Lysefjord in Norwegen: Reisebericht & Wanderinfos

Eine Woche Trekking auf der Lysefjordrunde


Zur Fotostrecke (8 Bilder)

Norwegen: Lysefjordrunde
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Norwegen: Lysefjordrunde
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Norwegen: Lysefjordrunde
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Norwegen: Lysefjordrunde
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Norwegen: Lysefjordrunde
Foto: Ben Wiesenfarth
Auf der Lysefjordrunde erleben Wanderer die größten Landschaftshighlights Südnorwegens auf einsamen Pfaden. Unsere Reiseredakteurin Kerstin Rotard hat einer der schönsten Regionen Norwegens erkundet.

Der Herzschlag pocht dumpf in den Ohren. Die schweißfeuchte Hand greift nach einer Metallöse im Fels, der Fuß sucht einen sicheren Stand auf dem schmalen Sims. Linker Hand plätschert ein Gebirgsbach einer Kante entgegen und stürzt als Wasserfall in die Tiefe. Einen Schritt noch, nur noch einen Schritt ... Einatmen, das Knie strecken, geschafft! Vorsichtig trippelt man in die Mitte der einen Meter breiten Felsglatze, immer begleitet von dem Gedanken, dass ein Ausrutscher 1000 Meter freien Fall bedeutet.

Rund 70.000 Menschen pro Jahr holen sich diesen Kick auf dem berühmtesten Steinkeil Norwegens. Der "Kjeragbolten", wie der zweieinhalb Meter hohe Findling heißt, wanderte in der Eiszeit mit den gewaltigen Gletscherströmen über die Gipfel. Als das Eis schmolz, sackte der Brocken herab und verklemmte sich in einer Felsspalte, wie eine Murmel zwischen zwei zum V gespreizten Fingern. Heute ist er das Fotomotiv schlechthin: Asiatische Pärchen knipsen sich gegenseitig auf dem Bolten, teilweise unter lautem Kreischen, Italiener feuern sich adrenalinschwanger an, den Schritt zu wagen. Manche brauchen dazu drei Anläufe. Andere setzen sich locker auf den Stein. Wer in und über den Lysefjord blicken will, muss sich ein Herz fassen und sich im Stehen um 180 Grad drehen. Aber jeden fliegt eine Ahnung von Heldenmut an, sobald er frei auf dem Kjeragbolten hoch über dem Wasser steht.

Eine knappe Autostunde östlich von Stavanger zieht der Fjord eine 42 Kilometer lange Kerbe von Ost nach West und besitzt im Übermaß, was den Reiz Südnorwegens ausmacht: zerklüftete Küsten mit weit ins Land reichenden Meeresarmen, schwindelerregende Felswände und wilde Hochgebirgslandschaften. Wasserfälle schießen seine steilen Flanken herab, das helle Gestein glänzt im Sonnenlicht und lässt alles fast überirdisch erstrahlen. Dazu kommen die zwei Postkartenmotive, die jeder Nordlandsüchtige kennt: der Kjeragbolten und der nicht minder imposante Preikestolen, eine Granitkanzel, die über einer Wand in den Fjord ragt. Mutige spähen von ihrem Rand 600 Meter senkrecht hinab. Einmal wie sie mit flatternden Nerven dort stehen!

Zu beiden Naturwundern führen zwar bestens markierte, jedoch leider auch stark frequentierte Tagestouren. Weitwanderern bietet sich eine Alternative – ein Weg, der die Prominenz durch die Hintertür erschließt: Die 86 Kilometer lange, sechstägige Lysefjordrunde folgt zunächst dem Südufer des Fjords und führt über weites Fjell zum Kjeragbolten am Ostende des Meeresarms. Dann geht es am Nordufer wieder nach Westen, teils durch Wald und über aufgelassene Almen, teils direkt am Wasser entlang. Jeden Abend warten Quartiere auf die Wanderer – von der einfachen Selbstversorger-Unterkunft bis zur Lodge. Den Schluss- und Höhepunkt setzt die Felskanzel des Preikestolen.

Loading  

Stairway to Heaven - Die Treppe bei Flørli

Die Runde beginnt im Tal Vinddalen, das man nur im eigenen Fahrzeug oder per Taxi erreicht. Bequemer ist es, mit der Fähre von Stavanger zum Ende der ersten Etappe überzusetzen und bei Flørli in der Fjordmitte zu starten. 4444 Holzstufen führen hier an den ausgedienten Wasserrohren eines alten Kraftwerks entlang hinauf. Wer hat wohl Lust auf so eine endlose Treppe?

Erstaunlich viele Tagestouristen – im Gänsemarsch steigen sie hinauf. Aber auch die Wanderer auf der Lysefjordrunde nutzen die Stufen, und mit der Zeit enthüllen sie ihren Reiz: Bei jeder Pause sieht man das gegenüberliegende Ufer von einer höheren Warte aus. Oben bleibt das Gros der Wanderer zurück, und der Weg taucht in das Fjell mit seinen kleinen Seen und munteren Bächen ein. Wie die erstarrten Wellen eines steinernen Ozeans erstrecken sich Granitriegel bis an den Horizont. Darüber spannt sich ein weiter Himmel, auf dem einzelne Wolken segeln. Im Zickzack geht es hinauf auf die Wellen und hinab in Senken, in die sich Tümpel schmiegen. Wollgras wiegt bedächtig seine Wattebäusche im Wind. Im Tal vor der Selbstversorgerhütte Langavatn, dem zweiten Nachtquartier des Treks, grasen Schafe frei auf den Weiden.

 

Norwegen: Lysefjordrunde
Foto: Ben Wiesenfarth Der Weg auf den Preikestolen führt über felsige Pfade und durch lichte Wäldchen.

Touristenmagnet Kjerag

Die Wandererdichte steigt an Tag drei wieder an, vor allem am 1084 Meter hohen Kjerag. Im Taleinschnitt, an dessen Ende der Felskeil klemmt, umfängt einen eine Melange aus Stimmen, klappernden Trekkingstöcken und klickenden Kameras. Der Normalweg nähert sich dem Bolten vom Parkplatz Øygardsstøl oberhalb des Fjordendes. Dorthin führt jetzt auch die Lysefjordrunde; Trekker teilen sie sich mit dem Heer der Tageswanderer. Wie die Lemminge folgen wetterfest eingepackte Menschen dem mit Steinmännchen markierten Pfad, der wieder auf und ab über Felsriegel und vorbei an Seen und Bächen zieht. An kettenbewehrten An- und Abstiegen über in den Fels gehauene Stufen heißt es anstehen.

Der Trubel erreicht seinen Zenit auf dem Parkplatz: Auto steht an Auto. Eine Straße schlängelt sich vom Fjord her hoch und weiter ins Tal Sirdalen. Ihre 27 Haarnadelkurven sind ein Traum für Motorradfahrer – aber ein Alptraum für Fußgänger. Der Trek lässt einem zwei Möglichkeiten: vom Kjerag zur Hütte Langavatn zurückkehren und über einen alten Transportweg absteigen oder – die bei weitem angenehmste Lösung – schon im Vorfeld einen Transfer per Taxi oder Minibus vom Parkplatz Øygardsstøl ins Örtchen Lysebotn organisieren. Es liegt genau am Fjordende, und in seinem Hafen träumt es sich herrlich in der Sonne.

Martijn, ein sympathischer Typ mit Bart und buntem Kopftuch, bietet hier seit diesem Jahr Kanutouren an und verleiht Kajaks an Geübte. "In einer Woche kann man den ganzen Fjord abpaddeln", sagt er. Nur drei Stunden dauert eine Schnupperrunde bis auf Höhe des Kjerags – die Gelegenheit, den Bolten vom Wasser aus zu sehen. Leise gleiten die Kajaks auf den Fjord hinaus und dann an der Felswand entlang. Wo die Wellen hochschwappen, sitzen Miesmuscheln dicht an dicht. Quallen schweben anmutig vorbei, und von Absätzen gleiten Seehunde scheu ins Wasser. 400 bis 500 gibt es von ihnen im Fjord; sie jagen Lachse und andere Fische. Dann sinkt der Kopf in den Nacken, die Augen suchen die Wand ab, und da, da klemmt der Bolten unglaublich winzig in seiner Spalte.

Nach der Kajaktour auf der Hälfte des Treks führen die nächsten drei Etappen durch die Welt der Höfe am Nordufer. Zwischen den Selbstversorgerunterkünften Songedalen und Bakken verläuft der Weg direkt am Fjord: Auf und ab, immer den roten Ts nach, steigt man über die Felsen am Ufer. Vom Wasser weht eine würzig-salzige Brise heran. Ebereschen rascheln leise auf den Abschnitten im Wald. Die Route verläuft hier eindeutig, aber auf dem unebenen Grund finden die Beine einfach in keinen Rhythmus. Am Abend der fünften Etappe beziehen Wanderer müde in einer recht spartanischen Scheune Quartier.

Und trotzdem wacht man am nächsten Morgen früh auf, denn heute geht es zum Höhe- und Schlusspunkt der Runde, auf das 25 Meter breite und lange Felsplateau des Preikestolen. Vorbei an den Höfen von Bratteli steigen Wanderer zwischen knorrigen Kiefern und hellen Birken auf den Berg Hoppet. Bald stößt der Weg auf die Hauptroute, die bis zu 285 000 Menschen pro Jahr auf die Kanzel bringt. Dann betritt man das Plateau. Tiefe Risse durchziehen den Granit, und genau so entstand die Kanzel: Wasser sickerte vor 10 000 Jahren in Spalten, gefror und sprengte das Gestein um die fast quadratische Plattform weg. Wind pfeift in den Ohren, verhalten schreit ein Kuckuck. Zwei Mädchen trauen ihrer Schwindelfreiheit nicht und kriechen vorsichtshalber auf den Knien an den Abgrund heran. Ein Pärchen im Partnerlook robbt gleich auf dem Bauch zur Kante.

In der Tat breitet sich beim direkten Blick 604 Meter hinab im Magen ein flaues Gefühl aus, und der Fuß der Felswand übt einen merkwürdigen Sog aus. Wie ein Spielzeug zieht eine Fähre ihr weißes Kielwasser auf dem silbrig-blauen Band des Fjords hinter sich her, das sich gen Lysebotn im Dunst auflöst; gegenüber verschwimmen Berge und Fjell in sanftem Graublau.

Die Lysefjordrunde – Mehr als nur ein Weg

Benommen vom Rausch der Tiefe folgt man einem Pfad an wollgrasbestandenen Seen vorbei und durch einen Wald aus Birken, Ebereschen und Blaubeerbüschen hinab zur Lodge Preikestolen Fjellstue. In ihrer Lounge sitzen Wanderer auf Schaffellen, unter ihnen Johannes. Gerade hat der Guide seine Kunden vom Preikestolen herabgebracht. Er wirkt müde. "Der Normalweg ist viel zu überlaufen. Aber ich steige mit Gruppen auch nachts hinauf. Dann ist es deutlich ruhiger." Außerdem kennt Johannes weglose Routen auf die Kanzel. "Menschen trifft man dann erst ganz zum Schluss", sagt er und geht sich einen Kaffee holen. Gut zu wissen, dass zu Preikestolen & Co. mehr als eine Hintertür führt.

Reisetipps für Ihre Norwegenreise

Hinkommen
Am einfachsten reist man mit der Fähre Hirtshals–Stavanger und dem eigenen Fahrzeug an. fjordline.com, ab 143 Euro einfach für ein Auto und zwei Personen (im Ruhesessel). Oder man fliegt nach Stavanger, mit KLM zum Beispiel ab 220 Euro für Hin- und Rückflug. Von dort bringen einen Leihwagen oder Busse und Fähren zu den Wanderungen.

Rumkommen
Von Stavanger steuern Fähren viele Orte im Lysefjord an. Die Busse von Tau zum Preikestolen sind auf die Fähre abgestimmt (tide.no, pulpitrock.no). Wer direkt zur Tour auf den Kjeragbolten fahren möchte, nimmt den Expressbus von Stavanger (ca. 61 Euro, tide.no). Achtung: der letzte Bus zurück geht Schlag 16:45 Uhr und wartet nicht! Zum Start der Lysefjordrunde fährt man am besten im Auto oder nimmt die Fähre nach Flørli und startet dort.

Informieren
Alle Infos zu Lysefjord-Runde, öffentlichem Transport und Übernachtungsmöglichkeiten listet die Seite von Stavanger Turistforening: stf.no

Unterkünfte am Lysefjord

In Stavanger
Zeltfreunden sei der Campingplatz Mosvangen empfohlen: Er liegt an einem See quasi mitten in der Stadt. Rund 31 Euro für zwei Personen, ein Auto, ein Zelt. stavangercamping.no

Auf dem Trek
Auf der Lysefjord-Runde können Wanderer jeden Abend mit festem Dach über dem Kopf übernachten, mal in Selbstversorgerhütten, mal sogar in Hostels (Details s. stf.no).

Am Preikestolen
Am Startpunkt auf die Felskanzel liegt die Lodge Preikestolen Fjellstue: warme Duschen, gemütliche Lounge. DZ ca. 170 Euro, preikestolenfjellstue.no. Etwas weiter fjordwärts empfängt ein Campingplatz seine Gäste: Rund 31 Euro für zwei Personen, ein Auto, ein Zelt, preikestolencamping.com

Beim Kjeragbolten
In Lysebotn gibt es Unterkünfte von der Hütte des DNT (ca. 30 Euro im Schlafsaal für DNT-Mitglieder, lysefjordenturisthytte.dnt.no) über B&B und Camping (visitkjerag.no) bis zur Pension (pro Person im DZ mit Frühstück ca. 98 Euro, lysegard.com). Letztere bietet auch Transfers vom Øygardsstøl nach Lysebotn an (sinn- voll bei Etappe 3, ca. 39 Euro).

Wildzelten
Das Jedermannsrecht erlaubt Wildzelten fast überall. Ausnahme: private Grundstücke, bewirtschaftetes Land. Auch oben am Preikestolen und in den Tälern auf dem Weg zum Kjerag finden sich Plätzchen, allerdings keine einsamen. Und im Sommer summen und brummen Mücken über den sumpfigen Senken.

Essen & Trinken

In Stavanger
Wer einen Tag in Stavanger verbringt, sollte im "Bøker og Børst" (Bücher & Bölkstoff) eine Kleinigkeit essen und sich an den Tischen vor dem bunten Haus das noch buntere Treiben anschauen. bokerogborst.no

Am Kjerag
Nach dem Besuch der festgeklemmten Felsmurmel lohnt eine Einkehr im "Adlernest", im "Kjerag Café und Restaurant". Es bietet vor allem von dem balkonartigen Rundgang beeindruckende Blicke über den Fjord. Info über visitkjerag.no, "Spise"

Außerdem

Bigwall-Paddeltour
Der Anbieter florli.no bringt Wanderern die 1000 Meter hohen Fjordflanken vom Wasser aus nahe. Eine dreistündige Kajakrunde von Lysebotn zum Kjerag kostet 72 Euro.

Abseits bekannter Pfade
Die Guides von outdoorlifenorway. com führen Gruppen nachts oder auf unmarkierten Routen zum Preikestolen, besuchen die alten Höfe am Fjord oder unternehmen Skitouren.

 

Norwegen - Hardangervidda
Foto: Ben Wiesenfarth Kerstin Rotard, Reiseredakteurin

Tipps von Autorin Kerstin Rotard

Zeltnacht direkt am Preikestolen
An der Felskanzel zu zelten, Fjord und Fjell bei Sonnenaufgang zu sehen, ist ein einmaliges Erlebnis. Etwas oberhalb des Preikestolen finden sich geeignete Grasflecken. Allein wird man aber nicht sein ...

Fjord-Kreuzfahrt
Wer am Lysefjord unterwegs ist, sollte statt Bus oder Schnellboot im Sommer die Touristenfähre nehmen. Während der Fahrt schallen aus den Lautsprechern Geschichten über die Höfe, Schmuggler und das Kraftwerk Flørli.

Zur Trolltunga
Die Highlights des Lysefjords sind nicht genug? Ein Expressbus bringt Wanderer vom Preikestolen zum Hardangerfjord, wo der Felssporn "Trolltunga" hoch über einem See auf Konditionsstarke wartet. Rund 77 Euro, tide.no

Probieren
Typisch norwegisch: Etwas gewöhnungsbedürftig schmeckt der karamellisierte Käse Gudbrandsdalsost. Dafür kann man mit "Walters Mandler" nichts falsch machen: Die Schokolade mit Salzmandeln versorgt müde Wanderer auf langen Wegen lecker mit Energie.

07.03.2017
Autor: Kerstin Rotard
© outdoor
Ausgabe 01/2017