Lappland: Wildnis-Trekking im Sarek Nationalpark

Europas letzte Wildnis: 16 Tage quer durch den Sarek in Schweden


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Sarek-Trekking
Foto: Boris Gnielka

 

Zelten in Lappland
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Sarek-Trekking
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Der schwedische Nationalpark Sarek gilt als letzte Wildnis Europas - ein perfekter Spot zum Aussteigen auf Zeit. Alle Infos für eine Selbstversorgertour im hohen Norden und viele tolle Bilder gibt es hier.

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Der Bus in die Einsamkeit ist voll. Über 50 schwergerüstete Trekking-Fans drängeln sich auf den Sitzen und im Gang. Neben dem Bus hantieren weitere: mit kühlschrankgroßen Rucksäcken, die einfach nicht mehr in die Gepäckluken passen wollen. »Was muss hier erst in der Saison los sein, wenn selbst Ende August noch so ein Andrang herrscht?« fragt mich Katleen entgeistert. »Die wollen doch nicht alle wirklich in den Sarek?« Offensichtlich schon, das zeigen allein die Rucksäcke, an denen Isomatten, Zelte sowie Brennstoffflaschen hängen - alles Zeug, das man für Hüttenwanderungen, etwa über den ebenfalls mit der Buslinie 93 erreichbaren Padjelanta- oder Kungsleden, nicht braucht, für eine Tour durch den nordschwedischen Nationalpark Sarek allerdings unbedingt.

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Trekkingtour im Sarek - Karte
Foto: outdoor

In diesem 1909 gegründeten und damit ältesten Nationalpark Europas gibt es weder markierte Wege noch Übernachtungshütten, Brücken sind rar. Von mehreren hundert, oft von Gletschern gespeisten Flüssen haben nur vier eine Brücke. Flussquerungen gehörenzu einer Sarektour genauso dazu wie die Orientierung mit Karte, Kompass oder GPS sowie der Verzicht auf Smartphone, Handy und Co: In dem rund 2000 Quadratkilometer großen Park herrscht die Natur - und somit Funkstille. Im Falle eines Unglücks ist man auf sich allein gestellt, auf seinen Partner oder andere Wanderer angewiesen.

Der Bus bringt uns von der Bergbaustadt Gällivare zu einem Parkplatz am Staudamm des Akka-Stausees. Suorva heißt der beliebte Ausgangspunkt für Sarek-Trekker. Die Fahrt dorthin dauert zwei Stunden – in denen man inständig hofft, bloß nichts Wesentliches vergessen zu haben, denn Nachkaufen kann man jetzt nichts mehr.

 

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16 Tage auf Tour durch die Wildnis

16 Tage lang wollen Katleen und ich die wilde Berglandschaft des Sareks genießen. 16 Tage nichts als Gipfel und Täler, Flüsse und Seen. 16 Tage, an denen nicht Wege und Pläne, sondern allein Wetter und Vegetation die Richtung vorgeben und wir das wirklich Wichtige wieder schätzen lernen: Essen, Trinken, Schlafen - und staunen. Staunen über die wild-herbe Natur, die hier oben vor allem aus Steinen, Flüssen, Seen, Flechten, Moosen, Büschen und Birken besteht. Auch Tiere gibt es. Die meisten halten sich in grünen Tälern auf, etwa im berühmten Rapatal. Elche, Vielfraße, ja sogar Wölfe und Bären soll es hier geben. Zu sehen bekommt sie nur, wer viel Geduld aufbringt und bereit ist, sich durch dichte Vegetation zu kämpfen. Auf den im Sarek vorherrschenden Freiflächen beschränkt sich die Fauna auf Lemminge, ulkig schnalzende Kolkraben, melancholisch piepende Goldregenpfeifer, Birkhühner und ein paar Möwen. Wer das alles erleben will, muss keinen Survivalkurs absolvieren, sondern nur etwas Nordland-Erfahrung mitbringen. So wie Linda, Martin und Ralf, die neben uns im Bus sitzen. »Letztes Jahr sind wir in zehn Tagen den Padjelantaleden gelaufen, davor das Jahr den Kungsleden«, erzählt Linda. Jetzt fehle eben noch eine Sarek-Durchquerung. Nur sechs Tage haben sie dafür eingeplant, somit bleibt die Proviantmenge klein - und das Rucksackgewicht im Rahmen. »Das nächste Mal gehen wir auch nur eine Woche«, sagt Katleen, als sie in Suorva ihren 25-Kilo-Rucksack erst aufs Knie, dann mit einer schwungvollen Drehung auf den Rücken wuchtet. Auf die Trekkingstöcke gestützt wanken wir los, den anderen mit uns startenden Wanderern hinterher: über den Staudamm und rein in die Wildnis. Zum Glück wird es in drei Stunden dunkel, so bleibt die erste Tagesetappe automatisch kurz – gerade richtig, um sich an das Monstergepäck zu gewöhnen und den sumpfigen, zum Zelten ungeeigneten Waldgürtel zu durchqueren, der hinter dem Damm liegt.

 

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Auf Trampelpfaden durch die Natur des Sarek

Trotz Trampelpfad – den wir immer wieder verlieren – geht es nur langsam voran: über umgestürzte Bäume, dichtes Gestrüpp und an den Schuhen saugenden Morast. Immer wieder hören wir Wortfetzen der anderen Trekker – bis wir endlich die letzten Bäume hinter uns lassen, auf die ersehnte Hochfläche treten und das Zelt aufbauen. »Wo sind die vielen Menschen geblieben?« fragt Katleen. Weit entfernt stehen zwei Zelte: blaue und rote Farbtupfer in einer unendlich scheinenden Landschaft. Es sollen die letzten sein, die wir in den nächsten Tagen zu Gesicht bekommen. Steine, überall Steine: busgroße, fußballkleine, runde, kantige – ein endloses Trümmerfeld macht uns am dritten Tag das Wandern schwer. Kein Laut ist zu hören, kein Lebenszeichen sichtbar. Nur wir beide in einem gigantischen Felslabyrinth. Stundenlang schieben wir uns durch Spalten, kraxeln auf Blöcke, eiern über Geröll und wackelige Klötze, immer auf der Suche nach dem Weg des geringsten Widerstandes – bis plötzlich mehr zu sehen ist als der nächste Granithaufen: die vergletscherte Bergkette des Sarektjakka.

Wer in den Sarek geht, braucht Zeit

Endlich sind wir da! Die Querung des Guhkesvakkjakka, der Nationalparkgrenze zum Sarek, erweist sich dank der Trockenheit als Kinderspiel: Balancierend von Stein zu Stein schaffen wir es trockenen Fußes. Bei Regen sieht das anders aus. Dann verwandeln sich gluckernde Rinnsale in tosende Ungeheuer – und sind mitunter unpassierbar. So etwas sollte man einkalkulieren ... »Wer in den Sarek geht, braucht Zeit und die Bereitschaft, Pläne jederzeit zu ändern«, sagte mir vor 16 Jahren der Hüttenwirt der an den Park grenzenden Partestugan. Allein die Suche nach einer sicheren Furtstelle kann bei Hochwasser viele Stunden dauern. Die Zeit lohnt, ertrinken doch im Sarek immer wieder Wanderer beim Waten. In den Monaten Juni und Juli ist es wegen enormer Schmelzwassermengen am gefährlichsten. Vor allem Gletscherbäche – eiskalt und voller loser Steine – fordern Augenmaß, Gleichgewichtssinn und Geduld. Am besten quert man sie morgens, wenn das Eis noch nicht taut.

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Video: Boris Gnielka

Sarek-Trekking: Halbes Kilo Proviant pro Tag

Auch wir verschieben unseren Kneippgang über den Suottåsjjagåsj auf Tag vier - und zelten lieber am Ufer, als ein Risiko einzugehen. »Multebeeren!« schallt es über die sumpfige Ebene kurz vorm Nijak, unserem nächsten Tagesziel. Ich sehen einen roten Rucksack auf den Boden plumpsen und Katleen kriechend im Gras herumpflücken. Schnell ist eine Ziplock-Tüte mit orangefarbenen, duftenden Beeren gefüllt. Neben den eher seltenen Multebeeren bereichern vor allem Blaubeeren den Speiseplan – der sonst nichts Frisches bereithält: Müsli, Riegel, Nüsse und Fertignahrung aus der Tüte – eben alles, was klein verpackbar ist, ein optimales Energie-zu-Gewichts- Verhältnis hat und nicht kochen muss, denn das verbraucht Brennstoff. So schafft man es, mit einem halben Kilo Proviant pro Tag und Person auszukommen, inklusive Sprit. Richtig satt wird man davon aber nicht. Nähme man mehr mit, wöge der Rucksack mehr, was wiederum den Kalorienbedarf erhöhen würde. Um so wichtiger die Beeren. Abnehmen wird man so oder so ein paar Kilo.

Aufmarsch am Nijak

»Sind das etwa alles Zelte?« fragt Katleen beim Abstieg vom Nijak. Drei Tage lang haben wir keinen Menschen getroffen, jetzt steht plötzlich eine ganze Gruppe neben unserem Zelt. Vor fünf Stunden haben wir es an diesem öden Platz aufgebaut, um dem 1922 Meter hohen Geröllhaufen aufs Haupt zu steigen. Ein Dutzend Tschechen, wie sich herausstellt, will das Gleiche.

»Wie voll mag es wohl im Routesvagge sein, wenn selbst hier so viel los ist?« fährt es mir durch den Kopf. Das Routesvagge führt ins Herz des Sareks, zur mächtigen »Skarja«-Ebene, die auch wir uns nicht entgehen lassen wollen. Immerhin treffen dort vier der schönsten Sarek-Täler zusammen: Routesvagge, Rapadalen, Alkavagge und Kuoppervagge. Außerdem verbindet das Routesvagge den Padjelantaleden mit dem Kungsleden. In 4–6 Tagen wandern so, eine Wolke Wildnisluft schnuppernd, viele Trekker von einem Weg zum anderen – und das auf einem kommoden Pfad, der von Spöttern Sarek-Autobahn genannt wird und auf dem ich uns schon im Polonaise-Marsch mit weiteren Schwerbeladenen durchs Tal trampeln sehe.

Normalerweise regnet es im Sarek oft

Unsere Befürchtungen lösen sich anderntags in Luft auf: Trotz Sonnenschein treffen wir im Routesvagge nur vier Trekker: zwei Deutsche und zwei Schweden in Gummistiefeln. Sie haben ebenso wenig wie wir mit Sonnenschein gerechnet. Denn normalerweise regnet es im Sarek oft – und viel. Um 2000 Milliliter im Jahr. Zum Vergleich: Berlin kommt auf 900. Die hohen Berge, 200 von ihnen gipfeln auf über 1800 Metern, sind effektive Wolkenfänger! Das sollen auch wir noch zu spüren bekommen ... Doch zunächst bleibt es schön – und einsam: Kaum ein Tag, an dem wir mehr als zwei Wanderer treffen.

Selbst an der Mikkastugan, einer winzigen Hütte mit Nottelefon in der Skarja-Ebene, sehen wir weder Menschen noch Zelte. Und so leben wir die restliche Zeit weitgehend isoliert mitten in wilder Natur, ohne Kontakt zur Außenwelt und ohne die Möglichkeit, sich aufzuwärmen oder Proviant nachzukaufen. Nur von Stille, Flüssen und der Erhabenheit riesiger Bergmonster umgeben, ziehen wir dahin, fragil und verletzlich, ehrfürchtig und demütig, staunend und dankbar. Fast wie in Trance vergehen Stunden und Tage ... viel schneller als auf Hüttentour, bei der man stets weiß, wo es als nächstes langgeht, wie das Wetter wird und welche Hütten noch »fehlen«. Wir wissen nicht mal, welchen Wochentag wir haben, nur dass unser Proviant schrumpft und wir irgendwann zurückmüssen in die Welt der Häuser, Straßen und Nachrichten.

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Fotostrecke: Trekkingrucksäcke im Test 2014

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Trekkingrucksäcke im Test Foto: Hersteller
Trekkingrucksäcke im Test Foto: Hersteller
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14.06.2016
Autor: Boris Gnielka
© outdoor
Ausgabe 03/2015