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Tagestouren und Treks in Patagonien

Logenplätze Südamerikas

Patagoniens Wildnis gilt als Land für Bergsteiger. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Zu den wirklich schönen Plätzen führen Tagestouren, die auch jeder Alpenwanderer schafft.


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Patagonien, Südamerika

Atemberaubend: der Blick auf den Cerro Torre.
Foto: Ralf Gantzhorn

Abenteuerlich mit Eis überkrustet ragen die Granitgipfel auf, zu ihren Füßen unberührte Urwälder, die lange Bärte aus Flechten tragen. Riesige Gletscher schieben blaugrüne Zungen in türkis leuchtende Lagunen, und unmittelbar neben dem Eis umschwirren Kolibris bunte Fuchsien: Patagonien, dieser riesige Zipfel am Süd­ende Amerikas, ist ein Mythos. Und ein Synonym für unberührte wilde Natur, für Bergsteiger- und Trekkingträume am Ende der Welt.

Die zehn schönsten Tagestouren in Patagonien

Tour 1: Auf den Mirador Ferrier Tour 9: Am Lago Burmeister Tour 8: Auf den Loma del Diablo Tour 7: Auf den Loma del Pligue Tumbado Tour 6: Zur Laguna del los 3 Tour 5: Laguna Torre Tour 4: Lago del Desierto Tour 3: Mirador Pehoe Tour 2: Zum Mirador Torres Tour 10: Zum Puesto San Lorenzo

Reinhard Karl – deutsche Kletterikone aus den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts – formulierte es einmal folgendermaßen: "Die Berge hier sind so phantastisch, der Torre und der Fitz über der Pampa so schön, dass jeder Verstand auf der Strecke bleibt." Und er schreibt weiter: "Wenn es irgendwo beim Bergsteigen eine Lust am Untergang gibt, dann kann man sie hier ausleben." Denn neben der traumhaft schönen, scheinbar ungezähmten Natur zaubert der Name "Patagonien" noch ein zweites Bild in die Köpfe: Sturm, schlechtes Wetter, eisige Kälte. Patagonien in der Fantasie, das ist das schönste Ende der Welt; nur bleibt es leider reserviert für Bergsteiger oder Schlechtwetterenthusiasten.

Falsch! Denn während weiter oben in der Tat häufig katastrophale Wetterverhältnisse herrschen – besonders der Wind pfeift in einer ganz eigenen Liga – scheint unten im Tal häufig die Sonne, und es herrscht bestes Wanderwetter. Außerdem strotzt Patagonien vor Aus- und Ansichten, die zu den eindrucksvollsten unseres Planeten zählen. Einige davon lernt kennen, wer sich auf Trekkingtour begibt – Patagonien bietet traumhafte Wege in der Kategorie der Wochentreks (siehe Seite 23). Aber mehr als zwei davon bringt kaum jemand auf seiner Reise unter. Größere Abwechslung erlebt, wer zwei bis drei Wochen herumreist und Tagestouren unternimmt. In den Torres del Paine zum Beispiel. Der zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärte Nationalpark im äußersten Süden Chiles ist der vielleicht berühmteste Naturpark Südamerikas. Türkisgrüne Seen, riesige Gletscher, Regenwald, Halbwüste, schäumende Wasserfälle und natürlich die senkrechten Granitzinnen der Cuernos (Hörner) und Torres (Türme) del Paine formen eine einmalige Landschaft. Auf engstem Raum wartet hier eine Art patagonischer Mikrokosmos.

Zum Einwandern eignet sich der Weg zum Mirador Lago Pehoe – einem Platz, wie ihn sich schöner ein Landschaftsmaler aus der Romantik nicht hätte ausdenken können. Seen und Berge fügen sich zu einer grandiosen Komposition zusammen. Im Vordergrund dominieren die gelben Blüten des Neneo-Strauchs, dahinter funkeln die grünen Wasser des Lago Pehoe, und am Horizont ragt die gezackte Silhouette des gesamten Torres del Paine-Massivs in den weiten patagonischen Himmel. Eine Traumsicht, wie sie noch nicht einmal der "Circuito" bietet, die berühmte sieben- bis neuntägige Trekkingtour, die einmal rund um die gesamten Torres del Paine führt.

Die Torres del Paine im Blick: Rastplatz am Lago Pehoe.
Foto: Ralf Gantzhorn

Die Drei Zinnen Südamerikas

Der beste Blick auf die gewaltigen Granittürme, die dem Park den Namen gaben, bietet sich vom Mirador Torres. Eine konditionell anspruchsvolle Tagestour von insgesamt acht Stunden führt zu ihm hinauf. Oben versteht man, warum die schwindelerregenden Felsnadeln als das Gegenstück zu den Drei Zinnen in den Dolomiten gelten. Lust auf Eis? Vom nah gelegenen Mirador Ferrier streift der Blick nicht nur zu den Torres del Paine, sondern bei gutem Wetter auch über das legendäre patagonische Inlandeis. Wer auf Tuchfühlung gehen will: Riesige, in allen Blautönen schimmernde Eisberge stapeln sich nur zehn Minuten vom Ausgangspunkt der Tour am Strand des Lago Grey.

Dreihundert Kilometer weiter nördlich und bereits in Argentinien wachsen Berge aus der Pampa, die, um den großen Reinhard Karl erneut zu zitieren, "so wild aussehen, wie sich die berühmten Sturmgeschichten am Kap Hoorn in Seefahrerkreisen anhören. Der höchste dieser verlorenen Felszacken ist der Fitz Roy, benannt nach einem englischen Seefahrer, der gar nichts von dem Glück wusste, das ihm die Landratten zukommen ließen." Ganz so verloren wie zu den Zeiten Karls sind die Felszacken allerdings längst nicht mehr. Denn 1986 wurde zu Füßen von Fitz Roy und Cerro Torre eine Ortschaft gegründet, Chaltén.

Inzwischen leben hier 1500 Einwohner vom Wandertourismus; neuerdings gibt es neben den vielen Hostels sogar ein Fünf-Sterne-Hotel. Böse Zungen behaupten, der Ort entwickle sich langsam zum Chamonix Südamerikas. Sei es, wie es will: Die Entwicklung kommt der Wildnis Patagoniens zugute, denn inzwischen erkennen Politik und Wirtschaft, dass der Erhalt der Natur eine Investition in die Zukunft bedeutet.

Gletscher formten Patagoniens Landschaft und bestimmen auch heute noch das Bild. Wie der Glaciar Perito Moreno.
Foto: Ralf Gantzhorn

Granitnadeln Fitz Roy und Cerro Torre

Rund um Chaltén warten zahlreiche Tagestouren auf Wanderer.Die beiden spektakulärsten führen direkt an den Fuß der Granitnadeln von Fitz Roy und Cerro Torre, wo sich – um dem landschaftlichen Hochgenuss noch das i-Tüpfelchen aufzusetzen – jeweils ein See befindet, eine Laguna, wie es auf Spanisch verheißungsvoll heißt. Beide Lagunas erreicht man auf 20-Kilometer-Wanderungen, und beide entfalten die schönste Stimmung am frühen Morgen – es lohnt eine Übernachtung auf den recht nah an den Seen gelegenen Zeltplätzen des Nationalparks.

Wie sich der Tagesbeginn am Cerro Torre ins Gedächtnis des Betrachters einbrennt, das hat wiederum der Bergsteiger Reinhard Karl wunderbar in Worte gefasst: "Da zeigte sich der Torre zum ersten Mal im Sonnenaufgang. Der Himmel ganz rot, der magische Berg in zartrosa Farben. 'Absoluter Edelkitsch', versuche ich meine Ergriffenheit herunterzuspielen. In Wirklichkeit ist es das Traumberg-Wunschbild, das tief im Unterbewusstsein in jedem von uns schlummert." Der Cerro Torre – ein Zauberberg.

Weitere 300 Kilometer nördlich liegt der vielleicht einsams­te Nationalpark Patagoniens: der Parque Nacional Perito Moreno. Unter dem Schutz des Parks steht auch der Cerro San ­Lorenzo, ein Klotz, der den Vergleich mit Gipfeln im Himalaja nicht scheuen muss. Sein 3700 Meter hohes Massiv, das zweithöchste Patagoniens, ragt als gigantischer, rund zehn Kilometer langer Kamm über den niedrigen Vorbergen der Pampa auf – eine großartige Wanderregion. Der besten Blick auf den Riesen bekommt, wer von der ehemaligen Estancia El ­Rincon die sechsstündige Tour zum Puesto San Lorenzo wandert, einem verlassenen Außenposten der Estancia. Meist umspielen Wolken den von Eispilzen gekrönten Hauptgipfel des Berges, ein erhabener, unvergesslicher Anblick.

Reinhard Karl hat den Cerro San Lorenzo nie gesehen, obwohl der Berg zweifellos nach seinem Geschmack gewesen wäre. Wie schrieb er? – "Es gibt ein paar Plätze auf der Erde, da treffen sich alle Bergsteiger: In Kathmandu und Rawalpindi die Achttausendersammler, in Chamonix die Alpinisten, in Yosemite die Freikletterer und in Patagonien die Spieler und Träumer, die Oberschicht der Kletterer." Richtig. Aber nur die halbe Wahrheit. Denn Patagonien ist ein Traum­platz nicht nur für Bergsteiger, sondern auch für ganz normale Wanderer.

Autor: Ralf Gantzhorn

© Outdoor : Ausgabe 11/2007

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