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outdoor beim Fjällräven Classic 2017
Foto: Kerstin Rotard

Lesertour auf dem Kungsleden: Fjällräven Classic 2017

Kooperation
Auf der Fjällräven Classic wandern 2000 Teilnehmer den nördlichen Kungsleden durch Schwedisch-Lappland. outdoor hat dieses Jahr ein Frauenteam auf dem 110 Kilometer langen Weg begleitet ...

Die Brücke schwingt hin und her, eine Etage tiefer gurgelt ein Fluss, die Sonne blitzt durch die Zweige der Birken. Gerade gehen wir die ersten Schritte der Fjällräven Classic, eines Wanderevents 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, das jedes Jahr 2000 Teilnehmer anzieht.

2017 reisen sie aus 38 Ländern an. Das Besondere: Unsere neunköpfige Gruppe besteht nur aus Frauen, im Alter von 25 bis 53. Über 110 Kilometer wollen wir auf dem nördlichen Kungsleden von Nikkaluokta nach Abisko wandern und tragen in den Rucksäcken Zelt, Verpflegung, Kocher und Kleidung für alle Fälle. Denn selbst jetzt im August kann es in Schwedisch-Lappland dauerregnen, sogar schneien, am Tag über 25 Grad heiß, nachts unter null Grad kalt werden.

Was passiert, wenn wir dann eine Prinzessin dabeihaben? Die zweite Frage kreist um die eigene Fitness bei fünf Tagesetappen von über 20 Kilometern Länge: Die durchaus anspruchsvolle Route folgt schmalen Pfaden, führt an sumpfigen Stellen über Bohlenwege und am dritten Tag über einen Pass. Rund vier Prozent der Teilnehmer brechen jedes Jahr ab. Hoffentlich ist keine von uns dabei. Noch gehen wir gut gelaunt hinter unserem Guide Amanda durch lichten Birkenwald nahe der Samen-Siedlung Nikkaluokta durch ein weites Tal, gesäumt von grauen Felsrücken voller Altschneeflecken. An seinem Ende sticht eine Spitze in den Himmel, ein Nachbar des 2099 Meter hohen Kebnekaise, Schwedens höchstem Berg.

Amanda ist eine große, schlanke, blonde Frau, so schwedisch, wie es nur geht, mit viel Humor. »Zehn Minuten Pause!«, ruft sie nach 50 Minuten Gehzeit, ein Rhythmus, den sie an allen fünf Tagen durchzieht. Wir lassen uns in das Gestrüpp aus Blau- und Krähenbeeren fallen, ein zusammengewürfelter Haufen, der sich erst langsam kennenlernt: Sechs von uns sind über Bewerbungen an Frei-Plätze für den Classic gekommen. Außerdem ist Dagmar mit von der Partie, seit 13 Jahren für
Fjällräven im Außendienst tätig, dazu ich als Vertreterin von outdoor und Amanda als Guide. Zehn Minuten später schultern wir die Rucksäcke.

Wir tragen einheitliche Kleidung, denn das Startpaket der Gewinnerinnen umfasst nicht nur das Ticket, sondern auch Ausrüstung aus der aktuellen Fjällräven-Frauenkollektion: regendichte Ecoshells, Fleecejacke, T-Shirt und blaue Abisko-Rucksäcke. 14 Kilo tragen die meisten, Miriam aus München bringt es auf nur zehn. Agnes aus Berlin ächzt unter der mit 16 Kilo größten Last.

Nach 21 Kilometern erreichen wir die Kebnekaise-Hütte, lassen unsere Wanderpässe im Checkpoint stempeln. Etwas weiter bergauf errichten wir die Zelte auf einem Plateau mit Aussicht auf den von Wolken umwaberten Kebnekaise. 25 Kilometer stecken uns jetzt in den Waden, wir kochen Wasser für die Tütenmahlzeiten und verkriechen uns in unsere Schlafsäcke. Nachts regnet es sacht. Am Morgen zeigt uns der Kebnekaise die kalte Schulter, genauer gesagt: nur seinen verhangenen Bergrücken. Wir halten Amandas strenge Vorgaben fast ein: 7 Uhr wecken, Abmarsch um 8:30 Uhr. Mit zehn Minuten Verspätung zockeln wir los.

26 Kilometer liegen heute vor uns, es geht das Tal hinauf, immer am Fluss oder an tiefblauen Seen entlang. Der unebene Untergrund zermürbt, ständig kämpfen die Füße um Balance. Auch das Wetter kostet Nerven: Regen, Sonne, Regen, Sonne. Kurz vor dem Abstieg zum Checkpoint Singi auf halber Strecke schaltet das Wetter auf starke Güsse um. Agnes fällt immer weiter zurück, kann ein Knie nicht mehr beugen.

Am Checkpoint mischen sich Regen und Tränen in ihrem Gesicht. Sie muss aufgeben. Amanda organisiert einen Rücktransport per Heli. Auf den letzten, nahezu regenfreien Kilometern vor den Sälka-Hütten sinkt die Stimmung gegen null. Zelt aufbauen, Stempel holen, Zähneputzen am Fluss.

Am nächsten Tag steht der Pass an, das drohende Gespenst. »Macht euch keine Sorgen«, sagt heiter Amanda. »Langsam gehen, dann schafft ihr das.« Höher und höher steigen wir aus dem Tal hinauf, wandern jetzt auf Augenhöhe mit den Schneefeldern, endlich verteilt sich das Heer der Wanderer etwas. Die Sonne lässt Schnee und Wasserfälle funkeln, die Flechten leuchten. Oben pfeift ein eisiger Wind, aber man kann weit blicken. Der Pass ist bezwungen, Euphorie macht sich breit, alle gehen strahlend weiter.

Bis Catrin eine Zwangspause auslöst: Ihr Bein tut weh. Amanda bandagiert es rasch und fragt dabei, ob wir bis zur Alesjaure-Hütte durchwandern wollen. Catrin ruft nur enthusiastisch: »Ei sischer gehen wir noch’n Stündsche!« Der Teamgeist trägt uns das Tal hinunter und bei Sonnenschein über die letzte Brücke zur Hütte. Wir klatschen ab. Gerade suchen wir einen Zeltplatz, als aus dem Nichts Wolken heranziehen. Heringe in den Boden, unter Böen die Rucksäcke in die Apsis, und schon trommeln Tropfen auf die Zelte

Sturmböen sorgen für eine unruhige Nacht. Der Regen hört so weit auf, dass wir fast pünktlich loskommen und auf Bohlenwegen dem Ufer des karibikblauen Alesjaure-Sees folgen. Wolkenberge türmen sich am anderen Ufer, verhüllen die roten Häuser der Sami-Siedlung dort. Mittags kauern wir in strömendem Regen und eiskaltem Wind hinter einem Felsen, schöpfen moorbraunes Kochwasser aus einem See, essen. Durchgefroren gehen wir weiter, biegen um die Ecke, und da zaubert die durch die Wolken brechende Sonne einen Regenbogen über das Tal. Unten schimmert der Abiskojaure-See, und der Abstieg bringt uns zum letzten Checkpoint vor dem Ziel. Hier gibt es gratis Pfannkuchen mit Marmelade und Sahne – ein Fest!

Heute errichten wir zum ersten Mal schon um 16:30 Uhr das Camp. Die Sonne scheint, wir lagern zwischen den Zelten unter Birken, lachen, schauen in die dunklen Berge, die ringsum aus dem Tal wachsen, teilen Tee und Schokolade. Miriam entfacht ein Lagerfeuer, aber um acht Uhr wird es zu kalt zum Draußensitzen.

Morgens überzuckert prompt Neuschnee die Berge. Letzter Tag! Und nur 17 Kilometer zu gehen, ein Kinderspiel! Die Sonne scheint, wir folgen dem dunklen See auf Pfaden und über Bohlen. Noch eine Biegung, Zieleinlauf in Abisko. Wir schreiten gemeinsam über die Linie, unter dem Applaus der Umstehenden. Wir haben es geschafft! Und auch die zweite Frage ist geklärt: Wir hatten keine Prinzessin in unseren Reihen, keine Zicke - und trotz der Härten viel Spaß.

Geschafft! So sah das Programm vom 10.08.-16.08.2017 aus:

Tag 1: Anreise und Ankunft Kiruna
Tag 2: Start Trek in Nikkaloukta-Kebnekaise 19 km
Tag 3: Kebnekaise-Sälka 26 km
Tag 4: Sälka-Alesjaure 25 km
Tag 5: Alesjaure-Keronbacken 18 km
Tag 6: Keronbacken-Abisko 17 km
Tag 7: Abreise nach Deutschland