Mit dem Pulka durch den Jotunheimen Nationalpark in Norwegen

Auf Abwegen: Per Ski durch den Jotunheimen-Park

Skitouren in Norwegens Wildnis verlangen gründliche Vor­bereitung und top Ausrüstung. Manchmal reicht auch Glück. Ein abenteuerlicher Trip durch den eisigen Jotunheimen-Nationalpark.


"Wie sollen wir mit der müden Flamme Schnee schmelzen?" Ratlos zeigt Lars auf den brandneuen Kocher. Es soll ein extrem leistungsfähiges, sparsames Modell sein – sparsam vielleicht schon, aber leistungsfähig? Mit der zaghaft-gelben Flamme kriegen wir weder Schnee geschmolzen noch eine Mahlzeit warm. Unsere fünftägige Skitour durch den norwegischen Nationalpark Jotunheimen droht zu scheitern, bevor sie begonnen hat. Noch sitzen wir nämlich in der Bessheimen-Fjellstube und sortieren unser Equipment.

Die Bezeichnung Fjellstube spiegelt allerdings nicht ganz die luxuriösen Ausmaße der komfortabel überheizten und rustikal holzbeplankten Unterkunft wider, die wir morgen früh verlassen werden. Zumindest, wenn der Kocher wieder läuft. Und wenn wir die zwei Kubikmeter Ausrüstung in Rucksack und Pulka, einen kindersarggroßen Gepäckschlitten, gestopft kriegen. Und wenn wir mit der Skiausrüstung zurechtkommen. Mit gutem Willen können wir zwar Langlauf- von den im Fjell gängigen, etwas breiteren Backcountry-Ski unterscheiden, mehr aber auch nicht. Wie man mit den Brettern fährt, zeigte uns vor vier Jahren ein norwegischer Taxifahrer – nachdem er uns wunschgemäß in der Wildnis abgeladen hatte und sah, dass wir falsch herum in die Ski steigen wollten. Er wunderte sich auch, dass wir keine Felle unter die Ski geklebt hatten. Mit ihnen rutscht man nämlich beim Bergaufgehen nicht zurück. Wir haben das damals notgedrungen auch anders geschafft: mit häufigem Abschnallen und Zufußgehen, was jedoch für Verzug sorgte. Es gibt eben viele Möglichkeiten, sich auf Tour in Schwierigkeiten zu bringen. Die einfachste geht so: Man fährt gänzlich unvorbereitet los.

Ohne einen Gepäckschlitten sind Zelttouren im Fjell aufgrund der umfangreichen Ausrüstung nahzu unmöglich.
Foto: Boris Gnielka

Augen zu und durch

Diese Variante entwickelt sich langsam zu unserem Favoriten. Zwar haben wir diesmal Felle dabei. Allerdings unterschiedlich breite und nur ein passendes, wie wir beim Packen feststellen. "Ein Paar reicht doch ...", versucht Lars die Situation zu klären, "... wir wechseln uns einfach ab! Wer den Pulka zieht, nimmt die Felle, der andere stützt sich kräftig mit den Stöcken ab! Das gibt Muckis." "Und der Kocher?" werfe ich ein. "Der geht dann schon, sonst drehen wir eben um!" Lars will auf jeden Fall starten, so viel steht fest. Schließlich hat der Fotograf eine ganze Batterie von Objektiven, Speicherkarten und Festplatten in den Pulka gestopft und bereits tolle Bilder vor Augen, wie ich bunt bekleidet einen tonnenschwere Pulka durch den Schnee zerre ... Neun Uhr morgens. Hüttenwirtin Kari fährt uns mit dem Geländewagen zum Ostufer des vier Kilometer entfernten Gjendesees – Startpunkt unserer Tour. Vor uns liegt eine 20 Kilometer lange und zirka ein Kilometer breite, dick verschneite Ebene, umrahmt von rund 1.000 Meter höheren Bergen – der See. An seinem nördlichen Ufer ragt der bei Wanderern beliebte Besseggen-Grat auf. Wanderer kommen allerdings nur im Sommer, jetzt ist hier niemand – außer uns. Es herrscht absolute Stille, kein Windhauch regt sich. Eine zugeschneite Fähre liegt gespenstisch am Ufer. Sie schippert an schönen Sommertagen täglich hunderte von Touristen zur Gjendebu, einem Hüttenkomplex am Westufer des Sees, den auch wir als Tagesziel auserkoren haben. Etwas verloren stehen der Fotograf und ich im Schnee und staunen. Keine Spur ist zu sehen. Nicht mal eine von Tieren.

Im Februar ist man in Norwegens Wildnis fast immer allein. Allenfalls ein paar Deutsche verirren sich hierher. Den Norwegern ist es noch zu kalt: minus fünfzehn Grad am Tag, minus 30 und kälter in der Nacht. Erst Ostern, wenn die Tage länger und wärmer werden, spuren sie vermehrt durch die weiße Bergwelt. Dann öffnen auch die gemütlichen Fjellhütten.
Doch auf sie wollen wir verzichten, haben Zelt, Kocher und Proviant für sechs Tage in dem Pulka. Das sollte reichen, den zugefrorenen See in seiner ganzen Länge zu überschreiten, danach nördlich zum Fuß des höchsten norwegischen Berges, dem Galdhoppigen (2469 m), zu fahren und weiter über den Russvatnet-See zurück zur Bessheimen-Fjellstation. 80 Kilometer misst die Runde, macht am Tag immerhin 14.

Wir haben ein Zelt, Kocher und Proviant für sechs Tage in dem Pulka.
Foto: Boris Gnielka

Ein neuer Versuch

Lars klatscht in seine dicken Wollfäustlinge. "Los geht’s!" sagt er und setzt sich in Bewegung – ohne Pulka, die darf ich ziehen. Dafür muss Lars spuren. Die Skibindungen knarzen rhythmisch, langsam ziehen die Berge vorbei. Sehr langsam! Obwohl wir die Ski richtig herum montiert haben, geht es kaum voran. Schuld ist vor allem der Pulka. Er taucht tief in den Pulver ein, der die Gleiteigenschaften von Sand zu haben scheint. Unser Tagesziel, das Westufer, ist so nicht zu schaffen. "Dabei ist das hier wohl der einfachste Part, noch geht es nicht bergauf", schnauft Lars.

Wir beschließen, die Route deutlich zu verkürzen: Unser Tagesziel heißt jetzt nur noch Memurudalen. Das Tal führt etwa auf halber Länge des Sees nördlich bis zum 2.274 Meter hohen Veotind, der laut Karte eine fantastische Aussicht verspricht – undnur noch zwei Tage entfernt liegt. Dort wollen wir dann einfach das Zelt aufbauen, den Blick und die Stille genießen und nette Tagestouren machen, "... – ohne Pulka!" freue ich mich. Zurück zur Bessheimen-Hütte werden es dann nur noch 16 Kilometer sein – eine Strecke, die wir in ein bis zwei Tagen schaffen können, zumal sie bergab führt.

Nächtliche Service-Intervalle in Memurudalen

Als wir in das Memurudalen abbiegen, wird es dämmrig – 14.00 Uhr. Zeit für Fell- und Pulkawechsel, jetzt muss Lars ran. Hechelnd zieht er den Schlitten das steile Bachbett hinauf. Die letzten Meter bergan zu einer kleinen Ebene, an der sich das Tal weitet, erreichen wir erschöpft im Licht der Stirnlampen. Das Zelt steht im Nu, Lars räumt aus und pumpt die dicken Daunenmatten auf, ich reinige mit steif gefrorenen Fingern den Kocher, woraufhin er tatsächlich etwas besser brennt als in der Fjellstube. Bereitwillig schmelzt er uns Schnee für Tütensuppen und Tee. Allerdings funktioniert jetzt Lars‘ Stirnlampe nicht mehr. Alle fünf Minuten muss man die Batterien rausnehmen, wieder einsetzen und erneut einschalten, sonst wird‘s dunkel. Auch die neuen luft- und daunengefüllten Matten hätten wir vorher besser prüfen sollen. Sie verlieren langsam Luft, weshalb wir sie alle zwei Stunden nachpumpen müssen. An Durchschlafen ist also nicht zu denken. Zumal noch ein kräftiger Wind aufkommt und lautstark das Zelt durchrüttelt.

Gerädert wachen wir auf, freuen uns auf eine heiße Tasse Kaffee. Doch der Kocher streikt. Also wieder zerlegen, reinigen, zusammenbauen – dann geht’s. Im dichten Nebel ziehen wir los, stemmen uns gegen den Wind und sind glücklich, dass wenigstens die Skibrillen und das GPS funktionieren. Das Mittagessen nehmen wir zitternd in einer Windkolke ein, einer Schneeaushöhlung hinter einem autogroßen Stein. Hier herrscht Flaute. Dennoch ist es kalt: minus 17 Grad. Käse und selbst das norwegische Fjellbröd, eine Art Fladenbrot, sind steif gefroren. "Spaß macht das gerade nicht mehr ...", murmelt Lars. Und in Gedanken gebe ich ihm recht. Aber ein Blick auf die Multifunktionsuhr verrät: Das Wetter wird besser. "Morgen scheint die Sonne!" übe ich mich als Motivator, "dann stehen wir am Gipfel, können den Pulka abschnallen und genüsslich über die angrenzenden Bergrücken schlendern!" Und genauso kommt es.

Auf dem Veotind: Endlich im Genießer-Modus

Lars strahlt über das ganze Gesicht: "So hab ich’s mir vorgestellt!" In Daunenjacken gekleidet stehen wir in der Abendsonne auf dem Südgipfel des Veotind und genießen ein Panorama in HD-Qualität und feinstem Technicolor. Wohin das Auge reicht – und es reicht sehr weit –, kein Mensch, kein Mast, keine Hütte, kein Weg. Nur weiße Täler, glühende Gipfel und ein regenbogenfarbener Himmel, an dessen Ende der Mond aus dem Horizont steigt. Das einzige Zeichen der Zivilisation ist unser buntes Zelt, das zwei Nächte lang etwa hundert Meter unter dem Gipfel auf einer Aussichtsterrasse steht. An die Kälte und ständigen Service-Intervalle von Lampe, Matte und Kocher haben wir uns gewöhnt.

Jetzt befinden wir uns im Genussmodus – zwei feine Tage lang. Zwei Tage, an denen wir die Stille und grandiose Aussicht genießen. Ohne Pulka, ohne Ski, denn der festgepresste Schnee erlaubt hier oben gemütliches Zufußgehen mit fantastischer Fernsicht. So geht es doch auch!

Ein paar Outdoor-Impressionen aus dem Jotunheimen-Park in diesem Video:


Autor: Boris Gnielka

© Outdoor : Ausgabe 01/2012

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