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Die schönsten Wanderungen im Karwendel

Karwendel - Wildnis vor der Haustür

Nur anderthalb Stunden von München entfernt wartet das Karwendel. Wanderer finden dort alles, wonach sie suchen: wilde Wege, Panoramablicke und die ruhige Ausstrahlung der Berge.


Themenseiten

Bergtouren, Karwendel, Wandern

Sechs Uhr dreißig, Scharnitz im Nebel. Unsere Pensionswirtin wundert sich, dass wir schon im Frühstücksraum sitzen. Ich mich auch. Denn erstens planen wir zum Auftakt unserer Wanderwoche im Karwendel nur eine kurze Tagestour durch die nahe Gleierschklamm. Und zweitens finden Wanderer im Karwendel auch dann noch Einsamkeit, wenn sie ein halbes Stündchen später aufstehen. Der Großteil der Region steht nämlich unter Naturschutz, und Autos dürfen nur im Nordwesten bis ins Innere des Karwendels fahren, in das Engtal.

Tourentipp: Karwendel-Wanderung zu den Soiernseen

Tourentipp: Karwendel-Wanderung Mittenwalder Höhensteig

Tourentipp: Karwendel-Wanderung durch die Gleirschklamm

Tourentipp: Die klassische Karwendeldurchquerung

Karwendel: Knorrige Ahornbäume vor mächtiger Felskulisse

Deshalb tummeln sich dort auch meist ganze Busladungen kamerabehangener Bergfreunde, die nur eines im Sinn haben: auf dem Großen Ahornboden vor mächtiger Felskulisse die knorrigen Ahornbäume ablichten. Klar, auch wir werden den Ahornboden beim Wandern streifen, doch wir wollen das Karwendel auch von seiner abgeschiedenen und urtümlich-rauen Seite erkunden. Unsere Eingewöhnungstour durch die Gleierschklamm jedoch fällt noch recht zivilisationsnah aus und verlangt uns konditionell nicht sehr viel ab. Dass mein Tourenpartner Peter darauf besteht, die Wanderung unter Hochgebirgsbedingungen anzugehen, also bei Tagesanbruch raus, zügig marschieren und möglichst ohne lange Aufenthalte zum Ziel – nun ja. In aller Hergottsfrühe laufen wir in Scharnitz durch den Nebel und suchen das Schild ins Hinterautal zur Gleierschklamm. Schließlich finden wir es, und ein gemütlicher Weg führt uns schließlich oberhalb der Isar zum Eingang der gesuchten Klamm.

Schäumend bahnt sich das türkisgrüne Wasser einen Weg durch die enge Schlucht. Die mitunter hangseitig angebrachten Stahlseile nehme ich gerne. Reinfallen in diese wilden Wirbel möchte man nicht unbedingt. »Wusstest du, dass hier im letzten Jahrhundert noch Holz getriftet, also ich meine, geflößt wurde?«, frage ich Peter. Nein, das wusste Peter nicht, aber immerhin beeindruckt es ihn so, dass er sein Tempo etwas drosselt und sich wohl vorstellt, wie es war, da unten verkeilte Stämme per Hand aus den tosenden Wassermassen zu befreien. Etwas weiter gelangt man problemlos ans Ufer, gleich in Sichtweite rauscht ein Wasserfall. Eigentlich ein idealer Rastplatz, und ich kann es mir nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass sicher schon ein paar Sonnenstrahlen in der Schlucht stünden, wenn wir nicht so früh losgelaufen wären. Ob meine Frotzelei geholfen hat? Am nächsten Morgen starten wir jedenfalls eine halbe Stunde später und stehen von der Morgensonne beschienen an der Bushaltestelle in Scharnitz.

Grandioser Ausblick auf die Soierngruppe.
Foto: Ben Wiesenfarth

Am Westrand des Karwendels

Der Ort kurz hinter der deutsch-österreichischen Grenze liegt auf knapp 1000 Meter Höhe am Westrand des Karwendels. Nur anderthalb Autostunden von München entfernt, eignet er sich hervorragend als Ausgangspunkt für Wanderer, denn die drei großen Karwendeltäler, die sich über 35 Kilometer gen Osten in Richtung Achensee ziehen, sind von ihm aus alle zugänglich. Den Zinken einer Heugabel ähnlich trennen sie die vier schroffen Gebirgsketten des Karwendels und verschaffen Zugang zu ihren landschaftlichen Höhepunkten. Gurgelnde Bäche, liebliche Almwiesen, darüber riesige Geröllwüsten, gekrönt von senkrechten Felspalästen, so stellen sich diese schroffen und kaum besiedelten Berge dem Wanderer dar. Gämsen und Steinböcke leben im Karwendel, Adler und Geier kreisen über seinen Gipfeln. Morgen werden wir voll in diese Welt eintauchen, denn dann startet unsere große, viertägige Karwendelquerung.

Heute wollen wir aber noch einen Schatz in der Soierngruppe heben, einer dem Karwendel nördlich vorgelagerten Gipfelgruppe, die mit der Schöttlkar- und der pyramidenförmigen Soiernspitze zwei Zweitausender bietet. Ihrem wildromantischem Charme erlag schon den Märchenkönig Ludwig II. Der besaß die Eigenart, sich überall, wo es ihm gefiel, ein Schloss errichten zu lassen, darunter auch das exquisit auf 1610 Meter Höhe gelegene Jagdschloss Soiernhaus – das Ziel unserer Wanderung.

In der Ortschaft Krün, von Scharnitz in einer knappen Stunde mit Bus und Bahn zu erreichen, geht es los: Ein Fahrweg führt uns im Wald stetig und vor allem lange bergauf. Peter legt gewohnt flottes Tempo vor, so dass wir die auf einem Sattel gelegene Fischbachalm schon nach anderthalb Stunden erreichen. Und nun? Weiter dem Weg des Königs zu seinem Schloss folgen? Oder dem seiner Dienstboten? Die mussten nämlich eine deutlich steilere Variante nehmen, um vor Ihrer Durchlaucht einzutreffen und ihm schon einmal die Kissen aufzuschütteln. »Weswegen der Weg Lakaiensteig heißt – schon gewusst, Peter?« Nein, wusste Peter nicht, aber wir nehmen den Weg trotzdem, weil er mehr Aussicht bietet.

Grandioses Panorama am Soiernhaus

Mitunter haben wir alle Hände voll zu tun, in dem zum Teil recht ausgesetzten und mit Drahtseilen versicherten Gelände zügig voranzukommen. Doch oben am Soiernhaus öffnet sich ein grandioses Panorama: Umgeben von dem Gipfelrund der Soierngruppe leuchten unten im Kessel geheimnisvoll die beiden fast kreisrunden Seen in dunklem Türkis. Ludwig ließ sich auf ihnen bei Vollmond umherrudern, und man mag vom König halten, was man will: Sinn für Schönheit besaß er.

Schönheit suchen wir auch auf unserer viertägigen Karwendeldurchquerung. Leider liegen uns die Tiroler Wildspezialitäten, mit denen wir uns gestern Abend den Abschied von Scharnitz versüßt haben, noch etwas im Magen. Da kommt es gelegen, dass die erste Etappe recht moderat ansteigt: Immer am Karwendelbach entlang führt sie über 16 Kilometer durchs Karwendeltal, ringsum fordern Gipfel zur Bestimmung auf, saftige Wiesen laden zur Rast. Schließlich kommt das stolz über dem Tal thronende Karwendelhaus in Sicht. Als Ausgangspunkt für die Besteigung des höchsten Karwendelgipfels, der Birkkarspitze (2749 m), ist es schon gut mit Wanderern und Mountainbikern belegt. Doch die Wettervorhersage hörte sich nicht wirklich gut an, und wir verzichten auf die Gipfelbesteigung – zweieinhalb Stunden weiter wartet die Falkenhütte. Am Weg liegt der Kleine Ahornboden. Als wir den still vor uns liegenden Talkessel erreichen, bringen schon die schrägen Strahlen der Nachmittagssonne das Laub seiner Ahornbäume zum Leuchten, im Süden ragt gebieterisch die Birkkarspitze auf. Die Ruhe der Wiesen und alten Bäume lädt zum Verweilen ein, selbst Peter hält inne.

Und dann, nach etwa fünf Kilometern auf den einfachen Pfaden der Via Alpina, erleben wir einen von diesen unglaublichen Karwendelkontrasten. Welch ein Unterschied zum sanften Ahornboden! Verloren duckt sich die Falkenhütte auf einem kargen Hügel in den Schatten der 900 Meter emporragenden Laliderer Wände. Es ist ein beeindruckendes, fast einschüchterndes Panorama. Früher wurde an den Laliderer Wänden Klettergeschichte geschrieben, heute wagt sich nur noch selten jemand in die etwas brüchige Felswand.

Am nächsten Tag begleiten uns die großen Wände noch ein gutes Stück des Wegs hinunter zum berühmten Großen Ahornboden. Dutzende Bilder haben wir von ihm auf Kalendern und Postkarten gesehen. Als wir auf die weiten Wiesen mit den knorrigen, einzeln stehenden Bäumen und die hohen Gipfelfluchten sehen, verstehen wir auch, warum: Der Große Ahornboden ist schlicht unglaublich schön. »Wusstest du, dass hier früher ein dichter Mischwald stand, Peter?« Nein, wusste Peter nicht. Doch es ist so. Die Nadelhölzer wurden geschlagen, und nur die Ahornbäume hat man zum Schutz der Weidetiere vor Wind und Wetter stehen lassen. Aber Peter läuft schon wieder im Wandermodus und peilt eilig unser heutiges Etappenziel an, die Lamsenjochhütte.

Der letzte Tag unserer Karwendeldurchquerung bringt uns auf einem genüsslichen, diesmal nicht ganz so langen Talhatscher nach Pertisau am Achensee. Unterwegs schmieden wir schon Pläne für die verbleibenden Tage. »Kathrin, wusstest du, dass in Innsbruck eine super Zweitagestour zur Pfeishütte startet, der Goetheweg?«, fragt Peter. Nein, wusste ich nicht. »Oder sollen wir noch einmal zurück nach Scharnitz und den Mittenwalder Höhenweg gehen?«, frage ich. »Hauptsache, wir stehen früh auf«, sagt Peter.

Autor: Kathrin Wüst

© Outdoor : Ausgabe 08/2008

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