Alex Megos Bibliographie (9c) Ken Etzel Patagonia

Zweite schwerste Route der Welt

Interview: Alexander Megos klettert Bibliographie (9c)

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Am 5. August gelang Alex Megos die Erstbegehung von Bibliographie (9c) in Céüse. In diesem Interview erklärt er, wie die Arbeit an diesem Mega-Projekt lief und mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hatte.

In diesem Artikel:

Interview mit Alexander Megos

Alex, mit der Erstbegehung der Bibliographie in Ceüse bist du die zweite Person, die 9c geklettert hat. Erzähl uns davon.

Es war der letzte Tag der Reise, und am Abend sah es definitiv nicht mehr gut aus, nachdem ich den ersten – und einzigen – Versuch, den ich an diesem Tag machen wollte, vermasselt hatte. Ich bin jedoch schon recht früh gefallen, so dass ich beschloss, noch den berüchtigten "einen, letzten Versuch" zu unternehmen. Alles in allem kostete mich die Bibliographie etwa 60 Tage über einen Zeitraum von drei Jahren und mehr spezifisches Training als jedes andere Projekt, das ich je angegangen bin.

Als Erstbegeher hast du nicht von Anfang an den perfekten Plan, du hast Zweifel, ob du es überhaupt schaffen kannst oder nicht – ob dir etwas Grundlegendes fehlt oder du einfach nicht in der besten Verfassung bist. Unabhängig vom Schwierigkeitsgrad war dies für mich eine sehr wertvolle Erfahrung. Es ist ein persönlicher Meilenstein in meinem Kletterleben, den ich ohne die Unterstützung und Hilfe all meiner Freunde und meiner Familie nicht hätte bewältigen können. Manchmal stehen die Chancen schlecht, aber das bedeutet nicht, dass man keine Chance hat.

Alex Megos Bibliographie (9c)
Ken Etzel Patagonia

Erzähl uns deine Geschichte mit der Route!

Ich habe im Juni 2017 damit begonnen, daran zu arbeiten, und ich bin eigentlich mehr durch Zufall darauf gestoßen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nichts anderes, an dem ich aktiv gearbeitet habe, also habe ich es mit der Bibliographie versucht, um zu sehen, ob es überhaupt geht. An meinem ersten Tag habe ich 90 Minuten zum Umlenker gebraucht, und mir wurde klar, dass die Route tatsächlich kletterbar ist – aber auch richtig gut und hart!

Nach dieser ersten Woche bin ich sie in zwei Teilen geklettert, also ging ich im September 2017 zurück nach Céüse um dort mit Ken Etzel einen ganzen Monat zu klettern – am Ende war ich allerdings immer noch ein gutes Stück davon entfernt, sie abzuschließen. Den nächsten Versuch habe ich im Juni 2018 unternommen, aber ich war mental und körperlich müde, denn es war nur zwei Wochen nachdem ich Perfecto mundo (9b+) geklettert hatte, so dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich den Kopf dafür frei hatte.

Danach habe ich mich auf die Weltmeisterschaften konzentriert und wollte nach den Events im Sommer nach Céüse zurückkommen. Allerdings zog ich mir beim Wettkampf in Innsbruck eine Verletzung am Hüftbeuger zu, musste operiert werden und brauchte drei Monate, bevor ich wieder angreifen konnte.

2019 war wieder vollgepackt mit Veranstaltungen, aber noch während ich in Japan die Wettkämpfe kletterte, machte ich bereits Pläne, wieder zu der Route zurückzukehren. Leider riss mir dort jedoch eine Ringband im kleinen Finger, wodurch ich ein weiteres halbes Jahr verlor, so dass ich 2019 abschreiben konnte. Dann schlug COVID Anfang 2020 zu, so dass ich erst im Juni, nachdem die Grenzen wieder geöffnet wurden, einen neuen Anlauf nehmen konnte. Ich verbrachte zwei Wochen damit, die Route auszubouldern, um zu sehen, wie sie sich anfühlte, nachdem ich sie fast zwei Jahre lang kaum angerührt hatte.

Im Juli fuhr ich für zweieinhalb Wochen hin, und konnte sie endlich klettern.

Wie fühlt sich das an, 9c als Bewertung zu vergeben?

Es fühlt sich etwas unangenehm an, '9c' zu sagen – klar, nachdem es im Moment nur zwei 9c auf der Welt gibt. Ich habe mir anfangs Sorgen gemacht, dass ich vielleicht etwas übersehen habe, oder dass jemand sie vielleicht wiederholen wird und mit den Grad anders einschätzt. Nach 60 Tagen in der Route kann ich dennoch sagen, dass sie sich einen ganzen Grad schwieriger als Perfecto mundo anfühlt, und ich bin von meiner Bewertung überzeugt. Wenn jemand die Route klettert und das anders sieht, bin ich aber gespannt zu hören, was er für richtig hält, denn die Bewerten ist natürlich eine subjektive Sache.

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Ist 9c jetzt der neue Maßstab im Sportklettern?

Tja, was ist überhaupt ein Maßstab? Beim Felsklettern wird dieser Grad vermutlich angestrebt, ja, und es gibt immer mehr Leute, die 9b und 9b+ klettern, also im Moment der logische nächste Schritt. Aber dann wird es 9c+ sein, was sicherlich möglich ist mit dem Fortschritt im Training und Leuten, die die richtigen Routen finden und die Zeit investieren. Vielleicht ist 9c im Moment der Maßstab, aber ich bezweifle, dass es lange so bleiben wird, und in zehn Jahren kann die Situation wieder ganz anders aussehen.

Vor 25 Jahren zum Beispiel wurde Action Directe nur von einer einzigen Person geklettert (Wolfgang Güllich, 1991), aber heute will fast jeder starke Profi-Kletterer diese Route klettern. Und viele tun es, so dass die Route sich von einer Ausnahmekletterei zu einer Route entwickelt hat, die viele Kletterer als etwas zum Abhaken betrachten. So war es auch bei der Biographie. Es war die erste 9a+ der Welt, aber heute wollen manche Leute sie ihrer Sammlung hinzufügen, was zeigt, wie sich die Dinge auf diesem Niveau entwickeln. Ich denke, in 20 Jahren kann Bibliographie auf dieselbe Weise betrachtet werden – als eine historische Linie.

Alex Megos Bibliographie (9c)
Ken Etzel Patagonia

Wie fühlt es sich an, jetzt beim Klettern wieder am Fels zu klettern und nicht bloß am Plastik?

Es fühlt sich großartig an, wieder am Fels zu klettern. In den letzten zwei Jahren war ich aufgrund der Wettkämpfen gar nicht mehr richtig am Fels klettern. Natürlich gab es hier und da den einen oder anderen Tag, an dem ich raus gefahren bin, und es gab eine oder zwei Wochen im letzten Jahr, als ich zum Felsklettern nach Spanien gefahren bin. Aber verglichen mit dem üblichen Umfang, den ich vor den Wettkämpfen bestritten habe, war das nicht viel. Als ich wieder am Fels war, wurde mir klar, wie sehr mir das Felsklettern gefehlt hat und wie wichtig es für mich ist, um bei Verstand und guter Laune zu bleiben.

Was glaubst du, wie andere Kletterer die Zeit nutzen, jetzt, wo sie wieder im Freien klettern können?

Es scheint, als hätten alle anderen Kletterer während des Lockdowns die Situation ähnlich erlebt. Alle, mit denen ich gesprochen habe, schienen die gleiche Erkenntnis gehabt zu haben. Die Natur – und die Zeit im Freien – ist einfach ein grundlegender Teil unseres Sports und notwendig, um mental gesund zu bleiben. Diese Situation hat uns gezeigt, dass es größere Probleme gibt, dass es aber immer auch kleine Dinge gibt, für die man dankbar sein kann.

Wie war es für dich, nicht mehr zu reisen?

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viel Zeit zu Hause in Deutschland verbracht habe. Wenn alles nach Plan verlaufen wäre, wäre ich bereits zur Europameisterschaft und an verschiedenen anderen Trainings- und Wettkampforten in Russland gewesen. In den letzten Jahren bin ich im Frankenjura nicht wirklich viel geklettert. Ich habe so ziemlich alle harten Routen abgegrast, und ich dachte, es gäbe hier keine Herausforderung mehr für mich. Das Festsitzen zu Hause hat mich dazu gebracht, das Frankenjura durch das Bouldern neu zu entdecken. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, meine Heimatregion aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Bei so viel Zeit zu Hause, wie schätzt du deine lokale Kletterszene und Community ein?

Die Kletterszene im Frankenjura war schon immer ziemlich speziell. Mehr Zeit hier zu verbringen, gab mir die Möglichkeit, mich wieder mit der Szene zu vernetzen. Es ist großartig zu sehen, wenn ein paar junge Leute auftauchen, reinhauen und hart klettern. Und, was noch wichtiger ist, es ist gut zu sehen, dass die kommende Generation offener ist in Bezug auf Themen wie Inklusion und erkennt, wie privilegiert wir sind.

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In welche Richtung bewegt sich deiner Meinung nach das Klettern? Ich habe den CEO von Salewa in einem Video sagen hören: "Der einzige Berg, der noch wächst, ist die Kletterhalle." Du hast viel Zeit in Tokio verbracht, wo das Klettern fast ausschließlich in den Hallen stattfindet; was denkst du über die Zukunft des Kletterns in der Halle und draußen?

Ich stimme zu, dass das Hallenklettern am meisten wachsen wird. Für die meisten Leute ist die Kletterhalle einfach bequem und zugänglich. Klettern wird immer mehr zum Mainstream und die Leute sehen es als eine gute Möglichkeit, sich fit zu halten. Statt ins Fitnessstudio gehen die Leute in Kletterhallen, weil sie dort das gleiche Training bekommen und es mehr Spaß macht.

Das Klettern am Fels wird jedoch nie sterben, und es wird immer der wichtigste Teil des Kletterns sein. Ich glaube jedoch, dass es in Zukunft eine größere Kluft zwischen Drinnen und Draußen geben wird. Die größte Chance, Menschen für diesen Sport zu begeistern, wird in der Halle bleiben, und da Klettern immer beliebter wird, wird meiner Meinung nach auch die Anzahl der Felskletterer zunehmen, die immer schwerere Grade klettern. Ich denke jedoch, dass wir in Zukunft weniger Leute sehen, die sowohl im Fels- als auch im Wettkampfklettern stark sind. Die Kletterer werden sich stattdessen spezialisieren.

Alexander Megos
Ray Demski / Red Bull Content Pool

In welche Richtung möchtest du dich als Sportler entwickeln und welchen Einfluss möchtest du in der Kletter-Community einnehmen?

Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich mich immer noch in der Schwer-Klettern-Phase befinde, und ich bin immer noch hungrig darauf, beim Sportklettern die Grenzen zu testen. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass dies nicht ewig andauern wird. Durch den Namen, den ich mir in der Kletter-Community gemacht habe, werde ich hoffentlich Veränderungen inspirieren können. Es gibt verschiedene Probleme, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, wobei der Klimawandel wahrscheinlich das größte Problem ist, und ich denke, dass die Menschen verstehen müssen, dass wir alle etwas dagegen tun müssen. Ich hoffe, dass es mir mit meiner Reichweite gelingt, mehr Menschen darauf aufmerksam zu machen und ich möchte mit gutem Beispiel vorangehen.

Wie lange, glaubst du, wirst du noch in deiner besten Form klettern, und was motiviert dich abseits des Kletterns?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ich habe das Gefühl, dass ich mich als Kletterer immer noch weiterentwickle und verbessere. Das richtige Mindset ist eines der wichtigsten Dinge beim anspruchsvollen Klettern. Und manchmal bekommt man das richtige Mindset erst mit der Zeit und Erfahrung. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass ich in den nächsten Jahren meine Grenzen noch weiter verschieben kann. Mir wird jedoch immer mehr bewusst, dass es neben dem Klettern noch andere Dinge gibt, die mir wichtig sind. Es motiviert mich zunehmend, Werte, Probleme und mögliche Lösungen zu vermitteln. Klettern wird immer einer der größten Bestandteile meines Lebens sein, aber vielleicht werde ich in Zukunft auch andere Wege finden, um Menschen zu inspirieren.

Du hast auf deinen Social-Media-Kanälen zu Rassismus beim Klettern Stellung bezogen – und damit eine Debatte ausgelöst. Was hat dich dazu bewogen?

Mein Freund Liam Lonsdale, der Kletterer und Fotograf, startete unter dem Titel 'The Climber’s Pledge' eine Kampagne, die die Kletter-Community dazu auffordert, sich zu einer Reihe von Aktionen zu verpflichten. Diese sollen versuchen, die Erfahrungen von Schwarzen und unterrepräsentierten Gruppen in Kletterhallen und in der freien Natur zu verstehen, ihren Einfluss zu nutzen, um aktiv dem Rassismus mit Marken, Sponsoren und in der Kletterhalle entgegenzutreten und über Rassismus zu sprechen, wann immer man ihm begegnet.

In der Vergangenheit habe ich mich nie als Rassist gesehen, aber tatsächlich bin ich als weißes, privilegiertes Mitglied eines kaputten Systems Teil des Problems, ob ich will oder nicht; und ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Ich habe viel Zeit damit verbracht, über viele dieser Themen nachzudenken und mich zu informieren, weshalb ich es für wichtig hielt, mich zu Wort zu melden. Meine Kommentare haben eine riesige Debatte losgetreten, was ich für eine gute Sache halte. Vor allem unter der jüngeren Generation gibt es einen echten Drang, die Welt anders zu sehen und andere Meinungen und die Kämpfe anderer zu verstehen.

Danke, Alex!

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Die zweite 9c-Route der Welt: Fäcts

Die Linie, die der fränkische Kletterer Alexander Megos (26) am 5. August in Céüse klettern konnte, hatte der US-Amerikaner Ethan Pringle vor Jahren eingebohrt. Bibliographie ist nun neben der von Adam Ondra erstbegangenen Silence die zweite Route weltweit, die den Grad 9c bekommen hat.

Alex hatte die 35 Meter lange Route im französischen Céüse über die letzten drei Jahre immer mal wieder versucht und insgesamt rund 60 Tage daran gearbeitet. Dies macht Bibliographie zum bisher längsten Projekt von Alex und lässt auch Rückschlüsse auf die Schwierigkeit zu. Immerhin hatte er für Perfecto Mundo (9b+) in Margalef nur 16 Tage gebraucht. Danach hatte er auch erklärt, dass er sich noch nicht komplett am Limit gefühlt hatte.

Alex Megos nach dem Durchstieg von Bibliographie (9c)
Jenya Kazbekova

Alex schlug für Bibliographie den Grad 9c vor und erklärte, die Route sei "ein Meilenstein" in seinem Kletterleben.

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