Peter Wohlleben - Anwalt des Waldes

Foto: Patrick Rosche Interview mit Peter Wohlleben
Peter Wohlleben ist Förster in der Eifel und wurde mit seinem Buch "Das geheime Leben der Bäume" weltberühmt. Mit outdoor spricht er über sein neues Buch, Zelten im Wald und Kahlschlag in Nationalparks.

Dein Buch »Das geheime Leben der Bäume« ist in Deutschland sehr erfolgreich. Hat man hierzulande ein besonderes Verhältnis zum Wald?
Wohlleben: Als das ein Bestseller wurde, da hat man gesagt: Die Deutschen sind waldverrückt. Mittlerweile ist das Buch in vielen Ländern ein Erfolg. Das typisch Deutsche gibt es anscheinend gar nicht. Jedes Land hat eine besondere Beziehung zu Bäumen. Das ist wahrscheinlich eine menschliche Eigenschaft.

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In deinem neuen Buch »Das geheime Netzwerk der Natur« geht es unter anderem um Wölfe und Lachse, die hier wieder heimisch werden. Hat sich der Wald in Deutschland erholt?
Wohlleben: Da gibt es verschiedene Ansichten. Aber grundsätzlich hat die Natur kein Problem damit, sich zu regenerieren. Der Wald hat mit Klimaschwankungen keine Probleme, wenn wir ihn in Ruhe lassen. Umweltschutz bedeutet letztendlich nur Menschenschutz. Tierpopulationen haben kein Problem, sobald wir sie wieder in Ruhe lassen, vorausgesetzt, wir rotten sie nicht ganz aus. Man sieht das am Beispiel Yellowstone Nationalpark. Durch die Wiederansiedlung von Wölfen ändern sich dort sogar Flussläufe.

Wie funktioniert das?
Wohlleben: Dadurch, dass die Hirsche, die die ganze Bachvegetation abgefressen haben und so für Erosion sorgten, nun Angst vor den Wölfen haben. Deswegen stellen sie sich nicht mehr ans Wasser, wo sie leicht gejagt werden können. Deswegen erholen sich die Ufer und die Flüsse mäandrieren nicht mehr so stark. Wenn wieder Bäume am Ufer stehen, kommen Bieber zurück, die bauen Dämme, darum ändert sich die Fließgeschwindigkeit, dadurch kommen Wasservögel zurück und so weiter.

In Deutschland kehrt auch der Wolf zurück, warum ist das so?
Wohlleben: Einfach, weil es zugelassen wird. Wölfe brauchen gar keine unberührte Landschaft, die brauchen nur die Gelegenheit, leben zu dürfen. Seit 20 Jahren werden sie in der EU streng geschützt und dürfen nicht gejagt werden. Der Wolf ist in einer Kulturlandschaft bestens aufgehoben, wobei er, entgegen dem, was oft in der Zeitung steht, an Haustieren nicht interessiert ist. Da gibt es in der Lausitz Untersuchungen. 99,3 Prozent der Nahrung sind Wildtiere.

Viele Menschen haben trotzdem Angst. Was mache ich, wenn ich einem Wolf begegne?
Wohlleben: Gerade Outdoor-Liebhaber sollten sich einfach freuen. Doch ich verstehe gut, dass einem da erst mal etwas anders wird. Wölfe sind oft in ihrer eigenen Welt. Sie verfolgen zum Beispiel eine Wildschweinfährte und blenden dann alles andere aus. Und auf einmal steht da ein Wanderer. Wenn man einen Wolf auf sich zukommen sieht, dann ist das also keine böse Absicht. Macht man dann auf sich aufmerksam, bleibt er meistens stehen, guckt und dreht wieder ab. Was man natürlich nicht machen sollte, ist schreiend wegrennen. Das macht man übrigens auch nicht, wenn man einem herrenlosen Schäferhund begegnet, das sind dieselben Verhaltensweisen, wobei der Hund viel gefährlicher ist.

Warum?
Wohlleben: Der Wolf hat Angst vor dem Menschen, der Schäferhund nicht. Es gibt im Jahr laut Aussage des Nabu mehrere 10 000 gefährliche Übergriffe von Haushunden. Der Wolf hat am Menschen kein Interesse, aber er macht auch keinen großen Bogen um ein Dorf. Bei uns wird dann von Problemwölfen geredet, wobei das Problem in der Kommunikation liegt. Der Wolf ist natürlich auch kein Kuscheltier, es käme auch keiner auf die Idee, Hirsche streicheln zu wollen, die können auch gefährlich werden.

Und bei Wildschweinen?
Wohlleben: Verhält es sich ähnlich. Wildschweine in freier Wildbahn sind generell ungefährlich. Man kommt einem Wildschwein nicht näher als 100 Meter. Die hauen ab, auch dieses Gerede, dass Bachen mit Frischlingen gefährlich wären, ist Quatsch. Was eher ein Problem darstellt, sind Wildschweine in Großstädten. Die buddeln die Vorgärten um und lassen sich nicht mehr verscheuchen. Da sollte man dann nicht rangehen und sie wegschubsen, das sind eben Wildtiere.

Was muss man tun, um dem geheimen Leben der Bäume auf die Spur zu kommen?
Wohlleben: Das Wichtigste ist: Zeit nehmen. Viele Dinge sieht man erst, wenn man länger hinschaut. Aber heute haben wir bei Outdoor-Aktivitäten häufig ein Tagesprogramm. Wir wollen von A nach B kommen, alles ist durchgeplant. Nur Kinder finden unterwegs jeden Stein interessant. Das nervt dann manchmal, aber die machen es richtig. Kinder entdecken ganz oft ganz viele Sachen. Auf die Schnelle gesehen, ist ein Baum einfach nur ein Stamm mit Krone. Wie das sich genau verhält, wird erst klar, wenn man sich mal eine halbe Stunde hinsetzt.

Wo macht man das am besten in Deutschland?
Wohlleben: Je naturbelassener Wälder sind, desto mehr »geheime« Phänomene lassen sich beobachten, beispielsweise alte Stümpfe von abgestorbenen Bäumen, die durch andere versorgt werden. Und alte Buchenwaldreste in denen so etwas passiert, gibt es in jeder Region. Aber das Leben der Bäume kann man auch im Stadtpark beobachten, da muss man sich nicht erst ins Auto setzen, man kann sehen, was sie für eine Geschichte hinter sich haben, ob sie verfrüht austreiben oder blühen. Bäume schlafen beispielsweise nachts auch schlecht im Straßenlaternenlicht, deshalb leben sie in der Stadt nicht so lange.

Bäume schlafen?
Wohlleben: Ja. Bäume zeigen ein Schlafverhalten, sie schränken nachts ihren Wasserverbrauch ein und werden etwas dicker, im Millimeterbereich. Birken etwa lassen etwas die Blätter sinken, obwohl die eigentlich hochgehen müssten, weil sie sich ja mit Wasser aufpumpen. Das wurde vor zwei Jahren erstmalig untersucht, man weiß aber noch immer nicht genau, was da geschieht.

Mit dem Interesse am Wald steigen auch die Besucherzahlen. Wie reagierst du als Förster, wenn jemand wild zeltet?
Wohlleben: Grundsätzlich habe ich damit keine Probleme. Das ist zuerst mal eine rechtliche Frage, und solange der Waldbesitzer damit einverstanden ist, darf man das, außer man befindet sich in einem Schutzgebiet. Nicht Camper stören grundsätzlich, sondern Jäger. Deswegen ist es auch gut, sich beim Wandern zu unterhalten, dann wissen die Tiere, das sind keine Jäger, und entspannen sich. Es ist nur manchmal nachts ein Problem, weil die Tiere tagsüber auf der Hut sein müssen und sich nachts entspannen. Wenn dann noch Zelter dazu kommen, haben sie mehr Stress, aber wenn man die Jagd etwas zurück nehmen würde oder ganz damit aufhören, wäre das anders: Der Mensch selber ist keine Störung. Ich ermutige die Menschen sogar und sage: "Geht auch mal querab, das ist euer Recht." Was stört mehr, Wanderer oder eine Baumerntemaschine, die alle 20 Meter alles plattmacht?

Erst die Erlaubnis des Waldbesitzers einholen ist nicht unbedingt überall praktikabel ...
Wohlleben: Ja, das ist schwierig. Momentan geht es nur in Rücksprache, aber man kann diese Gesetze ja auch ändern. Wenn in meinem Forst jedes Jahr 50 Leute im Wald übernachten, dann ist die Störung sicherlich deutlich geringer, als das, was ich als Förster durch Holzeinschlag verursache. Man muss das ins Verhältnis setzen. Gegen eine moderate Sache wie eine Nacht in einem kleinen Zelt ist nichts einzuwenden. Man kann ja auch Feuermachen verbieten.

Also einfach machen?
Wohlleben: Ich würde jetzt am liebsten sagen: Probiert es doch einfach aus, man wird ja in den meisten Fällen auch gar nicht entdeckt. Aber es ist sehr unangenehm, wenn man morgens um drei einem Jäger ins Auge sieht. Das macht einfach keinen Spaß, diesen Nervenkitzel muss man nicht haben.

Was hältst du von offiziell ausgewiesenen Zeltstellen?
Wohlleben: Das ist ein gangbarer Weg, in Schweden funktioniert es ja auch. An solchen Stellen wird zudem auch noch Feuerholz vorrätig gehalten. Dann muss man auch nicht ständig den Besitzer fragen. Es wäre zum Beispiel eine schöne Sache, wenn man ein bundesweites Netz solcher Stellen einrichtet, so in zwei, drei Kilometer Abstand. Das ließe sich bestimmt durch Sponsoring machen.

An den wenigen bestehenden Stellen in Deutschland muss man sich online anmelden und bekommt dann GPS-Koordinaten ...
Wohlleben: Das ist nicht der Anfang, wie man sich ihn vorstellt, ein bisschen Freiheit und Abenteuer sollte schon dabei sein.

Diese Freiheit in einem deutschen Wald kann man sich nur schwer vorstellen.
Wohlleben: Hierzulande ist es oft das Problem, dass der Waldbesitzer immer dann die Verantwortung trägt, wenn ein Baum umfällt. Auch das müsste entschärft werden. Wenn irgendwo die Frage aufkommt, ob ein neuer Wanderweg eingerichtet werden soll, dann schlagen alle erst mal zu Recht die Hände über dem Kopf zusammen. Der Waldbesitzer haftet nämlich. Das geht nicht. Wer in den Wald geht, der muss damit rechnen, dass auch mal ein Baum umfällt. Ich finde, wir sollten zu dieser Normalität zurückkommen, und genau dann wird es für Waldbesitzer auch viel leichter, der Bevölkerung zu erlauben: Mensch, schlaf doch da mal.

Und Mountainbiken im Wald?
Wohlleben: Ein Mountainbike ist leise und schnell, davor haben Tiere Angst. Laut und schnell ginge wahrscheinlich eher. Da müssen bestimmte Strecken ausgewiesen werden. Da entstehen Interessenkonflikte, bei der engen Besiedlung in Deutschland gibt es eben einen Bevölkerungsdruck. Und die Leute haben auch ihre Rechte, auf der anderen Seite muss es Zonen geben, wo Biker außen vor sind.

Erholung im Wald ist eine Sache, aber was kann man als Mensch von Bäumen lernen?
Wohlleben: Entschleunigung und Sozialkompetenz. Bäume unterstützen sich gegenseitig, sie helfen kranken Exemplaren. Ein Wald hat ein starkes Interesse daran, möglichst viele Bäume zu haben, die Wasser verdunsten, um sich herunterzukühlen. Deswegen werden viele alte Bäume über das Wurzelwerk unterstützt. Bei jungen Bäumen gibt es einen Konkurrenzkampf. Aber bei alten Bäumen einer Art nicht mehr. Das ist eine Parallele zu unserer Gesellschaft. Wir funktionieren als große Gemeinschaft und haben ähnliche Mechanismen. Das sieht man auch, wenn wir aktuell Richtung USA gucken. Diese nationalen Egoismen sind natürlich totaler Blödsinn. Was da jetzt für Diskussionen aufbrechen, das stört eine Gesellschaft, das behindert eine Gesellschaft. Von Bäumen kann man lernen, dass man ganz entspannt abgeben kann. Häufig bekomme ich die Frage gestellt, warum Bäume so sozial sind, unterirdisch über die Wurzeln mit Zuckerlösung Kranke zu unterstützen: Was haben die davon? Und das ist genau eine Frage zu viel. In anderen Kulturen taucht diese Frage übrigens nicht unbedingt auf.

Und wieso Entschleunigung?
Wohlleben: Bäume sind extrem langsam. Wer zu schnell wächst, wird als Baum nicht alt, vielleicht nur so 250 Jahre. Startet man aber langsam, kann man 1000 Jahre alt werden. Das ist eine biologische Regel, die auf ganz viele Organismen zutrifft, auch auf uns Menschen. Wer ständig unter Stress ist, bekommt mit 60 einen Herzinfarkt. Wenn man ein ausgeglichenes Leben führt und zur Ruhe kommt, hat man a. mehr davon und b. auch ein längeres Leben. Man hat das Gefühl, dass alles immer schneller wird, aber es wird ja dadurch nicht immer besser. Nur weil jeder zwei Autos hat und dreimal im Jahr in Urlaub fahren kann, steigt ja nicht die Lebensqualität.

Wo sammelst du das Material zu deinen Büchern?
Wohlleben: Viele Sachen kenne ich aus meinem Beruf. Außerdem stehe ich im Austausch mit Wissenschaftlern, und hier und da stolpere ich über Pressemeldungen. Und dann arbeite ich mich für das Buch selber in Studien ein, sonst ist das nur so dahergeredet. Dadurch wird ein Thema vertieft, und manchmal komme ich auch vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber im Wald ist das ja nicht so schlimm.

Wie gut verstehen wir die Zusammenhänge im Wald?
Wohlleben: Wir sind erst am Anfang. Bei einer Uhr muss ich zuerst ja auch alle Zahnräder kennen, um zu sagen, wie tickt die. Wenn ich von dreißig Zahnrädern nur fünf kenne, weiß ich nicht, wie eine Uhr funktioniert. In Deutschland kennen wir ja noch nicht mal alle Arten. Und selbst wenn wir sie kennen würden, wüssten wir noch lange nicht, wie sie einander beeinflussen. Aber wir müssen ja auch nicht alles verstehen! Ich möchte zeigen, wie komplex Natur ist, und dass wir sie eben nicht ganz verstehen können und dass es deswegen umso wichtiger ist, sie im Ganzen zu bewahren. Und nicht nur einzelne Arten, wie zum Beispiel den Auerhahn im Schwarzwald. Das ist eine Art, die auf Dauer da gar nicht richtig hingehört. Den kann man dort schützen, gar keine Frage, aber dann fallen 200 andere Arten hinten runter, um dieses eine Huhn zu schützen. Das klingt ein wenig Paradox aus dem Mund eines Naturschützers, aber in dem Fall spricht alles gegen den Auerhahn.

Das sind unbequeme Wahrheiten. Mir geht es darum zu sagen: Guck mal, wie komplex das ist, freu dich doch einfach dran. Das fällt den Menschen schwer, mit den Händen in der Hosentasche zuzugucken. Die ganzen Bäume, Tiere und Pflanzen machen das seit Jahrmillionen prima alleine. Wir müssen das nicht alles verstehen.

Unsere Nationalparks versuchen doch, die Natur einfach Natur sein zu lassen ...
Wohlleben: Lacht. In Nationalparks finden die größten Kahlschläge statt. Mit Abstand. Im Nationalpark Eifel gibt es Kahlschläge mit bis zu sieben Hektar Größe. Man hat im Nationalpark den Fehler gemacht, dass man als Personal Förster einsetzt. Das soll jetzt gar kein Vorwurf an diesen Berufsstand sein. Aber das Selbstverständnis eines Försters ist es, Holz zu erzeugen. Also verkauft man die Fichten, statt den Borkenkäfer die Arbeit machen zu lassen. Das ist ein Geburtsfehler vieler Nationalparks. Man möchte etwas gestalten. Das ist aber das Gegenteil von Natur.

Letzten Endes also eine Definitionssache?
Wohlleben: Man muss erstmal sauber definieren, was Natur eigentlich ist. Meistens sind die Definitionen von Natur interessengeleitet. Bei uns sagen viele: Hier ist sowieso schon alles kulturell überprägt, also definieren wir Natur anders. Ich finde, man muss Natur global gleich definieren. Wenn wir brasilianischen Regenwald als Natur definieren, möchten wir nicht, dass die Brasilianer den Regenwald "pflegen", also durchforsten. Da fängt es mit den Begriffen ja an. In Deutschland würden viele Förster über die hiesigen Wäldern sagen: „Das ist Natur“, aber in Brasilien sagen wir dann: "Das ist kein Regenwald mehr". Natur kann nur ein Ökosystem sein, in das der Mensch sich nicht aktiv einmischt. Wenn wir uns darauf einigen, ist alles andere Kultur.

Kann man ein Ökosystem überhaupt reparieren?
Wohlleben: Kann man nicht. Ich kann vielleicht etwas unterstützen, durch Wegerückbau zum Beispiel. In Nadelwäldern, wo die nächsten Laubbäume etwas weiter weg sind, bieten wir den Eichelhäher in großen Kisten Bucheckern an. Und die verstecken sie dann im Winter, und dann keimen in den Fichtenplantagen kleine Buchen. Der nächste Buchenwald wird von Vögeln angelegt, wie die Natur das auch machen würde. So geht es etwas schneller, aber grundsätzlich schafft Natur das ganz prima alleine. Wenn wir Wildnis wollen, müssen wir einfach nur die Finger rausnehmen.

Du machst dir da nicht viele Freunde unter Förstern und Jägern, wie gehst du damit um?
Wohlleben: Sportlich. Es ist doch klar: Wenn man Salz in die Wunde streut, gibt es Schmerzen. Wenn alle meiner Meinung wären, würden sie es ja selber machen, aber das ist nicht der Fall, und deswegen gibt es eine Notwendigkeit, auch mal anders zu informieren. Mir geht es gar nicht darum, dass alle das machen, was ich mache, sondern darum, das es überhaupt eine zweite Meinung gibt. Und dass ist natürlich unbequem, das sind die Förster bisher nicht gewöhnt und das gibt Ärger. Damit setz ich mich auch auseinander, aber das ist nichts, was mich stört, im Gegenteil.

Findet da ein Umdenken statt?
Wohlleben: Momentan herrscht eine Verteidigungshaltung vor, unter Förstern wird diskutiert, wie man eine eigene PR machen kann. A là: "Das funktioniert offenbar über Emotionen und wir sind viel zu sachlich und müssen unsere PR ändern." Das ist kein echter Bewusstseinswandel. Aber der Druck durch die Bevölkerung wächst. Es bilden sich immer mehr Waldbürgerinitiativen, die sagen: Wir möchten, dass der Wald anders bewirtschaftet wird.

Dir ist vorgehalten worden, du würdest Bäume vermenschlichen. Deine Sprache sei zu emotional. Was sagst du dazu?
Wohlleben: Unsre Kommunikation funktioniert, je nachdem, welchem Psychologen man glauben schenken darf, zu über 90 Prozent emotional, nicht sachlich. Wissenschaft versucht aber zu 100 Prozent sachlich zu bleiben, die Sprache wird dadurch quasi unmenschlich. Wenn ich sage: Baummütter stillen ihren Nachwuchs, dann könnte man auch sagen: Die pumpen über Wurzeln Zuckerlösung zu ihrem Nachwuchs. Das ist nichts anderes als unser Stillen. Wenn ich jetzt sage: "Bäume stillen ihre Kinder", dann hat jeder ein Bild im Kopf. Das wäre Wissenschaftlern zu emotional, aber ich bin ja auch keiner. Ich will, dass die Leute das intuitiv verstehen. Denn eine emotionslose Sprache führt dazu, dass wir Sachen falsch bewerten. In Naturschutzgebieten heißt es zum Beispiel oft: "Der Wald wird stillgelegt." Das wird er natürlich nicht, die Vögel singen weiter, die Leute gehen hindurch, das Leben brummt. Das sind eigentlich Naturoasen oder Naturjuwelen, die könnte man anders beschreiben: Waldentdeckungszone oder Waldparadies. Stattdessen nennt man es "Stilllegungsfläche". Wissenschaftlich ist es vielleicht richtig, aber das einzige, was da still ist, sind die Motorsägen.

Inwiefern hat dein Erfolg als Autor dein Leben verändert?
Wohlleben: Vor zwei Jahren hätte ich noch gesagt: gar nicht. Aber der Erfolg hat natürlich zu Veränderungen geführt. Für mich war das erst mal wie eine Lawine. Es kamen Anfragen aus aller Welt, wegen Vorträgen und nach Unterstützung bei Umweltprojekten. Wir helfen beispielsweise einem kleinen Indianerstamm auf Vancouver Island, den Kwiakah. Zusätzlich gab es auch Anfragen von deutschen Bürgerinitiativen und vieles mehr. Deswegen habe ich mich letztes Jahr dazu entschieden, mein Leben etwas zu ändern. Ich habe einen Teil meines Reviers abgegeben und die "Waldakademie" gegründet (Im Netz: www.wohllebens-waldakademie.de). Daneben kann ich meine Bücher schreiben und Vorträge halten und auch weiterhin als Förster arbeiten. Allerdings expandiert die Waldakademie momentan stark, wir sind erst acht Monate alt und schon einmal umgezogen, weil die Räume zu klein wurden. Zu dritt haben wir angefangen, jetzt sind wir schon zu neunt. So kann ich jetzt endlich das sein, was ich schon immer sein wollte: Naturschützer!

Peter Wohllebens neues Buch "Das geheime Netzwerk der Natur" erscheint im Ludwig-Verlag und kostet 19,99 Euro. Bestellbar ist es auch über amazon.de.

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06.11.2017
Autor: Alex Krapp
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