Mit Ski und Pulka durchs Jotunheimen-Gebirge

Weiße Magie

An Ostern schimmern Norwegens Berge in reinem Weiß. outdoor-Autor Till Gottbrath nutzte die Zeit für einen Trek auf Ski.


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Auf dem Sattel des Rauddalsbandet in 1560 Meter Höhe.
Foto: Till Gottbrath

Gerade noch bis zum nächsten Markierungspfosten reicht die Sicht. Die Spuren der Skiläufer, die vor uns das Leirdalen hinaufgegangen sind, verlieren sich im weißen Nichts. Eiskalter Wind bläst uns ins Gesicht, wir haben dicke Überhandschuhe, Goretex-Jacken und -Hosen übergezogen, die Skibrillen aufgesetzt. Nicole brüllt mir etwas zu. Die erste Hälfte schlucken ihre Klamotten, die zweite Hälfte trägt der Sturm davon. Ich weiß dennoch, was sie sagt: Ob wir hier nicht das Zelt aufstellen wollen. Jedenfalls wünsche ich mir, dass sie es sagt. Ich habe genug für heute.

Alle Infos zum Wintertrekking im Jotunheimen-Gebirge

Sechs Etappen en detail: Alle Toureninfos zum Wintertrek durch Jotunheimen

Wie Ameisen in einer großartigen Winterlandschaft.
Foto: Till Gottbrath

Rund 300 Kilometer nordwestlich von Oslo, genauer gesagt in Jotunheimen, kämpfen Nicole und ich uns durch den Eiswind. Norwegens imposantestes Gebirge dehnt sich auf 3500 Quadratkilometern aus – es ist so groß wie die Bundesländer Saarland und Berlin zusammen. Mit dem 2469 Meter hohen Galdhøppigen und dem fast so hohen Glittertind beheimatet es die beiden höchsten Gipfel Skandinaviens; 20 Berge ragen höher als 2300 Meter auf. Dazwischen schlummern Täler, Seen und Hochebenen unter einer weichen Decke aus Schnee. Wir sind auf der ersten Etappe unserer Tour, die uns in einem kühnen S-Bogen durch die Täler leitet, zuerst nach Süden, dann nach Osten zum Gjendesee und zum Schluss wieder südwärts führt. Nach der Hochebene Valdresflye wartet das Ziel, der Wintersportort Beitostølen. Ein Unterfangen von sechs Tagen mit Etappen von 10 bis 18 Kilometern.

Im Örtchen Lom nahmen wir heute morgen den Regionalbus das Bøverdalen hinauf zum Startpunkt Liasanden, im Winter nicht mehr als ein Wendehammer zwischen ein paar Bäumen. Ab dort liefen wir mitten auf der Hauptstraße aufwärts bis zur Baumgrenze und bogen nach links ins Leirdalen ab. Unterwegs trübte sich mit jeder Stunde der Himmel weiter ein, grauweiß, die Sicht wurde immer schlechter. Das herrliche Tal und all die berühmten Berge lösten sich schließlich auf im endlosen Weiß. Sturm zog auf.

Jetzt beträgt die Sicht höchstens 50 Meter. Mit der Karte und dem GPS checken wir die Position. Ich möchte nur höchst ungern morgen aus dem Zelt schauen und feststellen, dass wir an einem lawinengefährdeten Hang lagern. Zusammen kriechen wir in unseren »Rastsack«, einen selbst genähten Überzieher aus superleichtem Gewebe. »Noch 100 Meter nach Süden, dann sind wir in der Mitte vom Storflyetal«, brülle ich. Nicole nickt.

Eine gute Stunde später steht unser Zelt halb eingegraben im Schnee. Im Halbdunkel prüfe ich nochmals, ob alle Leinen sicher abgespannt sind. Schneekristalle kratzen dabei wie Schleifpapier an meinen Wangen. Das Zelt knattert laut und übertönt sogar das Fauchen des Kochers. Aber bald dampft eine heiße Suppe in der Tasse, die dicken Schlafsäcke spenden wohlige Wärme. Manchmal braucht man nur sehr wenig, um zufrieden zu sein.

In der Nacht klart es auf, entsprechend kalt ist der nächste Morgen. So kalt, dass wir mit den klammen Fingern kaum unser Zelt eingepackt bekommen, und so eisig, dass wir der Versuchung nur gar zu gerne erliegen, in der Leirvassbu, einer DNT-Hütte direkt an der zugefrorenen Wasserfläche des Leirvatnet, eine Tasse heiße Schokolade zu genießen. Es ist die Woche vor Ostern, und der DNT beginnt traditionell, die Hütten aus dem Schnee auszugraben, einzuheizen und markiert die Winterrouten durchs Fjell mit Pfosten und Stäben.

Die Kälte und der Schnee zehren an den Energiereserven.
Foto: Till Gottbrath

Angenehm durchwärmt gehen wir über den erstarrten See und steil hinauf zu dem 120 Meter höher gelegenen Sattel Høgvagten. Der blaue Himmel wölbt sich über unseren bemützten Köpfen, der Atem dampft in der klaren Luft, weiß schwingen sich die Hänge zu schneegekrönten Spitzen und Graten auf. Die Ski durchbrechen die aerodynamischen Schneeverwehungen, die der Sturm hinterlassen hat.

Jotunheimens Magie beginnt zu wirken. Doch auch die Schwerkraft fordert ihr Tribut: Auf breiten Tourenski und ohne Pulkas wäre der Aufstieg locker zu gehen, mit den norwegischen »Fjellski« strengt er brutal an. Diese Art Ski kennt man in den Alpen kaum: Sie sind etwas breiter als Langlaufski, haben Stahlkanten und können mit Steigwachs behandelt werden. Ist eine Spur vorhanden oder der Schnee fest, gleitet man mühelos dahin. Aber jetzt haben wir Tiefschnee, und es ist steil. Wir spannen die Felle auf, aber mit den Pulkas im Schlepptau brechen wir dauernd ein. 120 Höhenmeter können ganz schön lang sein.

Zwei Tage ziehen wir nach dem Knackpunkt Høgvagten an weiß verhüllten Graten vorbei , zwei Tage hören wir nur das Knirschen der Ski und Pulkas. Eine Welt aus in der Sonne funkelnden Schneekristallen umgibt uns jetzt, das Ausharren im Sturm hat sich gelohnt.

Dann führt uns ein langer Abstieg hinab auf 1000 Meter: zum 18 Kilometer langen Gjendesee. 600 Meter hoch ragen die Ufer links und rechts auf. Im Sommer schießen Wasserfälle von den steilen Flanken; jetzt träumt der See unter einem Mantel aus Schnee. Und es wird kalt, bitterkalt. Der Wind bläst ungebremst über das Eis, und um diese Zeit des Jahres bekommt nur das Nordufer ein paar der schräg einfallenden Sonnenstrahlen ab. Das Gute: Wir machen auf dem See gutes Tempo.

Abschied von der Einsamkeit

Erst nachdem wir den See verlassen und über einen kleinen Sattel in das Seitental Leirungsdalen hinüberqueren, wird es wieder angenehmer. Hier findet der Wind kaum Platz, um Schwung zu holen, und wir bekommen noch ein paar Sonnenstrahlen ab. Ein Grüppchen kleiner Birken kauert sich an den Fuß eines langen Bergrückens, ein guter Platz für das Zelt. Die Abendsonne scheint noch, und es ist so schön, dass wir uns zur Feier des Tages einen Wein aus Rotweinpulver gönnen. Zugegeben, es ist kein Beaujolais, aber als Glühwein in dieser Umgebung ein Hochgenuss.

Langsam verlassen wir das Reich der schroffen Gipfel, Gletscher und U-Täler: Die weite Hochebene Valdresflye liegt vor uns. Im Moment sind wir die einzigen Menschen weit und breit. Die Sonne strahlt von einem tiefblauen Himmel, und die Navigation ist dank der meterhohen Stangen wirklich einfach. Doch als wir am Nachmittag des letzten Tags Beitostølen erreichen, hat es sich erneut eingetrübt. Wir sind froh darüber. Denn so fällt uns der Abschied von der wilden Einsamkeit Jotunheimens wenigstens ein bisschen leichter.

Autor: Till Gottbrath

© Outdoor : Ausgabe 01/2008

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