Kinga Ociepka-Grzegulska klettert Sprawa Honoru (9a) Piotrek Deska

Interview mit Kinga Ociepka, die als erste Polin 9a kletterte

Interview Interview mit Kinga Ociepka, die als erste Polin 9a kletterte

Inhalt von

Kinga Ociepka-Grzegulska, Jahrgang 1986, kletterte 2016 als erste Polin eine Route im Grad 9a. Die zweifache Mutter über die Organisation von Familie mit zwei kletternden Eltern, ihre Motivation und das Klettern im polnischen Jura.

Kinga Ociepka-Grzegulska war Jugendweltmeisterin, kletterte 9a und zieht zwei Kinder groß. Ein Gespräch über die oft schwierige Herausforderung, Fels und Familie unter einen Hut zu bringen. Ein Interview von Piotr Drozdz

Kinga, 2006 hast du als erste Polin mit Sprawa Honoru eine 9a geklettert. Bist du darauf stolz, ist das der wichtigste Moment deiner Karriere?

Es gibt andere wichtige Momente in meiner Kletterkarriere, aber die Rotpunktbegehung von Sprawa Honoru ist definitiv der wichtigste. Und das nicht nur wegen der Schwierigkeit der Route oder ihrem Grad. Genauso wichtig sind mir die Umstände meiner Begehung: als Mutter zweier Kinder und mit all den Anstrengungen, die ich unter diesen Umständen aufbringen musste. Im Rückblick bin ich sehr stolz, dass ich damals soviel Motivation, harte Arbeit und Besessenheit aus mir herausholen konnte.

Der Film "Mama", der die Geschichte deiner Kletterlaufbahn erzählt, wurde bei vielen Bergfilmfestivals gut aufgenommen. Kannst du kurz erklären, worum es da genau geht?

Ich kann sagen, worum es sich nicht dreht: Es geht nicht ums Muttersein oder ums Klettern einer 9a. Sondern darum, wie sich in meinem Kopf eine neue Einstellung zum Klettern entwickelte. Es geht darum, dass du deine Leidenschaft nicht aufgibst und warum das auch im Leben eines Erwachsenen so wichtig ist. Wo du ganz andere Verpflichtungen hast als zu dem Zeitpunkt, an dem die Leidenschaft entstand. Es zeigt sich, dass zusätzliche Hindernisse die Motivation und Befriedigung beim Klettern sogar noch erhöhen können.

Um glückliche Kinder und hartes Klettern unter einen Hut zu bringen, mussten dein Mann und du die Zeit fürs Klettern und Trainieren optimal nutzen. Hast du Tipps für andere Kletterer, die vor dieser Herausforderung stehen?

Wir haben das so organisiert, dass immer einer von uns nach den Kindern schaute, während der andere zum Klettern ging. Der Nachteil dieser Lösung ist, dass du nie gemeinsam klettern oder trainieren kannst. Aber das ist der Preis, den du bezahlst, wenn du dich aufs Klettern konzentrieren können willst. Wenn du einen Kletterurlaub planst, gehe immer mit anderen Familien, damit auch die Kinder ihren Spaß haben. Wir versuchen, Gebiete zu besuchen, die eine gute Kombination zwischen schöner Kletterei und familientauglichem Urlaubsspaß bieten. Aber das Wichtigste, was wir in den letzten acht Jahren beim Kombinieren von Job, Familie und Klettern gelernt haben, heißt: Kompromiss. Ich schere mich nicht mehr so sehr um die Zahl der Routen, die ich an einem Tag geklettert habe, oder um die perfekte Einteilung von Kletter- und Ruhetagen. Am wichtigsten ist, überhaupt zu klettern und das Lächeln meiner Kinder zu sehen, die sich freuen, dass wir zusammen sind.

Kinga Ociepka-Grzegulska in der Mamutova Höhle
Piotr Drozdz
Kinga genießt eine Tasse Tee in der Mamutowa Höhle – als erste Polin, die den glatten elften Grad klettern konnte, arrangierte Fotograf Piotr Drozdz sie als Königin der polnischen Felsen in der beeindruckenden Höhle

Denkst du, dass du jemals wieder genug Motivation haben wirst, um richtig hart zu klettern?

Die Erinnerung an den körperlichen und zeitlichen Aufwand, um das letzte Mal in Topform zu kommen, sind noch zu frisch. Und wie viele Opfer das von mir und meinem Mann verlangt hat. Danach mussten wir es langsamer angehen lassen und freuten uns an den einfachsten Dingen wie gemeinsam Kaffee trinken am Samstag morgen, ohne dass einer von uns fort hetzt zur Halle oder an den Fels. Und die härteste Route meines Lebens zu klettern, hat meine Motivation eher gedämpft. Vielleicht weil ich spüre, dass ich etwas noch Härteres nicht schaffen kann? Im Moment ist das Letzte, wovon ich träume, diese ewige Müdigkeit und meinen Mann nur bei der "Übergabe" der Kinder zu sehen. Ich bin noch nicht bereit für dieses Opfer, das mir zur Zeit des "9a-Kampfes" ganz natürlich erschien. Ich will, dass meine Kinder wissen, dass unsere gemeinsame Zeit genauso wichtig ist wie meine Leidenschaft fürs Klettern, vielleicht sogar noch wichtiger. Ich will auch nicht, dass sie das Klettern hassen, weil ihre Eltern an nichts anderes denken.

Die Mamutowa Höhle ist sicher nicht der Fels, den man ortsfremden Kletterern empfehlen würde. Hast du einige Tipps für Kletterer, die zum ersten Mal hier sind?

Die Mamutowa Höhle mit ihren vielen Varianten und Kombinationen ist sehr speziell, das kann Besucher schon verwirren. Aber ich würde auf jeden Fall Jastrzebnik, Pochylec, Cimy in Podzamcze, Gołebnik and Okiennik empfehlen. Wie der Frankenjura sind auch unsere Felsen sehr familienfreundlich. Die meisten stehen in ebenem Gelände mit schönen Wiesen drumherum. Die Wände sind auch für Kinder bequem zu erreichen.

Wie würdest du den fränkischen und den polnischen Jura sonst vergleichen?

Die Art der Kletterei ist recht ähnlich, auch der polnische Jura ist voller Fingerlöcher. Aber es gibt hier auch interessante Risse und Überhänge. Entscheidend sind auf jeden Fall starke Finger. Nachteil des polnischen Jura ist, dass die Reibung nicht so gut ist – aber das ist prima, um saubere Beinarbeit zu üben.

Polen könnte in Covid19-Zeiten eine interessante Alternative für deutsche Kletterer darstellen: Es ist günstig, gut mit dem Auto zu erreichen, die Landschaft ist schön und es gibt viel zu tun an Ruhetagen. Findest du nicht auch?

Ja. Ich kann es selbst kaum erwarten, endlich wieder unsere Felsen zu besuchen. Grüne Wiesen und interessante Routen sind eine perfekte Kombination. Und an Ruhetagen empfehle ich, eine der vielen Burgen oder die Błedów-Wüste zu besuchen.

Danke Kinga!

Kinga Ociepka-Grzegulska, geboren 1986, war zwei mal Jugendweltmeisterin im Lead und dominierte die polnische Wettkampfszene 15 Jahre lang. Als erster Polin gelang ihr eine 8c außerhalb Polens (2016), sie kletterte als erste Polin eine 8a (2005) und eine 8a+ (2007) onsight. 2016 gelang ihr als erster Polin mit Sprawa Honoru ("Eine Frage der Ehre") eine Route im Grad 9a.

Dieser Artikel kann Links zu Anbietern enthalten, von denen outdoor-magazin eine Provision erhält. Diese Links sind mit folgendem Icon gekennzeichnet:
Zur Startseite
Mehr zum Thema Interview
Roland Hemetzberger
Kletterszene
Chris Lutter behandelt Alma Bestvater bei der Deutschen Meisterschaft Bouldern 2020
Kletterszene
Amelie Kühne klettert in Südtirol
Kletterszene
Förstelsteinkette im Frankenjura gesperrt
Spots