Norwegen: Hardangervidda-Trekkingrunde ab Haukeliseter

Trekking mit Hund in der Hardangervidda


Zur Fotostrecke (54 Bilder)

Trekking mit Hund
Foto: Boris Gnielka

 

Foto: Boris Gnielka

 

Foto: Boris Gnielka

 

Foto: Boris Gnielka

 

Foto: Boris Gnielka
Die norwegische Hardangervidda-Hochebene ist bekannt für ihre Wetterkapriolen. Wen das nicht schreckt, der entdeckt ein Trekkingrevier der Extraklasse! Reiseinfos, Etappenbeschreibungen und mehr ...

"Everything okay?" ruft jemand durch peitschenden Wind und trommelnden Regen. Erschrocken unterbrechen wir den Zeltaufbau, drehen uns um - und blicken auf ein paar flatternde Ponchos. Die Zipfelkapuzen tief ins Gesicht gezogen und mit nass an den Beinen klebenden Baumwollhosen stehen sie neben uns: sechs rüstige, verstörend gut gelaunte Seniorinnen, die es offenbar nicht verstehen, dass man sich bei diesem Wetter lieber ins Zelt verkriecht. "Super!" brülle ich gegen Wind und flatternden Zeltstoff den Ponchos zu – die kurz darauf spottend ("Have a good daysleep!") im Regen verschwinden. So haben Katleen und ich uns das eigentlich nicht vorgestellt, immerhin kennen wir die Hardangervidda: Vor fünf Jahren sind wir zehn Tage lang bei schönstem Sonnenschein über die Hochfläche gewandert. Wir wachten morgens von der Wärme im Zelt auf, begegneten Wanderern in Bergschuhen und Badehose und schwommen abends in einem der vielen klaren Seen.

Heute müssten wir dafür erst die Eisschollen wegräumen. Doch man hatte uns gewarnt. "Da oben ist es noch ganz schön weiß", berichtete der Hüttenwirt der Haukeliseter-Fjellstue vor vier Tagen. Sie ist Start- und Endpunkt einer Rundtour, die eine knappe Woche lang durch den wilden Südwesten der Hardangervidda führt. Die 8000 Quadratkilometer große Hochfläche ist ein beliebtes Trekkinggebiet, denn von Oslo aus braucht man nur wenige Stunden hierher. Und von Dänemark einen halben Tag. Mit einer mittleren Höhe von 1300 Metern und der Nähe zur Atlantikküste fängt die "Vidda" zuverlässig jede Wolke ein,was ihr im Winter viel Schnee bringt - und im Sommer jede Menge Regen. Das gilt vor allem für den Südwesten, dessen hügeliges Gelände auf bis zu 1720 Meter reicht.

Loading  

 

Foto: Boris Gnielka

Die Natur und Ruhe der Hardangervidda genießen

Richtige Berge, die als solche auch erkennbar sind, gibt es auf der gesamten Vidda nur einen: den 1690 Meter hohen Hårteigen – ein kompakter Tafelberg. Er thront wie ein monumentaler Leuchtturm von allen Seiten weithin sichtbar über dem tief darunter liegenden Gelände und gibt eine erstklassige Aussichtsplattform ab. Damit dient er als exzellenter Orientierungspunkt. Auch uns soll der Hårteigen die Richtung vorgeben. Doch zunächst quälen wir uns den steilen Weg von der Haukeliseter-Hütte auf die Hochfläche hinauf. Das Rauschen der stark befahrenen E 134 geht langsam in beruhigend monotones, zartes Bachplätschern über. Ungewohnt heftig drücken die mit viel Proviant beladenen Rucksäcke auf die Schultern. Dennoch macht es riesig Spaß, nach zwei Tagen Autofahrt endlich selbst in Bewegung zu sein, zu hören, wie das Herz schlägt, zu fühlen, wie frische Luft die Lungen flutet, und zu sehen, wie verschwenderisch viel Landschaft es hier gibt. Und Stille. Ein Plätschern hier und da, der rauschende Wind – ansonsten: Ruhe. Schneefelder bringen ein wenig Licht in das weite, von Wiesen, Sumpf, Steinen und Seen geprägte Land. Mischlingshündin Perla kann ihr Glück kaum fassen und jagt mit ihren kleinen, wippenden Packtaschen über Schnee und Gras. Auch ihr steckt die lange Autofahrt in den Knochen. Geschickt umrennt sie unzählige flechtenüberzogene Steine, die aussehen, als hätten Riesen sie zu Urzeiten mal als Murmeln benutzt.

Wir scheinen die einzigen zu sein, die noch so spät am Tag – es ist 14 Uhr – loswandern. Leisten kann sich das nur, wer im Zelt übernachtet und nicht in Hütten. Sie locken zwar mit viel Komfort und einem warmen Bett, doch liegen sie meist acht Wanderstunden und mehr auseinander. Bei gutem Wetter ist das nicht viel, im strömenden Regen allerdings eine Tortur, erst recht, wenn Altschneefelder, eingestürzte Schneebrücken und Furtpassagen dazwischenkommen – so wie am zweiten Tag. "Da vorne geht‘s nicht weiter", warnt uns ein entgegenkommender Trekker mit wettergegerbtem Gesicht und riesigem Rucksack. "Vorgestern gab‘s da wohl noch eine Schneebrücke, doch die wollte nur so lange halten, bis eine Deutsche auf ihr stand – die daraufhin samt Gepäck in den Fluss stürzte." Zum Glück sei ihr nichts passiert, nur etwas Ausrüstung sei futsch, erzählt er weiter und verrät uns, dass Furten ausscheide, da es dort zu tief und stark strömend sei. Der Mann greift sich die Wanderkarte, die in einer Klarsichthülle um seinen Hals baumelt, und tippt mit dem Finger auf eine Stelle flussaufwärts. »Da oben kommt ihr rüber, da liegt jede Menge Schnee.« Die einzige, die sich darüber freut, ist Perla, die wieder viel über Schneefelder wetzen kann. Das macht nicht nur Spaß, sondern auch warm – was bitter nötig ist, zumal Perla aus Spanien kommt und wärmeres Wetter gewöhnt ist.

 

Trekking mit Hund
Foto: Boris Gnielka

Und mehr Spuren von anderen Tieren. Doch auch denen scheint es zu kalt zu sein – außer den Schafen. "Normalerweise grasen Schafe um diese Zeit schon wieder an der Küste", erzählt Jonas, der bei einer Mittagsrast unter unserem Tarp Regenschutz sucht. "Auf die Hochfläche kommen sie meist Anfang Juli. Doch da war dieses Jahr noch alles weiß", sagt der Solowanderer. Und dass er einen solch miesen Sommer hier noch nie erlebt habe. Selbst jetzt – Ende August – finden die Schafe nur wenig Futter, sie werden wohl bis in den September bleiben. Gut für Perla – die gerne andere Vierbeiner um sich hat, zur Not eben auch wollene. Doch die lassen sich weder durch ihre Spielaufforderungen beeindrucken noch vom Wetter, was heute, am dritten Tag, endgültig entgleist. Kam an den ersten Tagen ab und zu die Sonne raus, sieht man sie jetzt gar nicht mehr. Als wir das Tarp abbauen und Jonas verabschieden, fliegt der Regen waagerecht. Das Gesicht schützend zu Boden gerichtet, übersehen wir zwei Stunden später fast die Litlos-Hütte. "Jetzt eine heiße Dusche", murmelt Katleen in den bis zur Nasenspitze hochgezogenen Jackenkragen. Doch Hunde sind in den Hütten verboten – und so bauen wir unser Zelt auf einer hübsch bemoosten Anhöhe auf und fallen ungeduscht, aber satt auf die Isomatten.

In der Wetterküche Südnorwegens

"Die Sonne!" hektisch reißt Katleen den Eingang des Zeltes auf. Nachdem es auch am vierten und fünften Tag bis auf wenige Pausen durchgeregnet hat, ist der Himmel heute wolkenlos. Wir blinzeln aus der Apsis ins gleißende Sonnenlicht, genießen die Wärme auf der Haut und die Aussicht auf einen Tag ohne Regenjacke und mit vielen gemütlichen Pausen. Ob das Wetter hält? Hastig futtern wir unsere Müslischalen leer, schütteln das tropfnasse Zelt aus und verstauen die klamme Ausrüstung in den Rucksäcken. Im T-Shirt machen wir uns auf den Weg. Eigentlich ist es nur noch ein Pfad, rudimentär markiert und an vielen Stellen als solcher kaum noch erkennbar. Behutsam schlängelt er sich das saftige Slettedal hinauf, laut Jonas das »einsamste und schönstes Tal der ganzen Hardangervidda«. Entlang des rauschenden Kvesso, der die Regenfälle der letzten Tage über Steinstufen in den 400 Meter tiefer gelegenen See Valldalsvatnet rauschen lässt, geht es gemächlich bergauf: über schmatzende Wiesen, rutschige Schneefelder und nackte Granitplatten – bis zum See Nupstjørn.

Er liegt im Talschluss, einer kilometerweiten, kargen Felslandschaft. Als wir ihn erreichen, brennt die Mittagssonne – Zeit für eine Rast. Ermattet von der ungewohnten Wärme setzen wir uns an einen der Kiesstrände. Eisschollen dümpeln auf dem Wasser, ansonsten bewegt sich nichts. Von der E 134 trennt uns jetzt nur noch ein letzter Pass. Als wir ihn erklimmen, zeigt sich andererseits ein dunkles, tief eingeschnittenes Tal, das zu einer paradiesisch sonnigen Wiese und einem weiteren See, dem Nedre Nupstjørn, führt. Auf seiner sonnenwarmen Uferwiese machen wir Tee und blicken über den auf der Seite laut schnarchenden Hund aufs Wasser. Keine Eisscholle weit und breit. Bienen summen durchs Gras, kriechen in gelbe Blumen. Fast scheint es, als würden nicht nur Wanderer die Etappe meiden, sondern auch Schnee und Regen. »Oder der Sommer beginnt erst heute und wir waren fünf Tage zu früh hier«, sagt Katleen. Doch der Blick aufs Smartphone, das endlich wieder Empfang hat, sagt etwas anderes: Nach dem heutigen Sonnentag soll es drei Tage durchregnen. »Und danach?« Ich halte Katleen das Display hin. Es zeigt Schneeflocken.

Reiseinfos Hardangervidda

Gelände & Wetter
Die nach Westen hin steil abfallende und nach Osten sanft auslaufende Hochebene besteht aus baumloser Gebirgslandschaft – mit hunderten Seen und unzähligen Flüssen. Aufgrund der Höhenlage und Nähe zur wetterwilden Westküste regnet, stürmt und schneit es hier häufig.

Anforderungen
Die Wege sind gut markiert, führen durch einfaches Terrain und weisen nur geringe Höhenunterschiede auf. Wer von Hütte zu Hütte wandert, benötigt dafür bei normalem Tempo auch mal länger als acht Stunden.

Beste Reisezeit
Wer nicht überwiegend durch Schnee stapfen möchte, bricht erst Mitte August auf. Meistens ist dann auch das Wetter stabiler – die Tage aber deutlich kürzer als im Juli.

Spezielle Ausrüstung
Ein Paar Trekkingstöcke hilft beim Wandern auf den vielen Altschneefeldern enorm. Bei eventuellen Flussfurten sind sie unverzichtbar.

Anreise
Am einfachsten mit dem Auto nach Hirtshals, Dänemark. Von hier mit der Fähre in drei Stunden nach Kristiansand und in weiteren vier Stunden zum Ausgangspunkt, der Fjellstation Haukeliseter (großer und kostenfreier Parkplatz). Alternativ: mit dem Flieger nach Oslo und vom Flughafen mit dem (Nacht-) Bus in sieben Stunden nach Haukeliseter.

Lesestoff & Karten Wanderführer: »
Norwegen: Hardangervidda« von Tonia Körner, Konrad Stein Verlag, 14,90 Euro. »Norwegen Süd« von Bernhard Pollmann, Rother Verlag, 14,90 Euro. Karten: »Turkart 2558 Hardangervidda Vest«, 1:100.000. 25,80 Euro.

AUF TOUR

Orientieren
Die Hauptwanderwege sind mit Steinmännern und roten Zeichen gut markiert. An vielen Abzweigungen stehen Schilder. Mit Karte und Kompass sollte man dennoch umgehen können. Ein GPS-Gerät kann bei weiten Schneeflächen und Nebel helfen.

Essen
Proviant muss man komplett mitführen, will man auf die in den Selbstversorger-Hütten zu hohen Preisen angebotenen Waren – vor allem Konserven, Knäckebrot, Kekse & Co. – verzichten. In bewirtschafteten Hütten gibt es Vollpension.

Pausieren
Wind- und regengeschützte Stellen gibt es auf der Hochebene kaum. Wer eine gemütliche Mittagsrast schätzt, nimmt ein Tarp mit und spannt es mit Hilfe der Trekkingstöcke auf.

UNTERKUNFT

Hütten
Viele Hütten gibt es auf der Hardangervidda nicht, was lange Tagesetappen bedeutet. Die Kosten liegen zwischen 30 und 60 Euro pro Nacht.

Im Zelt
Die schönste Übernachtungsart, zumal es fast überall klasse Plätze und fließendes Wasser gibt.

MIT HUND

Einreisebestimmungen
Sie sind längst nicht mehr so streng wie noch vor wenigen Jahren. Die aktuellen Bestimmungen gibt‘s hier: norwegen.no/travel/zoll/pets/

Konstitution
Gewöhnen Sie Ihren Hund Wochen vorher an ganztägige Wanderungen, vor allem, wenn er Taschen tragen soll (max. 25 % des Hundegewichts!).

Equipment
Neben einer Isomatte und einer der hohen Belastung angepassten Menge an wasserdicht verpacktem Futter ist ein gutes Geschirr Pflicht. Damit lässt sich der Hund auf den zum Teil wackeligen Hängebrücken sichern. Ein Erste-Hilfe-Set (vom Tierarzt beraten lassen) und Pfotenschuhe helfen bei Verletzungen, ein Synthetikhandtuch macht den Hund zelttrocken.

Autoren-Tipps Hardangervidda

Auf die Trolltunga
Die Trolltunga ist ein gewaltiger Felsvorsprung, der sich 700 Meter über dem Ringedalsvatnet befindet und spektakuläre Tiefblicke bietet. Von Haukeliseter fährt man zwei Stunden bis zum Ausgangsort Tyssedal. Von hier lässt sich die Trollzunge auf einer dreitägigen Hüttentour besuchen.

Ins Setesdalen
Wer von Kristiansand auf die Hardangervidda fährt, kommt durchs Setestal. Die riesigen Felsflanken über dem Ort Valle lassen sich seit neuestem über einen Klettersteig erklimmen – den längsten nördlich der Alpen. Anmeldung und Ausrüstung bei Helle Camping. Infos: setesdal.com/de

Zum Kjeragboltn
1000 Meter über dem Lysefjord klemmt ein Felsblock in einer Scharte. Wer sich darauf traut, beweist Mut und liefert ein top Fotomotiv. Doch allein die Wanderung zum Kjerag lohnt sehr. poi-norwegen.de/kjerag/

Lecker einkehren
Ausgangspunkt der Tour ist die bildhübsche Haukeliseter Fjellstue. Hier kann man nicht nur parken, sondern auch einkaufen, übernachten und vorzüglich speisen. haukeliseter.no/english/

 

Packliste Hardangervidda
Foto: Boris Gnielka
29.03.2016
Autor: Boris Gnielka
© outdoor
Ausgabe 03/2016