24 Stunden von Bayern 2018

Das 24-Stunden-Finale im Frankenwald

Foto: Felix Meyer
Die 24 Stunden von Bayern gingen in die zehnte und letzte Runde: in den waldreichen Hügeln rund um Kulmbach im Frankenwald.

Morgenlicht fällt auf die Grünzugwiese neben der Stadthalle in Kulmbach im Frankenwald. Auf dem Gras erhebt sich prall und blau ein aufblasbarer Start- und Zielbogen. Unter ihm steht Bap Koller, Projektleiter bei der Bayern Tourismus Marketing GmbH und trifft letzte Vorbereitungen. In einer halben Stunde wird der Startschuss fallen, zu den zehnten 24 Stunden von Bayern. Erste Teilnehmer finden sich ein, viele noch ein wenig müde, der ein oder andere nippt an einem Becher Kaffee. Späße werden gemacht, eine Stimmung zwischen Vorfreude und Nervosität liegt in der Luft.

Foto: Felix Meyer

Nach dem Start in Kulmbach ist das Feld noch zusammen.

Eigentlich ist alles wie immer auf dem bayerischen Kult-Event, und doch ist es diesmal auch anders: Es werden die letzten 24 Stunden von Bayern sein. Zum letzten Mal wird das Event-Team die 444 Teilnehmer begrüßen, und zum letzten Mal gehen sie um Punkt 8 Uhr durch den Bogen, um 24 Stunden lang durch die Natur zu wandern. Zehn Jahre lang erarbeitete die Bayern Tourismus Marketing GmbH mit Regionen aus dem Freistaat ein individuelles 24-Stunden-Konzept, entwarf vor Ort Routen und half dabei, ein Rahmenprogramm auf die Beine zu stellen, dessen Vorbereitung oft ganze Gemeinden ein halbes Jahr lang auf Trab hielt.

Im Rückblick lässt sich sagen: Der Aufwand ist nicht folgenlos geblieben. Waren solche Touren vor zehn Jahren noch nahezu unbekannt, sind sie heute fast schon zu einem Volkssport geworden, nicht nur in Bayern. Das Team der 24 Stunden von Bayern hat erheblich dazu beigetragen. Und so verwundert es nicht, dass unter den Teilnehmern der diesjährigen Veranstaltung in Kulmbach im Frankenwald einige dabei sind, die schon mehrere Male mitgehen, denn der Suchtfaktor ist groß.

Foto: Felix Meyer

Teilnahmerekordhalter Helmut Spieler (links) war auf allen zehn 24 Stunden von Bayern dabei.

Den Teilnahmerekord hält Helmut Spieler. Der 47-Jährige hat an allen Veranstaltungen teilgenommen. Mit großen Schritten geht er kurz nach dem Start mit den anderen die steile Allee zur Plassenburg hinauf. Als eines der imposantesten Renaissancebauwerke Deutschlands thront sie über dem mittelalterlichen Ortskern von Kulmbach und liegt auf Kilometer 1,2 der rund 75 Kilometer langen Wanderstrecke.

Spieler fällt auf, er und sein Begleiter tragen als einzige der 24-Stunden-Wanderer weit und breit keinen Rucksack. »Für die Tagstrecke brauche ich kein Gepäck. Es liegen genügend Verpflegungsstationen auf der Strecke«, sagt der Mann aus dem Donauried, der sich langsam an die Spitze des Teilnehmerfeldes arbeitet. »Am Anfang bin ich immer lieber unter den ersten. Dann kann ich mich später etwas zurückfallen lassen und habe ausreichend Zeit, die ganzen Stationen mitzunehmen.«

Wie immer erreichen die Wanderer alle paar Kilometer eine Erlebnisstation, an der es etwas zu essen oder zu trinken gibt oder etwas Besonderes aus der Region geboten wird. Wie zum Beispiel Bogenschießen auf dem Sportplatz in Fölschnitz (auf Kilometer 6) oder ein Schauspiel auf der Naturbühne Trebgast bei Kilometer 21. Insgesamt liegen über 50 solcher Attraktionen auf einer Tages-und einer Nachtstrecke rund um das malerische 25 000-Einwohnerstädtchen.

Foto: Felix Meyer

Energie tanken bei der Verkostung am Waldpavillon der Dreibrunnenquelle.

Die Strecke verläuft idyllisch: In Kulmbach treffen gleich drei Mittelgebirge aufeinander. Nördlich der Stadt erstreckt sich der Frankenwald, im Süden die Fränkische Schweiz und im Osten das Fichtelgebirge. Das Idyll in der Ausrichterregion Kulmbach im Frankenwald ist perfekt, verträumt liegen die Ortschaften in den Tälern, hier und da lädt eine Gaststätte zur Einkehr, und in den Wäldern rauschen die Wipfel wie eh und je. Nicht zuletzt deswegen ist der Frankenwald 2015 zur ersten »Qualitätsregion Wanderbares Deutschland« gekürt worden, der 242 Kilometer lange Frankenwaldsteig lockt ebenso wie die 32 Frankenwaldsteigla genannte Tagestouren.

Die 24 Stunden von Bayern haben in den letzten Jahren in vielen solchen Regionen die Aufmerksamkeit auf das Thema Wandern gelenkt. »Dadurch habe ich Gegenden meiner Heimat kennengelernt, in die ich sonst nie gekommen wäre«, sagt Rekordhalter Spieler. Ihm geht es wie vielen. Waren Mittelgebirge wie der Bayerische Wald, Frankenwald oder Spessart vor 20 Jahren noch nicht auf der Agenda von Wanderfreunden, streifen heute dort viele durch die Wälder. Urlaub vor der Haustüre ist wieder sexy.

Foto: Felix Meyer

Wandern mit Blick auf die Plassenburg, das Wahrzeichen Kulmbachs.

Doch es waren nicht nur die bayerischen Landschaften, die Helmut Spieler jedes Jahr wieder an den Start der 24 Stunden brachten: »Es ist vor allem das Gemeinschaftsgefühl, was mir so gefällt. Die Gespräche, die man führt, dass man sich gegenseitig aufbaut, wenn einer mal einen Durchhänger hat.«

Wissen, wann Schluss ist

So wie ihm geht es auch anderen: Hans und Franziska Schmidt sind zum neunten Mal dabei, auch für sie steht »Leute kennenlernen« ganz oben auf der Liste. Man kommt schnell ins Gespräch auf einer 24-Stunden-Tour, und wenn man so im gleichen Rhythmus nebeneinander hergeht, dreht sich das Gespräch schnell um die Dinge, die einen bewegen: wie die Kinder größer werden, wie man den Alltag hinkriegt, wie man in den wenigen Stunden Tagesfreizeit noch irgendwie zu sich selbst kommt. Und es sind solche Gespräche, oft mit Unbekannten, die einen auch durch die lange Nacht bringen, die einen Knie– und Fußbeschwerden vergessen lassen, die die Frage: Warum tue ich mir das jetzt an? vielleicht gar nicht so schnell aufkommen lassen.

Foto: Felix Meyer

Teilnehmerrekord, 2. Platz: Hans und Franziska Schmidt sind gemeinsam zum neunten Mal dabei.

Doch irgendwann stellt sie sich jeder. »Der Tiefpunkt kommt bei mir in der Regel zwischen zwei und vier«, sagt Spieler. »Eine lange Pause ist dann fatal, da fährt der Kreislauf dann richtig runter.« Als Gegenmittel fällt ihm nur ein einziges ein: Gespräche. Viele davon führte er mit seinem Freund Bernhard, der neben ihm wandert und auch schon sieben Mal dabei war. »Zum ersten Mal in Bad Steben«, erinnert sich der 47-Jährige. Sein erster Zieleinlauf hat sich ihm ins Gedächtnis gebrannt. »Dieser Moment, den du nie für möglich gehalten hättest, 24 Stunden durchzuwandern, und dann wird es auf einmal hell, und du hast es geschafft.

«Und genau dieser Moment stellt sich auch in Kulmbach wieder ein, irgendwann zwischen 5 und 8 Uhr am Sonntagmorgen. Keine Selbstverständlichkeit, rund die Hälfte der Teilnehmer bricht die Wanderung irgendwann ab. Auch Helmut Spieler hat einmal aufgeben müssen, im Jahr 2013 in Füssen. »Damals waren es meine Knie, die nicht mehr mitmachten. Da bin ich zu schnell den Tegelberg runtergelaufen. Nachts musste ich dann um halb zwei abbrechen. Wenn man am nächsten Tag wieder normal gehen können will, muss man wissen, wann Schluss ist!«

Foto: Felix Meyer

Neue Perspektiven ergeben sich vom Rehberg-Turm.

Wann Schluss ist, weiß auch Barbara Radomski, die Prokuristin des Veranstalters Bayern Tourismus Marketing GmbH. »Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist«, sagt sie. »Wir wollten mit der Eventreihe vor allem Wanderer von der Schönheit Bayerns überzeugen und deutlich machen, dass jede Region etwas ganz Besonderes ist.« Dazu kann man nur sagen: Mission erfüllt!

Ausrüstungstipps für 24-h-Wanderer:

03.08.2018
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 09/2018