Wilde Wölfe in Deutschland - Interview mit Tierfotograf Axel Gomille

Foto: Axel Gomille Wölfe in Deutschland
Wölfe werden wieder heimisch in Deutschland. Der Fotograf und Zoologe Axel Gomille hat sie dabei mit der Kamera begleitet.
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Acht Jahre lang haben Sie die Rückkehr der Wölfe verfolgt und die Tiere immer wieder fotografiert. Am Ende entstand ein ganzes Buch. Woher kommt diese Faszination?

Axel Gomille: Ich befasse mich schon lange mit der Frage, wie Menschen und Wildtiere möglichst konfliktfrei koexistieren können. Dafür war ich viel in der Welt unterwegs. Als ich von der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland hörte, wusste ich, das ist eine große Geschichte, die ich unbedingt miterleben möchte.

Foto: Axel Gomille Wölfe in Deutschland

Der Diplom-Biologe, Jahrgang 1970, begann schon als Jugendlicher mit der Tierfotografie. Heute arbeitet er als Redakteur und Filmemacher beim ZDF mit dem Schwerpunkt Wildtiere und Artenschutz.

Wieso kann der Wolf sich wieder in Deutschland ausbreiten?

Axel Gomille: Mit der Wende wurde der Wolf in ganz Deutschland unter Schutz gestellt. Tiere, die von Polen nach Westen wanderten, wurden nicht mehr geschossen. So konnten sich langsam die ersten Wölfe etablieren. Derzeit wächst der Bestand um etwa 25 Prozent jährlich. Inzwischen sind 60 Wolfsrudel nachgewiesen – die meisten im Osten und Norden Deutschlands. Sie erobern also ihr ehemaliges Verbreitungsgebiet zurück.

Der Wolf hat keinen allzu guten Ruf hierzulande.

Axel Gomille: Den Menschen fehlt die Erfahrung mit Wölfen. Viele kennen den Wolf vor allem aus Märchen, als "böser Wolf" gehört er zum deutschen Kulturgut. Das hängt damit zusammen, dass die Menschen früher stärker auf ihre Nutztiere angewiesen waren. Da konnte es existenzbedrohend sein, wenn Wölfe immer wieder das Vieh angegriffen haben. Deswegen hatten die Leute Angst vor dem Wolf – nicht, weil er sie direkt angegriffen hätte. Jetzt müssen die Menschen erst wieder die Erfahrung machen, dass ihre Ängste unbegründet sind. Die Zeit arbeitet also für die Wölfe.

Gab es bei Ihrer Arbeit gefährliche Momente?

Axel Gomille: Ich bin in Deutschland rund 200 Mal wild lebenden Wölfen begegnet: tagsüber oder im Dunkeln, einem Wolf oder mehreren, und dabei war ich meist zu Fuß unterwegs. Wenn sie mich bemerkt haben, sind sie mir immer ausgewichen, und ich habe keine einzige brenzlige Situation erlebt. Problematisch wäre es aber, die Tiere anzufüttern, weil sie dann Menschen mit Futter verbinden und ihre Distanz verlieren können. Das könnte gefährlich werden.

Zweihundert Begegnungen über acht Jahre verteilt scheint nicht viel. Woher nimmt man die Geduld, sich jahrelang auf die Lauer nach Wölfen zu legen?

Axel Gomille: Tatsächlich braucht man eine gewisse Frustrationstoleranz. Wenn eine Woche lang kein Wolf zu sehen ist, zerrt das schon an den Nerven. Aber fast immer, wenn die Motivation zur Neige ging, zeigte sich wie aus dem Nichts ein Wolf. Fast schien es so, als wollten sie mich bei der Stange halten. Und dann gab es ja auch seltene magische Momente, die für viele Entbehrungen entschädigt haben.

Foto: Axel Gomille Wölfe in Deutschland

Wie bekommt man einen Wolf vor die Linse?

Axel Gomille: Bei uns sind Wölfe überwiegend nachtaktiv, deswegen war ich vor allem im Sommer unterwegs. Da sind die Nächte kurz, und ich konnte die Wölfe oft noch lange nach der Morgendämmerung beobachten. Zudem sind sie zu dieser Zeit durch ihre Jungen an einen Ort gebunden, das erhöht die Chance, überhaupt ein Tier zu sichten.

Wie haben Sie die Wölfe in freier Wildbahn gefunden?

Axel Gomille: Ich war vor allem auf militärischen Sperrgebieten in Sachsen und Sachsen-Anhalt unterwegs – natürlich mit den entsprechenden Genehmigungen. Ich kenne Forscher und Wolfsbeauftragte, die mir wertvolle Hinweise geben konnten. Dann habe ich mit großem Zeitaufwand nach frischen Spuren gesucht, um zu sehen, wo die Tiere besonders aktiv waren. Wenn ich erfolgreich war, habe ich meine Fotos dann für das Wolfsmonitoring zur Verfügung gestellt.

Von wo haben Sie fotografiert?

Axel Gomille: Wolfshöhlen liegen meist irgendwo im Wald, dort darf man die Tiere auf keinen Fall stören. Meist habe ich am Waldrand an irgendwelchen Freiflächen gewartet, in der Hoffnung, dass die Tiere dort vorbeikommen. Es ist immer ein kleines Lotteriespiel – und oft sitzt man an der falschen Stelle. Entweder die Tiere kommen gar nicht, oder sie sind zu weit weg, oder es ist schon zu dunkel. Bei einer durchschnittlichen Begegnung sieht man bei schlechtem Licht in einigen hundert Metern Entfernung für ein paar Sekunden einen Wolf über den Weg rennen.

Aber irgendwann müssen ja auch die schönen Fotos entstanden sein, oder?

Axel Gomille: Ja natürlich, es gab auch seltene Sternstunden, bei denen alles gepasst hat. Ich habe beispielsweise einen Tarnanzug. Der sieht etwas albern aus, hilft aber dabei, die eigene Anwesenheit zu verbergen. So lief ein Wolf direkt auf mich zu und kam bis auf rund 20 Meter heran. Ich traute mich kaum, den Auslöser zu drü- cken, aus Angst, den Wolf zu verscheuchen. Doch er blieb stehen und schaute mich an. Ich glaube nicht, dass er mich als Mensch erkannt hat. Vielleicht dachte er auch: Komisch, dieser Busch war gestern doch noch nicht da ...?

Was macht in Ihren Augen ein gutes Tierbild aus?

Axel Gomille: Wenn man eine Situation selbst erlebt hat, ist jedes Foto eine schöne Erinnerung. Entscheidend ist aber, ob es gelingt, die Magie des Augenblicks zu konservieren. Das Foto sollte bei unbeteiligten Personen Emotionen auslö- sen. Wenn jemand beispielsweise sagt: »Da wäre ich gern dabei gewesen!« oder »Was für ein tolles Tier!«, dann transportiert das Foto etwas. Das versuche ich. Ich möchte andere für Wildtiere begeistern und dazu beitragen, dass sie eine Zukunft haben.

Der Wolf hat keine natürlichen Feinde. Könnten wir irgendwann zu viele haben?

Axel Gomille: Nein, Wölfe regulieren sich selbst. Wenn irgendwo die maximale Dichte erreicht ist, und eine Wolfsfamilie beansprucht in Mitteleuropa immerhin rund 150 bis 350 Quadratkilometer, wandern die Jungen ab und suchen sich eigene Reviere. Einer Studie zufolge, die das Bundesumweltministerium in Auftrag gegeben hat, wären in Deutschland theoretisch Lebensräume für rund 440 Wolfsrudel vorhanden. Viele Gebiete, die für die Wölfe geeignet wären, sind also noch nicht wieder besiedelt.

Es kommt immer wieder vor, dass Wölfe Schafe reißen. Können Sie verstehen, dass Schäfer da Vorbehalte entwickeln?

Axel Gomille: Ja, sicher, denn der Wolf macht das Leben für Schäfer unbequemer. Wölfe haben mit ungeschützten Nutztieren ein
viel leichteres Spiel als etwa mit Wildschweinen oder Hirschen. In Gebieten, wo es traditionell eine Nachbarschaft zwischen Wolf, Mensch und Nutztier gibt, wie in vielen Ländern Süd- und Osteuropas, kann man beobachten, was hilft: Zäune und Schutzhunde. In Deutschland können Nutztierhalter Zuschüsse zum Herdenschutz beantragen. Bei professionellen Schäfern klappt das recht gut. Für Hobby-Schäfer ist der Aufwand allerdings oft zu groß. Wichtig ist, dass wir Nutztierhalter bei den Schutzmaßnahmen unterstützen. Strategien, um Nutztierrisse zu reduzieren, gibt es. Aber man muss sie auch anwenden.

Wie sollen die aussehen?

Axel Gomille: Nehmen wir beispielsweise den Schäfer, der in Deutschland die ersten Angriffe nach der Rückkehr der Wölfe hatte. Er hat damals höhere Elektrozäune errichtet und sich einen Herdenschutzhund zugelegt. Doch die Wölfe kamen wieder, der Schäfer verlor nochmals Tiere. Dann kaufte er einen zweiten Herdenschutzhund, denn die Tiere arbeiten im Team, und es herrschte Ruhe. Die Wölfe haben offensichtlich gelernt, dass sich Angriffe nicht mehr lohnen oder es einfacher ist, wieder Rehe und Wildschweine zu jagen. Der Schäfer hat jetzt ein paar erfahrene Wölfe in der Gegend, die seine Tiere in Frieden lassen und gleichzeitig fremde Artgenossen aus dem Revier halten.

Manche sehen im Wolf ein Symbol für die Wiederkehr der Wildnis. Sie auch?

Axel Gomille: Wölfe brauchen keine Wildnis – aber sie benötigen geeignete Rückzugsgebiete und genug Beutetiere. Ich habe schon Wölfe in Kiesgruben und Tagebauen beobachtet, und auch auf militärischen Sperrgebieten fühlen sie sich wohl, obwohl da scharf geschossen wird. Wölfe kommen also auch in unserer Kulturlandschaft gut zurecht.

Welche Funktion haben Wölfe?

Axel Gomille: Indem sie auch kranke und alte Tiere erlegen, tragen sie zu einem gesünderen Wildbestand bei. Für mich hat die Rückkehr der Wölfe aber auch starke Symbolkraft. Wir können nicht von Ländern in Asien oder Afrika erwarten, dass sie bedrohte Tiger, Löwen oder Elefanten schützen, wenn wir uns selbst nicht um unsere Wildtiere kümmern.

Wie soll man sich verhalten, wenn man einem wild lebenden Wolf begegnet?

Axel Gomille: Man sollte sich freuen! So eine Begegnung ist ja bei uns etwas sehr Seltenes. Wer sich dennoch unwohl fühlt, kann auf sich aufmerksam machen, indem er ruft oder in die Hände klatscht. Spätestens dann wird der Wolf einen bemerken und in den meisten Fällen gleich verschwinden. Ich verstehe die Verunsicherung, aber sie ist irrational. Mit der Zeit werden die Menschen die Erfahrung machen, dass Wölfe für sie selbst kein Problem darstellen. Man kann ohne Angst im Wald Pilze suchen, joggen oder mit Kindern spazieren gehen. Wölfe waren früher überall in Mitteleuropa heimisch. Nun kehren sie langsam zurück. Der Wolf ist zwar ein faszinierender, aber eben auch ein ganz normaler Vertreter der heimischen Tierwelt.

Wie seht ihr das Verhältnis von Mensch und Wolf in Deutschland? Eure Meinung zum Thema interessiert uns. Schreibt uns! Adresse: info at outdoor-magazin.com

16.03.2018
Autor: Redaktion
© outdoor
Ausgabe 03, 04/2018, 2018