Non-Stop Wandern: 24 Stunden von Bayern 2017

24 h von Bayern: Kein Schlaf bis Hindelang

Foto: Axel Brunst 24 Stunden von Bayern 2017
Seit neun Jahren begeistern die 24 Stunden von Bayern Wanderer aus ganz Deutschland. Dieses Jahr gastierte das Kultevent im Oberallgäu ...

»So. Jetzt sollen sie doch machen,was sie wollen.« Die Dame mit dem roten Rucksack hat eben ihr Telefonat beendet und schaltet nun demonstrativ das Handy ganz aus. Für die nächsten 24 Stunden wird sie sich ganz der Strecke widmen, die sie heute Morgen von Bad Hindelang 600 Höhenmeter auf den Aussichtspunkt am Burgschrofen führt. Es ist das erste Stück von insgesamt 61 Kilometern und 2300 Höhenmetern, die sich die 444 Teilnehmer der diesjährigen 24 Stunden von Bayern vorgenommen haben.

Wem das nicht reicht, kann noch zwei Zusatzstrecken mit insgesamt 15 Kilometern einbauen. Ich bin froh, dass mein sehr sportlicher und sehr junger Begleiter Axel Brunst bislang keine Ambitionen auf diese Extratouren gezeigt hat, hege ich doch die Befürchtung, dass spätestens nach 40 Kilometern unsere tatsächliche Altersdifferenz von gut 20 Jahren gefühlt etwas größer geworden sein wird. Aber Bange machen gilt nicht. Im Kopf teile ich die Strecke in mir bekannte Dimensionen ein. Sechs Stunden bis zum Mittag, noch Mal sechs bis zum Abend, weitere sechs bis nach Mitternacht.

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Foto: Axel Brunst 24 Stunden von Bayern 2017

Obst und Getränke: Proviant muss auf Tour nicht ins Gepäck.

Drei Wanderungen, von denen jede allein eine gute Sonntagstour abgeben würde. Was danach kommt, kann ich mir noch nicht so ganz vorstellen, aber es wird schon irgendwie gehen ... Dafür, dass es ganz gut geht, sorgt ein Heer freiwilliger Helfer. Über 500 Personen betreuen die 65 Stationen an der Strecke. Mal werden Getränke gereicht, mal wird eine Musikeinlage gegeben, Kunst gezeigt oder werden interessante Geschichten zur Region erzählt – und immer gibt es ein paar aufmunternde Worte und wenn es sein muss auch einen aufmunternden Klaps auf die Schulter.

Aber noch ist das nicht nötig, noch ist das Feld dicht zusammen, erst nach dem ersten Getränkestopp am Burgschrofen zieht es sich allmählich auseinander. Normalerweise hätte man hier eine famose Sicht auf die Hindelanger Bergwelt. Heute hängen die Wolken tief, der Grünten verbirgt sein Haupt im Nebel, was Rundumdieuhrwanderern allerdings zupasskommt. »Bei sengender Sonne sieht die Sache bestimmt noch mal ganz anders aus«, sagt mein sehr sportlicher Begleiter und schreitet munter voran. Ich schreite hinterher.

Foto: Axel Brunst 24 Stunden von Bayern 2017

In den ersten Stunden liegt das Feld noch dicht zusammen. Nach und nach zieht es sich weiter auseinander, bis am Schluss kleine Gruppen durch das Ziel kommen.

Nach zwei Stunden rückt der Schluss des Ostrachtales ins Bildfeld. Sonnenlicht fällt in den gewaltigen Nordabbruch des Nebelhorns. Dann wendet sich der Weg am Mitterhaus wieder talauswärts. Kilometer 8,5 steht im Streckenplan, Zeit für die erste Hochrechnung. Ein Schnitt von 4,25 Stundenkilometern. Für sechzig Kilometer brauchen wir etwa 14 Stunden. »Also sind wir schon um Mitternacht da«, bemerkt Axel unternehmungslustig.« Schweigend gehe ich weiter.

In Hinterstein (km 16,6) gibt es Mittagessen. Schnell noch vorher die Füße ins Kneippbad an der »Prinze Gumpe« getaucht, ein Herr mit Rauschebart erklärt, dass hier am Zipfelsbach einst Prinzregent Luitpolt mit seinen Jagdgesellschaften badete. Merkwürdig fit geht es in den Nachmittag, der uns in einem weiten Bogen um Hindelang herumführt.

Foto: Axel Brunst 24 Stunden von Bayern 2017

Die Tagesroute führt abwechslungsreich auf Bergpfaden nach Hinterstein.

Auf dem Weg kommt uns ein strahlender Bap Koller entgegen. Er fragt, wie es geht. Seit fast 10 Jahren tüftelt er als Projektleiter des Veranstalters Bayern Tourismus die Strecken des Kult-Events aus. »Jedes Jahr im September fahre ich zum ersten Mal in die jeweilige Gastgeberregion«, erzählt er. »Dann beginnen arbeitsreiche Monate für die Touristiker und Vereine vor Ort.« Dank der kurzweiligen Strecke mit den vielen Stationen läuft auch das zweite Viertel wie am Schnürchen.

Um fünf sind wir in Bad Hindelang. 30 Kilometer und 1200 Höhenmeter in neun Stunden,wenn wir für die zweite Hälfte 10 rechnen, bleibt nach dem Abendessen sogar eine halbe Stunde Hotelbett. Als es um sieben weitergeht, spüre ich meine Füße deutlich. Axel stapft vorweg. Nächstes mentales Etappenziel: das Nachtessen in Unterjoch. Bis dorthin sind es 15 Kilometer. Dazwischen liegen noch 600 Höhenmeter bis zur Wiedhag-Alpe bei Oberjoch. Manche nehmen für das letzte Stück den Lift. Das Schöne: Immer gibt es Shuttles und Lifteinlagen, sodass die Strecke bei Bedarf entschärft werden kann. So kann vom Anfänger bis zum Konditionsbolzen wirklich jeder mitmachen.

Es wird Abend, es wird Nacht.An den Stationen brennen nun Feuer, Lampions und Laternen leiten hier und da den Weg. Über uns eine sternenklare Sommernacht, man redet sich über die Kilometer, gut gelaunt und erstaunlich wach essen wir die Mitternachtssuppe in Unterjoch. Es sind noch 15 Kilometer. Ein Klacks, denk ich schon, doch beim nächsten Anstieg melden sich meine Muskeln und die Füße beginnen zu brennen. Nach vier Kilometern dämmert mir, dass die restlichen elf entsetzlich lang werden können.

Foto: Axel Brunst 24 Stunden von Bayern 2017

Kurze Rast zum Sonnenuntergang an der Wiedhag-Alpe bei Oberjoch.

Dachte ich heute Morgen noch in 15-Kilometer-Abschnitten, schätze ich jetzt die Strecke in 500-Meter-Stücken ab. Der Totpunkt kommt in Oberjoch .An der dortigen Station am Moorbad empfangen uns ein in eine weiße Kutte gewandeter Sebastian-Kneipp-Darsteller und eine Dame im Kräuterhexenkostüm. Sie haben das Moor liebevoll mit Lampions geschmückt und versuchen die Teilnehmer zu einer erlabenden Extrarunde zu bewegen, wonach nun, nach 53,7 Kilometern Strecke, den wenigsten der Sinn steht.

Ich stehe vor der Wahl, die Kräuterhexe oder meine Füße zu enttäuschen und entscheide mich für Erstes. Auch mein sehr sportlicher Begleiter zeigt erste Verschleißerscheinungen. Er ist sehr interessiert an der Frage, ob es nun noch 7,4 oder 8 Kilometer sind. Wir übersehen einen Wegweiser und lau- fen 300 Meter in die falsche Richtung, bis uns die Glühwürmchenketten der Stirnlampen den Weg weisen. Jeder zu viel gelaufene Schritt schmerzt doppelt.

Foto: Axel Brunst 24 Stunden von Bayern 2017

Wie weit ist es noch? Die Crux einer 60-Kilometertour kommt zum Schluss.

Wieder auf dem Weg treffen wir auf Christian. Er geht schon merklich unrund und hat 14 Kilometer mehr auf dem Tacho, denn er ist die Extrarunden mitgelaufen. Das Gespräch mit einem Fremden lenkt mich von meinen brennenden Fußsohlen ab und davon, dass meine Zehen auf dem abschüssigen Weg bei jedem Schritt gegen die Fußkappen stoßen. Kurz vor Hindelang dann die letzte Station: Ein Bauernbett auf einer Wiese lädt zwei Kilometer vor dem Ziel zum Aufgeben ein. Jetzt nicht schwach werden. Ein Kiesel drückt in meinem Schuh. Mühsam setze ich mich auf den Boden und bin froh, dass ich die Schnürsenkel öffnen kann.

»Das sieht so aus, als ob du 85 wärst«, sagt Axel. Und genauso fühle ich mich auch. Es ist immer schön, nach Bad Hindelang zu kommen, aber noch nie war es so schön wie jetzt,wo es nur noch 500 Meter vor mir liegt. Ein paar Schritte noch, dann sind wir da. 5.00 Uhr, etwas früher als geplant. Auf dem letzten Kilometer hat Axel noch etwa 50 Meter rausgewandert. Etwas Vorsprung muss man der Jugend schon lassen.

Ausrüstung:

19.09.2017
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 09/2017