwa zwei Expeditionen jährlich sieht sein Businessplan vor. Eine davon geht regelmäßig in extreme Gewässer, wo er Aktionen filmt, die nur wenige nachmachen könnten. Die andere führt in Reviere, die seine Zuschauer vielleicht schon gesehen haben – nur nicht so schön in Szene gesetzt. Zielgebiete: Alles zwischen Afrika und Arktis. Hauptsache, es rauscht und sieht geil aus. Wenn es sein muss, schleppt er dafür sein Boot und das Equipment auch kilometerweit durch die Wildnis. In diesem Sommer sieht es aber so aus, als müsse die »Jedermann-Expedition« ausfallen.

Zu reizvolle, zu harte Ziele locken: Mehrtagestrips im russischen Altai-Gebirge mit geplanten Erstbefahrungen, außerdem ein Wasserfall-Special auf Island. Professionalität und Routine machen die »Big-O-Productions« für die jungen Extrempaddler interessant – nach Island begleiten ihn drei Kajak-Weltmeister, »weil sie wissen, dass etwas dabei herauskommt. Bis das Fernsehen einen Wasserfall gefilmt hat, haben wir zehn Stück im Kasten«, sagt Obsommer und grinst.

Doch auch Extremfilmer werden einmal 40, wenn sie vorher keine Fehler machen. Dieser hier wohnt seit einem Jahr nicht mehr in einer Wohngemeinschaft, sondern ganz zweisam mit der Freundin. »Ich war mal ein Punk«, sagt er nachdenklich. »Wenn ich es von daher betrachte, finde ich meinen Lebensstil ziemlich spießig. Aber ich glaube, damit kann ich leben.« Und grinst schon wieder sein zufriedenes Grinsen.

Das Kraftpaket: Ines Papert

Ines Papert, geboren: 1974
Wohnort: bei Bad Reichenhall
Familie: Alleinerziehend, ein Sohn
Profi seit: 2001
Erlernter Beruf: Physiotherapeutin

Erfolge: Vierfache Eiskletter-Weltmeisterin, 13 Weltcupsiege, Gesamtsieg beim Ouray Ice Festival, Erstbegehungen schwieriger Eis- und Felsrouten, unter anderem in Kanada, Island, Schweiz.

Haben Sie schon mal versucht, in Klimmzughaltung das rechte Bein so weit anzuheben, dass die Kniekehle sich um den linken Oberarm schmiegt und der Fuß neben dem Ohr baumelt? Für Ines Papert ist es eine »Ruheposition«. Meistens hat sie dabei mehr als zehn Meter Luft unterm Hintern und hängt mit den Spitzen messerscharfer Eispickel an einem gefrorenen Wasserfall. Hartes Training und endlose Klettermeter haben sie physisch gestählt, ihr Klimmzugrekord liegt bei einhundert Wiederholungen. Eisklettern ist eine extrem athletische Spielart des Bergsteigens, Ines Papert die Königin der Disziplin: Viermal wurde sie Weltmeisterin, sie siegte bei 13 Weltcup-Events. Dann, im Jahr 2006, verabschiedet sie sich vom Wettkampfsport ... aus Mangel an Zielen. Es locken wilde Mixed- und Felsklettereien in haarsträubender Umgebung.

Im Januar 2010 tritt sie für einen Tag vom Rücktritt zurück: Sie klettert wieder um die Wette, beim Ouray Ice Festival in Colorado. 2005 hatte sie hier bleibenden Eindruck hinterlassen, weil sie als Gesamtsiegerin auch den Männern gezeigt hatte, was eine Haue ist. Ihr Comeback endet mit dem Sieg bei den Frauen, aber zwei Männer waren am Ende schneller als sie. Für sie ein Misserfolg, wie sie im Internet berichtet: »Ich ärgere mich über diesen nutzlosen Fehler.« Ines Papert, die Fighterin, begnügt sich nicht mit dem Damenprogramm, während die Männer Geschichte schreiben. Extremes Bergsteigen kennt keine Damenwertung.

OD Ines Papert
Rainer Eder / Visual Impact
In ihrem Element: Niemand klettert Eis so gut wie Ines Papert.

Gibt es wenigstens beim Geld einen Frauenbonus? »Nein«, sagt Papert. »Es gibt aber durchaus Anfragen für Firmenvorträge, bei denen die Veranstalter explizit eine Frau wollen. Ich glaube, dass ich etwas emotionaler rede. Bei mir spielen auch eher Niederlagen und Zweifel eine Rolle, als es bei Männern üblich ist.« Eine Himalaja-Expedition im Winter 2008/2009 besetzt sie mit Gefühl: »Sicher, dass wir ein Team aus Frauen sind, ist auch für die Außendarstellung gut. Vielleicht hätte ich über das Internet auch ein Team zusammenstellen können, das noch besser klettert. Aber für mich ist das Wichtigste, dass wir Freundinnen sind! Es muss menschlich hundert Prozent passen, sonst habe ich keine Lust drauf.«

Privat ist die zierliche Frau mit den breiten Schultern in einer gemischten Seilschaft unterwegs. »Ines und Emanuel Papert« steht draußen auf dem Klingelschild zu ihrer sonnigen Erdgeschosswohnung. Emanuel ist ihr zehnjähriger Sohn, »das größte Glück meines Lebens«. Paradoxerweise stellte seine Geburt auch die Weiche in den Extremsport. Denn als Mutter fehlte Papert für das Bergsteigen plötzlich die Zeit – aber kurze, harte Klettertouren ließen sich einrichten. Und dann ging alles ungeheuer schnell: Mit ungewöhnlichem Talent, Ehrgeiz und reichlich Praxis wurde aus der Physiotherapeutin in einer Bad Reichenhaller Rehaklinik schon im übernächsten Winter die Weltmeisterin im Eisklettern – definitiv ein größerer Kick als Lymphdrainagen! Papert kassierte etwas Preisgeld und merkte, dass der Sport zum Lebensunterhalt reichen könnte. Das Finanzamt führt sie seitdem als freiberufliche Profisportlerin, alleinerziehend, ein Kind.

Auf Kletterreisen kommt Emanuel in den Ferien einfach mit. Bei Expeditionen bleibt er abwechselnd bei der Großmutter und bei seinem Vater, während sie ihre Steigeisen in senkrechtes Eis trümmert. Die Verantwortung reist mit: »Ich habe ein paar sehr enge Freunde verloren durchs Klettern, und bei einem schweren Sturz an der Marmolada gemerkt, dass ich nicht unsterblich bin.« Aber ihren Lebensstil will sie behalten. »Ich finde es faszinierend, wie wenig man braucht. Wenn ich in Reichenhall in der Einkaufspassage sehe, was die Leute alles nach Hause schleppen, und dass sie dabei nicht einmal zufrieden ausse­hen, dann weiß ich: Für mich hat das keinen Wert. Klar, irgendwie sind wir gesellschaftliche Außenseiter. Das merke ich spätestens in den Elternabenden in der Schule. Wenn andere sich um die Risiken des Schulweges hier auf dem Dorf sorgen, dann denke ich bei mir: die Gefahr beim Über-die-Straße-Gehen? Das ist für Emanuel und mich überhaupt kein Thema. Dafür haben wir schon zu viel von der Welt gesehen.«

Der Teamworker: Arved Fuchs

Arved Fuchs, geboren 1953
Wohnort: Bad Bramstedt
Familie: Verheiratet
Profi seit: Anfang der 80er Jahre Erlernter Beruf: Ingenieur für Schiffsbetriebstechnik

Erfolge: 70-tägige Hundeschlittendurchquerung Grönlands (1983), Winterumrundung von Kap Hoorn im Faltboot (1984), Fußmarsch zu Nord- und Südpol innerhalb eines Jahres (1989), Umrundung des Nordpols im Segelboot (1991 bis 1994). Parallel dazu Jugend-Umweltprojekte und Expeditionen auf den Spuren der Entdecker Wegener, Shackleton, Peary.

Einen Polarforscher wie Arved Fuchs stellt man sich sturmumtost, mit Fellmütze und gefrorenem Bart vor. Das einzige, was stimmt, ist der Bart. Vereist ist er aber nicht, denn Fuchs sitzt im gut geheizten Frühstücksraum einer kleinen Pension in Tuttlingen. Wie der Rest der Fernweh-Vortragenden zieht er durchs Land, bunte Bilder und wilde Geschichten im Gepäck. Seit fast drei Jahrzehnten macht er das schon, bis zu 90 Vorträge hält er jährlich. Arved Fuchs ist Deutschlands »Elder Statesman of Abenteuer« – und er ist Chef einer eigenen GmbH. In seinem Geburtsort Bad Bramstedt, nördlich von Hamburg, ist die Firma »Arved Fuchs Adventure & Media Services« zu Hause. Mit sechs Angestellten, einer Lagerhalle inklusive Fitnessraum im Gewerbegebiet und eigenem Fanshop: Eine Kaffeetasse mit dem Aufdruck »Arved Fuchs Expeditionen« kostet 13,50 Euro.

OD Arved Fuchs Portrait
Deutsche Bundesstiftung Umwelt
So kennt man ihn: Arved Fuchs auf eine seiner zahlreichen eisigen Expeditionen.

Arved Fuchs unternimmt seit Jahrzehnten Expeditionen in die sensiblen Regionen der Erde. Wie verändert sich die Umwelt in Laufe der Jahre? Hier ein Statement von ihm:

Die Vita von Deutschlands bekanntestem Abenteurer liest sich so geradlinig und logisch, als sei »Abenteurer« ein offizieller Ausbildungsgang. Als Kind und Jugendlicher ist er immer draußen beim Spielen, Paddeln, Entdecken. Er beendet die Schule und macht eine Lehre bei der Handelsmarine, studiert dann Schiffsbetriebstechnik in Flensburg und arbeitet immer wieder auf See. Mit dem Lohn finanziert er von Beginn an lange Reisen. »Die erste Reise, mit der ich etwas verdient habe, war eine Wildwasserexpedition 1977 in Kanada. Wir haben gefilmt auf Teufel komm raus, und ich bin mit einer Kiste voller Filme zum Norddeutschen Rundfunk gegangen. Das war total unprofessionell, doch es ließ sich ein 30-minütiger Film draus machen.« Journalistisch und fotografisch ist er Autodidakt, doch nur ein paar Jahre nach dem ersten Film funktioniert die Geschäftsidee: von Reiseberichten leben. Fuchs macht sich als Abenteurer selbständig. Anders als damalige Vortrags-Heroen wie die Bergsteiger Reinhold Messner oder Kurt Diemberger sucht Arved Fuchs das Abenteuer vor allem auf dem Wasser und im polaren Eis – gelernt ist gelernt. Mit wachsendem Erfolg werden die Schiffe größer, die Expeditionen länger und aufwendiger. Den Wildwassertouren folgt eine Faltbootfahrt um Kap Hoorn, dann kommen monatelange Märsche über polares Eis zu Nord- und Südpol und mehrjährige Segeltörns.

Es sind verwegene Missionen dabei, doch Fuchs folgt nicht dem Leitbild des einsamen, todesverachtenden Helden. »Ich bin Teamworker«, sagt er. »Die Mentalität, wie man sie teilweise im Höhenbergsteigen vorfindet, wo Tote und Verletzte nur noch in der Statistik auftauchen, das ist nicht meine Expeditionsethik. Sich in Gefahr begeben und darin umkommen – das kann jeder Dummkopf. Ich habe Verantwortung für mich, meine Frau und mein Team. Eine Expedition muss prinzipiell überlebbar sein!« Mit dieser Haltung ist er so gut gefahren, dass er trotz hoher Fixkosten und teurer Expeditionen seinen Stil durchhalten kann. Sponsoren »aus der Ecke Tabak und Schnaps« lehnt er ab, genau wie Medienpartner, die ihm ins Handwerk pfuschen wollen.

Vor zehn Jahren folgten Fuchs und seine Crew mit einem nachgebauten Rettungsboot von nur sieben Meter Länge und zwei Meter Breite den Spuren der historischen Shackleton-Expedition vom antarktischen Packeis durch den Südpazifik. Er hätte dafür einen Vorabvertrag mit einem großen Magazin haben können. »Die haben gesagt: ›Super, das machen wir – aber nur, wenn ihr das so macht wie Shackleton 1916, mit den gleichen Klamotten und den gleichen Navigationsmitteln!‹« erzählt Fuchs mit leichtem Kopfschütteln. »Aber Shackleton hat sich da nicht freiwillig hineinbegeben, und außerdem hat er unheimlich Schwein gehabt, dass sie das überlebt haben. Ich hätte also mich und mein Team sehenden Auges dieser Gefahr ausgesetzt. Es war schon grenzwertig genug. Natürlich habe ich ein GPS mitgenommen, moderne Funktionsklamotten und Expeditionsnahrung. Und mal abgesehen davon, dass es heute verboten ist – wer will schon Pinguine essen?« Der Mann mit dem grauen Bart macht eine Pause und schaut versonnen nach links oben. Verhaltensforscher sagen, dass Menschen dorthin schauen, wenn sie sich erinnern. Vielleicht sieht er dort fliegende Gischt, eisiges Wasser und tanzende Horizonte. Doch im Frühstücksraum ist alles ruhig, trocken und warm.

Der Grenzgänger: Alexander Huber

Alexander Huber, geboren 1968
Wohnort: Traunstein
Familie: Ledig
Profi seit: 1995
Erlernter Beruf: Diplom-Physiker

Erfolge:
Weltweit zweite Route im elften Schwierigkeitsgrad (1992), Westwand des Latok II in Pakistan (mit seinem Bruder Thomas) (1997), Nordwand der Großen Zinne im Winter, Free Solo (2000), Speedrekord »The Nose« am El Capitan (Yosemite, Kalifornien 2007), Erstbegehungen auf Queen-Maud-Land, Antarktis (2008), erste Rotpunktbegehung »Eternal Flame« in Pakistan (2009)

Ja, hier Alexander«, meldet sich Alexander Huber am stoßgeschützten Plastikhandy. Am anderen Ende ist eine Dame von der Zentrale einer großen Bank. Ein kurzes Gespräch, dann der rote Auflegeknopf. »Also, wir haben keinen Stress«, sagt er, »der Vortrag ist auf fünf verschoben.« Alexander Huber hat lange Haare, ist unrasiert, trägt Jeans und Trainingsjacke. Seine sparsam möblierte Altbauwohnung hat Basislager-Charme: Im Treppenhaus stehen orange Plastik-Lastschlitten. Einen Raum füllen Regale voller Seile, Haken, Kletterschuhe, Schlafsäcke. Man ahnt: Huber wird den Bankiers am Nachmittag nichts über Feng Shui oder Innenarchitektur erzählen. Sein Spezialgebiet ist das Risiko.

Einer größeren Öffentlichkeit sind er und sein Bruder Thomas als »Huberbuam« aus dem Dokumentarfilm »Am Limit« bekannt. Da berennen sie eine überhängende, einen Kilometer hohe Granitwand in Rekordzeit, und das heißt: etwa zehnmal so schnell wie ein gewöhnlicher guter Kletterer. Doch erst seine Neigung zum »Free Solo« macht ihn endgültig zum Risiko-Experten. Beim Free Solo klettert man ohne Sicherung und technische Hilfsmittel schwierigste Routen. Kein Seil, kein Haken. Einmal mit der Fußspitze von einem bleistiftschmalen Felskäntchen abzurutschen kann den Tod bedeuten. Für Normalsensible ist das der pure Horror, doch Huber hat in dieser Technik schon 800-Meter Wände durchstiegen. Das sind mehrere Stunden, in denen kein Gedanke abschweifen darf.

Natürlich sind die Routen vorher mehrfach gecheckt und durchklettert, doch »Free Solo«, der Flirt mit dem Tod, ist auch in Fachkreisen nicht unumstritten. Also raus mit der Frage: Wollen die Sponsoren das Spektakel, geht es ihm persönlich um die Show? Die Abfuhr kommt in deutlicher Tonlage: »Also den Schmarrn mit dem Marktwert, den können wir jetzt mal vergessen. Ich mache die Sachen für mich, weil ich sie geil finde, und nicht für irgendwen sonst. Was ich da tue, ist meine Passion. Punkt.« Ein minimal tieferer Atemzug, schon ist Huber wieder auf normalem Betriebsdruck.

Wir reden über die 2008er Expedition in der Antarktis, über das Vortragsbusiness und darüber, dass man heute, Jahrzehnte nach der Besteigung aller Achttausender, nur noch mit bergsteigerischer Kreativität weiterkommt. Huber lässt sein Gegenüber nicht aus den Augen, beendet jeden Satz druckreif und spricht ein Hochdeutsch, das ihm so nicht in die Wiege gelegt wurde. Kein »Äh«, keine Abschweifung. Schwer vorstellbar, dass dieser Mann wegen eines Flüchtigkeitsfehlers abstürzen könnte. Eher dürfte er in der Lage sein, mit reiner Willenskraft Löffel zu verbiegen.

OD Alexander Huber Eternal Flame
Hinterbrandner/huberbuam.de
Packt die schwierigsten Kletter-Routen der Welt: Alexander Huber.

Es ist diese Energie, die ihn in die Weltelite der Bergsteiger gebracht hat. Der diplomierte Physiker bezahlte während des Studiums Kommilitonen fürs Mitschreiben in Vorlesungen, um mehr Zeit zum Klettern zu haben. Das Geld dafür verdiente er beim Kellnern in Münchens Kneipen oder am Wochenende als Bergführer. 1995, mit den ersten alpinen Erfolgen (als zweiter Mensch überhaupt kletterte er Routen im elften Schwierigkeitsgrad), hat er mit den Vorträgen angefangen.

15 Vorträge à 1000 Mark waren es in der ersten Saison, zwei Jahre später dann schon insgesamt 30 000 Mark. »Und da habe ich gesehen, dass es in einer Art aufwärts geht, die für mich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni nicht drin gewesen wäre. 1997 haben der Thomas und ich dann Sponsoren gesucht und sind Vollprofis geworden.« Mittlerweile sind die Brüder bei Adidas unter Vertrag, drehten einen »Milchschnitte«-Werbespot in Patagonien und kassieren für jeden Vortrag vierstellige Euro-Beträge. »Damit kann ich einerseits für die Zukunft vorsorgen und mir andererseits die Freiheit kaufen, etwa sieben Monate im Jahr mein eigenes Leben zu führen und meine Projekte in den Bergen zu verwirklichen«, sagt Huber, und: »Es gibt in unserem Metier nicht wahnsinnig viele, die von ihrer Leidenschaft leben können. Ein Profibergsteiger tut eben etwas anderes als ein Profi-Tennisspieler: Es reicht nicht, wenn ich gut bin. Ich muss auch vermitteln können, was ich da mache.« Dass Huber das kann, nimmt man ihm sofort ab. Wenn das Gespräch auf die Bergsteigerei kommt, erzählen die Hände mit, und der bayerische Akzent wird stärker.

Huber glüht kontrolliert von innen heraus und analysiert die Lage uneitel: »Für jeden Sport ist ein anderes Stück vom Kuchen drin, und für uns ist es nicht das größte. Wir sind natürlich keine A-Promis – wir müssen Inhalte bringen. Sonst könnten sie einfach jemanden wie den Franz Beckenbauer buchen, der sich vorne hinstellt, ein paar Worte über Fußball redet, und dann passt das. Wir sind vielleicht C-Promis.« Nach einer guten Stunde verabschiedet Alexander Huber den Interviewer. Es wird Zeit für die Bankmanager und ihren Umgang mit dem Risiko. »Ich werde denen nicht erklären, wie ihr Business funktioniert. Das wäre auch peinlich. Aber deren Grundprobleme kommen auch beim Bergsteigen vor.« Ja, möchte man sagen – aber Huber haftet persönlich. Mit aller Konsequenz.

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