The Green Issue
Nachhaltigkeit in der Outdoor-Branche
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Unser Urlaubsverhalten & der Corona-Effekt

Wohin geht die Reise? Unser Urlaubsverhalten und der Corona-Effekt

Warum wir mehr denn je klimafreundlich reisen müssten – und welche Chancen die Corona-Krise dabei bietet ...

Es gibt viele Fragen, die man sich vor ein paar Jahrzehnten ebenso wie heute stellte, wenn endlich Urlaub anstand. Berge oder Meer, Hotel oder Ferienwohnung, Lichtschutzfaktor zehn oder fünfzehn? Eine Frage allerdings ist für die meisten von uns recht neu: die nach den Umweltauswirkungen des Reisens. Und denkt man an die Wirtschaftswunderjahre, in denen VW-Käfer, Borgward und Isetta ihre Besitzer an Orte brachten, die auf Schienenwegen nicht erreichbar waren, könnte man fast neidisch werden. Was für Jubelgefühle diese neuen Möglichkeiten wohl auslösten?

Immer wieder neue Ziele

Noch mehr Möglichkeiten eröffneten ab den 1970er Jahren Charterflüge und Pauschalreisen. In vielen Mittelmeerländern schossen in Küstennähe Hotels in die Höhe. Auch viele Outdoor-Freunde, die heute Aktivurlaub in den Alpen machen, erinnern sich gern ans Kofferpacken in ihrer Kindheit für Mallorca & Co. Und waren es nicht schöne Zeiten, als ab Ende der 1990er Jahre Langstreckenflüge erschwinglicher wurden und man Wander-Traumziele wie Neuseeland angehen konnte? Individuell und auch aus manch wirtschaftlicher Perspektive durchaus eine gute Sache, für das Klima nicht. Heutzutage muss blind und taub sein wer nicht weiß, dass unser Mobilitätsverhalten massiv zur Erderwärmung beiträgt. Allein in Europa haben laut Greenpeace vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie der Flugverkehr und die aus ihm resultierenden Treibhausgasemissionen rasant zugenommen: um 26 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Und eine Flugreise nach Neuseeland sorgt für rund 15 Tonnen CO₂-Ausstoß pro Passagier. Das ist laut der Non-Profit-Organisation Atmosfair das Zehnfache eines klimafreundlichen Jahresbudgets. Dem wir uns in Deutschland mit derzeit rund zehn Tonnen pro Kopf ohnehin noch längst nicht angenähert haben. Auch der Auto- und der Lkw-Verkehr spielen dabei eine große Rolle.

Schweiz: Ansichten
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Individuell in die Alpen fahren zu können bedeutete einst die ganz große Freiheit.

In Zeiten, da das Wort »Nachhaltigkeit« auf einer Vielzahl von Produkten und Dienstleistungen prangt und Nachrichtensendungen sowie Medien aller Art fast täglich daran erinnern, dass unsere Lebensgrundlage Planet Erde in Gefahr schwebt – sollte da nicht auch der Urlaub möglichst umweltverträglich gestaltet werden? Einer Umfrage der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (kurz FUR) zufolge sind rund 60 Prozent der Deutschen grundsätzlich für mehr Nachhaltigkeit im Urlaub. Aber es hapert an der Umsetzung. Als »Attitude-Behaviour-Gap« (zu Deutsch etwa »Diskrepenz zwischen Einstellung und Handeln«) bezeichnet der auf Nachhaltigkeit spezialisierte Tourismusforscher Professor Jürgen Schmude von der Ludwig-Maximilians-Universität München dieses Verhalten. »Auch wer Ökostrom bezieht und seine möglichst geringen Müllmengen vorbildlich sortiert, will es sich im Urlaub gutgehen lassen und sucht Abstand vom Alltag.« Outdoor-Urlauber legen Schmude zufolge vor allem am Ziel häufig ein ausgeprägteres Umweltbewusstsein an den Tag als der deutsche Durchschnitt. Aber bei den Verkehrsmitteln, der größten Stellschraube der Reise-Klimabilanz, fielen die Unterschiede weniger groß aus. Ähnlich äußert sich Petra Thomas, Geschäftsführerin des »Forum anders reisen«, eines Zusammenschlusses nachhaltig ausgerichteter Reiseanbieter. Hinsichtlich des »Attitude-Behaviour-Gap« fügt sie hinzu: »Es ist ja eine sozial erwünschte Aussage, sich für umweltschonenden Tourismus auszusprechen.« Das eigene Urlaubsverhalten zu hinterfragen und vielleicht auch zu ändern sei hingegen unbequem.

Statistiken Aufmacher Green Issue Heft 04/2021
Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V.: Reiseanalyse 2020, Kiel
2019 stand auf Platz 1 der deutschen in puncto Nachhaltigkeitsbemühungen im Urlaub das zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren vor Ort.

Vor allem greift man dafür offensichtlich ungern ins Portemonnaie: Nur drei Prozent der Teilnehmer der FUR-Befragung gaben an, Flugreisen zu kompensieren. »Natürlich löschen Kompensationszahlungen die Emissionen des Fluges nicht«, sagt Petra Thomas. Dennoch leiste man damit – gesetzt, der Anbieter sei seriös – einen wirkungsvollen Beitrag zum Klimaschutz: beispielsweise durch Projekte, die Menschen in Entwicklungsländern mit sauberer Energie versorgen. Das »Forum anders reisen«, das heute rund 130 Anbieter umfasst, formierte sich im Jahr 1998. Von der Wanderreise in der Eifel bis zur Rundtour in Sri Lanka bündelt es Optionen, den Urlaub möglichst sozial- und naturverträglich ausfallen zu lassen. Es sind Flugreisen darunter, auch Langstrecke. Um die Folgen abzumildern, gehörte der Anbieter-Verbund im Jahr 2005 zu den Gründungsmitgliedern von Atmosfair, heute einer der renommiertesten Anbieter von Kompensationsleistungen. »Fliegen Sie grundsätzlich nicht jedes Jahr, sondern schauen Sie nach klimafreundlichen Alternative«, rät Petra Thomas. »Und wenn Langstrecke, dann bündeln Sie Urlaubstage und bleiben möglichst lange vor Ort.«

Der große Bruch: Corona

Zu einem Bruch mit allen Reisemöglichkeiten, die wir gewohnt sind, hat die Corona-Pandemie geführt, die im Frühjahr 2020 begann. Die plötzliche Einengung der Reisefreiheit, das Tempo, mit dem Grenzen schlossen, die Tatsache, dass sich ganze Länder abschotteten: Das alles hat viele Menschen schockiert. »Katastrophe«, fasst Jürgen Schmude das Reisejahr 2020 in einem Wort zusammen. Und bezieht das auch auf die Menschen, deren Urlaub entfiel – aber noch viel stärker auf die, die vom Tourismus leben. »In Nepal, wo der Tourismus die zweitwichtigste Einnahmequelle bildet, hungern jetzt zahlreiche Menschen«, ergänzt Petra Thomas.

Green Issue Aufmacherstory Heft 04/2021, Klimafreundlich Reisen
David Schultheiß
Gut fürs Gemüt und für die Umwelt: Zelten auf kleinen Campingplätzen im Grünen.

Während Menschen und Wirtschaft unter der Pandemie leiden, profitieren Natur und Klima. Delfine zog es in die Gewässer von leeren Urlaubsregionen, Smog über Großstädten ging zurück, und die weltweiten CO₂-Emissionen verringerten sich im Jahr 2020 um sieben Prozent. Aber Experten warnen vor Jubel: So äußerte der Weltklimarat IPCC bereits 2019, das angestrebte 1,5-Grad-Erwärmungslimit sei nur zu erreichen, wenn der CO₂-Ausstoß zwischen 2020 und 2030 jährlich um 7,6 Prozent abnehme. Um rund 60 Prozent ging der weltweite Flugverkehr im Jahr 2020 zurück. Jetzt greift (nicht nur) bei uns der Staat ein, um Fluggesellschaften zu retten. Kritik kommt von Greenpeace: Man hätte die Finanzhilfen so gestalten sollen, dass sie »einen klimaverträglichen Wandel der Luftfahrtindustrie ermöglichen und Arbeitsplätze sozialverträglich absichern«. In Frankreich sei das besser gelaufen, findet auch Jürgen Schmude. »Die Staatshilfen für Air France sind an einen Abbau der Inlandsflüge geknüpft.«

Hochinteressant mit Blick auf den Zusammenhang von Klimawandel und Corona-Pandemie ist eine im Februar dieses Jahres von Wissenschaftlern der Universität Cambridge, des PotsdamInstituts für Klimafolgenforschung und der Universität Hawai‘i at Mānoa veröffentlichte Studie. Sie beschreibt klimawandelbedingte Veränderungen der Vegetation in der südchinesischen Provinz Yunnan und benachbarten Gebieten in Myanmar und Laos im letzten Jahrhundert – von tropischem Buschland hin zu tropischer Savanne und Laubwald. Diese ermöglichten die Ausbreitung zahlreicher Fledermausarten, durch die rund 100 neue Arten von Coronaviren in die Region kamen. Genetische Daten legen nahe, dass SARS-CoV-2 in dieser Region erstmals in Fledermäusen auftrat. Zugespitzt heißt das: Der Klimawandel könnte ein Hauptgrund für die aktuelle Pandemie sein.

Statistiken Aufmacher Green Issue Heft 04/2021
Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V.: Reiseanalyse 2020, Kiel
Die Mehrheit der Bevölkerung möchte zwar umweltverträglich reisen, doch nur 6% achten bei einer Buchung der Unterkunft auf eine Nachhaltigkeitskennzeichnung.

Hinter dem Klimawandel stecken natürlich noch weit mehr Gründe als der Reiseverkehr. Doch eine Zunahme des Binnentourismus und von flugverkehrsfreien Reisen ins nahe Ausland kann einen mildernden Beitrag leisten – und bietet auch Regionen neue wirtschaftliche Perspektiven, die Jürgen Schmude als »1-B-Lagen« bezeichnet: Mittelgebirgen wie dem Thüringer Wald, der Eifel, ebenso manchen Schwarzwaldgebieten. Einen »Outdoor-Boom« gab es bereits vor dem Jahr 2020, aber Corona hat ihn verstärkt. Von einer »Katalysator-Wirkung« sprechen Petra Thomas und Jürgen Schmude. Die habe auch psychische Ursachen: Beim Wandern kommt man normalerweise weniger ins Gedränge als bei einem Stadtbesuch, auf einem Campingplatz oder in einer Ferienwohnung teilt man nicht mit anderen Menschen einen Speisesaal. Auch die bis 2020 abwegige Vorstellung, wegen eines Virus an einem Flugreiseziel festzusitzen, dürfte bei einigen Menschen eine Umorientierung verursachen. Ähnliches gilt für – unter Outdoorern ohnehin eher uninteressante – Kreuzfahrten.

Statistiken Aufmacher Green Issue Heft 04/2021
BZT 2020, Reisen in Zeiten von Corona, Module 5/2020, 7/2020 und 10/2020
Die Meinungen zur Zukunft des Reisens.

Optimistisch stimmt aus der Klimaperspektive auch, dass mit Dauer der Pandemie immer weniger Menschen an ein Zurück zum Reisen wie in Prä-Corona-Zeiten glauben. Das zeigen die Ergebnisse einer deutschlandweiten Studie des Bayerischen Zentrums für Touristik. Auch für ein nachhaltigeres Urlaubsverhalten haben sich ihr zufolge im Laufe des Jahres immer mehr Menschen ausgesprochen. Auf dass den Worten Taten folgen! Die allgemeine Urlaubsfreude sieht Tourismusforscher Jürgen Schmude jedenfalls als ungetrübt an. »Die Wertschätzung und das bewusste Erleben werden sogar steigen.«

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