Leserreportage - Berlin - Die Spree per Kajak erkunden

Berlin: Paddeln auf der Spree

Foto: Tobias Panwitz Outdoor Leserreportage Berlin - Spree
Einfach mal treiben lassen: Wer im Kajak von der Spree aus Berlin erkundet, findet Industrie-Romantik und Inselwildnis ganz dicht nebeneinander.
Foto: Tobias Panwitz

TOBIAS PANWITZ aus Berlin wandert ebenso gerne in Vulkangegenden, wie er Städte und deren Umgebung vom Boot aus erkundet. Kürzlich hat der einen Alpencross zu Fuß beendet.

Nächste Station Trepp­tower Park!« Stets krampfen sich mir da die Eingeweide zusammen. Wo rekrutieren sie nur diese Bahnhofsansager, die es einfach nicht hinbekommen, den Be­zirk so zu nennen, wie er heißt? Treeptoh. Wenn man seine Hei­mat längst verlassen hat, re­agiert man erst recht empfind­lich auf falsche Aussprachen.

Tolschefski und ich, Freun­de aus Jugendzeiten und er­ klärte Faltboot­ Fans, haben be­schlossen, die alte Berliner Heimat vom Wasser aus zu er­kunden. Er lässt seine Bezie­hungen zum Kanuverein in Oberschöneweide spielen.

Dort schnappen wir uns einfach zwei Kunststoff­ Kajaks, tragen sie zum Anlegersteg, lassen sie ins Wasser plumpsen – und fertig. Das Gefühl des Verrats am Faltboot macht sich klein und rollt sich im Bug des Plas­tikbootes zusammen. Der Himmel ist unentschieden, zwischen Sonne, Wolken, Regen und Gewitter scheint alles möglich.

Wir legen ab und steuern auf die Treskow­brücke zu, Grenze zwischen Niederschöneweider Schläf­rigkeit und Oberschöneweider Industrie­ Tristesse.

Foto: Tobias Panwitz Outdoor Leserreportage Berlin - Spree

»Alles so vertraut!« Heimatgefühle sorgen für gute Laune.

Die Spree teilt nicht mehr, sie eint, ist Verbindung und angenehme Abgeschiedenheit zugleich. An der Rückseite der Schnel­lerstraße herrscht schönstes Balkongetümmel. Für uns ist es jetzt die Vorderseite die, die man normalerweise nie zu se­hen bekommt. Grünes wuchert aus Pflanzkübeln, Sonnen­schirme stehen schief, Fahrrä­der lehnen an Balkongeländern. »War schon mal häss­licher hier«, sagt Tolschefski zufrieden.

Dann verlangen plötzlich schwere, träge Wellen unsere ganze Aufmerksamkeit: Ein Frachtschlepper ist an uns vorbeigezogen. Die Spree ist kein Ententeich. Hinter der Treskowbrücke wird’s ruhiger. Spreepiraten mit Zelt und Grill finden hier im­mer irgendwo einen Platz, und Tolschefski und ich lassen uns eher treiben, als in allzu großen Aktionismus zu verfallen. Herr­licher Sonntag, Ruhe, kein Flie­gerdröhnen, nur freundliche Flugzeuge am Himmel. »Dabei ist das alles nicht so lange her«, sagt Tolschefski mit Blick auf alte Einschusslöcher.

Foto: Tobias Panwitz Outdoor Leserreportage Berlin - Spree

Grün wuchernde Ufer gibt es auch in der Großstadt Berlin.

Vor uns teilt sich nach einer Weile der Fluss. Links ist es breiter, rechts dadurch rätsel­hafter. Wo jehtit da hin, wieso diese Teilung? Wir entscheiden uns für die Erkundungstour rechter Hand. Ein Reiher sitzt grau und bewegungslos vorm Ufer, sticht aber von dessen dichtem Grün ab. Bald gelan­gen wir wieder zum Hauptfluss, haben eine Insel umrun­det.

Dichte Blätter, Wurzelwerk, gestürzte Bäume, Kletterpflan­zen. Man fragt sich immer, wo die ganzen Vögel in der Stadt nisten. Hier zum Beispiel. Dann ist der Treptower Park nicht mehr weit. Wir schämen uns etwas dafür, mit wie we­nig Kraftaufwand wir schon so weit gekommen sind. Legen uns also ins Zeug und paddeln mal so drei, vier Minuten am Stück. Und dann: heiteres Ge­wusel, Tretboote und flanie­rende Wochenendler, ein typi­sches Sommerwochenende beim Park halt.

Wir machen dass Spiel mit, legen an und stehen unglaublich lange in der Schlange einer Eisbude. Es schmeckt dann natürlich auch umso verdienter. Wo werden wir übernach­ten? Wie geht es morgen wei­ter? Wird sich schon zeigen. Es ist jedenfalls herrlich, in einer vertrauten Umgebung Vaga­bund zu spielen.

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04.08.2018
Autor: Tobias Panwitz
© outdoor
Ausgabe 09/2018