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Von Oberstdorf nach Meran
Per pedes über die Alpen – das hört sich nach einer Lebensaufgabe an. Aber es ist in sechs Tagen möglich. Panorama garantiert.
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Wann kann ein kühles Weißbier besser schmecken als hier und jetzt, auf der Larcheralm in Tirol, 1860 Meter hoch? Weit schweift der Blick von der Terrasse über die verschneiten Gipfel, die über Pitz- und Inntal im letzten Licht des Tages thronen. In den Beinen steckt die Müdigkeit eines langen Tages, in der Kehle Durst.
Wirtstochter Patricia, 17, serviert das Getränk mit einem verständnisvollen Lächeln. Von der Almwiese ist das Glockengeläut der Kühe zu hören, die Vater Hubert gerade gemolken hat. Mutter Anni bereitet in der Küche Käsespätzle vor. Als Aperitif lockt die erste heiße Dusche seit drei Tagen. Wenn das kein Grund zum Anstoßen ist, zumal mit dem heutigen Tag auch die schwierigste Etappe der ganzen Woche gemeistert ist.
Es ist unser dritter Tag auf dem alpinsten und am meisten begangenen Stück des Europäischen Fernwanderwegs E 5: dem Abschnitt von Oberstdorf nach Meran. »Es ist auch die interessanteste Etappe«, sagt Bergführer Wolfgang »Wolfi« Schmid, 38, der uns mit seinem Kollegen Flory Kern, 35, über die Alpen begleitet. »Jeder Tag hat seine Besonderheit. Vom grünen Allgäu in die nördlichen Kalkalpen des Lechtals, dann alpiner Gneis, danach die Gletscher. Immer kommt etwas Neues, alles ist im Wechsel.«
Das gilt auch fürs Wetter. Beim Start noch war der Himmel über Oberstdorf schwarz verhangen. Es regnete so stark, dass selbst die Wirtsleute in der Spielmannsau nur ein mitleidiges Lächeln übrig hatten, als die Gruppe sich aufmachte zum Anstieg zur Kemptner Hütte. Unter den Wanderern: Dorothea, 39, medizinisch-technische Assistentin aus Karlsruhe. Sie wollte zunächst mit dem Rennrad über die Alpen, hat sich dann aber für das Wandern entschieden, »weil man einfach viel mehr sieht«.
Anette, 38, Ernährungsberaterin aus Landsberg. Sie sucht Ruhe. Thomas, 38, Druckvorlagenhersteller aus Karlsruhe, ist gemeinsam mit seiner Freundin Birgit dem Reiz erlegen, einmal aus eigener Kraft die gesamte Alpenkette zu überwinden. Sie wollen »wissen, ob wir das schaffen«. Vor dem Abmarsch hat Thomas seinen Rucksack um allerlei Ballast erleichtert und dabei aus Versehen auch seine Magnesiumtabletten zurückgelassen. Er hat das schnell bereut. »Krämpfe in den Oberschenkeln«, hat er in seinem Wandertagebuch über den ersten Aufstieg vermerkt. Drei Stunden lang, immer entlang des tosenden Sperrbachs, vorbei an wasserfallartigen Sturzfluten am Wegesrand, die zusätzliche ungebetene Duschen verabreichten.
Kurz vor der Kemptner Hütte war der Regen in Schnee übergegangen. Wintereinbruch im Hochsommer. Die Kälte hatte die Steinböcke rudelweise an die Hänge am Wegesrand getrieben. Am Tag darauf waren die Pfützen gefroren, bevor sich der Weg dann zum deutsch-österreichischen Grenzübergang am Mädelejoch im Neuschnee verlor.
»Das liegt hier oben immer drin«, sagt Bergführer Wolfi, der den E 5 zum achten Mal geht und vorsichtshalber einen Eispickel auf den Rucksack geschnallt hat. »Aber da liegt ja gerade der Reiz.« Ein Reiz, dem immer mehr Menschen erliegen. Nicht mal die rustikalen Hüttenübernachtungen in Mehrbettzimmern mit Schnarchkonzert-Garantie scheinen zu schrecken. Immerhin, die Temperaturen würden im Verlauf der Wanderung komfortabler werden, verspricht Wolfi: »Das Gute ist, dass wir immer Richtung Süden laufen. Immer dem schönen Wetter entgegen.«
In die tiefste Schlucht der Nordalpen
Er sollte recht behalten. Vielleicht aber hat es auch genutzt, dass der Ortspfarrer von Wenns im Pitztal gestern an seinem freien Tag, quasi außerdienstlich, hier herauf zur Larcheralm gekommen ist. Er trank ein paar Glas vom guten Roten und hat auch ein Stoßgebet gen Himmel geschickt. Er wurde erhört: Heute ist der Tag des Herrn, und die Sonne scheint seit dem frühen Morgen, seit der Seescharte auf 2600 Metern, dem Übergang vom Lech- ins Inntal.
In Shorts und kurzen T-Shirts steigen wir ab ins abgeschiedene Patroltal, von dem Bergführer Flory, der sonst Gäste zu Ski-Abenteuern rund um den Globus entführt, sagt: »Hier sieht es aus wie in Zentralasien, wie in Kirgisien.« Kollege Wolfi fügt hinzu: »Wenn hier die E-5-Wanderer nicht durchkämen, wäre das Tal menschenleer.« Bis auf den Wirt der Oberlochalm, der uns auf halber Strecke ins Tal mit einer Tiroler Bergbrotzeit stärkt, bevor es vollends hinabgeht ins Zammerloch, in die tiefste Schlucht der Nordalpen.
Oberhalb des Zams erinnert ein Gedenkstein an den 1862 vom Steinschlag gemeuchelten Handelsmann Alois Bogner – und daran, auch mal ein Päuschen einzulegen: »Drum Alpenwanderer halte an, es lauert dir der Sensenmann.«
Das hat Karl-Heinz, mit 68 der Älteste der Gruppe, verinnerlicht. Er hat sich einen Traum verwirklicht und ist gemeinsam mit seinem Sohn Thomas dabei. Der pensionierte Techniker hat für die große Tour trainiert. Expander-Übungen für die Beinmuskulatur, Rad fahren für die Kondition, Gymnastik für die Beweglichkeit. Jetzt ist er fitter als sein Filius und einer der Gelassensten der Gruppe. Karl-Heinz ist in Sachen Pausen und Geselligkeit ganz weit vorn mit dabei. Unten in Zams, wo die Bäume schon voller Pfirsiche hängen und der Sommerwind uns den Duft von Kiefern und Wacholder in die Nase treibt.
Noch entspannter oben auf der Larcheralm, befreit von Autolärm, Handy-Empfang und sonstiger Zivilisation. Losgelöst vom Alltag, den Kopf ausgelüftet und bestens versorgt von Patricia, der Wirtstochter, die ihm und uns schon die zweite Runde Weißbier serviert. Nur Thomas hat sich mit Birgit nach der heißen Dusche zurückgezogen. Beim abendlichen Umtrunk ist von beiden nichts mehr zu sehen, obwohl Bergführer Flory die Klampfe auspackt und Patricia immer wieder und immer lächelnd Bier auftischt.
Um 7.30 Uhr stehen wir am nächsten Morgen auf. Der Himmel ist blau, die Luft ist klar. Die Bauern türmen frisch gemähtes Gras zu Heumanderln und grüßen uns beim Abstieg ins Pitztal, bevor es wieder 1000 Höhenmeter steil hinaufgeht, auf die Braunschweiger Hütte. Einen »Beißer« nennen die Bergführer den steilen Anstieg. Unterhalb des Pitztaler Jöchls, wo einst der erste Gletscherlift der Alpen stand, hat sich das ewige Eis vollkommen zurückgezogen. Wir laufen über Geröll. Die Liftmasten sind längst abgebaut. Die Gletscherzungen des Rettenbachferners sind mit Plastik abgedeckt, um sie vor der schmelzenden Wärme zu schützen.
Willkommen in Südtirol
Gemächlich schiebt sich der Alpenhauptkamm näher. Links die Stubaier Alpen mit Tiefblick ins Venter-Tal, in das die Tiroler Landesregierung einen gigantischen Stausee setzen will. Da, wo der Weg heute an dem steinernen Schäferhaus aus dem 17. Jahrhundert vorbeiführt, soll in der Bauphase eine neun Meter breite Straße ins Tal ziehen, die zweispurigen Lkw-Verkehr ermöglicht.
Rechts geht es ab zur Ötzi-Fundstelle, nur eineinhalb Stunden von hier. Vorn glänzt der Gletscher Similaun, der höchste Punkt der Tour. Auf der Similaunhütte, 3019 m, ist die Speisekarte schon zweisprachig. Der Wirt spricht deutsch, die Spaghetti schmecken italienisch, der Espresso ebenso.
Willkommen in Südtirol. Am Horizont grüßt die Bernina-Gruppe, der Wilde Kaiser, der König Ortler. Das Gebimmel der Schafglocken und das Pfeifen von Murmeltieren begleiten uns beim letzten Abstieg der Tour, 1200 Meter hinab ins Schnalstal. Warm ist es, die Kehle trocken. Unten duckt sich der Tisenhof, einer der ältesten Bauernhöfe Südtirols, erstmals 1348 urkundlich erwähnt. Als wir ankommen, steht das Weißbier schon da.
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19.02.2008
© Outdoor Ausgabe 02/2008
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Autor: Joachim Rienhardt
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